“Wenn Sie so weitermachen, werden Sie dem lieben Gott nichts als die entkräfteten Reste eines Herzens darbringen, das sich für Interessen verbraucht hat, die nicht die seinen sind!”
Liebe Gemeinde,
diese Worte sprach ein Priester, Anfang des 19. Jahrhunderts in einem kleinen Dorf Frankreichs zu seiner Gemeinde. Als ich sie las wurde mir bewußt, dass sie noch heute ihre Gültigkeit haben und es sich lohnt, darüber nachzudenken. Dabei fallen mir die unterschiedlichsten Menschen ein:
Da ist die überarbeitete Mutter, die Beruf, Haushalt und Kindererziehung unter einen Hut bringen muß. Dort der abgehetzte Vater, dessen Blick nur auf das Vorwärtskommen und die damit verbundene Gehaltserhörung gerichtet ist. Schülerinnen und Schüler, die ihre Freizeit mit so vielen Dingen vollgepackt bekommen, dass sie kaum mehr zu sich selber finden. Zu Zeiten von Big Brother sorgte das Leben der “Container-Bewohner” teilweise für mehr Gesprächsstoff, als ihre eigenen Bedürfnisse, Träume und Sehnsüchte. Ich denke auch an viele Ehepaare, die soviel zu tun haben, dass ihr Gespräch untereinander auf der Strecke bleibt.
Allen ist eines gemeinsam. Sie werden jeden Tag müder und erschöpfter! Sie sehnen die Ferien herbei, um endlich einmal auszuruhen. Sind die Ferien dann endlich da, wird wieder so vieles unternommen, dass ihre Erholung viel zu kurz kommt. So treffen die Worte heute früh in Haarzopf völlig berechtigt unser Ohr: “Wenn Sie so weitermachen, werden Sie dem lieben Gott nichts als die entkräfteten Reste eines Herzens darbringen, das sich für Interessen verbraucht hat, die nicht die seinen sind!”
Wenn wir jetzt glauben, diese Situation wäre erst Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, kann ich uns beruhigen. Diese Haltung ist auch den Menschen des AT schon zu eigen gewesen. Unser Textabschnitt aus dem Propheten Jesaja verdeutlicht dies. Ich lese Kapitel 40, die Verse 26 - 31:
26 Hebt eure Augen in die Höhe, und seht: Wer hat die Sterne dort oben erschaffen? Er ist es, der ihr Heer täglich zählt und heraufführt, der sie alle beim Namen ruft. Vor dem Allgewaltigen und Mächtigen wagt keiner zu fehlen.
Wie gut ist es doch, dass wir nicht die Ersten sind, denen das Phänomen Erschöpfung begegnet. Wie gut, dass Gott uns und unsere Bedürfnisse kennt. Dass er uns durch den Propheten Jesaja antwortet und unseren Blick auf eine ganz wichtige Botschaft lenkt. Er, der das Weltall erschaffen, der uns selbst ins Leben gerufen hat, kennt unsere Gedanken. Er weiß dass wir uns, wie der Stamm Jakob, wie sein Volk Israel an unzähligen Tagen fragen, wo denn Gott mit seiner Hilfe ist. Warum er unsere Situation nicht verändert, warum er uns nicht Recht schafft.
Damals war das Volk in der Verbannung und wartete sehnlichst darauf, dass endlich ihre Heimkehr ins gelobte Land möglich würde.
In Babylon hatte Israel seine einstige Mitte verloren. Der Tempel war weit und die früheren Werte der Religiosität waren in der Fremde nur schwer aufrechtzuerhalten. Dies mündete in eine Anklage gegen Gott. - Offensichtlich hatte dieser sein Volk verlassen. Die religiösen Führer mussten gegen Gleichgültigkeit ankämpfen. Kraftlosigkeit und Mattheit machten sich breit. Der Glaube schien unerheblich zu werden, keine wesentliche Rolle mehr zu spielen.
Hierin sehe ich Parallelen zu uns heute, auch wenn die Ursachen andere sind. Die Faszination von technisch-wissenschaftlichen Möglichkeiten ja, Fortschritt und Globalisierung traten Mitte des vergangenen Jahrhunderts oft an die Stelle des Glaubens. Doch Euphorie und Optimismus, über das was machbar scheint, verlieren seit dem 11. September 2001 an Boden. Auch Zuwachsraten und Börsendaten büssen ihren Glanz ein. Ein Gefühl der Unsicherheit und Bedrohung von außen nimmt deutlich zu. Doch wer glaubt, jetzt würde sich die Waagschale wieder zugunsten des Glaubens neigen sieht sich getäuscht. Auch heute muss die Kirche gegen Gleichgültigkeit ankämpfen. Kraftlosigkeit und Mattheit machen sich bei uns breit und spielen eine ähnliche Rolle, wie damals bei den Exilanten in Babylon und der Glaube scheint für unser Leben unerheblich zu sein.
