„Wir haben zu lernen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Selbstsicherheit und Heilsgewissheit, wir haben zu lernen, dass der Zweifel der Bruder des Glaubens ist, wir haben zu lernen, dass es nicht unsere Frömmigkeit ist, die uns dem Staat erkennbar macht, sondern dass es die Botschaft von der Liebe Gottes ist, die unverzichtbar ist in und für jeden Staat. Diese Liebe muss man hörbar machen, indem man tut, was man sagt und sagt, was man tut.“
Liebe Gemeinde,
Amen.
diese Worte habe ich einer Rede des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau entnommen. Gerade heute, am Wahltag, wo wir alle aufgerufen sind, unsere einzige Chance auf Mitbestimmung wahrzunehmen, tut es gut, sich zuerst auf die Botschaft der Liebe Gottes zu besinnen. Sonst wären Sie heute Morgen wohl auch nicht gekommen.
Und ist es nicht so, dass gerade die Botschaft von der Liebe Gottes uns die rechten Impulse gibt, um in unserem Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen? Gott selbst hat uns heute etwas zu sagen, begegnet jedem unter uns ganz persönlich. Deshalb sind wir hier, deshalb feiern wir Gottesdienst. Und deshalb möchte ich mit Ihnen über die Frage nachdenken: „Was erwarte ich eigentlich von Gott, was erwarte ich von Jesus Christus für mein Leben? Was erwarte ich heute von ihm – was traue ich ihm eigentlich zu? Ihm, der wie kein anderer die Liebe Gottes hörbar und sichtbar machte, indem er stets tat, was er sagte und sagte, was er tat.
Zum Nachdenken kann uns eine Geschichte aus dem Markusevangelium dienen. Ich lese aus Kapitel 9 die Verse 14 – 29
14 Jesus und die drei Jünger kam zu den übrigen Jüngern zurück. Sie waren umringt von einer große Menschenmenge und in Wortgefechten mit den Schriftkundigen verwickelt.
15 Kaum hatten die vielen Menschen Jesus gesehen, da waren sie außer sich vor Freude, liefen auf ihn zu und begrüßten ihn herzlich.
16 Jesus fragte die Schriftkundigen: »Warum streitet ihr mit meinen Jüngern«?
17 Einer aus dem Volk antwortete ihm: »Meister, ich habe meinen Sohn zu dir gebracht. Er hat einen bösen Geist, der ist stumm.
18 Und wo immer er ihn an seinem Leib zu packen kriegt, da zerrt er an ihm herum, und dann hat der Junge Schaum vor dem Mund, knirscht mit den Zähnen und wird ganz steif. Ich habe deine Jünger gebeten, den bösen Geist auszutreiben, doch sie konnten es nicht«.
19 Da rief Jesus: »Ihr ungläubiges Pack! Kann ich überhaupt noch bei euch bleiben? Ihr seid nicht zum Aushalten! Bringt ihn zu mir«!
20 Sie führten den Besessenen zu ihm. Und kaum erblickte der böse Geist Jesus, da riss er den Jungen hin und her, der fiel auf die Erde, wälzte sich herum und bekam Schaum vor dem Mund.
21 Jesus fragte den Vater: »Wie lange hat er das schon«? Der Vater antwortete: »Von Kind an.
22 Oft hat der böse Geist ihn ins Feuer oder ins Wasser geworfen und ihn fast umgebracht. Hab Erbarmen mit uns und hilf uns, wenn du kannst«!
23 Jesus erwiderte: »Was das „Wenn du kannst“... betrifft, da kann ich dir nur sagen: Wer glaubt, kann alles«.
24 Kaum hatte Jesus das gesagt, da schrie der Vater des Kindes: »Ich glaube doch, hilf meinem Unglauben«!
25 Jesus sah, dass inzwischen eine große Menge Volks zusammenströmte. Da fuhr er den böse Geist an: »Du sprachloser und stummer Geist, ich befehle dir: Raus aus dem Jungen, und dass du nie wieder in ihn hineinfährst«!
