„Krankheit ist der Anruf der Wahrheit an uns.“

Liebe Gemeinde,
als ich in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst auf diesen Satz des katholischen Lyrikers Reinhold Schneider stieß, war mir sofort klar: dies ist der richtige Satz, um eine Predigt am Weltalzheimertag zu beginnen. Gerade im Umgang mit Krankheit werden wir aufgefordert, wahrhaftig über unser Leben nachzudenken. Solange es uns gut geht und wir gesund und munter sind, neigen wir dazu, über vieles hinweg zugehen. Über uns selbst und unser ganz persönliches Leben nachzudenken, fällt uns in glücklichen Zeiten kaum ein. Diese Art des Nachdenkens erlauben wir uns allenfalls am Jahreswechsel oder an unserem Geburtstag. Immer dann aber, wenn wir ernstlich erkranken oder dies jemandem in unserer Familie widerfährt, kommen wir um das Nachdenken nicht mehr herum. Schönreden oder beschwichtigen nützt nicht mehr. Kein Ausweichen ist möglich, wir müssen uns den Gegebenheiten stellen. Und dies gilt für die Kranken, wie für ihre Angehörigen gleichermaßen, obwohl ihre Fragen unterschiedlich sind. Die Kranken selbst werden sich mehr mit den Fragen des „warum“ und „wohin“ beschäftigen. Angehörige müssen sich die Frage stellen: „Wie pflege und betreue ich am besten den mir nahestehenden Menschen? Was ist nötig? Was traue ich mir zu? Schaffe ich dies allein?“ Und falls nicht: „An wen kann ich mich wenden, woher bekomme ich Unterstützung?“ Darüber hinaus müssen sie lernen zu akzeptieren, dass die ihnen Nahestehenden sich durch die Krankheit verändern, und sich unter Umständen von ihnen zurückziehen. Dies ist nun wahrhaftig nichts Neues unter der Sonne! Schon zu Lebzeiten Jesu war das so! Doch kam eines erschwerend hinzu: Krankheit galt als Strafe Gottes. In ganz besonderem Maße galt das für die Krankheit Lepra.
Dies verdeutlicht uns eine Geschichte aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums. Ich lese die Verse 11 - 19.

11 Auf dem Weg nach Jerusalem wanderte Jesus mitten durch Samarien und Galiläa.
12 Am Eingang eines Dorfes kamen ihm zehn Leprakranke entgegen. In einiger Entfernung blieben sie stehen
13 und riefen: „Jesus, guter Meister, hab Erbarmen mit uns.“
14 Als Jesus sie sah, rief er ihnen zu: „Auf, zeigt euch den Priestern zur Gesundheitskontrolle!“ Auf dem Weg dorthin verschwand der Aussatz, und sie wurden rein.
15 Einer von ihnen machte, als er seine Heilung bemerkte, kehrt und ging, Gott aus vollem Halse lobend, zu Jesus zurück.
16 Er fiel ihm zu Füßen und dankte ihm. Er war übrigens Samaritaner.
17 Jesus fragte verwundert: „Wurden nicht zehn Menschen rein? Wo sind die übrigen neun?
18 War wirklich nur dieser eine, ein Ausländer, bereit, zurückzukehren und Gott die Ehre zu geben?“
19 und zu dem Geheilten sagte er: „Geh nur, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“

Liebe Gemeinde,
wir leben in einem Land, das keine Leprakranken mehr kennt. Dennoch kennen auch wir viele Kranke, denen es so ähnlich geht, wie den Leprakranken zur Zeit Jesu. Diese wurden aufgefordert ihre Familien und Häuser zu verlassen, um außerhalb ihres Wohnortes - meist in Höhlen - zu leben. Das Leben um sie herum spielte sich ohne sie ab. Ich denke, sie fühlten sich schon zu Lebzeiten so manchen Tag wie gestorben!
Ohne Kontakt zur Außenwelt, ganz auf sich gestellt und abhängig von Menschen, die ihnen Nahrungsmittel an den Eingang ihrer Behausungen stellten. Dennoch lebte in manchen von ihnen – wie es unser Text auch beschreibt – immer noch ein Keim der Hoffnung auf Veränderung ihrer Situation, sowie Hoffnung auf Heilung. Diese setzte Energie frei, sich auf den Weg zu machen, um Rettung zu finden.
