Liebe Gemeinde,
“Wer vom Ziel nichts weiß, kann den Weg nicht haben.” - Diese Worte Christian Morgensterns beschäftigen mich gerade in den zurückliegenden Wochen immer wieder. Ist es nicht so, daß die Bereitschaft größer ist, auch Hindernisse und Beschwernisse auf einem Weg zu ertragen, wenn wir das Ziel des Weges kennen?! Wenn wir wissen, was uns am Ende und welche Stationen uns unterwegs erwarten? Kennen wir hingegen das Ziel nicht, beklagen wir die kleinste Anstrengung und sehnen ständig das Ende einer Wegetappe herbei. Auch an Weggabelungen können wir nur dann vertrauensvoll die neue Richtung einschlagen, wenn uns bekannt ist, wo wir ankommen wollen. Jesus ist Sinnbild des Menschen, der sein Ziel genau kannte und somit seinen Weg kontinuierlich verfolgte und beschritt.
10 Gott ist das Ziel aller Dinge, durch ihn sind sie auch entstanden. Weil er wollte, daß viele Kinder Gottes in sein herrliches Reich gebracht werden, hat er den, der sie dorthin führen sollte, durch Leiden zur Vollendung geführt. So entsprach es seinem Wesen.
Als Ziel aller Dinge hatte Jesus stets Gott vor Augen und ging in grenzenlosem Vertrauen vorbehaltlos seinen Weg. Dieser Weg war von Anfang an bedroht. Zuerst durch König Herodes, der aus Angst seine Macht zu verlieren, den Kindermord in Bethlehem anordnete. Deshalb musste Jesus mit seinen Eltern nach Ägypten fliehen. In seiner Heimatstadt Nazareth wurde er fast gesteinigt. Von seiner Mutter und seinen Geschwistern wurde er zu Lebzeiten wenig verstanden, ja zeitweise stand er in Gefahr für verrückt erklärt zu werden. Er war in seinen letzten Lebensjahren ständig auf Wanderschaft und wusste nie, wo er sein Haupt zur Nacht niederlegen könnte. Ja, selbst seine engsten Freunde, die Jünger verstanden ihn nur begrenzt. Den religiösen Führern seines eigenen Volkes war er von Beginn seiner Lehrtätigkeit an suspekt. Neid, Misstrauen, Verrat und Verleumdung begleiteten ihn in diesen Jahren auf Schritt und Tritt, bis das Ende seines Weges mit dem Kreuzestod besiegelt wurde.
Das Kreuz ist für uns ein Bild des Schreckens. Jesus beendet sein Leben, ausgestoßen aus der Gemeinschaft, nach Schmähungen und Misshandlungen vor den Toren der Stadt Jerusalem am Kreuz. Wer am Kreuz stirbt, gilt den Menschen seiner Zeit als Verbrecher. Es war ein Zeichen der Schmach und der tiefsten Verachtung. Wer so starb war der menschlichen Gesellschaft unwürdig. Dennoch verurteilt er die Menschen nicht, sondern bittet den Vater noch am Kreuz, ihnen zu vergeben – “denn sie wissen nicht, was sie tun!” Musik - Ave verum
In der Verurteilung Jesu begegnen wir der unendlichen Grausamkeit der Menschen in der Welt. Damals wie heute! Doch mit dem Wissen, dass der Weg weiter geht, unterwirft sich Jesus dieser Grausamkeit. Damit ermutigt er bis heute alle Gequälten, Ausgestoßenen und Misshandelten, das Ziel - Gott selbst – nie aus den Augen zu verlieren.
Warum aber musste unsere Rettung über die Menschwerdung und den Leidensweg gehen? Wäre ein anderer Weg nicht einfacher gewesen? Hätte uns Jesus nicht als Vorbild genügt? Es hätte doch sicher viele gegeben, die ihn als ihr Idol gefeiert, ja ihm nachgeeifert hätten.
