Liebe Gemeinde,
„Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!“ - Mit diesen Worten haben wir unseren Gottesdienst begonnen und diese Worte wollen wir tief in uns einlassen. Ja, wir wollen unsere Seele, unser innerstes Sein einstimmen, auf diese Botschaft und sie so verinnerlichen, daß aus ihr die Kraft für unserern Alltag erwächst, die wir so dringend brauchen.
Diesen Wunsch greift unser Predigttext mit ermutigenden Worten auf. Er steht in Jesaja 42, 1 - 9 und ist das erste Lied vom Gottesknecht
1 Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht.
Spüren wir was Gott uns heute morgen hier im Gottesdienst durch den Propheten zuruft? Ja, nicht nur zu seinem, damals unter babylonischer Gefangenschaft lebenden Volk kommt das Prophetenwort, sondern zu uns Fulerumern redet Gott. Lassen wir uns von dieser Botschaft Kraft zuströmen? Oder denken wir, diese gälte uns im 21. Jahrhundert doch nicht?
Suchen wir doch einmal die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen damals und uns heute.
Israel erlebte im 6. Jahrhundert vor Christus eine massive Verunsicherung. Die babylonische Zwangsherrschaft, Vertreibung und ein ungewohntes Leben in der Verbannung bewirkten, dass der Glaube an den starken aber unsichtbaren Gott, an Jahwe einer starken Verunsicherung unterworfen war. Viele zweifelten damals daran, daß Gott immer noch für sein Volk da ist und seine Geschichte lenkt.
Von daher ist es verständlich, daß der Prophet das Bild vom glimmenden Docht wählt, denn dieser erinnert an das Gefühl, ausgebrannt zu sein; am Ende zu sein. Der glimmende Docht ist das Gegenteil einer brennenden Kerze. Weder Licht noch Wärme verbreitet er, statt dessen läßt er die Dunkelheit erahnen, die auf uns zukommt, wenn er ganz verloschen ist.
Und wir hier, heute morgen in Fulerum? Zweifeln wir nicht auch so manches Mal an Gottes Wirken, wenn wir die Nachrichten unserer Zeit hören, wenn wir Terror, Hass und Unversöhnlichkeit in unserem Land, im Nahen Osten oder wo immer sonst auf der Welt vor Augen geführt bekommen?
Es gibt sicher viele Bilder, die ein glimmender Docht symbolisieren kann. Menschen die krank sind und wenig Hoffnung auf Genesung haben. Arbeitslose, deren finanzielle Schwierigkeiten, seelische Probleme nach sich ziehen. Menschen, die nicht weiterwissen und Stärke vortäuschen, wo Ratlosigkeit herrscht. All das passt zum glimmenden Docht oder anders gesagt: zu verunsicherten Menschen.
In diese Situation hinein spricht, der als „zweiter Jesaja“ bekannte Prophet. Eine großartige Offenbarung wird den Hörenden zuteil. Israel, das vom Leid durch die Babylonier gezeichnet ist, erfährt aus dem Munde des Propheten, dass der unsichtbare Gott Jahwe handeln wird.
Dazu beruft er sich seinen „Auserwählten“, - eine Person also, die an Vollmacht und Kraft die Möglichkeiten des Propheten weit übersteigt. Dieser wird für eine Neuordnung der Welt sorgen. In ihr wird es wieder Menschenwürde und Rechtsgrundsätze geben – und zwar unter Einbeziehung von Israels bisherigen Feinden. Ja diese werden nicht nur als Nachbarn erwähnt, sondern in die Heilszusagen einbezogen.
Ist der Anspruch und die Aufgabe dieses Auserwählten nicht „zu hoch gegriffen“? Vielleicht, doch die Prophetenworte verdeutlichen: Es gelten vor Gott andere Maßstäbe, als unsere eigenen. „Seht, das ist mein Knecht, mein Erwählter... Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.“ Ja, „Er wird das Recht unter die Völker bringen“.
Wer wird das sein – diese Frage drängt sich förmlich auf! Wer ist in der Lage, die geschichtsbelasteten Folgen von Verletzungen zum Guten, zu gegenseitiger Anerkennung von Menschenwürde zu führen?
Gerade heute sind diese Fragen von brennender Aktualität und nicht nur, wenn wir in den Nahen Osten blicken und die Auseinandersetzungen der Israelis und Palästinenser unser Herz mit Sorge erfüllen.
Wo erleben wir Menschen Auflösung von Feindschaft, statt Feindesvernichtung? Die Antwort des Propheten ist eindeutig! Er sagt Israel damals und auch uns heute: Erlebt werden kann Gerechtigkeit nur dort, wo Gott selbst ins Geschehen eingreift! Allein sein Auserwählter kann dies Wunder vollbringen! Nur Gottes Auserwählter kann uns Menschen die inneren Augen öffnen, damit wir die Zusammenhänge der Weltgeschichte wieder klar erkennen können.
