Liebe Gemeinde,
»Womit habe ich das
verdient«, fragt der Krebskranke, nachdem sein Arzt ihm die Diagnose mitgeteilt
hat.
»Womit haben wir das
verdient«, fragen sich Eltern nach der Geburt ihres schwerstbehinderten Kindes.
»Womit habe ich das
verdient«, fragt sich die junge Frau, die nach einem schweren Verkehrsunfall,
den ein alkoholisierter Fahrer verursacht hat, querschnittsgelähmt im
Krankenhaus erwacht.
»Womit habe ich das
verdient«, diese Frage wird tagtäglich von vielen Menschen bei Krankheit, oder
anderen Schicksalsschlägen gestellt.
Doch wer stellt sich
die Frage »Womit habe ich das verdient«, wenn es ihm gut geht. Wohl kaum einer!
Solche Erlebnisse nehmen wir offenbar selbstverständlicher hin, und stellen uns
diesbezüglich keine Fragen. Warum aber? Können wir uns demnach Positives nicht
verdienen? Wie aber kommen wir überhaupt dazu solche Fragen zu stellen, wann
immer wir unser Befinden negativ einstufen? Sind diese bewusster oder
unbewusster Ausdruck unseres Gewissens das uns nicht zur Ruhe kommen lässt?
Entstehen sie, weil wir der Ansicht sind, dass sich unser Tun direkt auf unser
Ergehen auswirkt? Oder ist dieses Denken längst überholt.
Eines jedenfalls steht
fest: Solche Gedanken sind so alt, wie die Menschheit selbst, was eine
Geschichte im Evangelium
nach Johannes verdeutlicht.
Ich lese im 9. Kapitel die Verse 1 – 9:
1 Und im Vorübergehen sah
er einen Menschen, der von Geburt an blind war.
2 Und seine Jüngerinnen
und Jünger fragten ihn und sagten: Rabbi, wer hat Unrecht getan: Dieser oder
seine Eltern, dass er blind geboren wurde?
3 Jesus antwortete: Weder
hat dieser Unrecht getan noch seine Eltern, sondern die Werke Gottes sollen an
ihm offenbar werden.
4 Wir müssen die Werke
Gottes ausführen, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, wo niemand sie
ausführen kann.
5 Wenn ich in
der Welt bin, bin ich Licht der Welt.
6 Als er das gesagt
hatte, spuckte er auf die Erde und machte einen Brei aus der Spucke und strich
ihm den Brei auf die Augen
7 und sagte zu ihm: Geh,
wasche dich im Teich Schiloach - was übersetzt „Gesandter“ heißt. - Und er ging und wusch sich und kam sehend
zurück.
8 Die Nachbarschaft nun und die, die ihn
früher gesehen hatten, als er bettelte, sagten: »Ist dieser nicht der, der
dasaß und bettelte?«
9 Einige sagten: »Er ist es«. Andere
sagten: »Nein, aber er ist ihm ähnlich«. Jener sagte: »Ich bin es.«
Liebe Gemeinde,
»Womit hat er das verdient«,
diese Frage stellen auch die Schüler Jesu an ihren Rabbi! Denn für sie ist das Augenlicht die Schöpfungsgabe schlechthin und verbindet den Menschen
mit seinem Schöpfer. Wer nicht sieht, ist nach alttestamentlicher Vorstellung
von seinem Schöpfer getrennt. Und in diesem Fall sehen sie ihn seit seiner
Geburt als einen Menschen, der von Gott getrennt ist.
Umso erstaunlicher ist es, dass Jesus selbst ihn
ganz anders sieht und genau diesen, »von Geburt an« armseligen Menschen ins
Auge fasst. Diesen Menschen, der für sich selbst, seine Familie und die
Gesellschaft ein Problem wurde! Jesus geht im Vorübergehen nicht vorbei. Er
sieht den Blindgeborenen. Und Jesus sieht diesen Menschen nicht als Produkt
seiner Herkunft und seiner Schuld, sondern als den Menschen, mit dem Gott noch
etwas vorhat und dem Gott noch eine ganz andere Sicht seines Lebens erschließen
wird. Nur Gott selbst, das wird in Jesu Handeln deutlich, kann einem solchen
Menschen helfen. Indem Jesus dem Blindgeborenen das Augenlicht gibt, tut er,
was nur der Schöpfer und der von ihm gesandte messianische Heilsbringer tun
kann. Jesu Handeln identifiziert IHN selbst als denjenigen, der mit dem
Schöpfer, dessen Werk er tut eins ist. So weist das Wunder der Blindenheilung
weit über sich selbst hinaus.
