„Es wird die Vollendung der Gemeinde Jesu sein, wenn sie alle seine Stimme hören. – Nicht in Organisationen, nicht in Dogmen, nicht in Liturgien, nicht in frommen Herzen wird die Einheit der Kirche bestehen, sondern im Worte Gottes, in der Stimme Jesu Christi, des guten Hirten seiner Schafe.“
Liebe Gemeinde,
diese Worte stammen von dem, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges ermordeten, Theologen Dietrich Bonhoeffer. Sie führen uns direkt hin zu dem, für den heutigen Sonntag vorgeschlagenen Text aus dem 10. Kapitel des Johannesevangelium. Ich lese die Verse 11 – 16 und 27 – 30.
11 Ich bin der gute Hirt. Ein gute Hirt setzt sich ganz für seine Schafe ein.
was geht in uns vor, wenn wir diesen Text hören und die darin angesprochenen Bilder vor unseren Augen entstehen? Vielleicht denken wir, Schafherde und Schafhirte passen als Bild nicht mehr in unsere Gesellschaftsstrukturen.
Manche unter uns aber erinnern sich womöglich an idyllische Kindertage, in denen sie das Lied: „Weil ich Jesu Schäflein bin“ gesungen haben.
Dabei möchte ich unseren Blick aber weniger auf die Schafe, als vielmehr auf den Hirten lenken. Gerade in diesen Tagen, nach der neuen Enzyklika des Papstes ist es m. E. nötig, sich neu auf die Aussage Jesu zu besinnen: „Ich bin der gute Hirt und kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen mich. Außerhalb dieses Pferchs habe ich noch andere Schafe. Auch die muss ich führen. Sie werden auf meine Stimme hören, und dann werden alle Schafe eine einzige Herde mit einem einzigen Hirten sein.“
Der »gute Hirte« ist mehr als nur eine optimale Variante verschieden qualifizierter Funktionsträger. Der Beruf des Hirten war in Jesu Zeit ein harter und auch sehr gefährlicher Beruf. Seuchen konnten die Herden befallen und vermindern. Dies stellte sehr oft die Lebensgrundlage der Menschen in Frage.
„Ich bin der gute Hirte“, sagt Jesus. Nichts weiter! Heute würde er hinzufügen: Ich bin nicht dein Guru. Auch nicht für viel Geld. Ich verspreche kein Glück. „Nein, Ich bin der gute Hirte“! Dieses Bild vom guten Hirten lässt sich letztlich nur begreifen im Vergleich mit den bösen Hirten. Solche „Hirten, die sich selber weiden“, gab und gibt es auch in unserem Jahrhundert mehr als genug! – „Führer, befiehl, wir folgen dir!“ - hörte man zwischen 1933 – 1945 gerade in unserem Land von der großen Masse der Menschen unseres Volkes.
Danach kam die Führungsclique in der ehemaligen DDR, die den Staat als Selbstbedienungsladen betrachtete.
Doch auch außerhalb unseres Landes kennen und kannten wir schlechte Hirten: Denken wir an Ferdinand Marcos, den früheren Diktator der Philippinen, erinnern wir uns an Haile Selassie, den äthiopischen Kaiser, oder an Schah Resa Pahlewi aus Persien. Ganz aktuell natürlich Saddam Hussein und wie sie alle heißen mögen! Sie schafften Milliarden ins Ausland, während ihr eigenes Volk Hunger litt. Doch auch in unserem eigenen Land können wir Abgeordnete und Politiker aller Parteien vor Augen haben. Es scheint als wären die Erhöhungen ihrer eigenen Diäten wichtiger, als die Absicherung der sozial Schwachen.
Ihnen allen begegnet der Gute Hirte Jesus mit seinem Wort: „der gute Hirt setzt sich ganz für seine Schafe ein.“
Jesus knüpft damit an uralte Vorstellungen seines Volkes an, an Sehnsüchte, die auch wir noch in uns tragen: Sehnsucht nach Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Geborgenheit.
Und er gebraucht die Selbstbezeichnung „Hirte“ nicht selbstherrlich wie altorientalische Könige, die sich meistens als Menschenverächter und Zyniker und damit - wie Herodes - als „böse Hirten“ erwiesen. Nein, Jesus löst ein, was er sagt: Er lässt tatsächlich für die Seinen sein Leben!
