Liebe Gemeinde,
die Jünger sind mit Jesus unterwegs. Sie wandern mit ihm durch unwegsames Gelände und ziehen von Galiläa Jerusalem entgegen. Unterwegs erleben sie, wie Jesus handelt, Menschen durch sein Handeln verändert und heilt. Sie erleben, wie er sich immer wieder zurückzieht, um allein zu sein und zu beten. Sie spüren ihm ab, daß seine Art zu handeln mit diesen einsamen Gebeten zu tun hat. So liegt es nahe, daß sie in ihren Gesprächen, die sich auf den langen Wegen ergeben, oft genauer nachfragen, um "hinter die Kulissen" der sich vor ihnen gezeigten Wunder zu schauen. So ein Gespräch können wir mit dem heutigen Predigttext uns vor Augen und Ohren führen. Er steht im 17. Kapitel des Lukasevangeliums und nimmt uns in ein Gespräch der Jünger mit ihrem Rabbi hinein.
5 Da baten die Apostel den Herrn: "Mach unseren Glauben stärker!"
Wir sehen die Jünger oft mehr aus der Perspektive nach Pfingsten - glaubensstark und überzeugend in ihrer Rolle als Apostel. Was bringt sie, die tagein, tagaus mit Jesus leben dazu, an ihn die Bitte um Stärkung des Glaubens zu richten?
Wenn wir die Zeit bedenken, in der Jesus mit ihnen unterwegs war, verstehen wir ihre Bitte besser.
Sie werden von Jesus oft genug als Kleingläubige bezeichnet und aus dieser Sicht heraus ist ihre Bitte verständlich.
Sie müssen beim handeln Jesu den gleichen Eindruck gewonnen haben, den wir im Blick auf unser heutiges Leben gewinnen:
Jesu Glaube ist um ein vielfaches stärker, als ihrer, als unserer. Und so bitten sie um Stärkung ihrer Glaubenskraft, ja Glaubensvollmacht,
die Gott ihnen für ihr Tun und Handeln schenken möge!
Die Jünger erwarten offensichtlich, daß Jesus jetzt an ihnen handelt und sie danach mehr Glaubenskraft spüren. Ja, daß dadurch ihr eigenes Handeln verändert wird. Mit dieser Bitte um Stärkung des Glaubens kommen uns die engsten Mitarbeiter Jesu menschlich ganz nah. Wir kennen das Gefühl, schwach im Glauben zu sein und haben wie sie in bestimmten Situationen den Wunsch, einen stärkeren Glauben zu besitzen. In Lebenssituationen, in denen wir uns ganz hilflos vorkommen, wünschen wir uns das Vertrauen selbst durchzuhalten und andere zu ermutigen. Wir sehnen uns nach einem starken Glauben, der uns selbst und unsere Mitmenschen Lebenssinn, Orientierung und Antworten auf die zentralen Fragen unserer Zeit geben!
Auch wenn wir in sogenannten Sternstunden manchmal in Hochstimmung geraten und „Bäume ausreißen“ könnten, unser Empfinden entspricht eher dem, was jener Vater eines kranken Kindes vor Jesus ehrlich aussprach: „Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ (Markus 9,24) Mit diesem Eingeständnis spüren wir: Es ist nicht damit getan, das Glaubensbekenntnis auswendig zu kennen, oder die Existenz Gottes glaubend zu bekennen. Dieser Glaube, den die Jünger erbitten, den wir ersehnen ist mehr als etwas wissen und fürwahrhalten. Er ist sozusagen ein von Gott geschenktes und gewirktes Charisma, das erfülltes Leben in besonderer Weise möglich macht. Und in dieser Hinsicht möchte ich mich den Jüngern in ihrer Bitte anschließen.
Wie reagiert nun Jesus auf diese Bitte? Sicher völlig anders als erwartet. Kein Handeln folgt ihrer Bitte, sondern eine kleine Korrektur in ihrem Denken.
