Jesaja 40, 1-8
1 Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.
2 Redet Jerusalem zu Herzen und verkündet der Stadt, daß ihr Frondienst zu Ende geht,
daß ihre Schuld beglichen ist; denn sie hat die volle Strafe erlitten von der Hand des Herrn für all ihre Sünden.
3 Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste!
Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott!
4 Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken.
Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben.
5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen.
Ja, der Mund des Herrn hat gesprochen.
6 Eine Stimme sagte: Verkünde! Ich fragte: Was soll ich verkünden?
Alles Sterbliche ist wie das Gras, und all seine Schönheit ist wie die Blume auf dem Feld.
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des Herrn darüberweht.
Wahrhaftig, Gras ist das Volk.
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit.
Liebe Gemeinde,
in einer Woche feiern wir Weihnachten. Noch sind wir in Erwartung dieses Festes. In diese Wartezeit hinein trifft uns ein Text, der damals bei den im babylonischen Exil befindlichen Judäern brieflich eintraf. Absender des Briefes ist ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen - wir nennen ihn den zweiten, oder Deuterojesaja. - Dieser erhält den Auftrag, das rettende Eingreifen Gottes anzukündigen.
Die Judäer hatten sich notgedrungen im Exil eingerichtet.
Sie hatten ihre Vertreibung aus der Heimat erlitten, als ihr damaliger König Hiskia gegenüber Sanherib kapitulierte, was ihn den größten Teil seines Reiches kostete.
Aus Prophetensicht sah das allerdings anders aus. Die damaligen Propheten werteten die äußere Niederlage und Kapitulation als Strafgericht Gottes, weil das Volk sich von Gott abgewandt hatte.
Sie sahen es als Verstockung des Volkes an und teilten ihm mit, was sie in Wahrheit die Heimat kostete. Nun saß das Volk an den Strömen von Babel, und weinte, wenn es an Zion dachte. (Ps. 137,1).
Der Prophet unseres Textes erhält während des Exils nun einen Auftrag, der so ganz anderen ist, als der Auftrag früherer Propheten.
Er, schickt ihnen im Auftrag Gottes diesen Trostbrief. Dabei identifiziert er sich selbst ganz mit dem Elend und der inneren Verfassung des Gottesvolkes.
In seinem Brief verheißt er unglaubliche Neuigkeiten. Gott wird einen neuen Herrscher - Kyros - erwecken, um das Volk aus der Gefangenschaft zu entlassen. Dies ist natürlich Prophetenesicht, der Jahwe als alleinigen Herrscher über die Völker ansieht. Diesen Gott, der durch Schöpfung und geschichtliches Handeln sich als Gott erweist. Sein Volk wird er in einem neuen, wunderbaren Exodus nach Zion heimführen. Gott selbst wird dort als König Israels herrschen, das er wieder aufblühen läßt. Mit unserem Predigtext beginnt für das Volk Israel eine überschwengliche Heilsprophetie.
Was aber sagt der Text uns heute? Was sagt er unserem Volk? Wie hören wir Fulerumer, in unserer Stadt Essen, in unseren Familien, in unserem Freundeskreis diese Worte? Wir, die wir zum großen Teil in einer gesicherten Existenz und selbstbestimmt leben können.
Kennen wir denn Verbannung? Die Älteren und Alten unter uns, die den Weltkrieg mitgemacht haben - Ja! Sie wissen, was Vertreibung aus der alten Heimat heißt. Sie kennen das Gefühl, in der Fremde neue Heimat zu gewinnen. Aber wie geht es den Jüngeren, den Jugendlichen unter uns? Kennen sie Verbannung oder Vertreibung? Vertreibung aus der Heimat kennen sicher auch die Jungen unter den Asylsuchenden in unserem Land. Die Frage aber bleibt gestellt! Kennen die Jungen unseres Volkes unter uns Verbannung? Wenn unter Verbannung auch jede Art von Ausgrenzung zu verstehen ist, so können wir diese Frage getrost mit "Ja" beantworten. Denn innerhalb unserer Gesellschaft erleben sie doch täglich, daß sie daran gemessen werden, ob sie mithalten können am Konsumverhalten der Mehrheit. Ob ihre Kleidung, ihr Musikgeschmack, ihre Spiele, ihre Frisur "in" oder "out", also von vorgestern ist.
Wie schnell geraten Jung und Alt ins Abseits unserer Gesellschaft, wenn sie kein Handy, keinen Computer, kein schnelles Auto, kein Kickboard der besten Markenfirma ihr eigen nennen können. Vielleicht aber kenne ich selbst ja auch das Gefühl nicht dazu zu gehören, ausgegrenzt zu sein? Letztlich ist es ja nicht schwer, sich ausgegrenzt zu fühlen?
