„Eilt, ihr angefochtnen Seelen, aus euren Marterhöhlen, eilt. Wohin? Nach Golgatha! Nehmet an des Glaubens Flügel, flieht! Wohin? Zum Kreuzeshügel, eure Wohlfahrt blüht allda!“

Liebe Gemeinde,

Kenner unter ihnen wissen es sofort. Diese Worte sind einer bewegenden Bassarie der Johannespassion entnommen. Lassen wir uns auf diese Worte ein, dann lenken sie uns genau dahin, wo uns der Evangelist Johannes heute morgen hinführt. Auf jenen Hügel, außerhalb der Stadt Jerusalem, auf dem vor fast 2000 Jahren 3 Kreuze aufgerichtet wurden, die durch den, der in der Mitte gekreuzigt wurde, den Menschen aller Jahrhunderte unvergessen bleiben. Wir, die wir heute morgen hier zusammen gekommen sind, wollen über dieses Geschehen nachdenken. Und uns dabei ganz persönliche Fragen stellen: „Sprechen durch diese Worte überhaupt an? Fühlen wir uns denn angefochten und gemartert? Und empfinden wir, dass unser Wohlergehen ausgerechnet auf dem Kreuzeshügel blüht?“ Lassen sie uns gemeinsam versuchen, auf diese Fragen eine Antwort zu finden.

Wir wollen versuchen, uns diesem ungeheuerlichen Geschehen zu nähern, das wir mit unserem Verstand allein nie voll und ganz begreifen werden. Eine Kreuzigung, die laut Kaiphas, dem Hohenpriester ein Ziel hatte: Den auszuschalten, der seiner Meinung nach das Bestehen des ganzen Volkes in seinem Verhältnis zu den Römern gefährdete. Nach der Auferweckung des Lazarus ließ er im Hohen Rat vernehmen: »Es ist nützlicher für euch, wenn einer anstelle des ganzen Volkes stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht!« Unser Verstand kann uns beim Verstehen dieses ungeheuren Geschehens nicht helfen. So wollen wir uns dem Bericht des Evangelisten Johannes mit glaubendem Herzen nähern. Er steht im 19. Kapitel, ich lese die Verse 16 – 30.

16 Da überließ Pilatus ihnen Jesus, zur Kreuzigung. Nun übernahmen die Juden Jesus.
17 Er musste den Querbalken des Kreuzes selbst tragen bis zu dem Ort, den man Schädelstätte, hebräisch Golgatha, nannte.
18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, rechts und links von ihm, Jesus in der Mitte.
19 Pilatus ließ ein Schild schreiben und es am Kreuz anbringen, darauf stand: »Jesus der Nasoräer, Judenkönig«
20 in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. Weil die Kreuzigungsstelle nahe bei der Stadt lag, würden viele Juden dieses Schild lesen.
21 Darum sagten die jüdischen Hohenpriester zu Pilatus: »Bitte lass nicht: „Judenkönig“ schreiben, sondern „selbsternannter Judenkönig“!«
22 Aber Pilatus erwiderte: » Was ich geschrieben habe gilt. Ich ändere nichts.«
23 Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Gewänder und teilten sie durch vier, für jeden Soldaten ein Stück. Das Untergewand war ohne Naht, von oben an in einem Stück gewebt.
24 Da sagten die Soldaten zueinander: »Lasst es uns nicht zerschneiden, sondern auslosen, wer es bekommt.« So sollte das Schriftwort erfüllt werden, indem es heißt: »Sie haben teilten meine Kleider unter sich auf. Und über mein Gewand warfen sie das Los.« Genau das taten die Soldaten.
25 Bei dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und deren Schwester, mit ihnen auch Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.
26 Jesus sah seine Mutter dastehen und auch den Jünger, den er besonders liebte. Da sagte er zu seiner Mutter: »Er ist jetzt dein Sohn!«
27 Und zu dem Jünger sagte er: »Sie ist jetzt deine Mutter!« Daraufhin nahm der Jünger Jesu Mutter in sein Haus auf.
28 Danach merkte Jesus, dass sein Ende gekommen war. Damit das Schriftwort erfüllt wurde, sagte er: »Ich habe Durst.«
29 Sie tauchten einen Schwamm in ein Gefäß mit Essig, das in der Nähe stand, steckten ihn auf einen Rohrstock und hielten ihn Jesus an den Mund.
30 Als Jesus den Essig genommen hatte, sagte er: »Es ist vollbracht!« Er neigte sein Haupt und gab den Lebensgeist zurück.

