Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben; ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben."
Liebe Gemeinde,
wo sollten wir in dieser heiligen Nacht wohl sonst hingehen, als zur Krippe des Kindes, dessen Geburtstag wir heute feiern? Wo anders, als gerade hier wäre wohl unser Platz? Wir wollen dieses Kind in der Krippe ansehen - um dann mit Paul Gerhardt sagen zu können: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ Den Gedanken, die dabei in uns aufsteigen wollen wir Raum geben, um alles Heil, das von diesem Kind ausgeht in uns aufzunehmen.
Es ist etwas besonderes an dieser heiligen Nacht. Das spüren wir, sind deshalb aus unseren Wohnungen herausgekommen, um miteinander innezuhalten und - wenn es gelingt - innerlich still zu werden und dem innersten Geheimnis von Weihnachten auf die Spur zu kommen. Wir kommen innerlich bewegt zusammen, mit einer Fülle an Eindrücken und Gefühlen, die sich besonders an diesem Abend, in uns wieder Bahn brechen konnten. Jedes Jahr auf‘s Neue sind es die schönsten, wie auch problematischsten Empfindungen, die dieser Abend in uns auslöst.
Doch jetzt wollen wir vor der Krippe still werden und den Blick auf das Jesuskind wagen. Es ist für uns geboren worden - diese Himmelsnachricht klingt in Worten und Musik in uns nach! Wenn es gelingt kommt uns die eigentliche Bedeutung dieser Nacht in ihrer Botschaft nah. Es gilt also mit neuer Erwartung auf das Kind zu blicken. Dieses Kind, das in uns immer wieder neu geboren werden will. Wir wollen uns von den Texten des wunderbaren Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt, das Johann Sebastian Bach in unvergleichlicher Weise vertont hat leiten, ja begleiten lassen.
Wollen den Worten dieses Liedes nachdenken und Klängen Messians lauschen, der „Blicke auf das Jesuskind“ in die Sprache der Musik eingefangen hat. Vielleicht können wir dadurch selbst neue Blicke auf das Kind in der Krippe werfen und zur inneren Ruhe gelangen, die wir nach diesem Tag und all den Eindrücken des Heiligen Abends ersehnen.
Dann kann das Wunder geschehen, daß wir dem Kind das bringen und schenken, was es uns selbst gegeben hat.
Geist und Sinn, Herz, Seele und Mut, all dies soll dem Kind wohlgefallen und von ihm angenommen werden.
Auf diese Weise kann sich mein Blick, unser Blick dem Kinde nähern, damit unser Herz, wie Bach es im Weihnachtsoratorium singen läßt, dies „selige Wunder, fest in seinem Glauben einschließen kann!“ Wir ersehnen doch, daß sich dieses Wunder der Geburt Jesu, dieses herausragende göttliche Wirken, in uns als „Stärkung unseres schwachen Glaubens erweisen kann!“
Denn nur so können wir dem Kind in der Krippe Lieder singen, die unser eigenes Herz stärken und erfreuen. Lieder, die uns in die Ruhe des schlafenden Kindes mit hineinnehmen, so daß wir selbst ruhig werden. Ruhig wie eine Mutter, die sich beim Singen eines Wiegenliedes, das ihr Kind zur Ruhe bringt, selbst innerlich beruhigt. Dann sitzt sie nur noch da und schaut voller Liebe auf ihr Kind. Während ihr Blick auf ihrem Kind ruht, zieht ihr eigenes Leben an ihr vorüber. Sie denkt an die Hoffnungen, die sie als Kind bei ihren Eltern geweckt hat und hofft nun ihrerseits für ihr eigenes Kind, daß sich dessen Leben erfüllt. Denn ein Neugeborenes birgt in sich noch alle Hoffnungen, daß sich all das, was ihm „in die Wiege gelegt ist“, auch erfüllen kann und wird.
Wieviel mehr gilt dies für den Gottessohn Jesus! Er liegt in der Krippe. Maria, seine Mutter sieht ihn an und singt: „Schlafe mein Liebster, genieße deinen Schlummer!“ Noch liegt eine Seligkeit in seinem Kindesschlaf, die ihn für seine späteren Aufgaben stärkt. Doch Maria ahnt im Ansehen Jesu, daß ER eines Tages erwachen wird, um sich als Retter für das Heil aller Menschen zu erweisen. Und offenbar spürte, wer auch immer das Kind betrachtete, etwas von diesem göttlichen Geheimnis. Jesus hatte als Kind bereits eine Ausstrahlung, die die Menschen seiner Zeit verwandelte. Die einen in Anbeter - Hirten, Sterndeuter - andere in erbitterte Gegner - allen voran Herodes, der aus lauter Angst um seine Machtposition alle männlichen Säuglinge Bethlehems töten läßt.
