Liebe Gemeinde,
der Herr ist auferstanden: er ist wahrhaftig auferstanden. Mit diesem österlichen Ruf der ersten Christen haben wir uns begrüßt! Denn heute, am Ostermorgen soll auch uns zuteil werden, was Maria Magdalena als erste Zeugin am Grab erfahren hat.
Deshalb ist es gut, wenn wir versuchen, die Geschichte, die der Evangelist Johannes im 20. Kapitel berichtet, so zu hören, als würden wir uns mit Maria aus Magdala, am Ostermorgen zur Grabstelle Jesu aufmachen. Ich lese die Verse 1, 11 – 18:
1 Am ersten Tag nach dem Sabbat kam Maria aus Magdala früh, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie weinte, beugte sie sich in das Grab hinein
12 und sah zwei Engel in weißen Kleidern dasitzen, einen am Kopf und einer an den Füßen, wo der Körper Jesu gelegen hatte.
13 Sie sagten zu ihr: »Frau, warum weinst du»? Sie sagte zu ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben».
14 Und als sie dies gesagt hatte, drehte sie sich um und sah Jesus dastehen, aber sie wusste nicht, dass es Jesus war.
15 Jesus sagte zu ihr: »Frau, warum weinst du? Wen suchst du»? Sie dachte, dass es der Gärtner wäre, und sagte zu ihm: »Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen».
16 Jesus sagte zu ihr: »Maria»! Sie wandte sich um und sagte zu ihm auf Hebräisch: »Rabbuni»! - das heißt Lehrer!
17 Jesus sagte zu ihr: »Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Vater, aufgestiegen. Geh aber zu meinen Geschwistern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott».
18 Maria aus Magdala kam und verkündete den Jüngerinnen und Jüngern: »Ich habe Jesus den Lebendigen gesehen, und dies hat er gesagt».
Liebe Gemeinde,
spüren wir die Trauer, mit der sich Maria aus Magdala auf den Weg macht. Spüren wir das Gewicht, das immer schwerer auf den Schultern wiegt, wenn sie an die vor ihr liegende Aufgabe, den Leichnam Jesu zu salben, denkt. Ob sie diese Situation meistern wird? Und mit ihr sehen wir, dass das verschlossene Grab offen steht. Es ist das Grab, in dem der von ihr geliebte Lehrer liegt – oder liegen soll! »Warum gerade er«? mag sich Maria schon die ganze Zeit gefragt haben. Doch der Stein, der die Grabhöhle verschlossen hat, ist nicht mehr da. Was ist geschehen? Weinend schaut sie in das Grab. Mit verschwommenem Blick sehen wir mit Maria in die Grabhöhle hinein und erschrecken zutiefst. Unser Herz pocht wie wild und wir verstehen gar nichts mehr. Plötzlich erkennen wir, dass wir nicht allein sind. Zwei Engel sitzen an der Stelle, wo Jesu Kopf, bzw. seine Füße lagen. Und wir hören Maria aus Magdala auf die Frage: »Frau, warum weinst du»? antworten: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben». Maria klagt und weint, erzählt von ihren Hoffnungen, ihrer Enttäuschung und ihrem großen Verlust. Denn nun ist auch noch der Leichnam fort. Ein Grab, das gar kein Grab mehr ist! Ein Ort, an dem man meinte, trauern zu können und zugleich nicht mehr trauern kann! Sie will den Toten zurück!
In dieser Situation wenden wir mit ihr den Blick und sehen jemand im Gegenlicht stehen – von der aufgehenden Sonne angestrahlt. Es ist Jesus, doch wie Maria erkennen wir ihn nicht! Ein entscheidender Moment! Jesus schaut auf das Grab und Maria läuft - kaum zu Ende gesprochen - an ihm vorbei. Jesus und Maria stehen von einander abgewandt. Mit Tränen in den Augen ist der klare Blick einfach nicht möglich. Und so sehen sich Mensch und Gott für einen kurzen Moment nicht mehr! Trauer und Verzweiflung obsiegen. -
»Frau, warum weinst du? Wen suchst du»? Ist das nicht klar, möchten wir rufen, doch schon hören wir Marias Antwort: »Herr, wenn du ihn weggetragen hast, sage mir, wo du ihn hingebracht hast, und ich werde ihn holen». Und ehe wir noch über diese Antwort und ihren Sinn nachdenken können, spüren wir, wie sich die Situation von Grund auf ändert. Hoffnung keimt auf!
Ein Wort, das alles aufklärt, was bisher unverständlich blieb! »Maria»! In diesem Augenblick bleibt die Zeit stehen, treffen Zeit und Ewigkeit zusammen. Ja, in diesem Atemzug ereignet sich Auferstehung! Mensch und Gott nehmen einander wieder wahr! Im Klang ihres Namens erkennt Maria – und wir mit ihr, wer da vor ihr steht: »Rabbuni»! Welch Wechselbad der Gefühle! Aus tiefster Trauer gerissen, öffnen wir mit Maria Magdalena überwältigt die Augen und spüren, wie sich die Trauer in Freude wandelt. Wir wollen mit ihr Jesus entgegenlaufen, ihn berühren, küssen und umarmen. Doch das »Halte mich nicht auf, nicht fest« lässt uns innehalten! Die Sonne steht am Himmel, der neue Tag ist da. Der Tod ist überwunden!
Genau an dieser Stelle spüren wir, Jesus ist nicht mehr der, der er zu Lebzeiten war. ER ist im Zwielicht unserer Wahrnehmung. Einerseits vor uns, andererseits schon auf dem Weg in Gottes Reich, das wir mit unseren Augen noch nicht erkennen können. ER hat sich verwandelt.
Und wir? Auch mit uns geschieht etwas! Wir können nicht mehr weitermachen, wie bisher. Hier ist ein Wahrheitsmoment, der über die Geschichte einer einzelnen Begegnung hinausgeht. In einem kurzen Augenblick ist die Trennung zwischen Gott und Mensch aufgehoben. In diesem Augenblick liegt die Ewigkeit, die unsere Zukunft verändert.
Jesus schickt Maria und uns alle zurück ins Leben. Mit dieser Erkenntnis können wir mit vielen Menschen über die Auferstehung neu ins Gespräch kommen. Wir können uns mit ihnen gemeinsam dem österlichen Geheimnis und der daraus wachsenden Hoffnung nähern, wenn wir uns als Botschafter dieser guten Nachricht auf den Weg machen und ihnen erzählen: Maria, die Jesus bei den Toten gesucht hat, ist IHM, dem Lebenden, auf dem Weg zum Vater begegnet. Jesus ist nicht tot! Der Lebendige geht zu seinem und unserem Vater im Himmel. Er hat mit seiner Auferstehung den Himmel für uns geöffnet.
So gilt heute und für alle Zeit: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!“ Amen.