Liebe Gemeinde,
am heutigen Tag werden wir vom Schreiber des Hebräerbriefes mit einer mächtigen Botschaft konfrontiert. Ich lese im 9. Kapitel die Verse 26b – 28:
26 Jesus ist jetzt, kurz vor dem Ende der Welt, ein einziges Mal sichtbar geworden, um die mächtigen Folgen der Sünde durch sein Opfer zu beseitigen.
Jesus hat die Sünden aller weggetragen. Und wenn er wiederkommt, so muss er sich um die Sünde der Menschheit nicht mehr kümmern. Welch befreiende Worte sind dies!
Vielleicht hilft uns die Betrachtung des um 1400 entstanden Bildes, unsere Gedanken zu ordnen. Es zeigt den „Gnadenstuhl“ aus der Pfarrkirche Sankt Laurentius in Ahrweiler.
Für mich ist die Betrachtung dieses Bildes ähnlich befreiend, wie es die Worte sind, die unserem Predigtext zugrunde liegen.
27 So ist es mit uns Menschen: Einmal müssen wir sterben, danach bleibt nur das Gericht.
28 Und so ist es auch mit dem Messias: Einmal wurde er geopfert, um die Sünden aller wegzutragen. Wenn er ein zweites Mal kommt, muss er sich um die Sünde der Menschheit nicht mehr kümmern. Dann kommt er für die, die ihn als ihren Heiland ersehnen.
Für viele unter uns jedoch ist der heutige Tag geprägt von einer Mischung aus Nachdenklichkeit, Befangenheit und Traurigkeit. Vor unserer Seele steht die Gewissheit, dass menschliche Schuld, und letztlich bis heute unser menschliches Versagen den Tod Jesu bewirkt hat. Dieses Schuldbewusstsein äußert sich in manchen Regionen bis heute im Tragen schwarzer Kleidung, in welcher Gläubige den Tag verbringen. In den katholischen Kirchen wird sogar das Kreuz in der Karwoche verhüllt. Doch stehen diese Bezeugungen nicht im Gegensatz zur befreienden Botschaft unseres Textes? Sollten wir letztlich an Karfreitag nicht nur den Tod, sondern auch das Leben des gekreuzigten Christus bedenken, weil wir vom Ostergeschehen - der Auferstehung – wissen?

Wir sehen im Vordergrund den Gekreuzigten, hinter ihm den Vater, der mit einer Tiara gekrönt ist. Seine Körperhaltung verstärkt die Form des Kreuzes. Und über allem wird der Heilige Geist durch die Taube symbolisiert, die in siebenfacher Gestalt das Haupt des Vaters umgibt.
Das Bild ist in warmen, erdverbundenen Farbtönen gemalt. Es strahlt Ruhe, Geborgenheit, Einheit und tiefen Ernst aus. Jesus verschmilzt mit dem Stamm des Kreuzes. Gottvater hält das Kreuz in seinen Händen und trägt das Leiden seines Sohnes mit. Sein Mantel legt sich wie ein Schutz um Jesus herum. Das Kreuz, der Sohn und der Vater bilden eine Einheit. Doch die geöffneten Hände des Vaters halten nicht nur das Kreuz, sondern reichen es dem Betrachter als Geschenk. „Jesus, der kurz vor dem Ende der Welt, ein einziges Mal sichtbar geworden ist, um die mächtigen Folgen der Sünde durch sein Opfer zu beseitigen!“ Dieser leidende, gekreuzigte Sohn Gottes, wird uns in seinem Opfer geschenkt. Ja mehr noch, durch seine Einheit mit dem Vater schenkt er sich uns selbst. - In diesem Bild sehen wir also eine ganz andere Deutung des Kreuzigungsgeschehens.
Der Tod Jesu soll uns an mehr erinnern, als an unsere Schuld, unser Versagen und die Grausamkeit, die diese Kreuzigung mit sich brachte. Der Tod Jesu ist ein Geschenk an uns. So wie er mit dem Vater eine untrennbare Einheit bildet, so schenkt er uns, wenn wir uns darauf einlassen, dieselbe Einheit mit Ihm und dem Vater.
Dass sein Leiden und Sterben »für uns« Erlösung bringen sollte, können wir mit unserem Verstand nicht begreifen.
Aber wir können erahnen, dass so, wie Schuld das Leben zerstört, die Liebe neue Möglichkeiten unserer Beziehungen, ja unserer Zukunft wachsen lässt. Jesus hat sich sein Leben lang mit denjenigen beschäftigt, die durch die Schuld anderer beschädigt wurden. Ihnen hat er Befreiung und neues Aufatmen ermöglicht und den Tätern immer seine Vergebung angeboten. So wusste er auch in der Stunde seines Todes, dass er als der Auferstandene durch seine Liebe alles Zerbrochene zu neuem Leben zusammenfügen wird. In diesem Geschehen verliert die Schuld ihre Macht. Seine Liebe gibt Raum für sachliche Klärung, ohne die bösen Mechanismen gegenseitiger Beschuldigung in Gang zu setzen. Seine Liebe gibt Raum für die Hoffnung, dass ein neuer Anfang gelingen kann. Täter und Opfer bekommen die Chance, neu zu leben, ohne dass die Schuld verdrängt oder verharmlost werden müsste. Nicht Gott braucht das Opfer seines Sohnes, wir Menschen brauchen es. Das erlösende Opfer der Liebe durchbricht den Teufelskreis. Schuldige und Geschädigte dürfen eintreten in den weiten Raum der Wahrheit und Gerechtigkeit Gottes.
Und an diesem Geschehen ist auch der Heilige Geist beteiligt. In unserem Bild wird er durch die Taube symbolisiert, die in siebenfacher Gestalt das Haupt des Vaters umgibt. Symbol für die Fülle der Gaben des Heiligen Geistes, wie Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht.
Dieser Geist und seine Gaben haben Jesus sein ganzes irdisches Leben durchdrungen. Mit Hilfe des Heiligen Geistes konnte er alle seine Taten vollbringen, und vor allem konnte er seinen Weg bis zum Ende gehen, um uns mit Gott zu versöhnen.
Und dieser Heilige Geist ist uns in der Vielfalt all seiner Gaben durch das Opfer Jesu geschenkt, damit wir uns an keinem Tag, auch nicht an Karfreitag, von Gott verlassen fühlen. Denn am heutigen Tag begegnet uns der Heilige Geist in erster Linie als Tröster und als derjenige, der uns Einsicht in ein Geschehen schenkt, das unser Verstand niemals begreifen kann.
Dies können und werden wir nie in seiner Gesamtheit verstehen. Aber wenn wir dieses einzigartige Geschenk annehmen, dann kann uns die Liebe Gottes in der Tiefe unseres menschlichen Seins erreichen und erahnen lassen, welches Geheimnis sich in dem Geschehen auf Golgatha verbirgt. Aus Liebe ist Jesus diesen Weg gegangen. Wenn wir dies begreifen, dann können wir auch ihm mit Liebe begegnen. Ja mehr noch, dann werden wir den Heiligen Geist bitten, dass er unser Herz mit dieser Liebe füllt, damit wir einander in Liebe annehmen und begegnen.
Amen.