Liebe Gemeinde,
„Am Tage umgibt mich die Nacht, nachts empfängt mich mein Leben…!“Diesen Worten des Dichters Hans-Christoph Neuert kann ich nur zustimmen! Bei guten Gesprächen, hat so manches Mal die Abendstunde „Gold im Munde”! Wenn Kinder oder Enkel uns von den Nachtgesprächen bei Jungschar-, bei Jugend- und Konfirmandenfreizeiten erzählen, werden viele unter uns an die eigene Kindheit und Jugend erinnert. Denn früher war es nicht anders als heute auch. Geht abends das Licht im Schlafsaal aus, kommt die Zeit, um im Schutz der Nacht alles anzusprechen, was einem auf dem Herzen, auf der Seele liegt. Im Schutz der Dunkelheit kann man der Freundin, dem Freund Dinge anvertrauen, die man tagsüber in sich vergräbt.
Aber nicht nur in der Kindheit und Jugend ist das so. Bis heute mache ich, machen wir genau die gleichen Erfahrungen. Ich denke da an Gespräche über den Glauben, die oft bis tief in die Nacht gehen. Ob in Zimmern, ob auf Terrassen, wo immer ich mit Menschen über ganz wesentliche Dinge spreche, der Schutz der Nacht kommt solchen Gesprächen zugute. Und es scheint so, als würde mich in solchen Momenten wirklich, wie Hans-Christoph Neuert es ausdrückt, “mein Leben empfangen”. Oft brennt nur die Kerze auf dem Tisch, und man kommt aus sich heraus. In solchen Gesprächen kommt man neu ins Nachdenken über Gott.
Dass die “Abendstunde Gold im Mund” hat, erwies sich auch bei jener denkwürdigen Begegnung zwischen dem Theologen Nikodemus und Jesus von Nazareth!
Wie dies konkret aussah, erzählt uns ein Textabschnitt im Johannesevangelium. Ich lese Kapitel 3, die Verse 1 -13:
1 Ein Pharisäer namens Nikodemus, der zur jüdischen Führungsschicht gehörte,
Nikodemus, Theologe, einer der führenden Kommunalpolitiker und einflußreichen Männer Jerusalems, geht im Schatten der Nacht zu Jesus! Sucht das Gespräch mit dem Mann, von dem er ganz offensichtlich fasziniert ist. Ja, in der Verborgenheit der Nacht offenbart sich Nikodemus als Sympathisant des Rabbis aus Nazareth.
Dem Charisma, der Ausstrahlungskraft, die von Jesus ausging, konnte sich wohl auch Nikodemus nicht entziehen. So entstand sein Wunsch, mit Jesus zu sprechen! Die Nacht bietet sich idealer weise an, um sich ohne Zuhörer ein eigenes Bild zu verschaffen. Vielleicht auch mit der Sehnsucht, seine eigene religiöse Bildung zu erweitern. Dimensionen des göttlichen Geheimnisses auszuloten, Sachen kennenzulernen, die nicht in den Büchern stehen. Das entscheidende Anliegen des Nikodemus war wohl, der Wunsch über Gott ausführlich zu reden. Und das mit einem, den Nikodemus respektierte und achtete. Dass er dies tat, geht aus dem Gesprächsbeginn hervor: ”Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott kommt. Denn wer solche Wunder wirkt wie du, der muss schon mit Gott zu tun haben.“
Über Gott zu reden, zu diskutieren - weit weg von Augsteinscher Skepsis in Jesus-Fragen - das war gewiß in jener Nacht das zentrale Anliegen des Nikodemus.
Jesus rückt viel dichter an seinen Gast heran, als dieser es sich vorstellte. Er redet nicht “über Gott”, sondern “aus Gott” heraus! So sagt Jesus dem Nikodemus auf den Kopf zu: “Wahrlich, ich sage dir, nur wenn du von neuem geboren wirst, kannst du das Reich Gottes sehen!”