Doch noch herrscht Frieden -
im Stall zu Bethlehem schläft das Kind und Maria schließt ihr Ahnen dieses „seligen Wunders“ tief in ihr Herz ein, wo sie die Worte Gabriels seit seiner Verkündigung bewegt. -
Doch nicht nur Maria soll etwas von der Bedeutung seiner Geburt erfassen. Nein, die Engel bringen diese frohe Botschaft den Menschen und hier als erstes den Hirten. Wie das Volk, zu dem sie gehörten, war ihnen die Verheißung des Messias durch die Propheten vertraut. Immer wieder wurden die uralten Verheißungen ja von den Schriftgelehrten gelesen und gedeutet. Deshalb wollen sie sich überzeugen, ob sie die Botschaft der Engel richtig verstanden und gedeutet haben. So ist es kein Wunder, daß sie sich aufmachen, loseilen und letztlich atemlos vor der Krippe ankommen. Sie kommen nicht gemessenen Schrittes, wie die Sterndeuter wenige Wochen nach ihnen. Nein, sie lassen alles stehen und eilen zur Krippe. Sie können nicht fassen, was ihnen verkündet wurde und als sie das Kind finden, brechen sie voller Freude in Jubel aus und beten es an. All dies klingt in Messiaens „Blick der Propheten, Hirten und Magier“ auf. Er nimmt uns hinein in dies ungeheu‘re Geschehen, drückt diese Freude in den Klängen aus. Seine Musik überschreibt Messiaen selbst mit folgenden Worten: „Exotische Musik, Tam-Tam und Oboen, ja lautes und näselndes Konzert“
Olivier Messiaen: „Blick der Propheten, Hirten und Magier“.
Welch eine Freude, sprühende Lebenslust klingt da auf. Wir hören und staunen. Auch wenn diese Musik fremd für unsere Ohren klingt. Sie läßt etwas von den Freudensäußerungen der Menschen zur Zeit Jesu hören, wie sie damals wohl „an der Tagesordnung war“! Jetzt kann unser Blick die Schönheit des Kindes wahrnehmen. Ja, wir spüren, es ist uns nicht möglich, den Sohn Gottes zu fassen, selbst wenn, wie es Paul Gerhardt ausdrückt, „mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer...“
Und wir fühlen, der Himmel hat sich mit dem Geschenk des Gottessohnes der Erde zugeneigt. Es ist ein unbeschreibliches, großartiges Ereignis und bleibt dennoch Geheimnis. Ja, wir können mit Joseph von Eichendorff sprechen:
„Es war, als hätt' der Himmel, die Erde still geküßt, daß sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müßt'!
Die Luft ging durch die Felder, die Ähren wogten sacht, es rauschten leis die Wälder, so sternklar war die Nacht.
Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.“
Ist es nicht genauso? Haben wir nicht das Gefühl, als wäre unsere Seele „zu Hause“ angekommen, wenn wir das Kind in der Krippe betrachten? Dieses Kind bietet uns Heimat an und schenkt uns das Gefühl von Geborgenheit schon allein, indem wir es betrachten. -
Nur unendliche Liebe kann dies Wundersame überhaupt geschehen lassen! Liebe, die sich verströmt, ohne Gegenliebe zu erwarten.
Wie beantwortet die Welt nun diesen „Himmelskuß“? Bei der Geburt bekommt das Kind von der Welt „Heu und Stroh statt Samt, Seide und Purpur, die ihm eigentlich zustünden!“ Welch ein Kontrast! Worte aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums greifen diesen Kontrast mit den Worten auf: „Er kam in die Welt, doch seine eigenen Menschen nahmen ihn nicht an.“
Im ansehen des Kindes ahnen wir was dies für den Gottessohn heißt, was Jesus mit seiner Menschwerdung akzeptierte. Ja, er fragt nicht nach „Lust der Welt“ noch nach „Leibes Freuden“, sondern er hat sich bei uns eingestellt, um an unsrer Stelle zu leiden.“ Ja noch mehr: Das Kind sucht „meiner Seele Herrlichkeit“ und nimmt dabei „eigene Armseligkeit“ in Kauf.
Unsere Antwort darauf kann und soll heißen: „Das will ich dir nicht wehren.“ Nein, nicht nur nicht verwehren, sondern ich will meine Herzenstür weit aufmachen, damit ich die Bitte der letzten Liedstrophe beten kann: „Jesus, mein Retter, ich hoffe, du wirst mir, nicht versagen: daß ich dich immer in, bei und an mir trage. Dich und all deine Freuden.“ Und Jesus will es jeden Tag aufs Neue tun, so wir denn bereit sind und bleiben.
So kann es geschehen und wahr werden, daß dieses Kind, in uns neu geboren wird und wir von seinem Leben in uns erfüllt auf die Menschen zugehen, die mit uns auf dem Wege sind. Genauso unvollkommen wie wir, aber wohl auch voller Sehnsucht nach dem Leben, das unseren Durst stillen kann und uns mit der Freude des Himmels beschenkt, wenn der „Blick der Höhen“ auf das Kind fällt. Wenn die himmlischen Heerscharen ihr „Ehre sei Gott in der Höhe“ anstimmen. Wenn sich der Himmel der Erde zuneigt, die Engel zur Krippe herabsteigen dann klingt es für uns Menschen - so überschreibt Messiaen seinen „Blick der Höhen“ - „wie der Vogelgesang einer Lerche, einer Nachtigall, Amsel, Grasmücke, Buchfink, Distelfink und wie sie alle heißen. Allen voran aber wie der Gesang einer Lerche.“
Wenn wir diese Klänge jetzt hören - vielleicht entsteht dann in unserer Seele der himmlische Gesang der Engel.
Olivier Messiaen: „Blick der Höhen“
Amen
Welch ein Ahnen steigt in diesen Worten auf!