Liebe Gemeinde,
worauf warten wir in einer Zeit, in der sich keiner mehr Zeit nimmt, geschweige denn auf etwas warten will! Advent – die Zeit des Wartens – will wieder einmal in unseren Häusern, noch mehr aber in unseren Herzen Einzug halten. In der kirchlichen Tradition ist Advent immer auch eine Buß- und Fastenzeit. Diesen Aspekt haben wir fast vergessen. Sich von vielem Ballast befreit, Zeit zu einer wirklich inneren Wartehaltung einzunehmen, wird uns von den äußeren Gegebenheiten heutzutage sehr schwer gemacht. Denn was wir erleben ist, dass sich Advent immer mehr zu einer Zeit der Völlerei entwickelt. Denken Sie nur an die Fülle kulinarischer Genüsse, die sich in den Geschäften auftürmen. An die Lichterketten, gerade in unserer Stadt, die schon lange vor Advent, die Dunkelheit vertreiben. Wie sollen wir uns bei dieser äußeren Fülle im Essen oder in anderen Dingen bescheiden? Wie sollen wir lernen auf das Licht zu warten, wenn wir die Dunkelheit der Jahreszeit schon jetzt mit all den Lichterketten verbannen? Wie sollen wir über das Geheimnis der Menschwerdung Gottes miteinander ins Gespräch kommen, wenn wir abgehetzt und müde durch die Straßen eilen und alle Weihnachtsfeiern mehr oder weniger nur einem Zweck dienen: der gemeinsamen Ablenkung!
In meiner Kindheit wurden Plätzchen gebacken und für Weihnachten aufbewahrt. Höchstens ein Probierhäppchen bekamen wir Kinder zu kosten, dann begann die Warterei auf den Tag, an dem die Plätzchen und manch andere Leckerei auf den Weihnachtstellern erschienen. Heute dagegen leben wir Erwachsenen es Kindern und Jugendlichen kaum mehr vor, was es heißt zu warten und Vorfreude in sich zu tragen, da wir selbst uns damit nicht mehr auskennen!
Unser Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ hilft uns in seiner heutigen Form nicht wirklich weiter. Denn von den ursprünglich 23 Strophen, haben wir in unserem Gesangbuch nur noch 4 beibehalten. Ursprünglich war dieses Lied ein Erzähllied der weihnachtlichen Geschichten um Maria und Jesus. Ihr Weg wird darin nachgezeichnet: Angefangen von Jesajas Prophezeiung, bis hin zur Verkündigung des Engels, der Volkszählung unter Kaiser Augustus, der Herbergssuche, der Geburt Jesu und der Verkündigung der Engel bei den Hirten, und den Weisen aus dem Morgenland. Wenn Sie so wollen war es ein rechtes Adventlied, weil eine Erwartungshaltung aufgebaut wurde und darin zum Ausdruck kam. Man hätte jeden Tag eine weitere Strophe singen können, und die Erwartung eines Großereignisses buchstäblich miterlebt. Doch davon ist nicht mehr viel übrig.
Immerhin: Die erste Strophe setzt als Rätsel ein. Ein Naturbild wird gemalt: Tief im Boden verborgen, ist eine zarte, d. h. wertvolle Wurzel. Aus ihr wächst ein Rosenstock, aus der zuoberst endlich die Knospe, die eigentliche Rose als Blümlein erblüht. Alles geschieht in einer Zeit, in der normalerweise die Wärme zum Wachstum fehlt. Und zur Mitternacht, wenn es an Licht zum Erblühen mangelt. Vielleicht hatte der Verfasser einen Satz aus dem Buch der Weisheit vor Augen, in dem es heißt: „Denn da alles still war und ruhte und eben recht Mitternacht war, fuhr dein allmächtiges Wort herab vom Himmel aus königlichem Thron.“
Gott handelt für unseren Verstand offenbar immer unerwartet und oft unbegreiflich. Ein Wunder eben! Generationen von Gläubigen wussten um die „Wurzel Jesse“, den „Spross der aus dem Baumstumpf Isais wächst, als ein neuer Trieb, der aus seinen Wurzeln hervor schießt“.
Sie kannten die Bedeutung des königlich-messianischen Stammbaums in Israel und seinen Anfang mit Isai, dem Vater Davids. Diese vorlaufende Heilsgeschichte müssen wir wieder neu wahrnehmen, damit wir das wunderbare Geschehen auf unserer Erde, als das „aus Gott Kommende“ begreifen können. Gottes Erbarmen zeigt sich uns auf wunderbare Art und Weise. Die Wärme seiner Liebe begegnet uns im Winter, der äußerlich erstarrten Jahreszeit. Das Licht Seiner Herrlichkeit erstrahlt zur dunkelsten Tageszeit – zu Mitternacht. Und Gott bereitet sein Kommen ganz unspektakulär vor. Denn Gott wird Mensch, ja Kind, klein und unbedeutend. Hilflos und schwach geht er in unsere Vergänglichkeit ein. Und weil dies so ist, verwandelt er unsere Welt. Maria, ließ sich auf dieses Abenteuer ein. Sagte ja zu ihrem Schicksal, weil sie der Verkündigung des Engels vertraute. Und damit hat sie uns den geboren, der uns bis heute ein sinnvolles Leben ermöglicht und unser Versagen aufhebt und verwandelt. Er, der den Geist der Weisheit und Erkenntnis von Gott in seinem Leben geschenkt bekam, hat ihn uns weitergegeben. Dieser Geist hilft uns, unser Leben in den Griff zu bekommen, und in allen Zweifeln und Anfechtungen im Glauben stark zu bleiben. Unsere Stärke beruht nicht auf unserer Muskelkraft. Nein, unsere Stärke entsteht aus unserer Schwachheit und dem Bewusstsein heraus, dass uns unserer Leben von Gott geschenkt ist. Deshalb ist es gut und richtig, das Warten im Advent von Herzen anzunehmen und uns vom Geist Gottes allmählich mit Freude und Begeisterung erfüllen zu lassen. Mit ihr können wir die Menschen um uns herum anstecken und ihnen von der Liebe Gottes erzählen. Wir müssen es weitersagen: Weil Gott Mensch wurde, weil ER um unseren Tod weiß, um Leiden Ohnmacht und Vergänglichkeit, kann und wird ER machtvoll eingreifen, befreien und erretten. Denn das Kind in der Krippe ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Diese Botschaft ist uns in der Wartezeit ins Herz gelegt. Und wenn es gelingt sie weiter zutragen, dann können wir die alten Weihnachtslieder wieder neu voller Dankbarkeit und Anbetung singen.
Amen.