Liebe Gemeinde, ich sehe Nikodemus förmlich vor mir. Irritiert und ganz baff vor Erstaunen! Ich sehe ihn sich an den Kopf fassen und höre ihn sagen: “Ich bin doch mündig, erwachsen und klug. Wie kann ein gestandener, gebildeter und durchs Leben gereifter Mensch noch einmal geboren werden? Wie kann er ein Kind werden, alles von Anfang an neu erleben? Ja, wie kann er einen solchen Neuanfang überhaupt denken?!” Und von Jesus dazu provoziert ruft Nikodemus in der Nacht förmlich heraus: “Ich kann doch nicht noch einmal in den Leib meiner Mutter zurück! Das ist doch unmöglich!!”
Nikodemus scheint empört! Doch Jesus sieht ihm fest in die Augen: “Doch, neu geboren werden”, wiederholt er, “das ist möglich!” Und er setzt hinzu: “Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes Reich hineingelangen.” Neu geboren siehst du etwas von Gottes Reich!
Das Reich Gottes zu schauen; dahin zu gelangen, wo der Bote des Reiches steht, ist uns Menschen aus Eigenem heraus versagt. Wir mögen so scharf, so hoch denken wie wir wollen. Wir mögen mit unserer ganzen sittlichen Kraft ringen, über irdisch Gutes kommen wir nie hinaus. Wir bleiben immer im Weltlichen gefangen. Etwas anderes muß geschehen: ein neuer Beginn, ein Beginn neuen Daseins muß gesetzt werden, und zwar von oben her, woher das Reich und sein Bote kommen. Denn wir können nur das erkennen, wofür wir ein Auge haben. Nur das können wir erfassen. Also müssen wir Menschen in ein neues Dasein hinein geboren werden, damit wir das Reich Gottes schauen können.
Nikodemus versteht nicht, weil er das von Jesus Gesagte Wort wörtlich auffaßt. Mit seiner Antwort will Jesus Nikodemus aber zu einer wirklichen Neuwerdung, einer zweiten Geburt - aus dem Geist - bringen. Und Geist bedeutet hier - der Geist Gottes. Die Kraft Gottes, die bei der Taufe Jesu über ihn kam. Aus dessen Macht heraus Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott war. Aus diesem Geist soll auch unsere Neugeburt bestehen. Der Heilige Geist ist Schöpfer. Deshalb kann ER auch uns - bereits geborene Menschen - in Bewegung bringen. Er löst die Grenzen des ersten Seins auf ein Neues hin auf.
Dieses Gespräch wird in den Ohren des Nikodemus noch lange nachgehallt haben, als er von Jesus wegging. Am meisten geschmerzt haben wird ihn aber die Frage, die Jesus ihm auf seine hilflosen und klügelnden Einwände hin stellte: “Du bist Lehrer Israels und weißt das nicht?”
Ich denke, diese Nachtstunde bei Jesus hatte für Nikodemus wirklich “Gold im Munde”. Ich glaube, es war die Nacht, in welcher der heimlichen Sympathisant in Jesus wirklich seine große Liebe fand! In der er von einem Mitläufer zum Nachfolger, von einem religiösen Diskutierer zum Christen und Jünger Jesu wurde. Es berührt mich tief, dass Nikodemus zum Schluss des Gespräches schweigt. Offensichtlich sind die Worte Jesu tief in ihn eingedrungen. Und so wurde er wohl neu geboren und konnte wie ein Kind noch mal von vorne anfangen. Für diese Gedanken gibt es starke Argumente, denn im Zusammenhang mit der geplanten Verurteilung Jesu taucht Nikodemus ein zweites Mal, diesmal als Fürsprecher Jesu auf. Und ein drittes Mal wird er noch am Grab, nach Jesu Kreuzestod erwähnt. Am Grab, worin sie Jesus legten, ist Nikodemus dabei, dieser Nikodemus, der in jener für ihn entscheidenden Nacht so viele Fragen hatte.
