„In dem Augenblick, in dem ein Mensch den Sinn und den Wert des Lebens bezweifelt, ist er krank“
Liebe Gemeinde,
diese Worte Sigmund Freuds lassen die Krankheit, das „krank sein“ in einem ganz neuen Licht erscheinen. Denn sie weisen auf den tieferen Ursprung hin, aus dem Krankheiten entstehen. Ich sage damit nicht, dass jede Krankheit ein Zeugnis dafür ist, dass die Betroffenen den Sinn und Wert ihres Lebens bezweifeln. Aber wer ein sinnerfülltes Leben führt und einen Wert darin sieht, der wird in Krankheitszeiten nicht gleich resignieren, noch den Wert seines Lebens in Frage stellen. Vielleicht sogar ungeahnte Energien daraus schöpfen.
Krankheiten gab es zu allen Zeiten und jede Kultur suchte Mittel und Wege, um mit ihr fertig zu werden.
Zur Zeit Jesu gab es naturgemäß viele Menschen, die ihm, der manches Heilungswunder vollbrachte, allein aus diesem Grund heraus nachliefen. Doch Jesus selbst wehrte sich dagegen und bat manchen Geheilten, wenn auch vergeblich, niemandem zu erzählen, wer der Heilende wäre.
Aus diesem Erleben heraus verwundert es nicht, dass Jakobus, der Bruder Jesu, es in seinem Brief an die Gemeinden für wichtig hält auf dieses Thema einzugehen. Ich lese aus dem 5. Kapitel die Verse 13 – 16:
13 Alles ist Anlass, sich an Gott zu wenden: Diejenigen von euch, die krank sind, sollen beten. Diejenigen, denen es gut geht, die sollen Loblieder singen.
14 Die Kranken sollen Mitglieder der Gemeindeleitung rufen. Diese sollen für die Kranken beten, nachdem sie sie im Namen Gottes mit Öl gesalbt haben!
15 Und das Gebet, das im Glauben gesprochen wird, wird die Kranken retten und Gott wird ihnen neuen Lebensmut geben. Falls sie Sünden begangen haben, wird ihnen vergeben werden.
16 Bekennt einander immer wieder eure Sünden, und betet füreinander, damit Gott euch auch in dieser Hinsicht heilt. Denn die energischen Gebete der gerechten Frauen und Männer können Großes bewirken.
Jakobus ermuntert uns zuallererst dazu, alles zum Anlass zu nehmen, sich an Gott zu wenden. Im Gebet, im Gesang, wie es einem eben so zu Mute ist. Wer leidet, der kann vielleicht nicht mehr singen, aber Worte auszusprechen, ob laut oder in seinem Inneren, dazu ist er sicher noch in der Lage. Und wenn es nur ein Seufzer ist.
Wer aber krank ist, der soll Mitglieder der Gemeindeleitung rufen! Das mag für uns eine merkwürdige Vorstellung sein, dennoch lohnt es sich einmal genauer hinzusehen! Jakobus sieht die Gemeinde im Ganzen und macht es nicht an einer Person, z. B. dem Pfarrer, der Pfarrerin fest. Nein, Mitglieder der Gemeindeleitung, im Griechischen steht hier, die Presbyter, sollen gerufen werden. Diejenigen also, die in der Gemeinde fest verankert sind, die Verantwortung mittragen. Sie sollen aber nicht von sich aus zum Kranken hingehen, sondern dieser soll sie rufen! Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Er erinnert an die Frage Jesu: „Was willst du, das ich tun soll?“, die er einem Kranken vor dessen Heilung stellte.
Wie oft ist die Klage zu hören, dass keiner sich gekümmert habe! Doch wurde denn um Hilfe gerufen?