Jesus holt die Jünger da ab, wo sie stehen: "In Zweifeln, Unsicherheit und in ihrer Sehnsucht nach dem großen Glauben". Er sagt ihnen, daß es nicht auf die „Glaubensgröße, Glaubensmenge“ ankommt, sondern daß selbst mit einem senfkornartigen Glauben in dieser, unserer Welt erstaunliche Dinge zu vollbringen sind. Jesus will mit seiner Antwort seine Jünger und uns davor bewahren, das vermeintliches „Quentchen“ Glauben gering zu schätzen. Diese Winzigkeit „Glauben“ wirkt in der Verbindung mit Gott kraftvoll. Dies bekräftigt Jesus indem er von einem Maulbeerbaum spricht, der als besonders wurzelfest bekannt war. Der Glaube - selbst in der Größe eines Senfkornes - sieht Möglichkeiten, wo die Vernunft keine mehr sieht, um Hindernisse für den Bau des Reiches Gottes zu beseitigen. In unserem Bild den Maulbeerbaum aus dem Weg zu schaffen.
Glaube wie ein Senfkorn! - Ihnen wurde vor der Predigt ein Senfkorn in die Hand gelegt.
Schauen wir es an - wie winzig es ist! Geheimnis des Glaubens! Jesus mißt unseren Glauben nicht. Er ruft uns auf, uns nur an Gott zu orientieren.
Damit gibt es auch für uns keinen Grund mehr, neidisch auf den Glauben eines anderen zu sehen. Auch muß sich keiner über den Glauben eines anderen erheben.
Nein, wir haben im Gegenteil guten Grund, miteinander ins Gespräch über Glauben und Glaubenserfahrungen in unserem Leben zu kommen.
Fundamentalisten, Liberale und Progressive in Kirche und Gesellschaft können an einem Tisch Platz nehmen!
Dies hat zweifelsohne auch positive Konsequenzen in unserem Umgang mit Angehörigen fremder Religionen!
Jesus gibt uns, was wir brauchen, aber er geht nicht auf höhere Erwartungen ein, die wir an uns selbst stellen.
Er will uns heute genauso, wie den Jüngern damals die Zweifel darüber nehmen, ob wir Gott genügen.
Er überfordert uns nicht, sondern ruft uns heute morgen zu: „Ein winziger Glaube ist stark genug, um Berge oder Bäume zu versetzen.
Nichts ist bei Gott unmöglich!“
Und wir sollten wie Dietrich Bonhoeffer sagen lernen: „Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden“.
Jesus will uns Menschen Mut machen, unseren Glauben - erscheint er noch so winzig - nicht aufzugeben.
Glauben heißt: mein Leben mit Gott in Beziehung bringen, „sich Gott zuzuwenden“. Und diese Zuwendung zu Gott können wir von Jesus lernen:
Er suchte die Stille und Einsamkeit auf, um mit Gott zu reden und von ihm gestärkt zu werden.
Wir können dies auch, wenn wir heute ab und zu die laute und hektische Welt um uns herum "verlassen" und bewußt "die Stille" suchen.
Dann werden auch wir von Gott mit Impulsen beschenkt werden, die unseren Glauben stärken.
Es ist ein Geheimnis, daß wir glauben können. Wir können es nicht fassen und nicht herbeiführen. Wir können nur staunend feststellen, der Glaube, unser Vertrauen zu Gott, hat verändernde Kraft. Er wirkt in jedem Leben unterschiedlich. Jede, jeder von uns hat unterschiedliche Gaben. Vielleicht die Fähigkeit, in besonderem Maße die Schöpfung zu bewahren, Frieden zu stiften, Heimat den Heimatlosen zu schenken, Liebe den Ungeliebten entgegenzubringen, ein schweres Schicksal im Leben auszuhalten, in Künsten wie der Musik, Malerei oder Poesie für die unsichtbare Welt Gottes ein Fenster zu öffnen. Keine Gabe ist dabei wertvoller. Im Reich Gottes ist jede wichtig.
Jesus mutet uns zu, den Gefahren und Herausforderungen in unserem Gemeindeleben mit der Kraft des Glaubens zu begegnen.
Und er teilt uns mit, daß wir genügend Glaubensstärke dazu haben, selbst wenn wir meinen, es könnte besser mehr sein.
Nein, wir sollen nicht auf die Menge sehen, sondern dankbar sein, auch wenn unser Glaube klein ist.
Dieser Glaube beginnt dort, wo wir mit Gott selbst rechnen.
Wo wir uns an IHN halten und darauf vertrauen, daß ER alles vermag.
6 Der Herr erwiderte: "Wäre euer Glaube nur so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zum nächsten Maulbeerbaum sagen: Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer. Und er würde es tun und euch gehorchen.
Amen.