„Schweigender Engel, schreib Schweigen in meine Hände, Halleluja. Auf dass ich das Schweigen des Himmels atme, Halleluja.“
Liebe Gemeinde,
diese Worte entnahm ich dem Liederzyklus „Gesänge von Himmel und Erde von Olivier Messiaen. Sie laden uns ein, den Himmel in seinem Schweigen und seinen vielschichtigen Dimensionen zu erahnen.
Denn an Himmelfahrt, diesem schwierigen Haltepunkt des Kirchenjahres kann uns nur dieses innere Schweigen helfen, ein wenig von der Dimension des Geschehens zu begreifen. Seit der Reformationszeit fragen sich Menschen, wo der Himmel zu orten sei, in den Jesus aufgefahren ist. Wo also „wohnt“ Gott, wo befindet ER sich, wenn Er im Himmel und Sein Sohn zu Seiner Rechten thront? Ist der Ort, den die Bibel mit Himmel oder den Himmeln beschreibt, lokalisierbar? Mit dieser Frage verbinden wir eine weitere: Ist Jesus nur in Seiner Gottheit oder auch mit Seiner menschlichen Existenz in den Himmel gelangt? Diese und ähnliche Fragen mögen uns heute morgen bewegen. An diesem so schwer fassbaren Tag – Himmelfahrt. Dieser Tag, der in unserer Gesellschaft zum Vatertag erklärt wurde und oft genug landein, landaus zum Besäufnistag degradiert wird. Vermutlich denken viele Christen wie der Theologe Rudolf Bultmann. Für ihn gab es den „Himmel im alten Sinn“ nicht mehr und er lehrte unter anderem: „Kein erwachsener Mensch stellt sich Gott als ein oben im Himmel vorhandenes Wesen vor; ja, den „Himmel“ im alten Sinne gibt es für uns gar nicht mehr. Und ebensowenig gibt es die Hölle, die mythische Unterwelt unterhalb des Bodens, auf dem unsere Füße stehen. Erledigt sind damit die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi; erledigt ist die Erwartung des mit den Wolken des Himmels kommenden“Menschensohnes“ und des Entrafftwerdens der Gläubigen in die Luft, ihm entgegen!“ Sind die Geschichten von der Himmel- und Höllenfahrt Christi wirklich „erledigt“? Ist jeder weitere Gedanke über dieses Thema nur Zeitverschwendung? Ist es womöglich der hilflose Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten ist?
Oder müssen nicht gerade wir, die Menschen des 21. Jahrhundert dieser Frage besondere Aufmerksamkeit schenken, um für unsere Jugend wieder eine Zukunftsperspektive zu entwickeln?!
Lassen Sie uns gemeinsam das Wagnis eingehen und über diese Fragen nachdenken. Der Text, der unseren Überlegungen zugrunde liegt ist knapp und bündig und steht im 24. Kapitel des Lukasevangeliums Vers 50 – 53:
50 Jesus führte seine Jünger hinaus bis in die Nähe von Betanien, erhob dann
seine Hände und segnete sie.
Liebe Gemeinde,
der, den die Jünger als ihren Herrn lieben und anbeten, scheidet von ihnen! Er lässt sie zurück, wird ihren Augen unsichtbar. Doch welch eine Kehrtwende vollzieht sich in der Reaktion der Jünger gegenüber ihrem Verhalten nach Jesu Kreuzigung! Kein Weinen, keine Traurigkeit! Stattdessen Anbetung und Rückkehr in den Tempel Jerusalems, wo sie sich beständig aufhielten um dort Gott zu preisen! Welch feste Zuversicht hat sie ergriffen, um so zu handeln! Fast möchte man neidisch werden. Wie gut wäre es, wenn auch wir selbst ein so tiefgreifendes Erlebnis hätten, um eine solche Sinnesänderung – um 180° zu erfahren.
Die Himmelfahrt Jesu Christi ist in der Geschichte des Christentums zu einem Ereignis geworden, das heute in jedem Kalender steht. Ursprünglich wurde dieses Ereignis nur von Lukas dargestellt. In seinem Evangelium und in der Apostelgeschichte. Die anderen neutestamentlichen Texte nehmen mehr auf die himmlische Vollmacht Bezug, die Jesus nach Seiner Erhöhung besitzt. Sie berichten dass Jesus, nach Seiner Himmelfahrt in den Himmel entrückt wurde und nun in leiblicher Gestalt nicht mehr sichtbar ist.
Die Bibel beschreibt mit „Himmel“ den Bereich, in dem Gott herrscht. Mit der Aussage, dass Jesus in den Himmel aufgefahren ist aus, wird uns also mitgeteilt, dass der Auferstandene jetzt bei Gott ist und an Seiner Herrschaft teilnimmt. Damit ist der Sohn wie der Vater allgegenwärtig. Der „im Himmel“ lebt, ist nicht fern von uns sondern kann im Geist zur selben Zeit an jedem Ort dieses Universums sein. Jesu Himmelfahrt verdeutlicht, dass ER „Macht über die Gegenwart hat, und Herr über das Heute“ ist. „Himmel“ ist somit ein anderes Wort für die bestimmenden Kräfte, unserer Gegenwart, unseres Hier und Jetzt. Doch meint „Himmel“ auch die „Zukunft der Welt“. Selbst wenn es so scheint, als liefe unsere Welt auf ein Nichts oder auf das vollkommene Chaos zu, wir wissen, sie geht ihrer Vollendung durch Jesus Christus entgegen. Das Bekenntnis zu Ihm und Seiner Himmelfahrt, das wir in jedem Gottesdienst formulieren, spricht von unserer festen Zuversicht, dass auch die Geschichte auf IHN zuläuft. Damit erhalten die letzten Fragen nach Tod, Zwischenreich, Auferstehung und Ewigem Leben für uns Menschen vom Himmel her, vom Sohn Gottes ihre Antwort. Es kann also keine Rede davon sein, dass dem biblischen Himmelfahrtsgedanken ein „Erledigt“ bescheinigt wird.