So ist es verständlich, dass diese zehn Kranken sich an den wenden, von dem sie Wunderbares gehört hatten. Mit der Erwartung, Jesus würde sich als Heiler erweisen, sprachen sie ihn an: „Jesus, guter Meister, hab Erbarmen mit uns.“
Doch weit gefehlt! Kein Heilungsspruch, keine Handauflegung! Auch keine Schuldzuweisung! Stattdessen ist Jesu Antwort knapp und präzise: „Auf, zeigt euch den Priestern zur Gesundheitskontrolle!“
Es oblag zur Zeit Jesu den Priestern, Menschen für gesund zu befinden. Nur ein Priester konnte einem Aussätzigen wieder ermöglichen, in die Lebensgemeinschaft des Volkes zurückzukehren.
Dass die Aussätzigen dem Befehl Jesu Folge leisten zeigt, dass sie IHM und seiner Vollmacht vertrauen. Und auf dem Weg zum Priester - nicht vorher -merkten die Kranken, dass sie von ihrem Aussatz befreit worden waren. Doch nur einer von 10 - ein Ausländer - kehrt zurück, um für seine Heilung zu danken. Er gehörte nicht zum Volk Jesu, sondern war als Samaritaner stets ein Außenseiter unter den Israeliten, auch vor seiner Krankheit. Doch vielleicht hilft ihm gerade sein „nicht dazu gehören“, um Jesus mit Gott in Verbindung zu bringen. Er sieht also in Jesus nicht nur einen Wundertäter, sondern erkennt, dass Gott durch Jesus Heil bewirkt.
Ich bin sicher, auch die anderen Neun waren dankbar! Doch vielleicht hielten sie als Angehörige des Volkes Israel den Dank dem Rabbi Jesus gegenüber für nicht so wichtig. Schließlich würden sie doch im Tempel Gott opfern und danken. Warum also umkehren?
Gerade dies aber macht mich nachdenklich. Nehmen wir, die wir uns zu Gott zugehörig wissen, unsere Möglichkeiten, unsere Freiheit, ja auch unsere Gesundheit nicht zu selbstverständlich als gegeben hin? Was können wir also heute morgen, am Weltalzheimertag, aus dieser Geschichte lernen? Vielleicht sollten wir uns unter anderem fragen, welche Perspektiven den Betroffenen und ihren Angehörigen zur Verfügung stehen und was diese Krankheit für sie bedeutet.
Ich sehe viele Parallelen, zwischen diesen Kranken und den Leprakranken zur Zeit Jesu. Denn aus unserer Unwissenheit, Unsicherheit und Angst heraus, vermeiden wir, wenn es geht, sowohl den Umgang mit den Demenzkranken, wie auch mit ihren Angehörigen. Natürlich müssen diese nicht in Höhlen leben, doch grenzen wir sie auf andere Art und Weise aus.
Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich möchte keine Anklage erheben, doch in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst ist mir Verschiedenes eingefallen, was unser Nachdenken vertiefen kann. Ich komme gerade aus meinem Urlaub, den ich in der Toskana verbrachte. Mein Urlaubsdomizil befand sich in einem kleinen Dorf, fern ab jeder Großstadt. Und es fiel mir auf, dass in diesem Dorf die Alten, Kranken, ja auch die Verwirrten ihren Platz mitten in der Lebensgemeinschaft ihres Dorfes behalten haben. Sie gehörten einfach zum Alltag des Dorfes dazu. Sie saßen an den bestimmten Treffpunkten der Dorfbewohner, oder liefen einfach ihre eigenen Wege. Dabei fiel mir ein, dass dies bei uns früher ja auch so gewesen ist. Die Alzheimer Krankheit gibt es bestimmt schon länger, als wir sie mit Namen benennen. Doch unsere Gesellschaft hat sich verändert. Wir sind mit so vielem beschäftigt, dass wir froh sind, wenn wir Alte und Kranke in entsprechenden Institutionen versorgt wissen und wir nicht gezwungen sind, an unserem Alltag irgendwelche Veränderungen vornehmen zu müssen. Ich weiß nicht, ob früher, als das Leben noch etwas gemächlicher vonstatten ging, nicht manche Alterungsprozesse, zu denen sicher auch die Demenzkrankheit gehört, nicht einfacher in das Leben integriert werden konnten. Je älter die Menschen wurden, umso rücksichtsvoller und pfleglicher wurde ihnen begegnet. In dem Maße aber, in dem sich unsere Gesellschaft veränderte, passten Alte und Kranke nicht mehr in den Alltag hinein. Heutzutage fehlt es uns offensichtlich an Zeit und Möglichkeiten, uns intensiver um sie zu kümmern. Diejenigen, die keine andere Wahl haben, als ihre Lieben in ein Heim zu geben, bleiben oft mit einem schlechten Gewissen zurück. Doch statt sich mit Schuldgefühlen zu plagen, sollten sie bedenken, dass jeder nur so viel leisten kann, wie es ihm in seiner Lebenssituation möglich ist. Andere pflegen mit viel Hingabe und Liebe aufopferungsvoll ihre Angehörigen und fühlen sich oft genug mit ihrem Schicksal allein gelassen.
