„Ich glaube, wir lügen uns alle noch etwas vor. Indem wir die Welt in ‚Wir' und ‚Die Anderen' aufteilen.“
Liebe Gemeinde,
Aussatz und verschiedene andere Hautkrankheiten schlossen Erkrankte vom Zusammenleben mit anderen Menschen aus. Erst wenn die dafür zuständigen Priester die Heilung festgestellt hatten, war die Rückkehr in die alte Lebensgemeinschaft wieder erlaubt.
Amen.
dieser Gedanke, Henning Mankells, den viele nur als Kriminalschriftsteller kennen, beschreibt eine Haltung, der wir – bis heute - auch in unsere Gesellschaft begegnen. Denn bis heute stellt sich die Frage, wie wir denjenigen begegnen, die wir für unrein oder krank erachten.
Unrein – wie unappetitlich – wie verworfen– wie schmutzig. Krank – wie ansteckend. Gibt es sie nicht auch bei uns? Die Unreinen, die Aussätzigen, die eine seelische oder körperliche Krankheit haben, vor der wir Angst haben. Entweder weil wir die Symptome einfach nicht einordnen können, oder weil wir sie als ansteckend, unheilbar, oder einfach nur als Entstellung wahrnehmen. Ich denke dabei an viele psychische Krankheiten, die bei den Betroffenen oft merkwürdige Verhaltensweisen zur Folge haben, an körperlich oder geistig Behinderte, die immer noch um wahre Integration kämpfen müssen und ich denke im Besonderen an die vielen AIDS Kranken, die Aussätzigen der Moderne.
»Unrein« waren sie schon viel früher, nicht erst als die Krankheit ausbrach: Kinder sollte man von ihnen fernhalten, Jugendliche und vor allem auch Erwachsene hielten besser Abstand von diesen Menschen, bei denen viele Ekel empfanden: Schmutz und Sumpf assoziieren viele bis heute noch bei ihnen, denken an ungewöhnliche Sexpraktiken und an Sex ohne Liebe, mit ständig wechselnden Partnern. AIDS ist für viele nur der körperliche Ausdruck ihrer Unreinheit, ihrer Verdorbenheit. Ein Unreinheitsvirus, dieser HIV-Virus. Anständige, reine Menschen können sich nicht mit ihm infizieren – so die Meinung mancher Zeitgenossen.
»Unreine« – das waren zur Zeit Jesu die Aussätzigen. Wenn man das bedenkt, ist es aus gegenwärtiger christlicher Sicht gar nicht mehr ganz so unverständlich, was Markus im 1. Kapitel seines Evangeliums beschreibt. Ich lese die Verse 40 – 45:
40 Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, fiel vor ihm nieder, umklammerte seine Knie und flehte ihn an: »Du kannst mich rein machen, wenn du es nur willst«.
41 Und Jesus streckte voll Mitleid seine Hand aus, berührte den Aussätzigen und sagte: »Ich will es - werde rein«!
42 Und kaum hatte er das gesagt, da verschwand der Aussatz.
43 Und kaum war der Kranke rein, wurde Jesus innerlich zornig und herrschte ihn an:
44 »Geh jetzt, aber sag keinem etwas. Zeige dich dem Priester und bringe zum Dank für die Heilung vom Aussatz die Opfer dar, die Mose vorgeschrieben hat. Das wird den Priestern meine Vollmacht beweisen«.
45 Dann ging der Mann davon und predigte von da an viel und verbreitete die Botschaft. Daraufhin konnte sich Jesus in keiner Stadt mehr sehen lassen, sondern musste sich draußen in der Wüste aufhalten, und die Menschen kamen von überall her zu ihm.
So ist es verständlich, dass Jesus diesen Kranken heilt, um ihm das Zusammenleben mit seiner Familie und seinen Freunden wieder zu ermöglich. Warum aber wird er »innerlich zornig«? Könnte er nicht über seine Heilkraft und ihre wunderbare Wirkung jubeln?! Was geht nur in ihm vor?
Keiner kann dies wohl schlüssig beantworten, wir können es nur ahnen. Vielleicht sieht er sich selbst schon an unreinem Ort sterben. Von den Frommen als unrein, beschmutzt und verbrecherisch verlacht, von den Klugen verspottet und von den Feinen mitleidig belächelt. Er weiß, worauf seine ganze Botschaft zielt: Darauf nämlich, dass sich dieser fürchterliche Riss zwischen Menschen schließt – den ER heilen will.
Diesen Riss, den wir mit unserer Anständigkeit, ja, unserer Frömmigkeit entstehen lassen. Mit dem wir Menschen unterteilen in die Anständigen, die Reinen, die dazu gehören, und die Unanständigen, Unreinen, die draußen bleiben sollen. Was wir nicht verstehen, wozu wir nicht gehören wollen, wovor wir Angst haben, das alles soll draußen bleiben. Wir wollen zu den Erfolgreichen gehören und nicht zu den Erfolglosen, zu denen, die Glück haben und nicht zu den Pechvögeln, zu den Tüchtigen, nicht zu den Versagern, zu den Schönen, nicht zu den Hässlichen, zu denen auf der Höhe der Zeit und nicht zu denen in ihrer Tiefe. So unterscheiden wir Menschen ständig zwischen Saubermännern und Dunkelmännern.
