»Man muss an Gott glauben, wenn man den Glauben an die verborgene Zukunft des Menschengeschlechts nicht verlieren soll«.
Liebe Gemeinde,
diesen Satz prägte der deutsche Philologe, Pädagoge und Religionsphilosoph Georg Picht in einer Rede zum Volkstrauertag, als er darlegte, dass sich Hoffnung für die Menschheit angesichts der Dummheit, Gier und Barbarei nach den vergangenen Schrecken des 2. Weltkrieges erfahrungsgemäß nicht begründen ließe.
Somit reicht die Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit nicht aus, um die richtige Einstellung für die Zukunft zu finden. So stellt sich die Frage, woraus wir also die Hoffnung in die Zukunft begründen! Als Christen sind wir aufgerufen, Menschen zu ermutigen, an Gott zu glauben: an seine Liebe, welche die Hoffnung nicht sterben lässt und zum gerechten Tun hilft. Dies gilt für alle Aufgaben - auch im Umgang mit Geld, und hier im Bereich der Wirtschaft genauso wie im persönlichen Gebrauch!
Vielleicht hilft uns das für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Gleichnis Jesu, eine Antwort zu finden. Oberflächlich betrachtet ist es eine merkwürdige Geschichte, die uns Lukas in seinem Evangelium berichtet.
Ich lese im 16. Kapitel die Verse 1 – 8:
1 Jesus sagte zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter angestellt. Als ihm hinterbracht wurde, der Verwalter verschleudere seinen Besitz,
2 rief er ihn zu sich und fuhr ihn an: Was muss ich da über dich hören! Sobald du die Abschlussbilanz erstellt hast, bist du entlassen!
3 Da fragte sich der Verwalter: Was soll ich nur machen? Mein Herrn hat mir gekündigt, zur Feldarbeit bin ich zu ungeschickt, zu betteln schäme ich mich.
4 Doch halt - ich habe eine Idee. Ich will sicherstellen, dass es Leute gibt, die mich in ihr Haus aufnehmen, wenn ich hier entlassen bin.
5 Er rief die Schuldner seines Herrn alle nacheinander zu sich und fragte den ersten: Wie viel schuldest du meinem Herrn?
6 Der antwortete: Hundert Fass Öl. Der Verwalter wies ihn an: Nimm deine Schuldurkunde und schreib: Ich schulde «fünfzig» Maßkrüge Öl. Und unterschreib es mit deinem Namen.
7 Dann fragte er den nächsten: Wie viel schuldest du meinem Herrn? Er erwiderte: Hundert Sack Weizen. Der Verwalter wies ihn an: Nimm deine Schuldurkunde und schreib: Ich schulde «achtzig» Sack Weizen.
8 Da lobte der Herr den Verwalter, denn obwohl die Anstiftung zur Urkundenfälschung ein Vergehen war, hatte er nicht dumm gehandelt. Die Weltkinder sind im Umgang miteinander oft klug, die Gottes- oder Lichtkinder sind dumm im Vergleich dazu.
Auf den ersten Blick ist dieses Gleichnis ein Ärgernis in unseren Augen. Denn wird uns hier nicht ein Mensch als Vorbild vor Augen gestellt, der manches tut, was wir gerade in den letzten Jahren immer wieder als unmoralisch angeprangert haben?
Dem Verwalter, der beschuldigt wurde, das Vermögen seines reichen Herrn mit großem Grundbesitz zu verschleudern, steht das Wasser bis zum Hals. Zukunftsaussichten gleich null, sein bisheriger Lebenstandart so nicht zu halten. Doch statt die Hoffnung auf eine gute Zukunft zu begraben, treten plötzlich Eigenschaften zu Tage, die ganz dem Ziel verpflichtet sind, Schaden von sich selbst fernzuhalten. Er wägt nüchtern ab, handelt dann erfindungsreich und entschlossen. Durch sein Verhalten - abändern der Schuldscheine und Teilerlass der Schulden zum Schaden seines Herrn - vermeidet er eine für ihn nicht denkbare Arbeit und - den Bettelstab. Ja, er sorgt für seine materiell abgesicherte Zukunft klug und entschlossen vor, wenn auch moralisch fraglich und der für seinen Herrn entstandene Schaden beträchtlich!