26 Der Geist schrie, zerrte das Kind schrecklich hin und her und fuhr aus. Der Junge lag da wie tot, so dass viele sagten: »Er ist gestorben«.
27 Jesus aber ergriff seine Hand und weckte ihn, und er stand auf.
28 Als Jesus dann nach Hause ging, fragten ihn seine Jünger im Vertrauen: »Warum konnten wir ihn nicht austreiben«?
29 Jesus erwiderte: »Diese Art kann Dämon kann nur ausfahren, wenn man betet und fastet«.
Markus erzählt die Geschichte des besessenen Knaben direkt nach der Verklärung Jesu auf dem Berg Tabor. Dort erleben seine 3 engsten Jünger – Petrus, Jakobus und Johannes - die spürbare Nähe der himmlischen Welt. Sie erscheint ihnen so real, dass sie diese festhalten und dort Hütten bauen wollen. Auch hören sie neuerlich das Bekenntnis Gottes zu Jesus als seinem lieben Sohn, das schon bei Jesu Taufe hörbar war. Doch nach einem abruptem Ende gehen sie gemeinsam ins Tal zurück, wenn Sie so wollen, zurück in den Alltag.
Und als wäre nichts geschehen, müssen sie gemeinsam erleben, wie die zurückgebliebenen Jünger Jesu sich im Disput mit den Schriftgelehrten befinden.
Stellen wir uns doch einmal diese Situation vor: Nach einem solch hohen Erleben folgt gleichsam ein Absturz in die Realität menschlichen Leids und Streits. Und dieser Streit spielt sich ab vor einem verzweifelten Vater und seinem bemitleidenswerten Sohn. Wir würden heute sagen, er leidet an Epilepsie. Und wer immer Epileptiker in einem Anfall erlebt hat weiß, wie groß die Verletzungsgefahr für den Kranken ist. So ist verständlich, dass die Stimmung aller – der Beteiligten und der Zuschauer – gereizt ist. Zudem wurde den zurückgelassenen Jüngern ihre Unfähigkeit vor Augen geführt. Und da das Versagen der Jünger auf den Rabbi zurückfällt, ist für die Schriftkundigen auch noch die Vollmacht Jesu in Frage gestellt.
So ist der Ärger Jesu verständlich, weil er spürt, dass all sein Reden, ja sein eigenes Glaubensvorbild bisher keine Änderung bewirkt hat. Jeder verlässt sich nur auf IHN, statt sich auf den eigenen Glauben zu besinnen. Und dann noch der Vater, der mehr Zweifel als Glauben hat. »hilf uns, wenn du kannst«! An dieser Stelle frage ich mich oft, was hätten wir, was hätte ich in solch einer Situation gesagt? Müsste nicht auch mir Jesus erwidern: »Was das „Wenn du kannst“... betrifft, da kann ich dir nur sagen: Wer glaubt, kann alles«.
Und hätte ich nicht auch wie der Vater aufgeschrieen: »Ich glaube doch, hilf meinem Unglauben«!
Liebe Gemeinde, an dieser Stelle sind wir am zentralen Punkt unserer Geschichte angelangt. Was trauen Sie, was traue ich Jesus zu. Was halten wir für möglich? Entscheidend ist bei dieser Frage nicht einmal, ob der Junge tatsächlich gesund wird. Entscheidend ist die Liebe, die hinter allem steckt. Glauben wir, dass Gott uns liebt? Vertrauen wir ihm unser Leben an? Und setzen wir in ganz schwierigen Situationen alles an Glauben ein, was wir zur Verfügung haben? Jesus heilt den Jungen, aber er macht seinen Jüngern auch klar, warum sie es nicht vermochten. Weil sie ihre Möglichkeiten nicht voll ausgeschöpft haben. Beten und Fasten sind offenbar zwei wirksame Waffen gegen Verzweiflung, Mutlosigkeit und verlorene Hoffnung. Und Gott verheißt solchem Einsatz eine Antwort!
