Liebe Gemeinde,
Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs in Galiläa. Sie sind am Rand des jüdischen Siedlungsgebietes, indem viele Heiden leben. Dort - in diesem Randgebiet - sind die Juden eine Minderheit. Unter diesen Umständen ist verständlich, daß sich ihre Ältesten große Sorgen über das Fortbestehen ihres Glaubens machen. Wie sollen ihre Kinder in dieser gleichgültigen heidnischen Umgebung eine gläubige Haltung gewinnen?? Tauchen solche Fragen auf, ist gemeinhin das Bestreben vorhanden, sich besonders eifrig um die Tradition zu bemühen. In diesem Fall gilt es also mit all ihrer Kraft zu versuchen, nach Gottes Geboten zu leben.
Immer wieder ermahnen sie ihre Kinder und Enkelkinder: "Bleibt fest im Glauben, bleibt unserem Gott treu, dann wird der himmlische Lohn uns zuteil werden, den uns der Herr versprochen hat. Reist einer von ihnen nach Jerusalem, hat er bei seiner Rückkehr viel zu erzählen. Er bringt ermutigende Nachrichten über fromme Menschen mit, die Gottes Gebot erfüllen wollen und zeigt darin auf, daß ihre eigene Einstellung richtig ist.
An jedem Vorabend des Sabbat wurde in ihren Familien wiederholt, was sie längst auswendig konnten: "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt. Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn."
Kaum ein anderes Gebot hat so viele Einzelvorschriften hervorgebracht, als gerade dieses - (Z. Bsp. "Kein Feuer anmachen, nicht mehr als 20 Schritte laufen u.v.m.). Einen kleinen Einblick bekamen wir bei unserem Synagogenbesuch in Duisburg gerade hierin und hörten, daß diese Vorschriften bis zum heutigen Tage für heißen Diskussionsstoff sorgen.
Dieser Diskussion stellt sich auch Jesus , als er mit seinen Jüngern durch ein - um die Tradition des Glaubens bemühtes Dorf- wandert!
Wir lesen in unserem Predigttext in Markus 2, 23 - 28 dazu folgendes:
23 Einmal wanderte Jesus am Sabbat durch die Saatfelder. Da fiel es seinen Jüngern ein, Halme auszurupfen, um einen Weg zu bahnen.
Es verwundert nicht, daß die berichtete Geschichte für einigen Unmut sorgt und die Pharisäer gegen Jesus aufbringt.
Denn ausgerechnet hier gehen seine Jünger durch ein Feld, reißen Ähren aus - und das am Sabbat!!!
Sie verstoßen offensichtlich gegen das Ruhegebot Gottes und das vor den Augen ihres Rabbis!
Warum läßt er dies zu?!! Die Dorfbewohner warten förmlich auf ein Eingreifen ihrer Ältesten.
Und die tun genau das, was ihnen das Gesetz vorschreibt: Sie ermahnen Jesus als Lehrer dieser Gesetzesbrecher und fordern ein Ende der "Sabbatarbeit". Dabei erwarten sie von Jesus, klar und unmißverständlich Position zu beziehen.
Wir verurteilen die Pharisäern oft vorschnell. Deshalb frage ich: "Können wir, kann ich diese Pharisäer nicht irgendwie verstehen?" Sie machen sich doch um etwas sehr Wertvolles Sorgen. Ist ihre Lage der unseren nicht ähnlich? Auch bei uns machen sich viele Eltern und Großeltern Sorgen, ob ihre Kinder und Enkel den Glauben noch weitertragen. Und als Gemeinde fragen wir berechtigterweise: "Ist der Glaube eine Lebenshaltung, die ohne Konsequenzen bleibt? Oder müssen wir Christen uns gerade in einer gleichgültigen Umgebung an bestimmte Regeln halten, um unseren Glauben zu verdeutlichen? Welche Gebote sind besonders wichtig, um unseren Glauben zu verdeutlichen? Was antworten wir uns, unseren Freundinnen und Freunden, vielleicht sogar Lebenspartnern, die keine Christen sind auf diese Fragen?