Jetzt stellt sich die Frage, warum dieser Mann gelobt wird. Jesus erzählt diese Geschichte sicher nicht, um zu zweifelhaftem Verhalten zu ermuntern. Nein, wie im vorausgehenden Gleichnis vom verlorenen Sohn, kommt es ihm offenbar auf die Selbstreflexion des Verwalters an. Denn im Gegensatz zur seiner eingangs geschilderten passiven Haltung, wird der Verwalter zunächst in Gedanken, dann in seinem Handeln aktiv. Was der Verwalter bisher vermissen ließ, tritt nun zu Tage: Entschlossenes Handeln! Als der für die Wirtschaftlichkeit Verantwortliche ist er berechtigt Schulden zu erlassen, doch nutzt er diesen Vorteil in erster Linie für sich selbst, wenn auch der Schuldner davon mit profitiert. Er ergibt sich nicht einfach tatenlos, dem drohenden Unheil, sondern kämpft gegen das scheinbar Unvermeidliche an. Hätte er diese von ihm als Verwalter, geforderte Entschlossenheit vorher gehabt, hätte er seinem Herrn wahrscheinlich zu hohem Gewinn verholfen!! Erst als es ihm selbst an den Kragen geht, entdeckt er seine Talente.
Handeln zum eigenen Vorteil kennen wir bis heute zur Genüge! Denken wir nur an den Fall Mannesmann, bei dem unglaublich hohe Abfindungen, über deren Rechtmäßigkeit bis heute gestritten wird, genehmigt wurden. Die Angeklagten alles andere als kleinlaut! Im Gegenteil, mit dem V-Zeichen verspottete ein Manager das Gericht noch vor der Verhandlung! – Würde, unserer Erzählung zufolge, es auch dazu heißen: Und der Herr lobte die geschickten Manager, die so klug für die eigene Zukunft gesorgt haben? Warum aber erzählt uns Jesus dieses Gleichnis dann? Und warum ist uns diese Geschichte ausgerechnet am Volkstrauertag zur Auslegung empfohlen?
Eine endgültige, über alle Zweifel erhabene Antwort ist sicher nicht zu finden, doch eines scheint deutlich: Entschlossenes, aktives Handeln wendet Unheil ab und eröffnet neues Leben. Durch dieses Gleichnis verdeutlicht Jesus, dass Gott uns immer wieder Gelegenheiten schenkt, durch die wir drohendes Unheil abwenden können. Diese gilt es zu erkennen, damit in unserem Tun das Reich Gottes aufleuchtet. Zu Beginn der dunklen Jahreszeit sind wir sozusagen aufgerufen, das Licht Gottes zu entzünden. Unsere Vergangenheit nicht ruhen zu lassen, sondern aus ihr eine Lehre zu ziehen. Wir können nicht rückwärts gewandt leben, sondern müssen nach vorn sehen, um mutig, klug und entschlossenen - angesichts der Nähe des Reiches Gottes – Entscheidungen zu treffen, die Versöhnung in die Welt, in unsere eigene kleine, und die große Welt um uns herum zu bringen. Jesus fordert uns mit seiner Botschaft heraus. – Er nennt uns »Kinder des Lichts« und erwartet, dass wir mit unseren Talenten sinnvoll umgehen, und diese zur Förderung des Lebens und im Umgang mit unseren Mitmenschen anzuwenden.
In jeder Lebenssituation gilt es mutige und entschlossene Schritte zu wagen. Es gibt immer eine Möglichkeit drohendes Unheil abzuwenden. Wir müssen sie nur nutzen!!
Das gilt für den Verwalter unserer Geschichte, wie für die Menschen, die während des Krieges Mut und Entschlossenheit bewiesen haben, indem sie ihrem Gewissen gefolgt sind und Menschen vor dem drohenden Unheil bewahrt haben. Denken wir nur an diejenigen, die Verfolgte versteckt, mit Hungernden ihre Lebensmittelrationen geteilt haben, oder im entscheidenden Moment daneben geschossen haben. All diese Taten waren für den Neuanfang nach dem Krieg sehr bedeutsam. So sind auch wir in unserer Zeit herausgefordert mit Zivilcourage zu handeln, und dadurch manches Unheil um uns herum abzuwenden.
Lernt von den korrupten, unmoralischen Reichen und den Erfolgreichen dieser Welt – die nüchterne, zupackende Entschlossenheit! Doch ahmt deren moralisch problematisches Verhalten nicht nach, sondern erweist euch als Kinder des Lichts! Jesu Ruf in seine Nachfolge gilt bis heute. Denn auch im Reich Gottes braucht es eine zupackende Entschlossenheit! Deshalb sind wir aufgerufen, uns grundsätzlich zu entscheiden, ob wir mit Jesus in die Zukunft ziehen oder zurückbleiben wollen. Gehen wir aber mit Jesus mit, dann werden wir »an Gott glauben« und damit »den Glauben an die verborgene Zukunft des Menschengeschlechts nicht verlieren«. Ja, dann wird aus unserer Erinnerung und Trauer am heutigen Tag - ein Gebet der Hoffnung und ein Lied der Freude über unsere Erlösung und Befreiung aus der Not des letzten Krieges. – Und damit zünden wir – mitten in der Dunkelheit – ein Licht der Liebe, der Freude und des Friedens an, das die Herzen der Menschen erreicht und ihre Augen leuchten lässt.
Amen.