Jesus selbst aber wird sich genau dafür zerreißen lassen, damit sich dieser Riss zwischen Menschen schließt. Jesus heilt und verdeutlicht damit: Alle Reinheit ist nichts wert, wenn sie Gemeinschaften zerreißt, und zu Ausgrenzungen führt. Ob diese Ausgrenzung »fein« erfolgt, in Form von Witzen über Frauen, Türken, Dicke oder Schwule – oder brutal und hart, als körperliche Gewalt oder systematische Vernichtung, wie bei Juden, Schwarzen und anderen Minderheiten, oder als gezielte wirtschaftliche Unterdrückung Langzeitarbeitsloser ist nicht wichtig. Wichtig ist die Ausgrenzung selbst, der Riss durch die menschliche Gemeinschaft. Darum ist Jesu Zorn zu verstehen. Denn er kann den Aussätzigen zwar wieder auf die »reine« Seite schicken, auf die Seite der Glücklichen, der Gesunden. Die brutale Trennung zwischen Verschonten und Unglücklichen aber bleibt ungeheilt. Wie auch die Selbstgerechtigkeit und Arroganz derer auf der Sonnenseite.
Jesus lehrt uns durch sein Handeln, stets mit seiner Gegenwart zu rechnen. Auch dann, wenn wir »unheilbar« erkrankt sind. Auf Gott zu hoffen auch dann, wenn wir mit Heilung nach unseren Maßstäben in diesem Leben nicht mehr rechnen können. Aber Jesus weiß auch, dass ein Wunder meistens keine Veränderung bewirkt. Und weil er nicht missverstanden werden will, droht er dem Kranken, herrscht ihn an und befiehlt ihm mit aller Strenge, ehe er ihn entlässt: »Sage zu keinem Menschen ein Wort davon!« Jesus geht nicht auf in den Rollen, die ihm zugetragen werden: als Arzt, Wundertäter oder politischer Messias. Sein Auftrag, sein Selbstverständnis ist umfassender. Es geht Jesus um viel mehr, als um das Gesundwerden und Gesundsein. Es geht ihm um das Heilwerden bei Gott. Dass wir unseren Frieden finden in Gott, unserem Schöpfer. Dass wir vertrauensvoll einstimmen können in den Willen Gottes. Die seelische oder körperliche Gesundung eignet sich zum Gleichnis für das Heilwerden bei Gott. Aber solch eine Heilung kann in die Irre führen, wenn sie den Eindruck erweckt, dass mit Gott in Frieden zu leben nur dann möglich sei, wenn man gesund und vital im Leben steht. Damit wird unsere Bitte um Gesundheit nicht madig gemacht. Gesundheit bleibt weiterhin ein großes Geschenk und Wunder. Aber das größere Geschenk, das größere Wunder geht darüber hinaus: dass Gott uns würdigt, seine Töchter und Söhne zu sein, und wir in seiner Gegenwart leben dürfen.
Gibt es noch Hoffnung für unheilbar Kranke? Jesus stärkt die Zuversicht, dass die Antwort Gottes lautet: »Ja, ich will dich heilen« Unter Umständen sieht aber die Heilung anders aus, als du sie dir vorstellst! Wir können und dürfen die erhoffte Erfüllung unseres Wunsches Gott anheim stellen. Auch über unseren Tod hinaus, wie es im 21. Kapitel der Offenbarung visionär erzählt wird.
An den vielen Kranken, die bis heute noch auf ein Heilmittel warten, erleben wir ein anderes Wunder, als das der Gesundung. Viele Selbsthilfegruppen zeigen uns, wie in wenigen Jahren ein Netzwerk aus Brüderlichkeit, Solidarität und Unterstützung entsteht. Beispielhaft können wir an den AIDS Kranken sehen, dass wahrhaft ein inneres Wunder geschehen ist. Die Fähigkeit zu trösten, beizustehen, beim Leben, Überleben und beim Sterben zu helfen war auf einmal da und wächst stetig. Dadurch entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und Geschwisterlichkeit, die ihresgleichen sucht. Diese Verwandlung ist beträchtlich und nachhaltig. Dennoch bleibt noch vieles zu tun, damit wir die Welt nicht mehr in ein ‚Wir' und ‚Die Anderen' aufteilen. Denn Henning Mankell verdeutlicht in seinem Buch «Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt» zu Recht: „Es kann nur ein einziges ‚Wir' geben in dieser Situation. Im ganz einfachen Sinne der Menschlichkeit ist jeder von uns verantwortlich. Auch wenn Sie oder ich nicht an dieser Krankheit sterben - es ist trotzdem unsere Pflicht zu helfen.“
Damit spricht er wieder den bis heute bestehenden Riss an, der durch unsere Gesellschaft geht.
Deshalb, liebe Gemeinde, lassen Sie uns die frohe Botschaft mitnehmen: Jesus, der Sohn Gottes hat alles getan, um diesen Riss zu heilen! Er zeigt uns, dass Verbundenheit, Geschwisterliebe unter Menschen, das Kostbarste ist, was es gibt. Und weil es auch in uns genug »Unreines« gibt, Dinge, die wir in uns selbst ausschließen, hassen, schmähen, geheim halten, als Tabu ansehen, sind wir aufgerufen alles erdenkliche zu tun, um Ausgrenzungen zu verhindern oder – wo sie schon geschehen sind -rückgängig zu machen. Denn erst dann, wenn es keine aussätzigen Bereiche mehr in uns gibt, sind wir davon erlöst, andere aussätzig zu machen, sind wir von der Furcht vor der Unreinheit, und der Berührungsangst mit Unglück und Dunkel befreit. Dann wohnt Gottes Liebe in uns. Diese Liebe, die Jesus dazu brachte, sich an unreinem Ort hinrichten zu lassen, hilft uns, alle Menschen heimzuholen, um mit ihnen gemeinsam das Heil Gottes, sein Schalom zu erfahren.