Liebe Gemeinde,

“Ich stehe draußen, wieder draußen. Gestern Abend stand ich draußen. Heute stehe ich draußen. Immer stehe ich draußen. Und die Türen sind zu. Und dabei bin ich ein Mensch mit Beinen, die schwer und müde sind. Mit einem Bauch, der vor Hunger bellt. Mit einem Blut, das friert hier draußen in der Nacht!” Diese beeindruckenden Worte schrieb Wolfgang Borchert, nach dem Zweiten Weltkrieg, in seiner Erzählung “Draußen vor der Tür”.

Was bewegt uns, wenn wir diese Worte hören? Kennen wir das Gefühl draußen zu stehen, nicht dazu zu gehören?

Wer möchte schon draußen stehen? Alles gibt man heute dran, um “in” zu sein. Drinnen stehen, nach dem Motto: “Dabei sein ist alles!” Wie viele Menschen geben ihre eigene Meinung auf, handeln gegen besseres Wissen, nur um nicht in eine Außenseiterstellung gedrängt zu werden? Spüren wir nicht auch innerhalb unserer Kirchen und Gemeinden etwas von dem Wunsch nur “nicht draußen zu sein”? Wer möchte schon den Anschein haben, nicht mit dem Strom zu schwimmen? Anpassung an die Normen der Gesellschaft ist gefragt. Wie schnell werden alte Werte aufgegeben! Sogar biblische Texte werden gefälliger gemacht, wo immer sie nicht mehr für zeitgemäß erachtet werden. Jesus war zu seinen Lebzeiten nie draußen. Er war mitten unter den Menschen, lehrte und heilte. Immer wenn er mit Menschen zusammentraf, war seine Liebe zu ihnen erkennbar. Mit seinem Kommen war das Reich Gottes angebrochen, auch wenn es nur Einzelne erkannten. Die Menschen damals warteten auf den Messias. Dieser würde die bestehenden Verhältnisse grundlegend verändern und Frieden und Wohlstand für alle bringen. Am Ende seines Weges stellte sich für die Massen heraus, daß Jesus diesem Wunschdenken nicht entsprach. So wurde aus dem Jubel des Palmsonntags ein: “Hinweg mit ihm, kreuzige ihn!”

Und dies sollte außerhalb der Stadt geschehen. So endete sein Leben, ausgestoßen von der Gemeinschaft, dort am Kreuz, dem Zeichen der Schmach und der tiefsten Verachtung. Er litt und erduldete den Tod am Kreuz draußen vor der Tür, dem Stadttor. Wer so starb, galt als Verbrecher.

So ist es verständlich, daß die ersten Christen diese Tatsache heraushoben, wenn sie von Jesu Tod am Kreuz sprachen.

Der uns, für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Text aus dem Hebräerbrief verdeutlicht dies in besonderer Weise. Ich lese aus dem 13. Kapitel die Verse 12 - 14.

12 So ist auch Jesus außerhalb der Stadt gestorben, um durch sein Blut das Volk von aller Schuld zu reinigen.
13 Also laßt uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen.
14 Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.
10 Wer seinen Bruder oder seine Schwester liebt, bleibt im Strahlkeis des Lichts, und er bringt niemanden dazu, vom Glauben abzufallen.

Der Kreuzestod war den Juden damals ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, wie es Paulus im 1. Korintherbrief schreibt. Auch heute nehmen viele Menschen Anstoß am Kreuzestod Jesu. Es bleibt ihnen unbegreiflich, daß dies für Gott der einzige Weg war, die Welt mit sich zu versöhnen. In der Welt war und ist kein Platz für solche Gedanken.

Aber, so sagt uns der Verfasser des Hebräerbriefes, indem Jesus litt und draußen vor dem Tor starb war er Zeichen für das, was den Juden damals durch ihre gottesdienstlichen Gebräuche bekannt war. Das Blut eines Tieres wurde als Sühnopfer dargebracht, aber der Körper des Tieres wurde vor dem Lager, draußen vor dem Tor, verbrannt. Blut war das Zeichen des Lebens, der Sühne und Vergebung.

Mit seinem Tod hat Jesus, in der Vorstellung der ersten Christen, das einmalige Sühneopfer gebracht und damit das Volk geheiligt, für Gott in Besitz genommen. “Draußen vor dem Tor”, in der Einsamkeit, Verlassenheit und Verachtung ausgeschlossen aus dem Leben, aus dem pulsierenden Geschehen der Zeit brachte Jesus dieses Opfer. Und wenn er wirklich der “Sohn Gottes” ist, dann bedeutet dies laut Dietrich Bonhoeffer, “der seiner Welt zugewandte Gott wird aus dieser Welt hinausgedrängt”!

Unser Text redet eine sehr ernste Sprache, eine Aufforderung, die wir so weder erwarten noch befolgen möchten. “Laßt uns zu ihm vor das Lager hinausgehen und die Schande mit ihm teilen!” Können wir dies überhaupt? Ist die Botschaft vom Kreuz überhaupt noch zeitgemäß? Einer, den Gott am Kreuz sterben lässt, passt doch in unserer Zeit nicht in unsere Vorstellung von Heil und Wohlergehen. Gott müsste doch alles zum Besten geschehen lassen. Allen Hunger stillen, Frieden sichern, Terror verhindern, Gerechtigkeit durchsetzen und dafür sorgen, dass die Menschlichkeit siegt. Der Schreiber des Briefes fordert uns stattdessen auf, mit Jesus vor das Tor zu gehen und seine Schande mit ihm zu teilen.

An seine Seite sollen wir uns stellen; so wie es Paulus sagt: “Lasst uns gesinnt sein” wie Jesus es war. Er schwieg, als er geschlagen wurde, ertrug das ihm zugefügte Unrecht und liebte im Sinn der Bergpredigt seine Feinde. Jesus half denen, die ganz unten waren und vergab selbst denen, die ihm fluchten. Die Schande Christi zu tragen heißt also: sich in einer Welt, die immer weniger glaubt, durch unsere innere und äußere Haltung und durch unser Tun zu ihm zu bekennen.

Damit verbunden gewinnen wir die Überzeugung, daß wir in unserem Leben letztlich immer unterwegs sind. Dass dieses Leben, in der uns sichtbaren Welt nicht alles ist. Terroranschläge, Krieg, Giftgasdrohungen, Bakterien-Verseuchungen sprechen eine deutliche Sprache. Wir erkennen immer deutlicher, gerade in unserer Zeit, wie brüchig und zerbrechlich dieses irdische Glück und Leben ist. Merken etwas von dem, was der Schreiber des Hebräerbriefes so ausdrückt: “Wir haben hier keine bleibende Stadt, aber die zukünftige suchen wir.” Ja, wir haben eine Hoffnung, die sich in unserem Leben hier und jetzt auswirkt. Eine Hoffnung auf das, was kommt, wenn alles vergeht. Das heißt für uns, von dieser Hoffnung getragen, unser tägliches Leben zu führen und sinnvoll zu gestalten. So wie es Hermann Hesse in einem Gedicht ausdrückt:

“Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, An keinem wie an einer Heimat hängen Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen. Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde Uns neuen Räumen jung entgegensenden, Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.”
Und gerade in dieser Passionszeit können wir uns wieder neu daran erinnern: Durch Jesu Erlösungstat am Kreuz von Golgatha haben wir einen tragfähigen Grund für unser Leben! Dieser gibt uns die Hoffnung, dass wir nicht draußen stehen, sondern die Tür zum ewigen Leben für uns offen ist.
Amen.

Hosted by www.Geocities.ws

Hosted by www.Geocities.ws

1