Auch wir haben Formen, Regeln und Rituale, die uns wichtig werden, die uns eine Stütze sind, unseren Glauben zu leben: Wir lassen unsere Kinder taufen; wollen, daß sie sich konfirmieren lassen, auch wenn sie nicht immer Lust dazu haben. Diese Regeln gehören unserer Meinung nach einfach dazu. Wie sehen aber unsere Regeln zum Beispiel den Sonntag betreffend aus? Wo erheben wir Christen unsere Stimmen, wenn alte Regeln und Formen sozusagen über Bord geworfen werden? Wie stehen wir zur Sonntagsarbeit, die einen nicht unerheblichen Teil unserer Mitmenschen betrifft?! Und was sind unsere eigenen Gedanken, wenn wir die Gestaltung des Sonntages bedenken? Ist er für uns noch ein herausragender Tag in der Woche, der dazu einlädt, ein Fest zu feiern, ihn festlich zu begehen?
So gesehen geht es uns ganz ähnlich, wie den Menschen damals, denen Jesus in Galiläa begegnet. Sie waren vielleicht die Ersten, die die biblische Botschaft in das Leben des Einzelnen übertragen wollten. Ihnen ging es mehr um das Studium der Schrift, um das fromme Leben vor Gott, als um den Tempel und seine Rituale. Als evangelische Christen können wir dieser Seite des Pharisäertums vieles abgewinnen.
Und Jesus offensichtlich auch. Denn er setzt sich mit den Pharisäern gerade deshalb auseinander, weil es ihm selbst ja um das Leben vor Gott geht und er ihr Bemühen darum sieht.
Er nahm die Menschen sehr ernst - auch die Pharisäer unserer Geschichte, doch er reagiert völlig anders, als sie es erhoffen!
Er verweist sie auf die heiligen Schriften und fragt nach:
Daher machen sie Jesus auf ihre Lage aufmerksam: „Sieh Dir doch unser Dorf an. Ständig müssen wir Angst haben, daß Juden vom Glauben abfallen. Da können wir nicht hier eine Ausnahme machen und dort eine Extrawurst braten. Gottes Gebot muß doch gelten, sonst gilt bald gar nichts mehr.“
Jesus hört zu, er läßt sich auf den Disput ein und sagt voller Zuwendung und Liebe: „Gott erläßt doch nicht einfach ein Gebot. Er will doch etwas damit bezwecken. Und so will er auch etwas mit dem Sabbatgebot erreichen.“ „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat.“
Diese Antwort aber bringt die Dorfältesten gegen Jesus auf, denn sie können nicht verstehen, daß dieser Jesus von vielen Menschen für einen Propheten oder gar für den Messias gehalten wird. Wieso mußten die Jünger dieses Jesus am Sabbat überhaupt Ähren ausreißen? Um sich einen Weg zu bahnen und dabei ihren Hunger zu stillen? Hätten sie nicht fragen können, ob jemand ihnen zu essen gäbe? Nein, dieser Mann ist in ihren Augen kein Rabbi, sondern eine Gefahr für das Gesetz und damit für den Glauben.
Jesus möchte seine Gesprächspartner überzeugen, er sucht Anknüpfungspunkte, aber das Gespräch in unserem Predigttext scheitert. Sie verstehen Jesus nicht.
Diese Fragen provozieren!! Sie zeugen von einer Lebendigkeit des Glaubens, die den Pharisäern fremd geworden war. Ihre aufgestellten Regeln haben im Laufe der Zeit diese Lebendigkeit abgetötet und so können sie diese nicht ertragen. Ja, sie erzeugt Haß und verhindert, daß sie dem letzten Satz noch zuhören können. Dieser spricht davon, daß der Menschensohn das Recht hat, den Sabbat, also die Bedeutung des Sabbats für den Menschen auszulegen.
So bleibt die Frage an uns: Verstehen wir, was Jesus meint, wenn er sagt: „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat.“ Was das heißt, können wir nur verstehen, wenn wir uns von Jesu Lebendigkeit anstecken lassen. Denn dann werden wir so leben, wie Paulus es den Galatern empfohlen hat: "Ihr, liebe Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit von aller Enge und Angst berufen! Doch mißversteht diese Freiheit nicht als Freibrief für hemmungslose Ichsucht, sondern leistet einander Sklavendienst durch Liebe!" Das heißt doch letztlich nichts anderes, als: "Lebt in der Freiheit, zu der ihr durch Gott berufen seid!"
Nur weil unsere Umgebung dem Glauben an Gott gegenüber gleichgültiger geworden ist, müssen wir nicht ängstlich Traditionen bewahren und buchstabengetreu Gesetze erfüllen.