Jakobus macht klar, die Kranken müssen aktiv werden. Danach aber liegt das Handeln bei den Gerufenen! „Sie sollen für ihn beten, nachdem sie sie im Namen Gottes mit Öl gesalbt haben!“ Hier geht es nicht um die „letzte Ölung“, die den Sterbenden in der katholischen Kirche als Sakrament zuteil wird. Hier geht es um ein Zeichen, das den Kranken versichern soll, Gott hört ihr Gebet und ihr Gebet ist nicht umsonst, weil Gott eingreift und handelt. Und sie sind nicht allein, sondern die Mitglieder der Gemeindeleitung verstärken mit ihrem Gebet ihr eigenes! Und „ Und das Gebet, das im Glauben gesprochen wird, wird die Kranken retten und Gott wird ihnen neuen Lebensmut geben.“ Gott handelt also, wenn wir glauben, um was wir bitten. Es geht um eine bestimmte Qualität des Gebetes. Nicht: ob Du, Herr, vielleicht handeln würdest? Sondern: Gott, wir vertrauen auf Dein Eingreifen, auf Deine Kraft! Wir glauben, dass Du heil machen wirst, die Niedergeschlagenen wieder aufrichten wirst. Wir rechnen mit Dir und Deiner Macht!
Liebe Gemeinde, solch ein Gebet erfordert Mut und viel Glaubenskraft. Deshalb soll nicht nur ein Mitglied der Gemeindeleitung, sondern mehrere Mitglieder gerufen werden. Denn gemeinsam können sie sich dieses Glaubens versichern und zu solchem Gebet ermutigen. Das Salben mit Öl ist dabei nur ein äußeres Zeichen, an das sich die Kranken erinnern sollen. Wir brauchen äußere Zeichen in schwierigen Situationen, weil sie uns versichern, dass etwas wirklich geschehen ist, und wir es nicht nur geträumt haben.
Aber ein wichtiger Hinweis wird uns noch gegeben: „Hat er etwas Böses getan, so wird Gott ihm vergeben. „Bekennt einander immer wieder eure Sünden, und betet füreinander, damit Gott euch auch in dieser Hinsicht heilt. Denn die energischen Gebete der gerechten Frauen und Männer können Großes bewirken.“
Wer immer krank im Bett liegt weiß, dass einem in dieser Zeit viele Gedanken durch den Kopf gehen. Versäumnisse, Misslingen, Schuldgefühle steigen in einem hoch und wollen oft genug nicht zur Ruhe kommen. Und hier gilt: Gott will mehr tun, als leibliche Gesundheit schenken. Er will unseren inneren Menschen heilen, ihn aufrichten und ihm inneren Frieden schenken. Deshalb vergibt er gerne, wenn wir ihn darum bitten! Und energische, energiegeladene Gebete wird ER sicher nicht überhören. Ja, diese können – so Jakobus – wahrlich Großes bewirken. Und in unseren Gebeten haben wir allen Grund, uns voreinander auch nicht ob der Verfehlungen zu schämen. Im Gegenteil: Wir können sie einander bekennen und füreinander beten. Denn keiner, keine unter uns ist ohne Schuld! Gott will, dass wir mit ihm versöhnt sind. Deshalb hat er den Kreuzestod Jesu angenommen, der für unsere Fehltritte längst bezahlt hat. Ja mehr noch, am Kreuz hat er uns gerecht gesprochen, weshalb wir uns nie mehr verstecken müssen, sondern immer wieder die Chance eines neuen Anfangs geschenkt bekommen! Gott hilft uns und vergibt uns aus vollem, liebendem Herzen. Darauf können wir vertrauen. Und wenn wir dieses begreifen, dann werden wir den Sinn und den Wert unseres, uns von Gott geschenkten Lebens nie mehr bezweifeln, sondern unser Leben neu aus der Hand Gottes annehmen. Es ist ein wunderbares Leben, ein bis an den Rand gefülltes Leben, das Gott uns schenkt. Öffnen wir doch unsere Hände, um es aus seiner Hand anzunehmen. Und vertrauen wir darauf, dass in Gottes Hand alles aufgehoben ist, was uns Mühe und Sorgen bereitet. Wir fallen niemals tiefer als in Seine liebende Hand, denn er hält sein Schalom, sein Heil für uns bereit, komme da, was wolle.
Amen.