Nur er kann unsere Gefangenschaft beenden und uns aus ihr herausführen. Und mit dieser Gefangenschaft ist nicht nur die konkrete Situation des Volkes Israels, damals in der Verbannung gemeint. Nein, Gefangenschaft und Blindheit sind auch Symbole unseres Lebens. Jeder von uns kann an einer anderen Stelle sicher feststellen, daß wir oft genug „gefangen“ sind. Gefangen von der Meinung Andersdenkender! Gefangen in unseren Urteilen, auch über uns selbst, die uns und andere in Ketten legen. Blind uns selbst und anderen gegenüber, wenn es gilt andere Meinungen, andere Wertvorstellungen, andere Religionen gelten zu lassen.
Vom Propheten noch vage und unbekannt, aber dennoch in Wesenszügen geschaut, ist dieser Auserwählte für uns Christen Jesus! Bei seiner Taufe erhält er den Heiligen Geist, sichtbar in Gestalt einer Taube! Und das Wort Gottes verkündet: „Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!“ Jesus stellt, wie der Gottesknecht des Propheten, alles bisherige in den Schatten! Wer an Schlagzeilen denkt, wird bitter enttäuscht sein, denn da wird nicht um Mehrheiten von Meinungsbildung auf der Straße gerungen. „Er wird nicht schreien noch lärmen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Strassen.“ Gott selber ringt in der Gestalt des Gottesknechts um die bedrohte Menschenwürde.
Das Besondere ist, dass dieses Ringen um die Welt im leidgeprüften, winzigen Volk Israel beginnt, da, wo die Lasten der Feindschaft generationsweise bis heute konkret und schwer zu tragen sind.
In der Verbannung und aus dem Munde ihres Propheten erfahren sie die Einbeziehung der nichtjüdischen Völker in das globale Rechtsdenken von Israels Gott: „In Treue trägt er das Recht hinaus.“, wie Luther es übersetzt hat. Der glimmende Docht, der durch Gottes Einwirken nicht verlöschen wird, und das geknickte Rohr, das er nicht zerbrechen wird, erschließt sich nun vom Auftrag Jahwes her. Es gilt den Rest an Hoffnung, Mut, Würde, Glauben und Zuversicht für wert zu achten, um ihn zu bergen und wach zu halten.
Warum wohl? Weil dieser Rest ein Zeugnis für die unbezwingbare Liebe Jahwes für alles Lebendige ist!
Der glimmende Docht will nicht mehr bloß ein Bild der Verunsicherung sein oder ein Bild des Scheiterns. Nein, es verdeutlicht statt dessen ganz entschieden die Verbindlichkeit und Treue von Gottes Zusagen. „Er selbst, der von Gott Erwählte“ wird dieses Leben mit all seinen Verunsicherungen teilen. Und dabei wird es nicht verlöschen und nicht zerbrechen. Für Gott ist das geknickte Rohr nicht zum Wegwerfen da, sondern zum Aufrichten. Israel und andere, mit ihm bedrohte kleine Völker, müssen nicht ihre Abwertung durch große Völker fürchten.
Die Rechtsliebe Gottes, die uns das Prophetenwort vor Augen stellt, wird in der Erscheinung des Gottesknechts verdeutlicht. Wir wollen diese Botschaft des Propheten in uns bewahren und uns von ihr - in Verbindung mit der Weihnachtsbotschaft - Kraft zuströmen lassen. Das Kommen Jesu in unsere Welt bestärkt uns, Gottes Botschaften auch in Zukunft als Ermutigung und Glaubensstärkung anzunehmen. Kleinglaube und Verunsicherung können uns dann nicht beherrschen, sondern Gottes Geist. Und wenn es gelingt, dann spüren wir „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude; A und O, Anfang und Ende steht da. Gottheit und Menschheit vereinen sich beide; Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah!“ Wir ahnen, daß Jesus uns zur Seite steht. Er bewahrt uns davor, daß unsere Glaubensenergie verlöscht, auch wenn uns Gott in unserem Leben manchmal etwas zumutet, das unsere Kraft scheinbar übersteigt.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und läßt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht, und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist:
6 Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein:
7 blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.
8 Ich bin Jahwe, das ist mein Name; ich überlasse die Ehre, die mir gebührt, keinem andern, meinen Ruhm nicht den Götzen.
9 Seht, das Frühere ist eingetroffen, Neues kündige ich an. Noch ehe es zum Vorschein kommt, mache ich es euch bekannt.
Amen.