„Wir gehen jeder für sich den schmalen Weg über den Köpfen der Toten – fast ohne Angst – im Takt unsres Herzens, als seien wir beschützt, solange die Liebe nicht aussetzt.“

Liebe Gemeinde,
60 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges, treffen die Gedanken Hilde Domins uns mitten ins Herz.
Wir denken heute an den 8. Mai vor 60 Jahren. Für Millionen Juden, Sinti, Roma und andere Verfolgte kam dieser Tag zu spät. Viele Überlebende feierten ihn als einen Tag der Erlösung und Befreiung aus der Terrorherrschaft des Nationalsozialsozialismus, obwohl unser Land den totalen Zusammenbruch erlebte. Nach und nach wurden die Menschen mit Bildern ungeheuerer Taten konfrontiert, die sie nach und nach erkennen und begreifen mussten. Wir alle bringen heute Morgen unsere Geschichte mit. Viele noch die eigene, durchlittene Geschichte, andere – wie ich selbst – die erlittene Geschichte ihrer Familie.
So sind unsere Gedanken voll unterschiedlicher Bilder, die uns besonders an diesem Tag lebendig vor Augen stehen. Wir denken an unzählige Menschen, die gelitten und ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Und wir denken an den Neubeginn! Wir sehen vor uns die Trümmerfrauen, die die Verwüstungen der Städte beseitigen. Vor unserem inneren Auge stehen einerseits die Soldaten, die innerlich und äußerlich verwundet heimkehren, andererseits die vielen Opfer, die nach überlebenden Angehörigen suchen. Und wir nehmen die Kinder wahr, die als erste beginnen, mitten im Elend zu spielen und zu lachen. Wir sehen den Neubeginn, erkennen aber auch, dass trotz beginnender Ordnung, viele Sehnsüchte und Wünsche unerfüllt bleiben.
Solche und ähnliche Gefühle bewegten die Menschen aller Zeiten, so auch zur Zeit Jesu. Hören wir eine Begebenheit, die uns der Evangelist Johannes berichtet. Ich lese im 7. Kapitel seines Evangeliums die Verse 37 – 39.

37 	Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke,
38 	wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser fließen.
39 	Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.
Am besten stellen wir uns gedanklich mitten unter die Menschenmenge. Es ist der 7. Tag des Laubhüttenfestes in Jerusalem. Wie immer am Höhepunkt eines Festes sind besonders viele Menschen versammelt.
Die Szene spielt sich wahrscheinlich auf dem Tempelhof ab. Priester schöpfen Wasser aus der Quelle Siloah und ziehen damit siebenmal um den Altar. Alles geschieht in Erwartung einer im Tempel aufbrechenden Heilsquelle, wie sie die Propheten Ezechiel und Sacharja prophezeit haben. In diese Erwartung hinein ruft Jesus mit lauter Stimme: „Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt“. Mit diesem Ruf werden wir aus unseren Gedanken gerissen! Unsere Aufmerksamkeit wendet sich von einem Moment zum anderen dem Rufenden zu! Die Art und Weise in der Jesus spricht, rüttelt uns auf. Doch mehr noch: wir spüren in seinen Worten Vollmacht, eine Vollmacht dessen, der Herr des Lebens ist - Gott! Und wir spüren: Gott kennt uns tiefer, als wir selbst uns kennen und weiß, welche innersten Gedanken und Sehnsüchte uns bewegen.
Plötzlich wird uns klar, wir sind Dürstende inmitten der festlichen Menge! Und wir spüren, auch in der Menge stehen wir alleine vor Gott. Und wir fühlen: Jesus meint uns ganz persönlich. In diesem Moment erweist sich Jesus als wahrer Führer, der mit ganzer Liebe und Hingabe zu den Menschen erfüllt ist.
Kein Verführer der uns für seine eigenen Ziele missbraucht. Und schon gar keiner, der uns unserer Individualität beraubt. Nein, in Jesus steht ein Mann vor uns, der uns die Chance gibt, unser innerstes Bedürfnis, unseren Lebensdurst zu spüren. Darüber hinaus schenkt er uns die Freiheit, uns darin selbst zu erkennen und selbst zu entscheiden, ob wir Durst empfinden und diesen von ihm stillen lassen wollen. Deshalb fragt er: »Ist da jemand, der Durst, Lebensdurst hat«? Und lädt ein: »Der soll, wenn er an mich glaubt, zu mir kommen, denn ich will ihn stillen«.
Jesu Ruf erinnert an seine „Ich-Bin-Worte“: Jesus ist die Quelle des Lebens, ER ist das Brot, der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist der gute Hirte, die Tür und eben derjenige, der den Durst der Seele mit lebendigem Wasser stillt. Heute 60 Jahre nach Kriegsende brauchen wir mehr denn je dieses lebendige Wasser. Denn wir spüren genau, wie groß die Gefahr ist, dass in unserem Land alte Gedanken in neuem Gewand wieder Raum gewinnen. Wie oft wünschen wir uns, dass Gott sich stärker zeigen möge. Dass er das Böse ausrotten und die bessere Welt schaffen würde.

Diesen Wunsch nehmen alle Gewaltideologien für sich in Anspruch, wenn sie behaupten, an Stelle Gottes einzugreifen und zu zerschlagen, was dem Fortschritt und der Befreiung der Menschheit entgegenstehe. Denn die Mächtigen der Welt, damals und heute, haben Angst, der Sohn Gottes könnte ihnen etwas von ihrer Macht wegnehmen, wenn sie ihn einlassen und teilhaben lassen an ihrer Regentschaft. Aber Jesus Christus nimmt niemals etwas weg, das zur Würde und Freiheit von uns Menschen gehört. Er wendet sich nur gegen jede Herrschaft, die dem Rechtsbruch, irgendeiner Willkür oder Korruption Raum gibt.
Der neue Beginn vor 60 Jahren ist eben keine Selbstverständlichkeit, sondern Gnade Gottes. Sobald wir ihn als selbstverständlich hinnehmen, leben wir in der Gefahr, dass wir den Neuanfang von damals, wie die Gnade selbst verspielen. Wir spüren, nur von Gott können wir echten Frieden empfangen. Denn "ER allein ist die Quelle des Lebens und in seinem Licht, sehen wir das Licht!"
Wenn wir zu Jesus Christus, der Quelle des wahren Lebens gehen, dann geht nichts verloren von dem, was das Leben frei, schön und groß macht. Nein, dann öffnen sich die Türen des Lebens. Dann erkennen wir unsere wahren Bedürfnisse – den Durst unserer Seele - und finden immer wieder neu den Weg zum Sohn Gottes, um unseren Durst von diesem gestillt zu bekommen. Das Wasser des Heils, die Quelle, ist für jeden da, der Jesu Worten vertraut. Und jeder, der zu Jesus kommt und von ihm dieses Wasser trinkt, wird selbst zur Quelle lebendigen Wassers werden. Denn Gott schenkt die Fülle nicht nur uns selbst, sondern er sieht mit uns auch immer auf die Menschen, mit denen wir leben. Und damit erfüllt sich unser Leben. Es bekommt den Sinn, nach dem wir uns sehnen. Dann „gehen wir jeder für sich den schmalen Weg über den Köpfen unserer Toten – fast ohne Angst – im Takt unsres Herzens“. Und vertrauen darauf, dass wir beschützt sind, weil die Liebe Gottes nie aussetzt.
Indem wir das begreifen und annehmen, wagen wir heute Morgen mit Gottes Hilfe, 60 Jahren nach Kriegsende, einen neuen Anfang mit ihm.
Amen.

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