Oder – ähnlich dem Islam – wäre doch ein schriftlicher Weg möglich gewesen: Ein rhetorisch begabter Prophet hätte ein Buch, mit dem Willen Gottes unter die Leute gebracht. Er hätte die Menschen dazu bewogen, sich Gott ganz hinzugeben.
Selbst ein meditativer Weg wäre denkbar gewesen: Durch bestimmte Übungen, die jeder Willige lernen kann, gelingt es vor Gott still zu werden. Dann, mit einiger Übung, können Herz und Sinne mit göttlicher Kraft durchströmt werden.
Vielleicht würden uns gemeinsam noch mehrere Wege einfallen. Eines scheint mir jedoch sicher. Alle diese Wege würden dazu beitragen, Menschen mehr oder weniger zu verbessern. Doch die Menschen grundlegend in ihrem Wesen zu erneuern und von ihrer Sünde zu retten, würde wohl kaum gelingen.
Heute Abend bedenken wir dies in besonderer Weise. Wenn wir innerlich still werden und darüber nachdenken spüren wir, daß Jesus mit seinem Tod die Wirkung menschlichen Versagens, menschlicher Schuld außer Kraft setzt. Das heißt nicht, daß ich nicht weiter versage - nein! Es heißt aber, dass mir mein Versagen bewußt wird und ich fähig werde, den bisherigen Weg zu verlassen, Menschen um Vergebung zu bitten und mit Gottes Hilfe neue Wege gehe. Vergebung, ja Befreiung von Sünde ist möglich geworden.
Da starb der einzige, der sich nicht zum Bösen, zur Überheblichkeit und zur Selbstverherrlichung verführen ließ. Und wir ahnen, diese Wesenshaltung ist es, die wir mit dem Begriff “heilig” ausdrücken. Über einen solchen Menschen, der in seinem Leben die heilige Wesensart Gottes gelebt – ja vorgelebt hat, besitzt der Tod keine Macht. Ja, er nimmt das Un-heilige von uns, macht uns mit seinem Tod vor Gottes Augen heilig. Fast wage ich es nicht es auszusprechen: Jesus stellt uns nun seinerseits auf seine göttliche Ebene. So können wir Gottes Ansprüchen genügen. Wenn wir dies vom Innersten her erfassen wird uns bewußt: Dies konnte nur geschehen, weil Gott unser gemeinsamer Vater ist. Jesus hat zu seinen Lebzeiten immer wieder darum gerungen, daß wir Gott als Vater sehen, der uns liebt und nichts sehnlicher wünscht, als daß wir mit ihm vereint sind. Deshalb scheut sich Jesus auch nicht, die Menschen Geschwister zu nennen.
Im großen Leidenspsalm 22 heißt es ja in Vers 23: “Ich will deinen Namen meinen Geschwistern verkündigen, im Kreis der Gemeinde will ich dich loben.” Und später “Da bin ich, und da sind all die Gotteskinder, die Gott mir anvertraut hat.”
Diese Psalmworte betet Jesus noch am Kreuz. Er, der Mensch gewordene Sohn Gottes, schüttet in seinem Sterben das Herz der Menschheit vor Gott aus. Er, der an unserer Stelle stirbt und für uns betet. Unter diesem Gesichtspunkt bekommen die Psalmen auch für uns heute eine ganz neue Bedeutung und Tiefe: In den Psalmen betet Christus für uns, seine Brüder und Schwestern.
Nicht als König rettet er, sondern als Bruder. Wie anders ist Jesu Handeln doch, als wir es von uns selbst oder unseren Mitmenschen gewohnt sind. Gegen alle Hoffnung wird am Kreuz Trost verkündet: Das Leben, die unendliche Liebe, ja, alles, was ihr euch erträumt, ist von Ewigkeit her unverändert da. Es ist das Eigentliche, das einzige, wofür es sich zu leben lohnt, trotz allem Scheitern, trotz allem Tod. Gott selbst wurde Mensch und zeigte uns, dass unser Weg mit Gott als Ziel alle Hindernisse, auch den Tod überwinden kann.