Wie schnell weisen wir Ausgegrenzten gegenüber aber jede Verantwortung dafür von uns. Womöglich bemühen wir die "gute alte Zeit", und schwärmen davon, wieviel besser es uns da ging! Wie schnell schieben wir die Verantwortung für die Kranken und Alten von uns, für die es ja die Krankenhäuser und Altenheime gibt. Wie schnell bekommen Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger zu hören: "Es tut mir leid, aber ich habe die Gesetze leider nicht gemacht, ich kann ihnen auch nicht weiterhelfen!"
Spricht also Jesaja nicht auch uns an? Ist der Text nicht aktueller denn je? Tragen wir in unserer kleinen, persönlich erfahrbaren Welt nicht eine besondere Verantwortung? Stehen wir nicht in der Schuld von vielen Menschen, die als Ausgegrenzte und Fremde unter uns leben?
Was können wir tun? Wie können wir den Teufelskreis durchbrechen, der uns die Verantwortung fliehen läßt? Wie können wir unsere Mitschuld an Ausgrenzung und Vereinsamung vieler Menschen unter uns tragen? Wie können wir mit dieser Schuld leben? Was hilft uns diese Erkenntnis?
In diese Überlegung hinein trifft uns das Wort: "Tröstet, tröstet mein Volk!" Wir können aus diesen Worten heraus hören, daß gerade trotz unseres Versagens Gott uns nicht entläßt aus seiner Hand und uns in der Zeit dieses Advents, in der Zeit des "wartens auf sein Heil" zurufen läßt:
Redet zu Jerusalem freundlich und verkündet der Stadt, daß ihr Frondienst zu Ende geht, daß ihre Schuld beglichen ist" . Warum dies so ist? Weil der, dessen Geburt wir nächste Woche feiern, unsere Schuld getragen und sie beglichen hat.
Weil er - und das scheint mir das Wichtigste - die Berge und Hügel unserer Schuld abgetragen hat, weil er - die Täler unserer Depressionen heraufgehoben hat zur Freude an IHM, die unsere Stärke sein will und werden kann, wenn - ja wenn wir dies von IHM als Heilstat annehmen.
Der Prophet teilt uns, wie dem Volk damals mit: Trost kann nur werden, wenn wir Gott Bahn bereiten, den Weg dazu ebnen. Und genau diesen Ruf griff Johannes der Täufer auf, als er auf Jesus hinwies und diesem Bahn bereitete. Im Johannes-Evangelium wird diese Tatsache mit den gleichen Worten aufgegriffen, die auch unser Text enthält;
"Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit." (Joh 1,14),
wobei das Bekenntnis aber vorangeht, daß die Welt ihn nicht erkannte.
Wir werden getröstet, wenn wir die Bahn demjenigen ebnen, der allein fähig ist, uns richtig zu trösten. Wenn wir bereit sind uns aufheben zu lassen aus dem Tal unserer Niedergeschlagenheit und wenn wir unsere Schuld ernst nehmen und vergeben lassen von dem, der dies kann, ohne Wenn und Aber.
Dann werden wir wissen, wie wir den Ausgegrenzten und Einsamen unter uns das nötige Zugehörigkeitsgefühl und ihnen auf neue Weise ein Heimatgefühl vermitteln können.
Dann offenbart sich auch uns die Herrlichkeit des Herrn,
und wir als Sterbliche werden sie sehen. Dann erfassen wir, daß "der Mund des Herrn gesprochen hat".
Und dann können wir Gottes Wort, wie damals Deuterojesaja verkünden: "Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit."
Gottes Wort hat also Bestand, steht für alle Ewigkeit unveränderbar da! Dadurch gewinnt unser eigenes Zeitempfinden Raum. Wir sind in unserem Denken nicht mehr auf heute und morgen begrenzt. Daraus gewinnen wir die Hoffnung und für unseren Alltag die nötige Kraft, auf sein Wort hin "gegen den Strom zu schwimmen". Mit Gottes Hilfe können wir Verantwortung tragen, wo wir sie bislang von uns geschoben haben.
Und damit wird uns Trost werden und die Freude in unser Leben wieder zurückkehren!!
Unser Wille, ihm die Bahn zu ebnen, damit er kommt, spielt hierbei eine entscheidende Rolle.
Wenn wir dies tun, haben wir die Möglichkeit nächste Woche Weihnachten zu feiern und in uns zu erleben.
Amen.