Dies wird auch durch die Tatsache deutlich, dass gerade heute Physiker, Biologen, Hirnforscher und eine Reihe weiterer Vorreiter der modernen Naturwissenschaft über die Frage diskutieren, ob es ein Jenseits gibt! Ob ein Weiterleben nach dem Tod physikalisch möglich ist? In seinem Buch: „Die Physik und das Jenseits - Spurensuche zwischen Philosophie und Naturwissenschaft“ schreibt der Mathematiker Günter Ewald: „scheinbar präzise Begriffe wie Raum, Zeit, Elektron oder Bahn eines Materieteilchens zerfließen, als ob sie Butter an der Sonne wären“. Und er fährt fort: „Das Tabu der Dreidimensionalität des Raumes wird ebenso gebrochen, wie das schon Anfang unseres Jahrhunderts mit der linearen Zeit und dem Substanzbegriff geschehen ist...“ Und eine seiner Schlussfolgerungen lautet: „Das materialistische Weltbild ist endgültig in Frage gestellt.“ Umdenken ist also angesagt.
Vielleicht ist die Himmelfahrt Jesu ja eine Möglichkeit auszudrücken, dass sich Jesus Christus in der Fülle unseres Raumes befindet, der mehr Dimensionen aufweist, als wir dies mit unserem Verstand erfassen können. Und ganz sicher ist Gott innerhalb Seiner Schöpfung, innerhalb des gewaltigen Universums zu suchen, zu finden und anzubeten.
Wir kommen mit unseren Überlegungen nicht weiter, solange wir daran festhalten, unsere Wirklichkeit ließe sich allein durch drei Dimensionen beschreiben und etwas anderes gäbe es nicht. Wir können den Himmel, den wir an jedem Ort der Erde sehen können nicht wie einen Raum – durch Höhe, Breite und Länge -beschreiben. Dies drückt schon Jesus in seiner Bergpredigt aus, wenn er sagt: „Schwört nicht beim Himmel, denn er ist Gottes Thron und schwört nicht bei der Erde, den sie ist der Schemel für Gottes Füße!“ Bereits an diesem Bild wird deutlich: Das, was wir „Raum“ nennen, hat mit dem „Wesen“, mit der Qualität, mit der Zeit und der Unsichtbarkeit zu tun!
Beim Betreten eines Raumes wie zum Beispiel unseres Gottesdienstraumes bekommen wir ein Gefühl der Geborgenheit, ja des „heimisch seins“! Stunden, Gefühle von längst vergangen Erlebnissen steigen innerlich auf, als würden sie gerade erst stattfinden!
Wenn es uns mit Räumen so geht, kann es uns dann mit dem Himmel nicht gleichermaßen ergehen?! Sind wir nicht gerade als Christen durch den Geist Gottes befähigt, unseren Kosmos anders als durch drei Dimensionen zu beschreiben? Können wir uns nicht die Sichtweise der Physiker zu eigen machen, die bereits von neun Dimensionen sprechen! Kann uns Gottes Geist nicht leiten, uns im wahrsten Sinne himmlische Dimensionen auszumalen? Bleibt doch unsere gewohnte Raumanschauung dadurch unangetastet! Und eines ist sicher: in diesen vielen Dimensionen ist für Gott und Sein Wirken, für die Himmel und das Zwischenreich unendlich viel Platz. Gerade heute ist es wieder denkmöglich und glaubensgewiss: Gott ist in Seiner Schöpfung
Denn es gibt immer zwei Wirklichkeiten: Eine äußere und eine innere!!
Was ist noch Raum, wo der herkömmliche Raumbegriff versagt? Was ist noch Zeit, wo der herkömmliche Zeitbegriff seine Linearität verloren hat? Der Himmel kann in uns sein, um uns herum, über uns oder unter uns. Gott ist jedem von uns immer näher, als wir uns das vorstellen. Geahnt haben das bereits die Hebräer. Einer von ihnen, der spätere König David, formulierte es in einem seiner Psalmen mit den Worten: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten...“
Von daher wollen wir dem Sohn Gottes vertrauen, dass er an jedem Ort der Erde zu finden ist. Überall, unabhängig von Zeit und Raum können wir den Sohn Gottes anbeten, preisen und feiern. ER, der Seine Macht nicht durch Gewalt ausübt, sondern durch Liebe! Aus diesem Grunde entsteht in uns neue Freude darüber, dass Jesus im Himmel zur Rechten Gottes regiert. Und diese Freude lässt uns verwandelt in unsere Familien zurückkehren. Der Geist Gottes in uns gibt uns die Sicherheit, dass Jesus uns Menschen zur Seite steht, und uns zum Dienst an Gott und dem Nächsten befreit. Vielleicht entsteht aus diesem Wissen der Wunsch mit Olivier Messiaen gemeinsam zu beten: „Schweigender Engel, schreib Schweigen in meine Hände, Halleluja. Auf dass ich das Schweigen des Himmels atme, Halleluja.“
51 Und es begab sich, während er sie segnete, schied er von ihnen und
wurde in den Himmel emporgehoben.
52 Und sie warfen sich anbetend vor ihm nieder an und kehrten hocherfreut
nach Jerusalem zurück
53 und hielten sich beständig im Tempel auf und priesen Gott.
- In der Sichtbaren wie der Unsichtbaren,
- In der Zugänglichen wie der Unzugänglichen!!
Amen.