Liebe Gemeinde,
»Eine unserer großen Tragödien besteht darin, dass wir nur selten den Abgrund zwischen Bekennen und Handeln überbrücken, zwischen Worten und Taten.« Diese Gedanken bewegten Martin Luther King in einer Rede der 60-er Jahre. Und er fuhr fort: »Wir reden wortreich von unserer Ergebenheit für das Christentum, und doch ist unser Leben voller heidnischer Taten. Wir verkünden unsere demokratische Überzeugung und handeln diktatorisch. Wir sprechen leidenschaftlich vom Frieden und bereiten uns eifrig auf den Krieg vor. Wir reden schwärmerisch von dem hohen Pfad der Gerechtigkeit und gehen unberührt den niedrigen Weg der Ungerechtigkeit. Diese seltsame Zweigleisigkeit, dieser schmerzliche Abgrund zwischen Idee und Wirklichkeit, ist das tragische Thema des menschlichen Leidensweges. Im Leben Jesu finden wir diesen Abgrund überbrückt. Niemals in der Geschichte gab es ein leuchtenderes Beispiel für die Übereinstimmung von Worten und Taten.«
M. E. sind diese Worte heute genauso aktuell wie damals, als sie den Schwarzen Mut machten, gewaltlos gegen ihre Diskriminierung zu kämpfen. Auch wir sollten uns von ihnen ermutigen lassen, wenn wir täglich mit Bangen die Nachrichten einschalten! Bringt doch jeder Tag Meldungen über die neueste Entwicklung im Irakkonflikt. Und es sieht so aus, als wenn der amerikanische Präsident von seinem Vorhaben, den Frieden durch Krieg sichern zu wollen, nicht abzubringen wäre. Und so öffnet sich uns dieser schmerzliche Abgrund zwischen Bekennen und Handeln jeden Tag aufs Neue! Deshalb tun wir gut daran, uns wie die Jünger damals, mit Jesus auf den Weg zu machen.
Denn auch vor 2000 Jahren hatten die Menschen täglich mit Ungerechtigkeit zu kämpfen, die an der Tagesordnung war, obwohl von Gerechtigkeit geredet wurde. Am schmerzlichsten erfuhren dies die Jünger, als sie sich mit Jesus auf dessen letzten Weg nach Jerusalem machten.
Eine Geschichte aus dem 8. Kapitel des Markus-Evangeliums verdeutlicht dies. Ich lese die Verse 31 - 38
Es liegen wohl Welten zwischen dem, wie wir sind und dem, wie wir sein sollen! Oder mit den Worten des Predigttextes gesagt: Der Graben zwischen dem, was göttlich ist und dem, was menschlich ist, ist so gewaltig, dass man denken könnte, er wäre nie zu überbrücken!
Der Sonntag vor der Passionszeit ist thematisch geprägt von der Leidensankündigung Jesu. Ein bedrohlicher Satz, der verdeutlicht: Hier steht die ganze Mission Jesu auf dem Spiel! Es sind schwere Worte, die Jesus seinen Jüngern sagt. Sie übersteigen nicht nur das Maß des Verstehens, das Petrus aufzubringen fähig ist, sondern auch unser eigenes Verstehen.
Die Jünger sind mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem. In ihrer Vorstellung ist es der Weg, der sie zum Höhepunkt ihrer gemeinsamen Zeit führt: Jesus wird in der Hauptstadt anerkannt und geehrt werden. Um dieses Weges willen haben sie alles Bisherige verlassen, Familie und Haus, Beruf und Heimat. Wer so handelt, wagt eine Veränderung um eines großen Zieles willen.
