Liebe
Gemeinde,
»Ich
glaube, ich es
wird noch ’mal ein schlimmes Ende mit dir nehmen«,
sagte meine
Erdkundelehrerin, als ich Johannesburg im Norden Afrikas, anstatt in
Südafrika
vermutete.
»Ich
glaube, ich finde
nie einen Ausbildungsplatz«, sagt sich der Jugendliche,
nachdem auch seine 200.
Bewerbung erfolglos blieb, und greift wie viele andere zum Alkohol, um
seine
Zukunftsängste zu betäuben.
»Ich
glaube nicht,
dass ich einem behinderten Kind gerecht werden kann«, sagt
sich die werdende
Mutter und lässt - nach einem entsprechenden
Untersuchungsbefund - ihre
Schwangerschaft ärztlicherseits beenden.
»Ich
glaube ich bin zu
alt, zu jung, zu unerfahren, zu untalentiert um dies oder jenes zu
tun«, sagen
sich die unterschiedlichsten Menschen, um eine vor ihnen liegende
Aufgabe erst
gar nicht anzugehen.
»Ich
glaube...«,
dieser Satz hat in unserer Gesellschaft Hochkonjunktur, ob er nun
negativ oder
positiv beendet wird. Damit aber schaffen wir uns eine subjektive und
höchst
persönliche Wahrheit, die unser
Denken, Fühlen und Handeln prägt. Wir
übersehen dabei oft nur eines, dass es
sich dabei nur um unsere, ganz
persönliche Sicht der Dinge handelt.
Laut Brockhaus ist der Glaube
ein „überzeugt sein nach
der Art festen Vertrauens, das im Verhältnis zum
Wissen im neuzeitlichen Sinn als bloß subjektives
Führ-Wahr-Halten betrachtet
wird.“ Im Gegensatz zum Glauben im Allgemeinen
beruht der religiöse Glaube auf
ein „auf Gott gerichtetes, festes
und
überzeugtes Vertrauen. Er
ist
Ausdruck der Beziehung des Menschen zu Gott oder dem
Göttlichen, die als
Grundelement des religiösen Lebens für die Existenz
des religiösen Menschen
schlechthin entscheidend ist.
Und diesem festen, überzeugten
Vertrauen geben wir jeden Gottesdienst neu Ausdruck, wenn wir das
Glaubensbekenntnis sprechen. Doch
wie
steht es mit den Auswirkungen unseres Glaubens? Denn eines
jedenfalls steht fest: An den Auswirkungen spüren wir selbst,
ob
und was für eine Kraft der Glaube in unserem Leben hat. Ein
kurzer Dialog im Evangelium
nach Lukas verdeutlicht dies.
Ich lese im 17. Kapitel die Verse 5 + 6:
5
Die Männer und Frauen,
die Apostel genannt werden, sprachen zu Jesus:
»Stärke unseren Glauben«!
6
Jesus
aber sprach:
»Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn,
würdet ihr zu dem Maulbeerbaum
sagen: Entwurzle dich und pflanze dich ins Meer. Und er würde
euch gehorchen«.
Liebe
Gemeinde,
»Stärke
unseren Glauben«! Diese
Bitte der
Schüler Jesu an ihren Rabbi erstaunt mich immer wieder aufs
Neue! Denn ich
traue es denen, die Jesus selbst erlebt haben überhaupt nicht
zu, dass sie an
ihren Glauben zweifelten oder womöglich die Kraft selbst nicht
spürten, die der
Glauben mit sich bringt.
Jesus
selbst geht auf diese Bitte auch gar nicht erst
ein! Im Gegenteil, er spricht allein von den Auswirkungen des Glaubens:
Und
die könnten
unter anderem darin
bestehen, dass sich auf Befehl hin ein Maulbeerbaum selbst entwurzeln
könnte
und ins Meer verpflanzen würde. Ausgerechnet
der Maulbeerbaum, der Tiefwurzeler Sykamine,
der als Inbegriff der Standfestigkeit gilt – die ihm
für bis zu 600 Jahren
zugetraut wird. Natürlich ist
dies
nicht wörtlich gemeint, sondern wird von Jesus für
die ungeheuer große Kraft
des Glaubens an sich exemplarisch gebraucht. Im Glauben,
so Jesus,
werden Festigkeiten erschüttert, wird umgepflanzt. Anders ausgedrückt spricht er von einer
sich selbst erfüllenden
Prophezeiung.
Im
negativen
machen wir uns das Leben oft genug schwer, denn
wir verschließen uns vor der Möglichkeit, andere,
vielleicht viel positivere
Erfahrungen zu machen. Aus einem falsch verstandenen
Sicherheitsbedürfnis
krallen wir uns all zu tief in den „Status
quo“ unserer Lebensumstände. Wir werden zu
so genannten
„Maulbeerbaum-Menschen“, die dringend einer
Verpflanzung bedürfen. Raus aus dem
festgefahrenen Alltag, rein ins Abendteuer. In ein Glaubensabenteuer
mit
Gott. Denn mit ihm
können wir über
Mauern springen, Berge versetzen und eben auch einen Tiefwurzeler
verpflanzen.
