Liebe Gemeinde,

wir haben Weihnachten gefeiert. Für viele von uns beginnt fast schon wieder der Alltag, und es scheint, als sei nichts besonderes gewesen. Unsere Gedanken verweilen vielleicht noch bei dem Beisammensein unserer Familie und dem mehr oder minder gelungenen Miteinander. Viele Menschen erleben Weihnachten und gerade den Heilig Abend nicht gerade friedvoll, wovon die Notaufnahmen unserer Kliniken beredt Zeugnis geben. Besonders das Fest der Liebe, wie Weihnachten ja auch genannt wird, hat es in sich! Gerade in diesen Tagen wird wenig liebevolles erfahren und die Einsamkeit vieler älterer und alter Menschen ist für die Betroffenen besonders spürbar. Auch das "Friede auf Erden" scheint nicht gerade tragfähiger geworden zu sein. Die empfundene Friedlosigkeit mag der Grund dafür sein, daß der folgende Text für den zweiten Weihnachtstag als Predigttext vorgeschlagen wurde. Und dieser Text mutet uns einiges zu:

Jes 11, 1-9

1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht.
2 Der Geist des Herrn läßt sich nieder auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht.
3 Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er,
4 sondern er richtet die Hilflosen gerecht und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt den Gewalttätigen mit dem Stock seines Wortes und tötet den Schuldigen mit dem Hauch seines Mundes.
5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften, Treue der Gürtel um seinen Leib.
6 Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.
7 Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frißt Stroh wie das Rind.
8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine Hand in die Höhle der Schlange.
9 Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer mit Wasser gefüllt ist.

“Schön wäre es!", mögen wir sagen, wenn wir diese Worte hören, "doch um uns herum und in der Welt sieht es doch ganz anders aus.

Oft genug haben wir den Eindruck, daß ein Reicher oder Prominenter vor Gericht eher Gehör findet, als wir Normalbürger. Gerade zu Weihnachten erreichen uns viele Schreckensmeldungen: ich denke da nur an Salzgitter, wo ein 24-jähriger Mann in einer Wohnung sieben Menschen niedergeschossen und sich dann selbst der Polizei gestellt hat. Einige Kinder haben die Tat wohl aus nächster Nähe mitbekommen, wobei ich mich frage, mit welchen Gefühlen sie wohl das Weihnachtsfest erlebt haben? Auch für unsere jüdischen Mitmenschen ist das Leben wieder unsicherer geworden, da Synagogen wieder Ziele rechtsradikaler Anschläge geworden sind. Und die Fremden leben in unserem Land mit größer werdenden Ängsten, da die Fremdenfeindlichkeit wieder zunimmt.

Hat dieser alte Text also keine Berechtigung mehr, da er nur Illusionen in die Welt setzt, die so oder so nie erfüllt werden? Konnte er je als etwas anderes gehört werden, als die Träumerei eines Phantasten?

Sehen wir uns doch einmal gemeinsam die Entstehung dieses Textes an. Diesem geht unmittelbar ein Strafwort über Juda und Jerusalem voraus:
"Seht, Gott, der Herr der Heere, schlägt mit schrecklicher Gewalt die Zweige ab. Die mächtigen Bäume werden gefällt, und alles, was hoch ist, wird niedrig. Das Dickicht des Waldes wird mit dem Eisen gerodet, der Libanon fällt durch die Hand eines Mächtigen." Jes. 10, 33-34

Die damalige Welt wurde also nicht anders empfunden, als wir die unsere heute empfinden. Auch wenn wir anderen Gewalten ausgeliefert sind, sie andere Namen tragen, als damals zur Zeit unserer Textentstehung. Damals war Rechtsbeugung an der Tagesordnung und der König herrschte über sein Volk mit Ungerechtigkeit. Auffallend ist, wieviel Gewicht das ungerechte Regieren des Königs hat. Als Konsequenz daraus wurde ein Gericht angekündigt. Dieses Gericht wurde aber mit einem völligen Neubeginn in Zusammenhang gebracht. Unser Predigttext, der sich als Heilswort an dieses Gerichtswort anschließt, kündigt wahrhaft Neues! Eine Heilszeit wird vorhergesagt, die mit dem Auftritt einer vom Geist Gottes erfüllten, gerechten Herrschergestalt aus dem Geschlecht des Isai beginnt. Damit verbunden wird ein paradiesischer Frieden.