Und in dem Wunder der Heilung zeigt Jesus seinen
Jüngern damals wie heute, dass kein Menschenleben wertlos ist, dass keines
Menschen Unrecht so schwer, so unauflöslich ist, als dass Jesus nicht »Gottes
Werke« an ihm offenbar machen könnte.
Dies
sollten wir für und in unserem Leben buchstabieren und wie der Blindgeborene
sehen lernen. Dieser sah nichts: Keine blühende Blume, keinen Vogel, keinen
Menschen; selbst Jesus nicht. Die Welt lag für ihn im Dunkeln, er selbst lebte
in der Finsternis.
Und
in dieser Finsternis, in der er sich befindet, sieht Jesus auch uns Menschen,
obwohl wir sehen! – Und wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind, so laufen
wir oft genug blind durch unser Leben!
»Bist
Du blind«? Diese Frage wird uns immer dann gestellt, wenn wir etwas, das vor
unserer Nase ist, nicht wahrnehmen. Den Vogel nicht, der auf dem Baum vor uns
sitzt. Die Tränen nicht, die unserem Gegenüber in die Augen schießen, weil wir
ihn unberechtigt beschuldigen. Die stumme Bitte um Vergebung nicht, die in den
Augen derjenigen liegt, die sich schwer tun, uns nach einem Streit wieder die
Hand zu reichen. Wir sehen selektiv, sehen manche und manches nicht! Doch Jesus
will auch an uns ein Wunder tun. Er will uns sozusagen den „Sand aus den Augen reiben!“ Denn »Um überhaupt nur zu sehen, muss man den Sand aus den Augen kriegen,
den die Gegenwart beständig hineinstreut«, wie es Hugo von Hofmannsthal so
trefflich formulierte.
Deshalb heißt es uns selbst kritisch anzusehen, um
den Sand in unseren Augen wahrzunehmen. Und wir müssen in uns hineinzuhören, um
Jesu Stimme in uns zu hören, damit wir wissen, welche Schritte wir selbst tun
müssen.
Und indem wir wahrnehmen, dass »Weder der Blindgeborene, noch
seine Eltern dieses Schicksal durch Schuld verdient haben, sondern die Werke
Gottes an ihm offenbar werden sollen«, zerreißt ein erster
Lichtstrahl die schicksalsschwere Decke, die wir so gerne über uns aufhängen,
wenn unsere Wahrnehmung die Situationen unseres Lebens negativ einstufen.
Liebe Gemeinde, wenn Gott ausgerechnet an dem, der
doch unmöglich zu heilen ist, ein Wunder tut, dann gibt es nichts und niemanden
mehr, an dem nicht ein Gleiches möglich wäre!! Seit dem Moment, da Jesus diesen
Blindgeborenen geheilt hat, gibt es kein nutzloses und kein sinn- und
zweckloses Leben mehr unter der Sonne. Ab diesem Moment kann jeder Mensch
befreit aufatmen, denn sein Leben hat einen Sinn. Ja, die ganze Menschheit
erhält von Gott her in ihrem Sein ihren Sinn! Darin nämlich: »Auf dass die Werke Gottes an ihr
offenbar werden«. Doch es sind Gottes und nicht unsere Werke, die
dieser Welt ihren Sinn verleihen! Auch wenn in jeder Generation neu, um Gottes
Werk herum ein Dorngestrüpp menschlicher Gemeinheiten wächst.
Hat doch Jesus den Strick zwischen unserem Tun und
Ergehen zerrissen. Wer ihm vertraut, verliert den Sand aus seinen Augen, sieht
die Herrlichkeit Jesu und bekennt diesen als »Licht der Welt«.
Und Jesus bezieht uns in sein Wirken ein – auch wenn
wir leider nicht immer mit seinen – für alles Geschehen um uns herum – offenen
Augen umhergehen und somit längst nicht alles wahrnehmen, was wir erkennen
könnten!
Doch der Sohn Gottes lebt durch Seinen Geist in uns
und hilft auch uns, im Vorbeigehen den Leidenden zu sehen. Gottes Geist hilft
uns hier und jetzt die Vergangenheit ruhen zu lassen und das unselige: „Du hast es nicht anders verdient, bist
schuld an deiner Lage,“ endlich aus unserem Wortschatz, aus unseren
Gedanken zu tilgen. Denn der Geist Gottes schenkt uns Jesu Blick und zeigt uns,
dass jeder Leidende und Unglückliche durch den Blick Jesu göttliche Würde
erlangt. Gerade deshalb wird es mehr und mehr unser eigenes Anliegen werden,
das uns Mögliche zu tun, um die Lebensverhältnisse unserer Mitmenschen so zu
verbessern und sie so zu fördern, dass auch ihre Augen das Wirken Gottes in
unserer Welt wahrnehmen, ja erkennen können.