Das ist der große Unterschied zwischen Jesus und allen anderen, die für sich beanspruchten oder noch immer beanspruchen, „Hirten ihrer Herde“ zu sein: Jesus erweist sich als „Guter Hirte“! In seiner Person erfüllt sich, was Jesaja prophezeite: „Wie ein Hirt führt er seine Herde zur Weide, er sammelt sie mit starker Hand. Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam.“
Wer immer - auch heute - Hirtenautorität beansprucht, nur um von der Herde zu leben, wird bei Schwierigkeiten fliehen. Die Herde aber lebt davon, dass sie einen Hirten hat, der sich ganz für sie einsetzt. Jesus allein ist der eine Hirte, der selbst sein Leben für seine Herde, für seine Gemeinde dahingibt. Die »Ich-bin-Worte« Jesu sind keine Gleichnisse, sondern Worte, in denen Jesus sich einerseits als der Erwartete, andererseits im Gegensatz zu »falscher Offenbarung« vorstellt.
Christus, als der erhöhte Herr nimmt wie Martin Luther es ausdrückt Bischöfen, Gelehrten und Concilien beides: „»Recht und Macht die Lehre zu beurteilen, und gibt sie allen Christen wenn er spricht.: ›Meine Schafe kennen meine Stimme.‹ Das heißt: ›Meine Schafe folgen den Fremden nicht, sondern fliehen von ihnen; denn sie kennen nicht der Fremden Stimme.‹“
Jesus sammelt die um sich, die von anderen aufgegeben wurden; er bemüht sich um Ausgestoßene und schuldig Gewordene! Für die Aussätzigen, die Zöllner, Huren und Sünder, ja sogar für den Mörder, der neben ihm am Kreuz hängt, hat er ein erlösendes Wort. In seiner Liebe geht er so weit, dass er sein Leben für sie alle am Kreuz opfert. Und dies gilt durch alle Jahrhunderte auch für uns selbst und für die, die nach uns leben ebenso! Der Gute Hirte wird zum Gekreuzigten!
Die konkurrenzlose Bedeutung dessen, von dem hier die Rede ist, wird durch den ersten Abschnitt des 10. Kapitels unterstrichen. Dort heißt es: „Alle, die vor mir kamen, waren Diebe und Räuber. Auf sie hörten die Schafe nicht. Ich bin die Tür. Wer durch mich ein und aus geht, wird gerettet und findet eine Weide.“ Das Wort von der Tür, steht in Spannung zu dem Bild des Hirten. Der Unterschied und die gleichzeitige Wesenseinheit ist nicht zu übersehen. Jesus macht einmal mehr deutlich, welch hohen Anspruch er hat und wie sich an IHM die Geister scheiden.
»Eine Herde und ein Hirte« – auf diesen Höhepunkt läuft der Text zu. Und mit Recht ist diese Formulierung zum tragenden, ökumenischen Motto geworden.
Allen Spaltungen der Christenheit zum Trotz bleibt dieser Satz Ziel unseres Glaubens und unserer Hoffnung. Immer wieder neu sollten wir uns dieses Motto als Gemeinde auf unser Herz legen.
Wir dürfen die Hirtenfrage nicht nur mit dem so genannten Amtsverständnis verknüpfen. Gerade diese Verknüpfung bereitet ja der ökumenischen Verständigung die größten Schwierigkeiten.
Deshalb redet Jesus schon damals in aller Schärfe mit den Pharisäern, die im Volk Israel Hirtenautorität beanspruchten. Direkt vor unserem Text heißt es: „Wenn der Dieb in den Pferch kommt, will er nur Schafe stehlen, schlachten und vernichten. Ich aber bin gekommen, damit sie Leben in Fülle haben.“
Der Gute Hirte führt die Seinen zusammen. Aber er macht uns auch gegenseitig füreinander verantwortlich. Er verpflichtet uns zu gegenseitigem Dienst, zum „Hirt sein“ füreinander: „Ich habe noch andere Schafe ...“; die Fürsorge des Guten Hirten macht nicht Halt an Grenzen der Völker oder der Gemeinden! Jesus sieht vor seinen Augen eine weltweite Gemeinschaft, eine wahre Ökumene, die wir uns kaum vorstellen können. Es geht ihm um die Zusammengehörigkeit Aller. Es geht ihm um unsere gemeinsame Verantwortung für die eine Welt. Mit Idylle hat das alles nichts mehr zu tun!
