„Wer es könnte – die Welt hochwerfen - dass der Wind hindurchfährt!“
Liebe Gemeinde,
diese Worte der Dichterin Hilde Domin führen uns am heutigen Pfingstmontag zu einer Frage, die schon die urchristlichen Gemeinden bewegt hat. Die erste Gemeinde, die das Pfingsterlebnis am eigenen Körper, in der eigenen Seele und mit ihrem eigenen Geist erfuhr, muss sich vorgekommen sein, als würde die Welt durch die Kraft des Heiligen Geistes hochgeworfen, als würde sie verändert, ja neu entstehen und geordnet. Und wir selbst heute morgen tragen diese Sehnsucht der Jünger damals und der Dichterin heute, bewusst oder unbewusst in unserem Herzen mit uns. Wir fragen uns, ob die Kirche, die von immer häufigeren Kirchenaustritten geprägt ist überhaupt noch ihren Auftrag wahrnehmen kann. So ist es gut, wenn wir unsere Fragen an den stellen, der sie schlüssig und kraftvoll beantworten kann. An Jesus selbst, wobei uns eine Geschichte aus dem16. Kapitel des Matthäusevangeliums hilft. Ich lese die Verse 13 – 19:
13 Jesus zog mit seinen Jüngern durch die Gegend von Cäsarea Philippi. Da
fragte er seine Jünger: »Was sagen die Leute über mich, den Menschensohn?«
Liebe Gemeinde,
Kritiker der Kirche und des christlichen Glaubens sagen: Kirche gibt es nur, weil niemand auf die Kindertaufe, die spätere Konfirmation, eine christliche Hochzeit und christliche Beerdigung verzichten will. Doch all jenen möchte ich freimütig antworten: Die Kirche mag finanziell abhängig sein und die Kindertaufe ihr zukünftige Steuerzahler bescheren. Geistlich ist sie unabhängig, weil ihr Fundament der Geist Gottes ist!!! Die Kirche ist gebaut auf das Bekenntnis derer, denen der Heilige Geist den Sohn Gottes offenbart.
Kirche gibt es, weil die ersten Zeugen, die Apostel Jesu, nicht geschwiegen haben, sondern weil sie von Jesus Christus erzählt haben, Kirche gibt es, weil Petrus an Pfingsten aufstand und Jesus als den Messias, den Christus Gottes bezeugte! So wie er es Jesus selbst gegenüber bekannte. Kirche gibt es, weil Gott sich durch den Heiligen Geist immer wieder Menschen bezeugt hat, heute bezeugen wird und in den Jahrhunderten nach uns bezeugen wird. Der Heilige Geist bewirkt, dass Menschen von ihm reden mussten und müssen - ob das für sie gefährlich war, ist, sein wird oder nicht! Kirche gibt es, weil sich durch die Geschichte ein Zug von Menschen bewegt, der dies eine bekennt, das wir heute als das Bekenntnis des Petrus gehört haben: »Du bist der Messias, der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!«
Dieses Bekenntnis muss die weltweite Kirche immer wieder neu als ihr eigenstes Bekenntnis sprechen, sonst hat sie den Namen „Kirche Jesu Christi“ verwirkt.
Ich gestehe, dass mir beim Lesen dieser Worte ein Schauer den Rücken hinunter läuft. Denn es ist ein ungeheuerlicher Auftrag, den die Kirche von Jesus bekommen hat. Doch weiß jeder von uns: mit diesen Sätzen wurde im Namen Gottes schon viel Leid zu den Menschen gebracht. Das jüngste Leid ist die unsägliche Anordnung des Papstes, dass katholische und evangelische Christen nicht mehr miteinander Abendmahl feiern dürfen. Welch ein verheerendes Bild wird den Menschen in der Welt dadurch vermittelt, dass ein katholischer Priester von seinem Dienst suspendiert wird, weil er sich dieser Anordnung mit guten Gründen widersetzte!