Nein, unser Glaube darf sich nie von der Angst leiten lassen. Wir können unseren Glauben und unsere Gemeinschaft nicht durch Regeln schützen, seien sie noch so zeitgebunden und von Menschen erdacht. Denn sonst werden auch wir - wie die Pharisäer - den letzten Satz unseres Predigttextes nicht mehr hören können:
„Daher hat der Menschensohn das Recht, den Sabbat zugunsten der Menschen auszulegen.“ - also Herr zu sein über den Sabbat! Dieser Schlußsatz macht deutlich: Jesus will, daß wir auf ihn sehen. "Seht mich an! Seht, was möglich ist! Auch ihr könnt dieses wunderbare Leben in seiner Vollkommenheit haben! Und dann erhalten die Gebote einen neuen Sinn. Sie sind dann für euch da, um euch das Leben zu ermöglichen, und nicht dazu da, das wahre Leben zu knechten."
Wir kennen meist nur Schwarz-Weiß-Malerei. Auf der einen Seite sind diejenigen, die Angst vor dem Verlust aller Werte, allen Haltes im Glauben haben, wenn die Regeln und Formen, die schon immer so waren, nicht mehr eingehalten werden. Sie können keine Freiheit zulassen, weil sie Angst haben ins Gegenteil zu rutschen.
Ihnen gegenüber stehen diejenigen, für die es gar keine Verbindlichkeiten mehr gibt. Die sich nur noch als Einzelwesen sehen können, deren Ellenbogen deshalb immer stärker werden, deren Halt im Glauben aber immer schwächer wird.
Beides sind menschliche Reaktionen, um scheinbar das Leben zu meistern. Regeln, Formen, das Gesetz - sie haben ihren Platz. Wir brauchen sie, um miteinander und nicht gegeneinander zu leben, auch in der Gemeinde. Sie schweißen zusammen - in der Gemeinde und durch die Zeiten. Was wir aber mehr als alles brauchen, was uns Christen wirklich zusammenhält, ist das Evangelium, die frohe Botschaft Jesu Christi. Und die heißt: "Jesus Christus ist der Herr über den Sabbat, über die Gebote, über unsere Gesetze." Nur was im Licht seiner frohen Botschaft von uns gelebt wird, kann lebendig halten. Uns und unsere Mitmenschen. Jesus ruft uns in die Freiheit. In eine Freiheit, die nie zur Beliebigkeit werden kann. Jesu Freiheit ist die Freiheit der Liebe zu Gott und den Menschen. Formen, Traditionen und Gesetze müssen dahinter zurückstehen. Wenn all unser Tun und Streben von dieser Liebe getragen wird, dann werden wir so leben, daß unsere Lebendigkeit ansteckend ist und die Freude überhand nimmt. Ja dann ist die Freude
unsere Stärke.
Wir kommen dann nicht im Gottesdienst zusammen, weil das so vorgeschrieben ist. Wir kommen zusammen, weil unser Glaube uns zusammen führt, weil Christsein die Gemeinschaft braucht. Wir kommen zusammen, um Gott zu loben und zu danken für die Freiheit, die er uns schenkt. In dieser Freiheit können wir auch die Freiheit der anderen in Christus respektieren, die Freiheit derer, die anders leben in Formen, Bräuchen und Traditionen, die aber mit uns das eine Evangelium hören.
24 Die Pharisäer sagten: "Schau doch mal, was deine Jünger da am Sabbat Verbotenes tun!"
25 Jesus erwiderte: "Ihr habt wohl nie gelesen, was David getan hat, als er in Nöten war, weil er und seine Freunde Hunger hatten:
26 Er ging in den Tempel - Abiathar war Hoherpriester - und aß von den Schaubroten, die nur die Priester essen dürfen, und gab auch seinen Begleitern etwas ab"
27 Und dann sagte Jesus: "Der Sabbat ist für den Menschen gemacht und nicht der Mensch für den Sabbat.
28 Daher hat der Menschensohn das Recht, den Sabbat zugunsten der Menschen auszulegen.
„Ihr habt wohl nie gelesen, was David getan hat, als er in Nöten war, weil er und seine Freunde Hunger hatten: Er ging in den Tempel und aß von den Schaubroten, die nur die Priester essen dürfen, und gab auch seinen Begleitern etwas ab"“
Obwohl die Todesstrafe auf diesem Tun stand, war es Gott offensichtlich wichtiger, daß David und seine Leute leben konnten! Diese Antwort war für die Pharisäer unannehmbar!! Denn den Hunger zu stillen konnte nicht wichtiger sein, als Gottes Gebot zu erfüllen!!
Amen.