Für uns heute ist Jesu bohrende Provokation damit jedoch noch lange nicht vorbei. Die Frage jener Nacht stellt sich uns allen! Ihnen und mir, gerade heute an diesem Tauftag: Halten wir eine Taufe für möglich, wo beides dabei ist, “Wasser und Geist”? Halten wir solch eine zweite Geburt bei uns selbst für möglich, eine Neugeburt aus dem Geist, einen totalen Neuanfang, den Gott durch seinen Geist setzt? Halten wir diese Neugeburt überhaupt für nötig? Wiedergeburt, nicht als Seelenwanderung, wie sie auch in unseren Breitengraden Mode ist, sondern als etwas viel Tieferes, viel Einfacheres: Eine “zweite Kindschaft”, eine liebende Gemeinschaft mit Gott! Dass wir neu anfangen - wie ein Kind mit seinem Vater - zu Gott zu sprechen. Vielleicht gehen wir dann mit unseren Kindern ganz neu die ersten Schritte des Glaubens!
Das wäre ein Tauftag, der bis in unser Herz dringt! Unser Thema würde dann nicht reduziert auf die wenigen “Wassertropfen auf dem Kopf der kleinen Kinder”, die wir heute in die Gemeinde aufgenommen haben. Nein, unser Thema wäre der neue Anfang, der aus der Taufe kommt. Glaube und Taufe in welcher der neue Mensch entsteht, würde sich zu unserem Lebensthema entwickeln. Kein Thema zum Diskutieren, sondern ein Thema um mit ihm zu leben. Wie sagte doch Augustinus: “Himmlische Dinge kennt und versteht man nur, wenn man sie liebt!”
Ohne Liebe gibt es kein Verstehen! Das ist seit dem Gespräch des Nikodemus mit Jesus in jener Nacht gleich geblieben - bis zum heutigen Tag!
Ohne Liebe kein Verstehen: Taufe ohne Liebe, das ist Wasser ohne Geist! Trinität, die Dreieinigkeit Gottes ohne Liebe ist nur Dogma. Kirche, Gemeinde ohne Liebe ist ein Unterfangen, das gänzlich zum Scheitern verurteilt ist.
Und Jesus ohne Liebe zu verkündigen und ohne die Bereitschaft, selbst wie ein Kind zu werden, ist nur ein Diskussionsthema! Dieses geht am lebendigen Jesus völlig vorbei. Lassen Sie uns nicht über ihn reden. Lassen Sie uns stattdessen anfangen mit ihm zu reden, als Kinder und als Erwachsene! Dann wird er uns zeigen, dass er alle Tage bei uns ist, so wie er es Simon, Jan und Nico und uns allen in der Taufe versprochen hat!
2 kam eines Nachts zu Jesus und bekannte: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott kommt. Denn wer solche Wunder wirkt wie du, der muss schon mit Gott zu tun haben.
3 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Nur einer, der von neuem geboren wird, kann das Reich Gottes sehen.
4 Darauf fragte Nikodemus: Und wenn jemand schon älter ist, wie kann er
dann neu geboren werden? Kann er etwa wieder in den Leib seiner
Mutter zurück und noch einmal geboren werden?
5 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Nur wer aus Wasser und Geist geboren wird, kann in Gottes Reich hineingelangen.
6 Eine Kreatur bringt immer nur wieder Kreaturen hervor. Der heilige Geist dagegen bringt Heiligen Geist hervor.
7 Wenn ich also gesagt habe: Ihr müßt von neuem geboren werden, dann ist das nicht widersinnig.
8 Denn der aus Geist geboren wurde, ist wie der Wind. Der weht, wo er will; man kann ihn hören. Doch woher er kommt und wohin er geht, das weiß keiner.
9 Da fragte Nikodemus: Wie kann man aus Geist geboren werden?
10 Jesus entgegnete ihm: Du als Lehrer Israels weißt das nicht?
11 Amen, amen, ich sage dir: Was der Täufer und ich wissen, das verkünden wir, und wir bezeugen, was wir gesehen haben. Und trotzdem wollt ihr unser Zeugnis nicht hören.
12 Wenn ihr schon nicht glaubt, was ich euch über Irdisches sage, wieviel weniger werdet ihr dann glauben, was ich euch über den Himmel sage.
13 Allein der Menschensohn ist in den Himmel hinaufgestiegen, wie er
zuvor vom Himmel herabgestiegen ist.
Amen.