Das Bild der Herde unter einem Hirten gewinnt für uns Menschen des 21. Jahrhunderts existentielle Bedeutung: Wenn wir es nicht schaffen, friedlich in der einen, kleingewordenen Welt zusammenzuleben, werden wir keine Zukunft haben. Doch wir müssen uns nicht aus eigener Kraft daranmachen, die Welt zu verändern! Jesus überfordert uns nicht. Der „Gute Hirte“ Jesus von Nazareth zeigt uns, wohin wir als Christen gehören: Wir gehören an die Seite desjenigen, der uns zusichert: „Aus meiner Hand kann die Herde niemand rauben.“ Im Vertrauen auf diese Zusicherung können wir es wagen, uns selbst für andere einzusetzen und versuchen, uns als „Gute Hirten“ zu erweisen, die dem nachfolgen, in dessen Hand sie sind.
Unser Text bietet uns dabei sehr konkrete Denkanstöße.
Die Zukunft der Ökumene und die Erfüllung aller Hoffnungen auf die »eine Herde«, zu der noch viele hinzukommen sollen wird davon abhängen, ob wir Ernst machen damit, dass wir nur einen Hirten haben. Oder ob wir uns an seiner Stelle weiterhin mehr oder minder hierarchisch regieren lassen.
Der Einheit seiner Herde steht aber jedwede Hierarchie im Wege. Und bevor wir dabei nur nach Rom schauen, sollten wir zuerst unseren eigenen, »evangelischen« Weg mit liebevollen, aber kritischen Gedanken begleiten. Jesu Ziel für uns Menschen ist klar: Wir sollen Leben in Fülle haben. Den ganzen Reichtum des Lebens auskosten und unser Leben mit allen Fasern unseres Seins erfahren, schmecken und fühlen. Wir sollen eine Gemeinde sein, die sich um seinen Tisch herum gemeinsam vereint und Mahl mit ihm feiert. Deshalb lade ich Sie alle ein, gemeinsam in dem Bewusstsein Abendmahl zu feiern, dass Jesus selbst das Mahl mit uns feiern will und sich selbst dafür mit seinem Leben hingegeben hat.
12 Wenn ein gedungener Schafhüter, dem die Schafe nicht gehören, einen
Wolf kommen sieht, lässt er die Schafe im Stich und läuft weg. Und der
Wolf reißt die Schafe oder jagt sie auseinander.
13 Dem gedungenen Hüter liegt nichts an den Schafen.
14 Ich bin der gute Hirt und kenne meine Schafe, und meine Schafe kennen
mich,
15 so wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne und mein Leben
meinen Schafen schenke.
16 Außerhalb dieses Pferchs habe ich noch andere Schafe. Auch die muss
ich führen. Sie werden auf meine Stimme hören, und dann werden alle
Schafe eine einzige Herde mit einem einzigen Hirten sein.
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme, ich kenne sie, und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden niemals verloren gehen.
Aus meiner Hand kann sie niemand rauben.
29 Mein Vater, der mir sie anvertraute, ist größer als alle, und keiner kann sie
aus der Hand des Vaters rauben.
30 Ich und der Vater sind eins.
Liebe Gemeinde,
Oder wir verbinden mit dem Begriff negative Erfahrungen und Aussagen. Wir denken an das schwarze Schaf in einer Familie und bösartige Titulierungen wie „dummes Schaf“ oder ähnliches mehr.
Wie auch immer, Jesus gebraucht aktuelle Bilder seiner Zeit und unsere Aufgabe ist es, sie in unsere Welt zu übertragen.
Nicht selten kam es vor, dass Hirten mit ihrer Herde von Räubern überfallen und ausgeplündert wurden. Auch der Wassermangel in der Wüste war eine ständige Bedrohung. Und wenn wilde Tiere in die Herde einfielen, dann musste der Hirte unter dem Einsatz seines Lebens die Herde verteidigen.
Amen.