Interessant ist, daß der Prophet im Auftrag Gottes aber einen Herrscher ankündigt, der nicht der David-Dynastie entstammt. Nicht nur, weil Ahab der David-Dynastie entstammte, und es zu seiner Regierungszeit ein gefährliches Unterfangen war, dieses zu verkünden. Interessant ist es, weil Gott ganz an den Anfang zurück geht und auf die Nachkommenschaft Isais zurückgreift. Er fällt also bildlich gesprochen wirklich die "mächtigen Bäume", sodaß nur eine Wurzel zurückbleibt. Aus dieser Wurzel - dem Stamme Isais - beruft sich Gott den neuen Herrscher. Auf diesem ruht Gottes Geist direkt, ohne menschliche Vermittlung. D. h. Gott läßt ihn nicht wie bisher durch einen Propheten salben, sondern Gottes Geist ist von Anfang an in ihm lebendig. Damit einher geht eine dauerhafte Legitimation. Die nun ausgesprochene Vollmacht wird im AT in einer einmaligen Zusammenstellung ausgedrückt. Weisheit, Erkenntnis, Kraft, Stärke und Furcht des Herrn zeichnen diesen Herrscher aus. Hier wird also eine Amtsführung beschrieben, die eine enge Verbindung zwischen Herrscher und Gott herstellt. Der neue Herrscher wird soz. "eins sein mit Gott", richtet wie dieser selbst in Gerechtigkeit. Man könnte auch sagen: "Der neue Herrscher trägt Gerechtigkeit und Treue wie eine zweite Haut"! Und damit, das scheint mir das Wichtigste zu sein, beendet Gott selbst die menschliche Schuldgeschichte der Könige. Der neue Herrscher steht in Vollmacht da, er hat eine neue Qualität.

Auch für uns schließt sich damit der Kreis, denn Gott ist noch lange nicht am Ende mit seinem "Heil schaffen". Mit der Geburt Jesu Christi begann ein neuer Heilsweg. Und dies gilt auch für uns Menschen des 21. Jahrhunderts. Diese Zusage Gottes gilt heute noch genauso, wie vor 2000 Jahren. Mitten hinein in unsere Welt des Unfriedens wird uns verkündet: "Ein neuer Weg von Heilserfahrungen ist geöffnet!" Allerdings gilt damals wie heute: "Wir können unser Heil nicht schaffen, wir können es nur von Gott erwarten." Und gleichermaßen gilt: "Dieses Heil gibt es nur wenn Gerechtigkeit im Miteinander und in der Lebensgestaltung ihren Platz hat."

Dies hat uns Jesus als erster neuer Mensch selbst vorgelebt! Wenn wir Weihnachten so feiern, daß wir nicht nur das Kind in der Krippe, sondern das Leben Jesu im Blick haben, dann gilt uns diese Heilzusage heute genauso, wie damals den Judäern.

Wie unsere Vorfahren brauchen auch wir Licht wo Dunkelheit herrscht. Mitten in unseren Ängsten sehnen wir uns nach Vertrauen. Und das Heil, das damals verkündet wurde ist ja auch uns zugedacht. Auch in uns kann etwas geschehen, wie die Geburt eines Kindes, durch das sich alles verwandelt. In dieser alten Geschichte wird uns eine Veränderung vorgestellt, die nicht nur den Augenblick betrifft, sondern in die Zukunft der ganzen Menschheit hineinreicht. Und für mich persönlich heißt dies: "Ich kann meine Erwartung gar nicht hoch genug stellen an Weihnachten!" Aber diese Erwartung bezieht sich nicht auf mich selbst oder meine Mitmenschen, sondern sie bezieht sich auf Gott selbst und sein "mir und uns Heil schaffen"!

Und wenn dieses Heil uns heute, - hier in Fulerum, in unseren Familien - gilt, dann könnte dies uns Mut machen, selbst nach dem Vorbild Jesu zu leben. Die Folge wird sein, daß wir nicht vorschnell urteilen, sondern uns von Gott selbst in unserem Urteil leiten lassen. Dann werden wir mitten in der bedrohten, angsterfüllten Welt eine Heimat für Menschen errichten. Für die Armen unserer Stadt werden wir einen Blick haben, der uns gute Entscheidungen treffen läßt und den Hilflosen im Lande werden wir beistehen. Dann werden wir unsere eigene Lebensführung nach diesem Vorbild gestalten können. Nicht aus uns heraus, sondern weil Jesus selbst in uns die Möglichkeit dazu schafft.
Er selbst hat Gott für uns gebeten, seinen Geist der Weisheit und der Einsicht, den Geist des Rates und der Stärke, ja den Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht in uns lebendig werden zu lassen. Damit erlangen wir die Fähigkeit, um uns herum den Frieden zu schaffen und zu erhalten, der durch Jesu Geburt längst in dieser Welt Einzug gehalten hat. Damit sind wir zwar immer noch weit entfernt, paradiesische Zustände, wie sie unser Text verheißt zu erhalten. Aber die kleine Welt um uns herum wird sich verwandeln. Als Folge davon wird deutlich werden, daß Gott ein Gott der Lebenden ist und seine Zusagen jedem gelten, der sich darauf einläßt, ihn in seine Lebensführung und -gestaltung mit einzubeziehen.
Wir werden wieder neu ahnen, daß wir als Menschen die Kraft haben die Verheißungen zu hören, die uns mit leiser Stimme zugesprochen werden. Ja, wir gewinnen neu die Fähigkeit zu hören, zu schauen und zu ahnen, was uns aus der anderen Welt berühren will.
Amen.

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