„Das Böse ist kein Begriff, sondern ein Name für das Bedrohliche, das dem freien Bewusstsein begegnen und von ihm getan werden kann.“
Liebe Gemeinde,
der Philosoph Rüdiger Safranski drückt auf seine Weise genau das aus, was wir Tag für Tag erleben: Wir wähnen uns frei in unseren Entscheidungen und treffen unsere Wahl doch mehr oder minder unfrei - unbewusst bestimmt durch äußere und innere Zwänge. Wir wollen das Gute tun und handeln oft genug entgegengesetzt. Dies verdeutlicht auch ein Gespräch Jesu mit Simon Petrus. Ich lese im 22. Kapitel des Evangeliums nach Lukas die Verse 31 – 34:
31 »Simon, Simon, siehe, die satanische Macht hat verlangt, euch wie Weizen
zu sieben.
32 Ich habe für dich gebeten, dass deine Glaubenstreue nicht aufhöre, und wenn du einmal umgekehrt sein wirst, ermutige du deine Geschwister«!
33 Petrus antwortete: »Mein Herr, mit dir bin ich bereit, ins Gefängnis zu gehen und in den Tod«!
34 Jesus sagte zu ihm: »Ich sage dir, Petrus, der Hahn wird heute nicht krähen, bis du dreimal geleugnet hast, mich zu kennen«.
Liebe Gemeinde,
die Situation, die Jesus für Simon Petrus vorwegnimmt, ist die der menschlichen Freiheit! –
Der Freiheit, wählen zu können zwischen der Treue und dem Verleugnen, der Freiheit, wählen zu können zwischen »dem Bösen« und »dem Guten« –
Und Jesus zeigt nicht nur Simon Petrus, sondern auch uns heute Morgen auf, dass wir, wie Simon letztlich in dieser Freiheit oft eine Wahl treffen, die nicht unseren zuvor hochgehaltenen Idealen, Prinzipien oder Glaubensinhalten entspricht. Von daher vernehmen wir diese vertrauten und doch in mancher Hinsicht für unsere heutigen Ohren so ärgerlichen Worte mit gemischten Gefühlen. Denn wer unter uns möchte schon gerne von der satanischen Macht hören, die verlangt uns wie Weizen zu sieben. Die demnach unsere Treueschwüre Gott gegenüber durch Anfechtung und Prüfungen in Frage stellt, wie es schon im Buch Hiob beschrieben ist. Hat Jesus eine ähnliche Szene im Thronrat Gottes vor Augen, wenn er die satanische Macht im Gespräch mit Simon ins Gespräch bringt. Ist hier also die Rede vom Satan, vom Teufel, vom »Geist, der stets verneint«, wie sich Mephistopheles in Goethes »Faust« selbst vorstellt? Und wenn wir diese Frage mit „Ja“ beantworten, wie gehen wir damit um, wenn in der Bibel vom »Satan« die Rede ist? Denn in unserem Alltag taucht doch immer wieder mal die Frage auf, warum denn manche Menschen zu »teuflischen Verbrechen« fähig sind, wie denn »das Böse« entsteht oder wie dessen Macht zu begrenzen sei. Und, wie Simon Petrus es wahrscheinlich nach seinem Verrat tat, so fragen wir uns: Was macht uns feige? Welche Kräfte beherrschen uns? Welchen Versuchungen geben wir nach? Woher kommt unsere Schwäche, und wie groß ist darin unsere eigene Verantwortung? Diese Fragen stellen sich im Großen und Kleinen. Nicht nur beim Verrat des Simon Petrus, sondern genauso wenn wir an Hexenverbrennungen, Taten der NS-Schergen, denen der Serben im Kosovo-Krieg, der Stasi, der RAF, an Gräuel im Gefängnis Guantanamos, vieles mehr und an unseren ganz gewöhnlichen Alltag denken.
Der Zweikampf zwischen Jesus und dem Teufel um die Seele jedes einzelnen Menschen wurde seit dem Kirchenvater Irenäus um 200 n.Chr. im Volksglauben zu einem bestimmenden Motiv. Dieser vertrat die Ansicht, Jesus habe die Menschen von der Macht des Teufels losgekauft. Fortan war es einfacher, »das Böse« in der personifizierten Form des Satans oder des Teufels nach außen zu verlagern, als sich der schwierigen Realität zu stellen, wie sie der Philosoph Rüdiger Safranski in seinem Buch „Das Böse oder Das Drama der Freiheit beschreibt“: »Das Böse ist kein Begriff, sondern ein Name für das Bedrohliche, das dem freien Bewusstsein begegnen und von ihm getan werden kann. Es begegnet ihm in der Natur dort, wo sie sich dem Sinnverlangen verschließt, im Chaos, in der Kontingenz, in der Entropie, im Fressen und Gefressenwerden. In der Leere draußen im Weltraum ebenso wie im eigenen Selbst, im schwarzen Loch der Existenz. Und das Bewusstsein kann die Grausamkeit, die Zerstörung wählen um ihrer selbst willen. Die Gründe dafür sind der Abgrund, der sich im Menschen auftut«.