Aus der Sicht der Zeitgenossen Jesu, scheiterte auch er. Aber dieses Scheitern erwies sich aus der Sicht Gottes als der größte Sieg, der je errungen wurde. Der Sieg des Lebens über den Tod. Jesus hat am Kreuz die Angst und Gottferne erlitten, die uns Menschen sonst niemals weggenommen worden wäre. In der Tragik des Todes wurde der Keim des verwandelten Lebens in der Gegenwart Gottes geboren. Seit Jesu Tod haben wir die Gewißheit, daß der Tod nicht das letzte Wort hat, auch wenn wir sterben müssen. Wir entdecken neu, daß wir dem Ewigen verwandt sind. Dass wir neues Leben geschenkt bekamen. Wir sind erlöst und bleiben mit dem verwandt und verbunden, welcher der Sohn Gottes ist. Was da geschah, geschah nicht für Engel oder Supermenschen, sondern für uns. So wie wir sind, mit unseren guten und mit unseren Schattenseiten. Gottes Barmherzigkeit bleibt über uns, in jeder Situation unseres Lebens. Die Liebe Jesu, die sich am Kreuz geopfert hat, verbindet Gott mit uns Menschen. Sie schenkt uns neue Hoffnung und Vertrauen. Das Leben behält den Sieg. Jetzt können wir den Weg haben, weil wir vom Ziel wissen! Sein Tod war nicht sinnlos, sein Tod war sein Opfer, war sein Weg in die himmlische Welt! Die Kraft, diesen Tod zu erleiden, strömte Jesus aus dem Wissen zu, dass sein Ziel Gott ist. Dass er mit diesem Opfer des eigenen Lebens, die Menschen mit Gott versöhnt. So konnte er auch am letzten Abend mit seinen Jüngern die Last des Wissens tragen, dass sein Leib “dahin gegeben wird”..
11 Denn der Sohn, der die Menschen Gott weiht, und die Menschen, die von ihm Gott geweiht werden, stammen alle von demselben Vater. Darum schämt der Sohn sich nicht, sie seine Brüder zu nennen.
12 Er sagt zu Gott: »Ich will dich meinen Brüdern bekanntmachen; in der Gemeinde will ich dich preisen.«
13 Er sagt auch: »Ich will mein Vertrauen auf Gott setzen!« und fährt fort: »Hier bin ich mit den Kindern, die Gott mir gegeben hat.«
14 Weil diese Kinder Menschen von Fleisch und Blut sind, wurde der Sohn ein Mensch wie sie, um durch seinen Tod den zu vernichten, der über den Tod verfügt, nämlich den Teufel.
15 So hat er die Menschen befreit, die durch ihre Angst vor dem Tod das ganze Leben lang Sklaven gewesen sind.
16 Nicht für die Engel setzt er sich ein, sondern für die Nachkommen Abrahams.
17 Deshalb mußte er in jeder Beziehung seinen Brüdern und Schwestern gleich werden. So konnte er ein barmherziger und treuer Oberster Priester für sie werden, um vor Gott Sühne zu leisten für die Sünden des Volkes.
18 Weil er selbst gelitten hat und dadurch auf die Probe gestellt worden ist, kann er nun den Menschen helfen, die ebenfalls auf die Probe gestellt werden.
So beschritt Gott einen ganz andern Weg: Er stellte sich durch Jesus sozusagen auf unsere Ebene. Er wurde ein Mensch von Fleisch und Blut, so wie wir, die er retten wollte, auch alle von Fleisch und Blut sind. Jesus wurde den Menschen so gleich, dass er durch die Gewalt von Menschen dem Tod ausgeliefert wurde. Aber nur so konnte er der personifizierten Macht des Bösen - dem Teufel - die Herrschaft über den Tod nehmen und den Menschen den Weg zu Gott zeigen. Durch Jesus wurde uns erst möglich zu begreifen, dass der Tod nicht das Ende, sondern eine Station auf dem Weg zu Gott in sein himmlisches Reich ist.
Amen.