Diese Botschaft hat die Kirche den Menschen im Namen Gottes mitzuteilen. Doch ist sie mit ihrem Auftrag nicht Herrscherin! Sie kann nicht frei entscheiden, wem sie das Wort von der Liebe Gottes in Jesus verkündigen will und wem nicht. Sie ist mit diesem Wort zu allen Menschen gesandt. Sie ist aller Welt dieses Wort und dieses Bekenntnis zum Sohn Gottes als dem „Herrn der Welt“ schuldig. Die Kirche, die Gemeinde hat zu bekennen - und nicht nach Erfolg zu fragen. Selbst kann sie Erfolg so oder so nicht erreichen: so wenig wie Petrus von sich aus das Christusbekenntnis sprechen konnte. Weder er noch Paulus, noch ein anderer Apostel oder ein Mensch aus Fleisch und Blut kann Glauben bewirken! Nein, Glaube muss uns vom Geist Gottes geschenkt werden! Und deshalb haben wir es auch nicht in unserer Hand, Menschen zum Glauben zu bringen. Doch die gute Nachricht von Jesus und seiner Gnade, die sind wir allen Menschen um uns herum und der ganzen Welt schuldig!
Die Zukunft der Kirche ist nicht abhängig von demoskopischen Hochrechnungen. Die Zukunft der Kirche hängt einzig und allein von dem ab, der sie baut – von Jesus Christus. »Tod und Vergänglichkeit werden ihr nichts anhaben.« Das schenkt der Kirche, uns Christen Hoffnung: Jesus selbst ist der Herr der Zukunft. Jesus lässt sich seine Kirche, seine Gemeinde, die Menschen für die er ans Kreuz gegangen ist, nicht aus der Hand reißen.
ER schließt uns sozusagen selbst die Zukunft auf: Weil Jesus selbst die Kirche baut, deshalb hat sie Zukunft. So ist die Gemeinde Jesu Christi einzig und allein von IHM abhängig, von seiner Gegenwart und seiner Hilfe. Das befreit uns davor, sich durch Austrittszahlen, durch schwindende Finanzkräfte, durch den Verlust an öffentlicher Stellung der Kirche, beeindrucken zu lassen. Das ermutigt auch, sich um die Gemeinde gerade in der heutigen Zeit zu mühen, in ihr mitzuarbeiten und sich selbst einzubringen. Denn Jesus nimmt unsere Arbeit für die Gemeinde in seinen Gemeindebau mit hinein! – Damit erhalten wir alle die Bestätigung, die wir brauchen: wir sind zwar nicht Bauherren, aber wir alle werden am Bauplatz der Gemeinde gebraucht.
Gottes Geist hilft seiner Kirche sich in jeder Zeit zu bewähren! In aller Schwachheit können wir zu jeder Zeit erfahren: »Tod und Vergänglichkeit werden ihr nichts anhaben.« Selbst die Pforten der Hölle können die Gemeinde Jesu nicht überwinden. Es gibt für die Gemeinde Wegstrecken, in denen sie keine Kraft mehr hat, in denen alles verloren erscheint. Aber das Wort Jesu gilt für alle Zeit und Ewigkeit. Dieses Wort allein garantiert der Gemeinde ihre Zukunft. Dieses Wort, das der Heilige Geist uns immer wieder auf neue Weise nahe bringt. Dieses Wort, das uns immer wieder ein Gefühl schenken will und kann, dass wir mit dem Glauben „die Welt hochwerfen - damit der Wind hindurchfährt!“ Und der Heilige Geist kann alles neu machen, kann alles verändern und kann alles seinem Ziel – Gott – entgegenführen.
14 Die Jünger antworteten: »Die einen sagen, du seiest Johannes der Täufer,
andere, du seiest Elia, wieder andere, du seiest Jeremia oder einer von
den alten Propheten.«
15 Da fragte Jesus sie: »Und ihr, für wen haltet ihr mich?«
16 Simon Petrus antwortete: »Du bist der Messias, der Christus, der Sohn des
lebendigen Gottes!«
17 Jesus erwiderte: »Du bist glücklich zu preisen, Simon, Sohn des Johannes,
denn dein Bekenntnis verdankst du nicht Menschen aus Fleisch und Blut,
sondern meinem Vater im Himmel, der es dir geoffenbart hat.