Und nun dies: In aller Offenheit schlägt Jesus ganz neue Töne an: »Der Menschensohn muss viel leiden, er muss geächtet werden von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftkundigen, er muss den Tod erleiden und nach drei Tagen auferstehen.«
Ab diesem Moment sind die Gedanken der Jünger von der Vorhersage des Leidens und Sterbens gefangen. Und sie reagieren, wie wir noch heute reagieren, wenn jemand zu uns von Tod und Leiden spricht: Abwehrend, abweisend, das Thema nicht aushaltend! Natürlich wissen wir, dass unsere Lebenszeit begrenzt ist. Aber wir können nur schwer darüber reden. Oft genug wehren wir das Thema ab und verstehen deshalb Petrus ganz gut. Seine Reaktion, Jesus Vorhaltungen zu machen könnte auch die der anderen Jünger, ja, unsere eigene sein. Petrus mag sich gefragt habe, ob das Wissen, dass Leben mit Leiden verbunden ist, nicht eher still macht. So können wir nachvollziehen, dass er Jesus davon überzeugen wollte, solche Gedanken, selbst wenn sie berechtigt sind, nicht in aller Öffentlichkeit preiszugeben. Denn es gilt doch auch Leiden zu verhindern!!
Jesu Reaktion auf diese Vorhaltungen lässt jedoch aufhorchen! Er redet in einer Schärfe mit Petrus, wie er sonst nur Dämonen bedroht. Durch die Anrede des Petrus als »Satan« wird deutlich, wie groß die Versuchung, diesem Einwand nachzugeben, selbst für Jesus ist. Selbst in Gethsemane leuchtet dieser Gedanke für einen Moment noch einmal auf, wenn Jesus betet: »Abba, Vater, du kannst doch alles. Mach, dass ich diesen Leidensbecher nicht austrinken muss.«
Wir wären keine Menschen, wenn wir nicht dem, was uns wehtun will, lieber aus dem Weg gehen. Und in diesem Teil des Gebetes kommt uns Jesus besonders in seinem Menschsein nah!!
Es ist so tief menschlich, dem Leiden ausweichen zu wollen, dass eine der großen Weltreligionen dies zum Ziel der Religion und des Lebens erklärt hat. »Erlösung, so lehrt der Buddhismus, ist Erlösung von Leiden. Das vollkommene Leben ist ein Leben ohne Leiden.« Das klingt verheißungsvoll und verlockend. Es kommt unseren menschlichen Träumen und Wünschen entgegen. Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass viele, auch sehr junge Menschen, sich u. a. dem Buddhismus zuwenden.
Doch entsteht nicht oft genug - gerade aus erfahrenem Leid - ein neuer Lebensimpuls? Jesus hat uns durch seinen Weg einen neuen Blick für unser Leben eröffnet! Anstatt uns zu lehren, dem Leiden aus dem Weg zu gehen, hat er es selbst getragen. Anstatt bei der Bitte um Verschonung zu verharren, fügt er ein »Doch nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen« hinzu. Es ist das Geheimnis des Glaubens, das wir nie ganz verstehen werden. Gott, der selbst Leiden auf sich nimmt und trägt. Das ist mit Worten und Logik nicht zu erklären.
Alle menschlichen Versuche, dem Leiden aus dem Weg zu gehen, alle religiösen und politischen Programme, das Leiden aus dem Leben zu tilgen, haben die Erde nicht frei von Leid gemacht. Aber unzählige Menschen, haben im Bild des leidenden Gottes das gefunden, was ihnen sonst keiner geben konnte: Trost, Kraft und Mut zu neuem Leben. Und das Zeichen des Kreuzes, das Zeichen dieses göttlichen Leidens, ist zum Symbol der Wahrheit dieses Glaubens geworden, bis heute.
Jesus ruft Petrus durch seine Reaktion in die Nachfolge zurück und verdeutlicht: Er muss den Weg nach unten gehen, weil der Weg nur so zum Sieg über alle Mächte führt, die diese Welt in ihrer Dunkelheit gefangen halten. Die Leidensankündigung erschließt sich uns nur, wenn das Leiden als Gottes Sache verstanden wird, um die Welt zu retten. Denn Jesus kommt uns Menschen in seinem Leiden und Sterben nahe und zieht unsere Not auf sich. Auferstehung gerät als Ereignis in den Blick, in der selbst das abgebrochene, unvollendete, zerstörte Leben vor Gott Gültigkeit und Zukunft erhält.