Wir Menschen sind demzufolge täglich frei, wählen zu können zwischen »dem Bösen« und »dem Guten« –treffen jedoch oft eine Wahl, die jeden Menschen in seine eigenen Abgründe blicken lässt und Gefühle des »abgrundtiefen« Scheiterns und der Scham begründen kann. Treue, Hingabe und Versagen liegen auch im Leben von uns Christen und unseren Gemeinden oft dicht beieinander! Ein Verhängnis, das mit wenigen Worten nicht beschrieben werden kann. Licht in das Gewirr unserer Gefühle, Ängste, Hoffnungen, lang- oder kurzfristigen Überlegungen kann nur Jesus selbst mit seinen tröstenden Worten bringen: »Ich habe für dich gebeten, dass deine Glaubenstreue nicht aufhöre«.
Mit ihnen ermutigt Jesus uns heute noch genauso, wie damals Simon Petrus. Er ermutigt uns auch in der Erfahrung des Scheiterns und der Scham, nicht unseren Glauben an IHN aufzugeben, der uns selbst mit eben dieser Freiheit zur Wahl geschaffen hat. Denn Jesus liebt uns gerade auch dann, wenn wir in derjenigen Freiheit eine Wahl treffen, die zum Scheitern führt. Seine Fürbitte bewirkt durch alle Zeiten, dass der Glaube der Christen, trotz des Wirrwarrs von Irrtum und Gewalt, welche die Kirchengeschichte wesentlich mitbestimmt, nicht aufhört.
Uns ist die Freiheit auch zum Bösen gegeben! Doch hat uns Gott, in seiner großen Liebe, auch die Freiheit zur Umkehr mitgegeben: » Und wenn du einmal umgekehrt sein wirst, ermutige du deine Geschwister«!
Innerlich höre ich dazu die so ergreifenden Klänge in Bachs Matthäus-Passion, als er singen lässt: „Und er (Petrus) ging hinaus und weinte bitterlich!“
Wir stehen, wie Simon Petrus, zu oft in der Gefahr, unsere eigene Kraft, zu überschätzen. Nicht herausreden hilft uns, sondern umzukehren und Schuld als das zu benennen, was sie ist. Denn Schuld lässt sich niemals wegdiskutieren. Auch nicht im Fall des Terroristen Christian Klar. In der Diskussion um seine vorzeitige Freilassung würde es den Angehörigen seiner Opfer sicher helfen, zu spüren, dass er sich mit seiner Schuld auseinandersetzt. Gleiches gilt natürlich auch in der eigenen Beschäftigung mit persönlicher Schuld.
Vielleicht ist auch in unserem Leben in einer Stunde der Schwachheit der Verrat unvermeidlich. Entwickeln wir doch in unserer menschlichen Schwäche nicht die gleiche Durchhaltekraft, wie sie Jesus zeigt, und können es vielleicht auch nicht. Wir werden versagen, werden immer dann schuldig, wenn wir nicht Herr unseres Willens sind. Aber genauso gilt: Eine Umkehr ist immer möglich! Unter Umständen, indem wir wieder lernen, bitterlich zu weinen.
Was auch immer uns widerfährt - wenn nur der Glaube über der Niederlage nicht verloren geht und wir uns zur Umkehr wecken lassen! Und wie?
Henning Mankell drückt es so aus: »Manche Menschen werden von Hähnen geweckt, andere davon, dass die Stille zu groß ist«! Zu welchem Typ wir auch immer gehören mögen, die Hauptsache, wir werden geweckt. Petrus, so wissen wir, gehörte am Tag seines Verrats zu denen, die sich durch das Krähen des Hahnes wecken ließen und umgekehrt sind. Sein Glaube wurde in der Niederlage gestärkt und er hat die Vergebung Jesu angenommen.
Lernen wir von ihm, und machen es genauso. Dann können wir auch die Menschen um uns herum aufrichten und stärken. Gerade in dieser Zeit des Umbruchs, in der historische Prozesse in immer größeren Geschwindigkeiten ablaufen. Und in dem Wissen, dass kein Reich und kein System für immer bestehen. Deshalb sollten wir, wann immer wir den Hahn auf einem Kirchturm sehen, uns von ihm wecken lassen. – Ihn als Hinweis begreifen, als ständige, schmerzlich heitere Erinnerung an das liebevolle, traurige und wissende Lächeln Jesu, über den immer neu fallenden Glaubenden. Denn Jesus lebt, und mit ihm bleibt und wirkt unser Glaube.
Amen.