„Ein Gebet kann nicht das Wasser zum trockenen Feld bringen,
nicht eine zerbrochene Brücke instand setzen,
noch eine zerstörte Stadt wieder aufbauen;
aber ein Gebet kann trockene Erde tränken,
ein gebrochenes Herz heilen
und einen geschwächten Willen wieder stärken“
Liebe Gemeinde,
Diese Worte stammen von Abraham Jehoschua Heschel, Professor jüdischer Ethik und Mytik. Sie können uns helfen neu über das „Beten“ nachzudenken! Es lohnt sich, den Sinn zu hinterfragen, um unser Beten neu zu beleben. Beispiele, wie wir beten können finden wir allem voran im Psalter, dem über die Jahrtausende gültigen Gebetbuch der Juden. Die Psalmen können uns helfen, unsere eigenen Worte zu finden. Doch wir brauchen auch Vorbilder, um zu begreifen, dass unser Leben durch das Gebet Orientierung erhält. Das größte Vorbild darin gibt uns sicher Jesus selbst. An vielen Stellen des Neuen Testamentes wird berichtet, dass er sich zurückzog, um allein zu beten. So lesen wir beispielsweise im 6. Kapitel des Lukasevangeliums:
„Es begab sich aber zu der Zeit, daß er auf einen Berg ging, um zu beten; und er blieb die Nacht über im Gebet zu Gott.“
Aus dieser kleinen Fußnote können wir etwas für uns selbst gewinnen. Jesus hat offenbar alles, was in seinem irdischen Leben passierte mit Gott besprochen. Dabei suchte er zum Gebet immer die Einsamkeit und einen Ort, wo er sich Gott besonders nah fühlen konnte. Ein Berg ist dazu natürlich besonders geeignet.
Im Gespräch mit Gott wurde von ihm bestimmt alles, was ihm am Tage begegnete rückblickend bedacht. Manches wurde sicher auch neu in den Blick genommen und sicher auch der nächste Schritt bedacht.
Von Jesu Haltung können wir eine Menge für unseren Alltag lernen. Natürlich stimmt: „Ein Gebet kann nicht das Wasser zum trockenen Feld bringen,
noch eine zerbrochene Brücke instand setzen, oder eine zerstörte Stadt wieder aufbauen!“ Aber „ein Gebet kann sicher ein gebrochenes Herz heilen und einen geschwächten Willen wieder stärken“
Gerade bei Ihnen hier im Maria Juchacz Haus sind oft genug Leid und Schmerzen in besonderem Maße gegenwärtig. Lebensglück, Lebenserwartungen, Lebenspläne sind oft genug durchkreuzt, ja zunichte gemacht worden. Oft bleiben Trauer und Wut oder auch nur ohnmächtige Leere zurück und dann fühlen wir Menschen uns allein gelassen. Auch allein gelassen von Gott.
Vielleicht will uns Gott aber gerade in dem begegnen, was wir nicht begreifen, was wir nicht so einfach annehmen können? Und in dem wir uns mit ihm im Gebet auseinandersetzen, heilt unser gebrochenes Herz. Wenn wir ihm unsere Fragen und Nöte, aber auch das, worüber wir uns freuen mitteilen, wird unser Wille täglich neu gestärkt, unser Leben, so wie es sich jetzt zeigt anzunehmen.
Vielleicht.- Vielleicht, weil ich im Gebet vor Gott all meinen Schmerz ausbreiten darf und mir von ihm zusprechen lassen kann: „Ich mache alles neu.“
Seine neue Wirklichkeit macht meinen Schmerz nicht kleiner, aber hält ihm etwas entgegen- verwandelnde Kraft, die mich schon heute erfüllt und tröstet.
Ein Geheimnis des Glaubens ist es ja, dass er um die verwandelnde Kraft Gottes weiß. Dass das, was ich als klägliches Ende, als jämmerliches Scheitern, als grausamen Verlust erlebe, bei Gott zu neuem Leben kommt. Und im Gebet habe ich Anteil an dieser göttlichen Schöpfungskraft.
Deshalb wollen wir uns ermutigen, um zu beten und um dadurch das gebrochene Herz von uns selbst und das unserer Mitmenschen zu heilen.
Dann erfahren wir die Schönheit und Kraft eines Lebens, das auf Gott vertraut. Ich bin sicher, wenn wir beten, tauchen wir in die Wirklichkeit Gottes ein und sehen unseren Alltag, auch den Alltag hier im Maria Juchacz Haus mit ganz neuen, uns von ihm geschenkten Augen.
Amen.