Es gibt bis heute Zeugnisse von Menschen, die sagen: Ich habe durch Jesus Christus Heilung gefunden. Genauso oft aber haben Menschen gebangt und zu Gott gebetet er möge helfen und Nichts geschah. Deshalb erfahren wir Menschen, dass es gar nicht so einfach ist, bei Gott alles für möglich zu halten. Doch wer es gar nicht erst versucht, weil er meint, die Antwort käme so oder so nicht, der wird auch keine Wunder erleben.
Viele Menschen haben Tag und Nacht gebetet, als die Bergleute in Lengede eingeschlossen waren. Und mit ihrem Gebet bewirkten sie, dass weitergesucht wurde, bis am 14. Tag nach dem Unglück die Bergleute gerettet wurden. Hätten die Menschen ihr Gebet, ihre Hoffnung auf das Unmögliche nicht eingesetzt, dann wäre am 3. Tag die Suche eingestellt worden.
„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ - in diesem ehrlichen und aus tiefster Not geborenen Schrei des Vaters liegt alles, was unser Christ sein ausmacht. Denn in dieser Spannung leben wir und es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine existentielle Zerreißprobe, die uns da zugemutet wird. In ihr liegen gleichermaßen Hoffnung und Verzweiflung, Vertrauen und Skepsis, und manches Mal auch Leben und Tod. Wichtig ist, dass wir dies nicht einfach in die Welt schreien, sondern vor Gott bringen. Denn gerade dort, wo wir scheitern, wo wir an unsere Grenzen stoßen, wo wir etwas nicht schaffen, wo wir anderen und uns beim besten Willen und Glauben nicht helfen können, gerade dort werden wir Gottes Barmherzigkeit begegnen. Wo wir am Ende sind, ergreift er unsere Hand, richtet uns auf und macht einen neuen Anfang.
Es gilt bis heute Mut zu finden in der Begegnung mit Jesus. Mut und neue Lebenskraft! Und deshalb müssen wir uns immer wieder untereinander ermuntern und ermutigen, nicht aufzugeben! Ja, unter Umständen eine längere Zeit im Gebet zusammenzustehen und in der ein oder anderen Situation auch zu fasten. Von unserem Verhalten, unserem Glauben und mehr noch von unserer Liebe hängt es ab, ob Menschen Gott auch in diesen Tagen noch etwas zutrauen.
Wenn wir nicht glauben, dass Gott Heil bewirken kann, dann ist Fürbitte ohne Sinn. Wenn wir aber an Gottes Heil für uns Menschen glauben, dann werden wir unseren Mitmenschen zeigen, „dass es einen Unterschied zwischen Selbstsicherheit und Heilsgewissheit gibt.“ Und „dass der Zweifel nur der Bruder des Glaubens ist!“ Und dann wird „die Botschaft von der Liebe Gottes wieder unverzichtbar sein!“ Für jeden von uns. Deshalb: Lassen sie uns die Liebe Gottes hör- und sichtbar machen, indem „wir tun, was wir sagen und sagen, was wir tun!“
Wenn wir in uns hinein hören, dann werden wir Impulse geschenkt bekommen, was jeder Einzelne unter uns tun kann, damit in unserem Land der Glaube an unseren Möglichkeiten wieder wächst. Dann trauen wir Gott zu, dass er unter uns wieder Vertrauen wachsen lässt. Und dann werden wir auch unserer Verantwortung gerecht werden und wählen gehen. Denn Gottes Geist wird uns bei unserer Entscheidung leiten. Darum beten wir im Vaterunser: »Dein Wille geschehe«.
Wir können Gott zutrauen, dass er in das Geschehen dieser Welt eingreifen kann und es verändern wird, so wie er in unser ganz persönliches Leben eingreift und einmal alles neu machen wird! So, wie er Jesus vom Tod auferweckt hat und auch uns auferwecken wird –zu einem Leben in seiner Gegenwart!
Das glaube ich, darauf vertraue ich. Und darum feiere ich heute Morgen mit Ihnen Gottesdienst: weil ich glaube, dass dieser Jesus mit seiner Liebe mein und Ihr Leben in die Hand nimmt.