So spricht der Prophet, den wir Deuterojesaja nennen nicht nur zum Volk Israel, welches sich im Exil befindet, sondern auch zu uns heute morgen. Er zeigt uns einen Glauben, der in vergleichbarer Ausgangslage zuversichtlich und hoffnungsfroh daherkommt, als sei es selbstverständlich. Gegen allen Augenschein, ohne konkrete Aussicht auf eine schnelle Wende verheißt er den Müden Kraft. Ja, er sagt den auf Gott Harrenden Adlerflügel zu, die sie aus ihrer Misere aufwärts tragen werden. Dabei erinnert er an und beruft sich auf den, den Israel als Schöpfer der Welt bekennt, und der sich in der Vergangenheit als mächtig - gerade auch in der Geschichte erwiesen hat. Er verweist darauf, dass Gott sein Volk nicht aufgibt, sondern sich ihm erneut zuwendet . Die gemeinsame Geschichte Gottes mit Israel ist nicht zu Ende, sondern ein neuer Exodus wird folgen.
Und wir hören heute morgen vom Propheten ebenso: Die gemeinsame Geschichte Gottes mit uns ist auch im 21. Jahrhundert nicht zu Ende. Nein, es geht auch für uns weiter, so wie es für das alte Gottesvolk weitergegangen ist. Und damit geht es auch weiter für den Glauben. Was wir suchen, ist viel näher, als wir denken. Wo soll denn Gott für uns da sein, wenn nicht in unserem Alltag? Es geht darum, mitten in den Sorgen und den Ängsten sich das Vertrauen zu bewahren, daß Gottes Geist die Ängste vertreiben und uns ermutigen wird. Aus dem Physikunterricht kennen wir das Experiment mit den Eisenspänen. Sie liegen kreuz und quer, vollkommen durcheinander, auf einer dünnen Pappe. Wenn wir aber einen Magneten darunter halten, bekommen sie, wie durch eine unsichtbare Hand geordnet, eine Struktur.
So handelt Gott in unserer Welt, in unserem Leben: Seine Kraft lässt aus dem Chaos Schönheit und Ordnung entstehen. Dies gilt nicht nur für die Natur, sondern auch und gerade für unseren Alltag, wenn wir es zulassen.
Sich selbst loslassen zu können und darauf zu vertrauen, daß Gott es schaffen wird. Vielleicht mit anderen Gedanken und Plänen, als wir uns vorstellen können, aber in diesem Vertrauen liegt, so heißt es in dem Jesajatext, neue Kraft, ja sogar Jugend und auf jeden Fall Lebendigkeit:
Der heutige Sonntag erinnert uns mit seinem Namen an die neugeborenen Kinder. Damit sind wir selbst gemeint, so wie Jesus es Nikodemus gegenüber formulierte: “Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.”
Schon Nikodemus reagierte irritiert und hielt es für schlechthin unmöglich, als Erwachsener von neuem geboren zu werden. Jesus erläuterte es ihm mit der uns bekannten Formulierung: “Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.” Er verwies dabei auf den Geist Gottes, der diese Neugeburt in uns erst ermöglicht. Von Ostern her kommend heißt dies nichts anderes als dass, das ausschlaggebende Thema unseres Lebens, die Überwindung des Todes durch Jesus Christus ist. Seine Auferstehung ermöglicht uns neues Leben in einer nach wie vor bedrohten und verunsicherten Welt. Gleichzeitig bleibt unser Glaube ein Glaube, der sich der Geschichte Gottes mit seinem Volk erinnert. Ein Glaube, der sich biblischer Überlieferungen vergewissert und der sich nach Gott ausstreckt, der auf ihn und seine Hilfe harrt, auch wenn sie scheinbar ausbleibt.
Dieser - so gelebte Glaube - kann uns neue Kraft und Adlerflügel verleihen. “Dann werden wir dem lieben Gott ein Herz darbringen, das sich für seine Interessen verbraucht hat und dabei jung geblieben ist! Ein Herz, das ein Lied zur Ehre Gottes anstimmt wie ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist.”
27 Jakob, warum sagst du, Israel, warum sprichst du: Mein Weg ist dem Herrn verborgen, meinem Gott entgeht mein Recht?
28 Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der Herr ist ein ewiger Gott, der die weite Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht.
29 Doch wer behauptet, er stehe im Strahlkeis des Lichtes, und doch seinen
Bruder oder seine Schwester nicht liebt, der steht immer noch im Bannkreis
der Finsternis.
30 Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen.
31 Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.
Konkret für unseren Alltag bedeutet dies, dass sich für die überarbeitete Mutter, den abgehetzten Vater, die Schülerinnen und Schüler, ja jeden Menschen, der Gott in seinen Alltag mit einbezieht neue Lebenswirklichkeiten ergeben. Wir werden für die Bewältigung unseres Alltags einen anderen Blick gewinnen. Dieser ermöglicht uns, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. So können wir auch einmal Fünfe gerade sein lassen und uns manches Mal mit weniger begnügen, damit unsere Seele neue Kräfte gewinnen kann.
Amen.