Genau dies verdeutlicht Jesus, indem er den Jüngern klar
macht, dass ein Glaube
so groß wie ein Senfkorn ausreicht, um Großes zu
tun. Und wer unter uns sehnte
sich nicht danach Großes zu tun? Etwas bemerkenswertes, etwas
das auf uns
aufmerksam macht. Aber, um wie Jesus zu handeln, bedarf es einen ganzen
Menge
Mut. Bedarf es einer inneren Überzeugungskraft, welche die
eigene Seele
ermutigt. Und dies, liebe Gemeinde, ist nicht so einfach zu erlangen.
Aber wir
können etwas mit unseren Willen dafür tun. Als ich
vor vierzehn Tagen morgens
hörte, dass Frau Müller den Gottesdienst nicht halten
könne und sie mich bat,
ihn an ihrer Statt zu halten, konnte ich die aufkommende Unsicherheit
und
Zweifel nur besiegen, indem ich mich daran erinnerte, dass Gott die
Seinen
nicht im Stich lässt. Nur so konnte es glücken, dass
der improvisierte
Gottesdienst gelingen konnte.
Niemand hielt es vor dem 11. September 2001
für möglich, dass
Passagierflugzeuge, zu fliegenden Bomben umfunktioniert, ganze
Hochhäuser zum
Einstürzen bringen würden. Niemand hält es
nach dem 11. September für möglich,
dass sich Täter und Opfer und ihre Angehörigen
versöhnen können. Und doch,
dieses Wunder gibt es. Phyllis Rodriguez und Aicha el-Wafi lebten in
zwei
verschiedenen Welten. Beide haben - auf unterschiedliche Weise - ihre
Söhne am
11. September 2001 verloren. Phyllis Sohn Greg starb im 103. Stockwerk
im
Nordturm des WTC. Aichas Sohn Zacarias gehörte zum
näheren Umfeld der
Attentäter, sollte eine der Todesmaschinen fliegen, wurde aber
zuvor
festgenommen. Phyllis und Aicha lernten sich ein Jahr nach den
Anschlägen
kennen - und wurden Freundinnen. Aicha trauert mit Phyllis um deren
Sohn Greg,
Phyllis kämpft mit Aicha um deren Sohn Zacarias. Beide
verstehen nicht, wie es
zu der Katastrophe kommen konnte. Aber sie sind davon
überzeugt, dass sie das
Erlebte zusammen verarbeiten und auf einen friedvollen Weg
führen können.
Phyllis will vergeben. Vergebung, sagt sie, heißt nicht, die
Schuld
wegzuwischen. Vergebung bedeutet für sie, auf den, der Schuld
auf sich geladen
hat, zuzugehen, um ihn kennen zu lernen und zu verstehen. Aicha will
die Lüge,
wie sie es nennt, in ihrem Sohn aufspüren und aufbrechen.
Nicht mit Gewalt,
sondern mit Liebe. Und ein starker Glaube befördert die Liebe!
Mehr noch, ein
starker Glaube überwindet Grenzen, reißt Mauern
nieder und kann selbst Feinde
zu Freunden werden lassen, wie unser Beispiel zeigt.
Ein
starker Glaube fördert
alle guten Eigenschaften zu Tage und hilft uns in unserm Leben
erstaunliches zu tun und allem voran anderen Menschen mit Liebe zu
begegnen. „Denn die Liebe
erträgt alles, glaubt alles,
hofft alles und duldet alles,“ wie Paulus es
ausdrückt.
Niemand,
der diese Liebe in sich spürt, wird anderen
Menschen Leid zufügen können. Ganz egal, welchem
Glauben er anhängt. Der 11.
September 2001 ist ein Zeichen für das Fehlen dieser Liebe.
Ebenso die im
Gefolge der Anschläge geführten Kriege in Afghanistan
und im Irak. Aicha und
Phyllis leben es vor, als würden beide Jesus als Vorbild
haben. Sie haben im
gemeinsamen Tränenmeer neue Wurzeln gefunden, die ihrem Leben
Nahrung geben. In
Jeder von ihnen lebt ein starker Glaube an die Liebe. Und sie zeigen es
in
ihrem aufeinander zugehen, indem sie einander kennen und verstehen
lernen und
ihn so zu einem Menschen machen, der ihre Liebe braucht und
vor dem Gottes
Liebe nicht Halt macht. Dieses Beispiel hat unsere Welt gerade in
Zeiten
wachsender Terrorangst nötig. Und es stärkt unseren
Glauben. Den Glauben an
einen Gott, der selbst die Liebe ist.
Und
so gibt es für jeden unter uns etwas, das er, das sie mit der
Kraft des
Glaubens bewegen kann. Fangen wir einmal damit an, unsere Sorgensteine
an einen
anderen Ort zu legen, sie von uns wegzutragen. Symbolisch
können wir dies jetzt
tun, indem wir den Stein, den wir am Eingang bekommen haben vor der
Osterkerze
ablegen. Sie, die für unsere Hoffnung brennt, dass am
Ostermorgen Jesus etwas
Unglaubliches und doch Wahres bewirkt hat. Den Sieg über den
Tod, den Sieg über
den Zweifel und Neues Leben von IHM geschaffen und uns geschenkt wurde.
Amen.