Da stehen die sie vor dem Kreuz, seine Mutter, seine Tante, dazu Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala und ein einziger Jünger von seinen 12 Weggefährten. Sie blicken in sein Gesicht, das sie schon bald nicht mehr sehen werden. Vergangenes zieht vor ihren Gedanken vorbei. Gemeinsame Erlebnisse, frohe und schwere Stunden, in denen sie miteinander lachten oder weinten. Dankbar blicken sie zurück auf das, was Jesus ihnen in ihrem Leben schenkte. Sicher denken sie auch an das, was sie ihm selbst schenken konnten. Spüren aber wohl schon vor dem Kreuz das Ungleichgewicht und verstehen gleichzeitig gar nicht, was da vor sich geht. Mit all ihren Gedanken verbindet sich die Endgültigkeit des Abschieds, den sie jetzt nehmen müssen. Das schmerzt die unter dem Kreuz stehenden und hält sie in der Trauer gefangen. Ihre Augen sehen nur noch durch einen Tränenschleier. Mit dem Leben des Gekreuzigten vergeht auch ein Teil ihres eigenen Lebens. Es bleiben für die ihn Liebenden so viele Dinge ihrerseits offen: Worte ungesagt, Taten unerledigt, Fragen ungeklärt.

Mitten in ihre schweren Gedanken hinein schenkt Jesus selbst ihnen Trost. Am Kreuz hängend stiftet er zwischen seinem Lieblingsjünger und seiner Mutter eine neue Art der Beziehung, indem er ihn beauftragt, sich um seine Mutter zu kümmern. Damit schenkt er seiner Mutter neue Sicherheit und bietet ihr zugleich einen neuen Sohn an. »Er ist jetzt dein Sohn!« Auch sein Jünger erhält mit diesem Auftrag eine neue Perspektive: »Sie ist jetzt deine Mutter!« Beide werden so inmitten des großen Verlustes um eine enge Beziehung bereichert. Aber er konstituiert nicht nur die „familia naturalis“, die menschliche Familie. Nein, gleichzeitig stiftet er die „familia Die“. Die Familie, die von Gott her die Gemeinde sein soll. So beginnt Gemeinde nicht erst an Ostern, sondern bereits am Kreuz.
Verstehen wir das, oder sind wir in unseren eigenen Gedanken auch gefangen. Hören vielleicht, wie die Jünger damals, gar nicht mehr richtig hin, was Jesus in seiner letzten Stunde noch sagt.

Doch warum hören wir nicht mehr richtig hin? Weil uns der Ausgang allzu vertraut ist? Weil das Osterfest nahe ist? Weil wir ja wissen, wie es weitergeht und nicht wie die Jünger denken, jetzt ist alles zu Ende?! Doch mitten in deren Gedanken hinein spricht Jesus: »Es ist vollbracht!« Diese Worte – so sie die um das Kreuz Stehenden schon erreichen – machen hellhörig und wollen auch unsere Gedanken neu erreichen!! Denn diese Worte beinhalten, dass alles gebracht wurde, was gebracht werden konnte. Nichts fehlt! Alles ist ganz und gar gebracht - und dies in zwei Richtungen.

Jesus hat Gott alles gebracht, was nötig war, um die Welt und uns Menschen mit Gott zu versöhnen. Und uns Menschen hat er sich selbst geschenkt. Er brachte uns seine Liebe, seine Geduld, sein Vertrauen. Er zeigte uns, dass es möglich ist, Gottes Willen zu erfüllen und dies bis in seine letzte Lebensstunde hinein! Und seine Worte zeigen noch eines: Nicht das Kreuz und der Tod sind für uns entscheidend und sozusagen ein Heilsdatum. Nein, Kreuz und Tod sind die Vollendung in einem Heilsgeschehen. Das Geschehen am Kreuz beendet und krönt den lebenslangen Kreuzes- und Leidensweg Jesu. Er, der bereit gewesen ist, Gott bis in die letzte Lebenszelle hineinzulassen. Er, der bereit war, auf jeglichen Eigenwillen zugunsten des Willen Gottes zu verzichten. Und weil dies so war, deshalb konnte der Vater in IHM und durch IHN so viel Wunderbares bewirken.

