Liebe Gemeinde,
das Pfingstfest gehört zu den kirchlich bedeutsam Festen wie Weihnachten und Ostern. Dennoch ist dieses Fest uns das Fremdeste. Zu Weihnachten feiern wir die Geburt Jesu. Wir erkennen im Kind in der Krippe, die Liebe Gottes zu uns Menschen. Zu Ostern feiern wir Jesu Auferstehung und damit die Hoffnung, dass nicht der Tod, sondern das Leben das letzte Wort hat. Und an Pfingsten? Was feiern wir da? Kirchengeschichtlich gesehen, die „Geburt der Kirche“, biblisch gesehen „das Fest des Heiligen Geistes“, der in uns den Glauben wecken soll! Wie Glaube entstehen kann, erzählt uns eine Geschichte des Evangelisten Johannes. Ich lese im 4. Kapitel die Verse 19 – 26:
19 Die Frau sagte zu ihm: »Rabbi, ich sehe, dass du ein Prophet bist.
20 Unsere Eltern haben auf diesem Berg ihre Gebete verrichtet; ihr aber sagt, dass in Jerusalem gebetet werden muss«.
21 Jesus sagt ihr: »Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem Gott anbeten werdet.
22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen; denn die Erlösung kommt durch das Judentum.
23 Aber es kommt die Zeit - und ist schon jetzt da -, wo die wahren Betenden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten werden. Denn Gott wünscht sich ja Menschen, die so beten.
24 Gott ist Geistkraft, und die Gott anbeten, die müssen ihn in Geistkraft und Wahrheit anbeten«.
25 Spricht Die Frau sagte zu ihm: »Ich weiß, dass der Messias kommt, der Christos oder Gesalbte genannt wird. Wenn jener kommt, wird er uns alles verkünden«.
26 Jesus sagte ihr: »Ich bin es, der mit dir redet.«
Liebe Gemeinde,
wir lauschen einem Gespräch, das schon eine Weile dauert: Es ist heiß in der Mittagsstunde, als Jesus der Samariterin begegnet und sie um einen Schluck Wasser bittet. In dieser unbarmherzigen Mittagshitze, wo sich jeder in die schattigen Lehmhäuser zurückzieht und wartet, bis es kühler wird, ist es außergewöhnlich, dass jemand reist, oder eine Frau schwere Wasserkrüge trägt. Doch Jesus, in Jerusalem verfolgt, muss für eine Weile verschwinden. Und die Frau, von der Gesellschaft ausgestoßen, muss ihren Haushalt mit Wasser versorgen! - Die Not könnte beide verbinden, doch Trennendes steht zwischen ihnen: Weder redet ein Jude mit Samaritern, noch ein Mann mit einer fremden Frau, schon gar nicht mit einer Ausgestoßenen. Dennoch geschieht das Unwahrscheinliche: Es kommt ein Gespräch in Gang, das Jesus beginnt.
Mitten in einer scheinbar belanglosen Alltagsbegebenheit überschreiten die Samariterin und Jesus Grenzen, um ein lebensnotwendiges, ja Not wendendes Gespräch zu führen: Gemeinsam überwinden sie gesellschaftliche und religiöse Hürden und führen das Gespräch so, dass sie Verständnis und Nähe zueinander gewinnen, wie es für alle christlichen Gemeinden zukunftweisend ist. Plötzlich sind sie mitten drin in existenziell entscheidenden Fragen, die sich immer weiter entwickeln, bis sie am entscheidenden Punkt – der Frage nach dem Glauben - angelangt sind. Natürlich ist Jesus nicht irgendjemand, sondern ein Gesprächspartner, der hinter das gesprochene Wort hören kann. Er erkennt die Not seiner Gesprächspartnerin derart, dass sie seine Außergewöhnlichkeit selbst erfassen kann. Und so entwickelt sich das Gespräch weiter, bis zur Erkenntnis der Frau: »Rabbi, ich sehe, dass du ein Prophet bist«. Diese Einsicht ermutigt sie zu fragen: Wo ist der rechte Ort des Gebets?! Denn sie will wissen, wer Recht hat. Jesu Antwort erstaunt, denn die Beantwortung ihrer Frage – wer hat Recht - liegt nicht in seinem Interesse. Für ihn ist nicht wichtig wo, sondern wie die wahren Beter Gott anbeten! Für IHN ist klar: Die wahren Beter werden Gott als ihre Lebensquelle in Geistkraft und Wahrheit anbeten. Diese Antwort können wir nur schwer begreifen. Doch Eines ist klar: Ohne den Geist Gottes wird uns dies nie gelingen.
Wenn wir auch Jesus nicht als sichtbarem Gesprächspartner gegenübersitzen, so können wir dennoch darauf vertrauen, dass egal, wo wir uns befinden, wir mit ihm immer durch das Gebet verbunden sein können. Die einzige Voraussetzung dafür ist unsere Vergebungsbereitschaft, wie wir es bei unserem Nachdenken über das „Vater Unser“ festgestellt haben. Denn wo wir als Versöhnte mit Gott sprechen, da sind wir vom Geist Gottes getrieben und beten ihn in Wahrheit an.
Oft genug stillen wir unseren Lebensdurst an falschen Quellen. Doch wenn wir umkehren und uns Gott selbst als unserer Lebensquelle zuwenden, dann wird der Heilige Geist, der an Pfingsten spürbar in unsere Welt kam, in uns die Geistkraft, um Gott in Wahrheit anzubeten.
Wir werden das Feuer spüren, mit dem der Geist Gottes die ersten Jüngerinnen und Jünger berührte. Das Feuer, das ihnen half, mit den Menschen in der Sprache zu reden, die sie verstehen konnten.
Nicht abgehoben, sondern in einer Nähe, die Menschen untereinander nur empfinden, wenn sie die gleiche Sprache sprechen. Wenn sie Trennendes überwinden, Mauern abreißen, Grenzen abschaffen.
Und damit dies gelingt, hat uns Jesus nicht nur den Heiligen Geist irgend wann einmal in seinem Reich verheißen, sondern ihn uns als Beistand in unserer Welt geschenkt. Dieser Geist, der uns in aller Wahrheit leitet und uns hilft, die Verheißungen Gottes in uns zur Lebensquelle werden zu lassen.
Diese Lebensquelle lässt uns, wie die Wasserträgerin, Jesus als Prophet erkennen, und unseren Glauben in Geistkraft und Wahrheit bekennen.
Amen.