18 Und ich sage dir: Du bist Petrus, Felsenmann. Denn du bist der Fels, auf
dem ich das Haus meiner Kirche bauen will. Tod und Vergänglichkeit werden
ihr nichts anhaben.
19 Dir will ich die Schlüssel zum Himmelreich geben, so kannst du bestimmen,
wer hineinkommt und wer nicht. Du bestimmst über die Grenzen, und
was du auf Erden tust, gilt auch im Himmel. Wen du bannst, der ist auch vor
Gott gebannt. Wem du Sünden vergibst, dem wird sie auch Gott vergeben.«
der Grund, unseres Zusammenseins ist ein Wunder! Denn wer hätte am Tag der Kreuzigung Jesu wohl einen Pfifferling dafür gegeben, dass dieser Jesus von Nazareth noch 2000 Jahre später Grund aller Hoffnung, in einer nach wie vor friedlosen Welt ist. Wer hätte sich ausgemalt, dass die Gemeinde, welche er Petrus anvertraut nach so langer Zeit immer noch existiert?!
Doch wenn die Kirche - das heißt jeder einzelne Christ an diesem Bekenntnis »Du bist der Messias, der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« festhält, dann steht sie auf festem Fundament! Einem Fundament das bis zur Wiederkunft Jesu Bestand haben wird und nach diesem Ereignis in himmlischer Weise weiterexistieren wird. Jesus von Nazareth ist der Christus! Und damit ist er unser Herr im Leben und im Sterben. Er ist derjenige auf den wir uns in aller Not 100% verlassen können. Zu dem wir mit allem kommen dürfen, was unser Leben ausmacht, sei es gut oder böse!
Wir Christen dürfen die Kirche Jesu nicht auf einen Verein reduzieren, der sich um die Probleme der Außenseiter zu kümmern hat. Ihr Auftrag ist auch viel größer und höher, als Familienfesten zur Untermalung bestimmter Feierlichkeiten zu dienen. Gleichfalls stehen kulturelle Aufgaben in Sachen Kirchenmusik und Kunst nicht im Vordergrund! Nein, die Kirche ist aus lebendigen Menschen gebaut und hat von Jesus Christus einen klaren Auftrag erhalten: »Dir will ich die Schlüssel zum Himmelreich geben, so kannst du bestimmen, wer hineinkommt und wer nicht. Du bestimmst über die Grenzen, und was du auf Erden tust, gilt auch im Himmel. Wen du bannst, der ist auch vor Gott gebannt. Wem du Sünden vergibst, dem wird sie auch Gott vergeben.« Oder wie Luther es übersetzt hat: „Ich gebe dir des Himmelreichs Schlüssel - und was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.“
An solchen Stellen wünschte ich mir, dass alle Christen den Auftrag Jesu an seine Kirche, neu unter die Leitung des Heiligen Geistes stellen würden. Denn erst dann begreifen wir diesen Auftrag ganz neu: Die Kirche soll Menschen lösen, damit sie im Himmel frei sind! Sie soll Menschen aus der Gefangenschaft der Sünde herausführen, so dass sie frei leben können. Sie soll Menschen aus der Feindschaft gegen Gott, gegen ihre Mitmenschen und gegen sich selbst lösen. Und das kann sie nur so, indem sie Jesus Christus verkündigt, den Retter aller Sünder. Denn in der Verkündigung Jesu ruft die Kirche Menschen zu ihm. Sie ruft Menschen in die Freiheit Gottes. Wer seine Schuld vom Sohn Gottes ans Kreuz binden lässt, der ist von ihr befreit, ja frei von sich selbst. Wer sich an Jesus bindet, wer ihn einlässt in sein Leben, der wird in wahrer Freiheit eines Kindes Gottes leben und ohne Angst in die Zukunft gehen.
Das Fundament für die große Zukunft der Kirche ist der Herr selbst: Der Herr, der seine Kirche in den Katakomben Roms weiter gebaut hat, obwohl in den Arenen blutige Opfer gefordert wurden. Diese Kirche, die bei aller Verfolgung nicht zerstört werden konnte - der gleiche Herr wird seine Kirche auch in Zukunft bewahren.
Amen.