Das Wunderbarste war und ist aber wohl: Das Leben wurde und wird von Jesus neu gestaltet und mit neuem Sinn gefüllt. Wer immer mit Jesus in Berührung kam und kommt, spürte und spürt dies in umfassenden Maße. Vor allem aber durch neue Lebendigkeit, die den betreffenden Menschen ergreift.
Dies mag ein Grund dafür sein, dass irische Hochkreuze Südkreuz von Clonmacnoise das Kreuz immer mit einem Kreis, umgeben. Der Kreis symbolisiert den Lebenskreis, den Naturkreislauf, ja die Sonne, die letztlich das Leben auf der Erde ermöglicht. Jesus selbst zeigt ganz zuletzt, auf dem Kreuzeshügel, dass das entscheidende nicht das Kreuz, sondern seine Hingabe ist. Das Kreuz ist nur äußeres Zeichen dafür, dass er sich ganz und gar diesem Gott bringt. Allein für sich betrachtet verstellt es aber leicht den Blick auf ein neues Leben, das mit dem Gottessohn in die Welt gekommen ist. Und deshalb kann nur JESUS sagen: »Es ist vollbracht!«! Wer immer sonst es nach ihm sagen wird, dem wird man abspüren, dass es unangebracht ist.

Jesus aber vollbringt in umfassender Bedeutung seinen Auftrag. Er ist schutz- und hilflos in der Hand des Pontius Pilatus und seiner Soldaten, aber er geht den Weg ans Kreuz mit aufrechtem Gang. Mit dieser Haltung zeigt er, dass es seine eigene, freiwillige Entscheidung ist, diesen Weg anzunehmen. Dass er gerade in diesen Stunden sich selbst, seinen eigenen Willen Gott bringt und damit sich dessen Willen zu eigenen gemacht hat. All die Mächtigen sind in Wirklichkeit nur Werkzeuge, die ausführen, was Gott längst zuvor beschlossen und festgelegt hat.

Der Evangelist Johannes verdeutlicht mit seiner Art, die Kreuzigung Jesu darzustellen: »Hier stirbt nicht einer, der zwar das Gute gewollt hat, aber mit seinen guten Absichten gescheitert ist. Nein, hier stirbt »das Lamm, das der Welt Sünde trägt.« Hier stirbt der Sohn Gottes, der diesen schweren Weg aus freien Stücken aus Gottes Hand angenommen hat. Der Gekreuzigte und nicht erst der Auferstandene spricht: »Es ist vollbracht.« Sein Sterben ist die Grundlage, damit wir leben können. Er stirbt, damit wir Menschen uns aufmachen können, zurück zu Gott.«

Jesu letztes Wort ist nicht ein verzweifeltes »Ich kann nicht mehr!«, sondern ein in sich ruhendes »Es ist vollbracht!« Dieses letzte Wort Jesu ist ein Siegeswort. Kreuzigung ist für ihn »Erhöhung«. Alles, was vorangegangen ist, trägt bereits das Zeichen des Sieges. Jesus hat sein Werk getan, die Brücke zwischen Gott und Mensch ist geschlagen. Die Welt mit ihren Schrecklichkeiten, wir mit unseren Verkehrtheiten, Ratlosigkeiten und Irrtümern, alles das ist nicht mehr ohne Gott.

Unser Leben ist und bleibt ein Sterben. Aber Gott wirft es nicht weg. Auch über ihm gilt: »Es ist vollbracht.« Wir können trotz unserer Ängste und Befürchtungen nicht mehr in letzte Verzweiflung fallen. Wir sind im tiefsten Grund unseres Lebens gehalten. Nicht mit unseren Aktivitäten, Zielen und Hoffnungen stehen oder fallen wir. Nein, die göttliche Kraft, die Jesus mit Fug und Recht sein »Es ist vollbracht.« sprechen läßt, reicht immer weiter als die Kraft, die aus uns selbst kommt. Unsere Leiden werden von Jesus am Kreuz mitgetragen. Er will und kann auch in und durch unser Scheitern siegen. Unter Jesu »Es ist vollbracht!« steht alles: Unser Leben und unser Sterben. Damit wissen wir auch, dass nicht zählt, was wir vollbracht haben, sondern was ER vollbracht hat. Und dieses Wissen lässt uns an unserem letzten Tag in dieser sichtbaren Welt im Frieden sterben.

Übermorgen werden wir die Bedeutung des »Es ist vollbracht« mit Osterliedern besingen. Wir werden den Held von Juda feiern, der mit Macht den Tod besiegt hat, weil Gott ihn auferweckt hat. Und deshalb können wir, wie Bach es ausdrückt: »mit unseren angefochtenen Seelen, aus unseren Marterhöhlen nach Golgatha eilen! Ja, wir nehmen Glaubens Flügel an und fliehen zum Kreuzeshügel, weil dort unsere Wohlfahrt, unser Wohlergehen erblüht!“
Amen.

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