Liebe Gemeinde,
„Alles, was Spaß macht, ist entweder verboten, ungesund, oder macht dick.“ Dieser Satz ist überall da zu hören, wo Menschen bewusst über die Stränge schlagen wollen und von vorneherein eine Rechtfertigung für ihr Verhalten suchen. Nach dem Motto: „Ich lass mir doch von Mahnern, Moralaposteln oder Besserwissern nicht den Spaß verderben. Unausgesprochen hören Christen die Worte mit: „Ihr seid mit euren Moralpredigten – allen voran - die Spaßverderber der Nation.“
Unbestritten ist: Viele Dinge, die Genuss und Spaß versprechen, üben eine große Anziehungskraft auf uns Menschen aus. Sie locken uns und ziehen uns magisch an. Dann reden wir davon, dass wir der Versuchung nicht widerstehen konnten oder können.

Die Versuchung naht in Form von Schokolade oder leckerer Sahnetorte. Sie nähert sich in unserer Bequemlichkeit, der das schlechte Wetter reicht, um sich noch einmal im Bett umzudrehen, statt die vorgenommenen Kilometer zu joggen oder zu gehen. Sie begegnet uns im lebenslustigen Nachbarn oder der attraktiven Arbeitskollegin. Die Versuchung ist groß und treibt uns um.
Wenn wir in unserem Alltag von Versuchungen reden, denken wir daran, sich etwas Angenehmem, etwas Genussvollem oder Bequemem hinzugeben. Immer stehen wir dann vor der Entscheidung, was ist mir wichtiger: Der Versuchung nachzugeben, oder standhaft zu bleiben, der Versuchung zu widerstehen und sich zu bewähren.

In der Werbung erhält das Wort „Versuchung“ sogar eine richtig positive Wendung. „Die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“„Lassen Sie sich verführen!“ Hinter diesem positiven Sprachgebrauch steht eine handfeste, genussorientierte Denkweise: Wer einer Versuchung erliegt, hat mehr vom Leben. Mehr Genuss, einen höheren Spaßfaktor, mehr Lebensqualität. Wer standhaft bleibt und verzichtet, der verpasst etwas, dem droht pure Langeweile.

Doch ist das wirklich so? Auch die Gemeinde, an die Jakobus seinen Brief richtet, scheint sich mit diesem Problem herumgeschlagen zu haben. Ich lese im 1. Kapitel die Verse 12 - 18:

12     Glücklich ist, wer die Bewährungsproben der Versuchungen besteht. Denn wer sich bewährt, wird den Siegeskranz des Lebens erhalten, den Gott denen versprochen hat, die Gott lieben.
13     Wer eine Bewährungsprobe durchzustehen hat, behaupte nicht, diese Probe komme von Gott.
         Denn so wie Gott selbst nicht vom Bösen erprobt wird, so setzt Gott auch keinen Menschen einer Bewährungsprobe aus.

14     Alle, die eine Bewährungsprobe bestehen müssen, haben es vielmehr mit ihren eigenen schlechten Antrieben zu tun.
        Diese sind es, die
sie locken und ködern, damit sie versagen.
15     Sind die schlechten Antriebe erfolgreich, bringen sie Sünde zur Welt, und die Sünde gebiert am Ende den Tod.
16     Täuscht euch nicht, liebe Schwestern und Brüder.
17     Grundsätzlich kommt ja gerade jedes gute Geschenk und jede vollkommene Gabe von oben herab, von der Quelle des Lichts,
        bei der es keine Veränderung gibt noch auch nur den Schatten eines Wandels.

18     Aufgrund ihrer eigenen Entscheidung hat sie uns durch ihr Wort der Wahrheit geboren, damit wir wie besondere Geschöpfe leben, die Gott zum Heil bestimmt hat.

Liebe Gemeinde,

hat Luther Recht, wenn er den Jakobusbrief als „stroherne Epistel“ bezeichnet? Klingt dieser Text nicht wie eine trockene Moralpredigt, in der zu wenig von der frohen Botschaft des Evangeliums aufleuchtet?

Ich glaube es nicht. Meines Erachtens will dieser Text viel mehr als eine Moralpredigt sein. Er dient nicht nur als Spaßverderber, der all die angenehmen und verlockenden Dinge des Lebens unter ein striktes Verbot stellt, sondern rückt die Maßstäbe zurecht. In einer überraschenden Wendung stellt er die Dinge wieder vom Kopf auf die Füße:
Das kostbarste und wertvollste Ziel, das wir in unserem Leben finden können, „kommt von oben herab von der Quelle des Lichts.“

Bei einer solchen Sicht der Dinge müssen wir die Begierden unserer Zeit nicht mit erhobenem Zeigefinger verurteilen. Sie sind vielmehr Ausdruck für die Suche nach der Verwirklichung unserer Sehnsüchte und Lebensträume. Wer versucht wird, ist noch auf der Suche, hat noch nicht die volle Erfüllung gefunden. Und wer unter uns könnte von sich behaupten diese gefunden zu haben! Unser ganzes Leben haben wir damit zu kämpfen. Schmerzhaft verspüren wir unseren Mangel. Denn vom Wesentlichen sind wir noch getrennt. Augustinus hat diese Erfahrung in einem Gebet zum Ausdruck gebracht: „Herr, du hast uns zu dir hin geschaffen, unruhig ist unser Herz, bis es wieder Ruhe findet in dir.“
Das nagende Gefühl innerer Leere, die wir zu füllen versuchen, kann eine rastlose Suche nach sich ziehen. Dabei ist die Versuchung groß, alles auszuprobieren. Und wenn wir den Versuchungen erliegen, dann entsteht aus der Suche oft genug eine Sucht, der wir dann ausgeliefert sind und ohne Hilfe nicht entkommen.

Liebe Gemeinde, an Gott und seinen Gaben Genüge zu haben, ist kein Weg in die Askese. Im Gegenteil: Die Ausrichtung auf Gott, dem Geber der vollkommenen Gaben rückt die Maßstäbe wieder zurecht. Das rastlose Suchen nach Ersatzbefriedigungen findet dadurch ein Ende.
Dies meinen auch Dichter wie Novalis wenn er sagt: „Wenn ich ihn nur habe, hab’ ich auch die Welt“... oder Paul Gerhardt in seinem Lied „Du meine Seele singe“, in dem es heißt: „Wohl dem, der einzig schauet, nach Jakobs Gott und Heil, wer dem sich anvertrauet, der hat das beste Teil, das höchste Gut erlesen, den schönsten Schatz geliebt; sein Herz und ganzes Wesen, bleibt ewig unbetrübt.“

Haben wir nicht durch den Heiligen Geist, der in uns lebt, den besten Helfer, den es gibt? Deshalb bin ich überzeugt: So wie der Geist Gottes Jesus bei seiner Versuchung auf dem Berg bewahrt hat, so wird er auch uns bewahren. An Jesus können wir lernen, wie wir mit Versuchungen umgehen können. In jeder seiner Antworten weist Jesus den Versucher auf Gott hin, er lenkt den Blick zurück auf Gott, den Ursprung und das Ziel menschlichen Lebens. Er lässt sich nicht ablenken, er lässt sich nicht den Blick versperren. „Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen.“ Das ist entscheidend, auch für uns. Und dazu können wir einander ermuntern und ermutigen.

Amen.


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