Deshalb werden wir heute, wie die Jünger damals auch, ohne wenn und aber, in die konsequente Nachfolge gerufen. Doch durch die Aussagen Jesu werden wir schon wieder beunruhigt! Unsere Nachfolge betreffend erklärt er: »Wer sich selbst als Ziel hat, wird sich verfehlen. Wer sich aber aufgibt für mich und das Evangelium, der wird sich selbst finden.« Dieser Satz, den Luther mit »Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren...« übersetzte, wurde in allen Zeiten für Verzichtsideologien aller Art missbraucht. So wurde u. a. die Selbstaufgabe eines Menschen, als erstrebenswertes Ziel gesehen. Erschreckender Weise wurden seit der Antike und - fatalerweise bis heute - Soldaten mit diesen Gedankengängen konfrontiert und in die Schlacht geschickt! Das wird uns beinahe täglich durch die vielen Selbstmordattentäter vor Augen geführt. Doch nicht zerstörerische und selbstzerstörerische Akte in Krieg und Terror sind hier gemeint. Es geht in diesen Worten weder um den Missbrauch von Menschen zu politischen und wirtschaftlichen Machtzwecken, noch um eigennützigen Leidensgewinn. Nein, es geht um die frohe Botschaft von der Nähe Gottes, die uns in Jesus begegnet. Jesus vermittelte seinen Jüngern damals und sagt uns heute morgen: „Sein wichtiger ist als Haben“ Wer um jeden Preis seine Ziele, sein Leben und seine Identität sichert, sich an Besitz und Wohlstand festhält, verliert sich selbst mitten im Leben und bereitet andern Leid. Wenn wir unser Leben stattdessen an Jesus orientieren, dann können wir unser Leben, ja unser Lebensziel neu begreifen und gestalten. Dann müssen wir der Begegnung mit Kranken oder Sterbenden nicht ausweichen, sondern können uns vielleicht von ihnen, in unserem eigenen Lebensverständnis beschenken lassen. Eine solche Lebenshaltung kann dazu führen, dass wir angesichts der globalen Konflikte nach verantwortbaren Alternativen zu militärischen Absicherungen suchen. Und in unserem ganz privaten Leben wird diese neu gewonnene Einsicht auch eigenen Verzicht und die Bereitschaft zu einer gerechten Verteilung unseres Wohlstandes, im Umgang mit unseren Nächsten, einschließen!
Wenn wir Jesu Weg bis zu seinem Tod am Kreuz, den er sehenden Auges für jeden von uns gegangen ist, in seiner Tragweite ahnen, werden wir uns ihm verpflichtet fühlen. Dann werden wir mit Gottes Hilfe den Abgrund zwischen unseren Worten und Taten überbrücken. Wir werden uns nicht des Evangeliums schämen, sondern bekennen, was uns gültig bestimmt und was unser Trost im Leben und im Sterben ist. So dienen die Sätze über die Nachfolge der Vergewisserung, dass wir das Leben gewinnen und uns selbst finden, wenn wir der Liebe nachfolgen.
31 Da sagte er ihnen zum erstenmal, was geschehen würde: »Der Menschensohn muss viel leiden, er muss geächtet werden von den Ältesten, den Hohenpriestern und den Schriftkundigen, er muss den Tod erleiden und nach drei Tagen auferstehen.«
32 Da Jesus dies ganz öffentlich verkündete, nahm ihn Petrus beiseite und
begann ihm Vorhaltungen zu machen.
33 Jesus aber wandte sich um, blickte die Jünger an und schalt Petrus »Stell
dich hinter mich, Satan. Du denkst nicht wie Gott, sondern wie die Menschen.«
34 Jesus rief das Volk und auch seine Jünger zu sich und sagte: »Wenn jemand
hinter mir gehen will, soll er nicht an sich selbst denken, sondern nach
meinem Vorbild Kreuz und Schande auf sich nehmen. Wer mein Jünger
sein will, der verleugne sich selbst und folge mir nach.
35 Denn wer sich selbst als Ziel hat, wird sich verfehlen. Wer sich aber aufgibt
für mich und das Evangelium, der wird sich selbst finden.
36 Denn was nützt es, wenn einem die ganze Welt zu Füßen liegt, man aber
mit seinem Herzen dafür büßen muss?
37 Was hat der Mensch Kostbareres als sein Herz?
38 Wer sich meiner und meiner Worte schämt vor diesem geilen und gottlosen
Pack, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er
wiederkommt, herrlich wie sein Vater und von Engeln begleitet.«
Amen.