Wir Außenstehenden sind bei alledem nach geradezu sprachlos, hilflos und weichen deshalb einer Begegnung mit ihnen oft genug aus.
Liebe Gemeinde,
Jesus hat uns großartige Verheißungen gegeben. Er verheißt uns größere Werke zu tun als er. Ja, er sendet uns in die Welt, um jedem Menschen die frohe Botschaft Gottes weiterzusagen. Wir sind beauftragt, den Menschen um uns herum Licht, Liebe, Geborgenheit und Sicherheit von Gott her zu schenken. So sind wir auch beauftragt, unsere Gesellschaftsform zu hinterfragen und Begegnungen mit Kranken nicht auszuweichen, sondern ihnen und ihren Angehörigen Mut zum Leben mit der Krankheit zu machen. Kranke und ihre Familien müssen in uns Ansprechpartner finden, zu denen sie jederzeit kommen können. Als Gemeinde sind wir aufgefordert, gerade dabei Zeichen zu setzen.
Wenn wir uns mit Jesus verbinden, dann werden wir unsere Gaben ganz individuell entdecken und einsetzen. Wir werden unsere Angst und Unsicherheit mit Hilfe des Geistes Gottes überwinden. Der Geist Gottes wird uns mit Liebe und Fantasie begaben und zuversichtlich auf die Menschen zugehen lassen. Er wird in uns Heilungskräfte in Gang setzen können, von denen wir nicht ahnen, dass sie in uns schlummern. Ja, wir werden Menschen Heilung bringen, wenn auch nicht immer so, wie es die zehn Leprakranken in unserem Text erfahren haben. Wir können viel dazu beitragen, dass die Menschen in ihrer Seele gesunden.
Suchen wir die Begegnung mit Alten und Kranken, so werden wir von ihnen meistens beschenkt. Gerade von den Menschen, die abseits unseres Alltages versuchen ihr Leben und oft genug auch ihre Krankheit in den Griff zu bekommen, können wir lernen was Dankbarkeit heißt. Ich selbst habe es unter Leprakranken in den siebziger Jahren erlebt! Sie strahlten bei der Begegnung so viel Dankbarkeit aus, wie ich es bis auf den heutigen Tag nie mehr erlebt habe. Für mich oft unverständlich lag in ihren Blicken Heiterkeit, ja Glück. Deshalb glaube ich zutiefst, dass wir in der Begegnung mit Kranken, und auch mit Demenzkranken, ganz neu etwas über das Geheimnis des Lebensglücks lernen können! Wir können uns durch das Vorbild Jesu ermutigen lassen, um die Isolation der Alten und Kranken zu beenden! Wir können sie - in ihrer Seele, in ihrem Innersten – heilen, indem wir sie wieder in unser Leben integrieren! Dadurch zeigen wir, dass wir zu Jesus gehören und seine Werke tun! Ich glaube, dass wir gewinnen und selbst beschenkt werden, wenn wir uns auf den Weg machen, auch Demenzkranke zu besuchen. Wir können in unserer Zeit als Kinder Gottes ein Zeichen setzen. Vielleicht ermöglichen wir einmal einem Angehörigen einen Tag frei zu nehmen! Oder wir besuchen einen Demenzkranken und machen mit ihm Musik, oder lesen ihm etwas vor. Wagen wir es doch, aufeinander zu zugehen, ohne zu fragen, ob alles verstanden wird, was wir tun.
Dann zeigen auch wir, dass wir Krankheit als Anruf der Wahrheit an uns begreifen.
Amen.

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