Liebe Gemeinde,

gut 18 Jahre sind vergangen, seit die Menschen hinter der Mauer, die sich durch unser Land zog, friedlich demonstrierten und damit in die Freiheit drängten. Sicher erinnern wir uns alle an die bewegenden Bilder, als die innerdeutsche Grenze fiel und damit auch die Menschen im Osten Deutschlands endlich frei waren. Der eiserne Vorhang war gefallen und alle, die es hautnah miterlebten, hatten das Gefühl, zum ersten Mal so richtig aufatmen zu können. Alle Deutschen waren endlich frei.

Von einer ganz anderen Freiheit berichtet uns der Brief an die Hebräer im 10. Kapitel. Ich lese die Verse 19 – 25.

19        Liebe Schwestern und Brüder! Wir haben die feste Zuversicht, dass wir jetzt auf Grund des Blutes, das Jesus für uns vergossen hat, in Freiheit einen Zugang in das himmlische Heiligtum haben.
20        Er hat uns einen lebendigen, zuvor nicht gangbaren Weg durch den Vorhang eröffnet. Seine irdische Existenz ist dieser Weg.
21        Da er als erhabener Priester über Gottes Haus gesetzt ist,
22        wollen wir mit aufrichtigem Herzen und in der Fülle unseres Glaubens eintreten; unsere Herzen sind gereinigt von schlechtem Gewissen und unsere Körper sind mit reinem Wasser gewaschen.
23        Lasst uns festhalten an dem unwandelbaren Bekenntnis zu dem, was wir erhoffen. Denn Gott hält treu an den Verheißungen fest.
24        Und lasst uns aufeinander Acht geben und uns zur Liebe und zu guten Werken anspornen.
25        Und lasst uns nicht den Versammlungen fernbleiben, wie es bei Einigen Gewohnheit ist, sondern uns ermuntern, daran teilzunehmen. Dies um so mehr, als ihr den Tag näher rücken seht.

Liebe Gemeinde,

die Freiheit, von der unser Text spricht, ist nicht leicht zu verstehen. So ist es hilfreich, sich in die Zeit Jesu zu versetzen. Der Tempel Jerusalems war in mehrere Bereiche aufgeteilt, wobei das „Allerheiligste“, durch einen Vorhang vom übrigen Raum getrennt war. Niemand durfte diesen Raum betreten, nur einmal jährlich, an „Jom Kippur“, dem „Großen Versöhnungstag“, trat der Hohepriester hinter den Vorhang, um die Vergebung der Sünden für das ganze Volk von Gott zu erbitten. Alle anderen Priester und natürlich das ganze Volk, mussten vor dem Vorhang bleiben, ohne je einen Blick auf das Allerheiligste erhaschen zu dürfen. Darin befand sich die „Bundeslade“ und Gottes Gegenwart war dort in besonderer Weise spürbar. Die Religionshüter der damaligen Zeit erachteten Gott für so groß, so allmächtig, dass man ihm als unbedeutender Mensch nicht so einfach begegnen konnte. Deshalb trennte der Vorhang das „Allerheiligste“ vom übrigen Tempelbereich und brachte die Heiligkeit Gottes auf diese Weise zum Ausdruck.

Dies ist für uns heute eine sehr befremdliche Vorstellung. Ein so entfernter Gott - heilig und verborgen – hat unserer Auffassung nach nichts mit unserem Alltag zu tun. Ein solcher Gott ist weder zu verstehen, noch spürbar. Und wen wir nicht verstehen, der wird im alltäglichen Leben für uns schnell bedeutungslos.

Gegen diese Bedeutungslosigkeit feiern wir Advent – Ankunft. Denn wir warten auf das Kind, den Sohn Gottes, der uns eine ganz besondere Freiheit schenkt. Die Freiheit nämlich, hinter den Vorhang zu treten. Die Freiheit, sich diesem unbegreiflichen Gott so zu nahen, wie ein Kind seinem Vater entgegenkommt. „Ihr seht, dass ihr den Tag näher rücken seht“, werden wir erinnert. Den Tag, an dem das Wunder begann, an dem Gott uns als Mensch so nahe kam, wie nie zuvor. Den Tag, den wir in 4 Wochen erneut als Tag der Geburt des Sohnes Gottes feiern werden. Mit dem Tag seiner Geburt, feiern wir gleichzeitig den Beginn unserer Freiheit. Seither ist nichts mehr wie es war. Das Verhältnis von uns Menschen zu Gott hat sich von Grund auf verändert.

Wir haben seither das Recht und die Freiheit Gott nahe zu sein, in das Allerheiligste einzutreten! Das zeigte sich schon bei der Geburt Jesu, die sich nicht fern ab in einem Schloss - abgeschottet vom Volk - sondern in einem Stall - mitten im alltäglichen Geschehen - ereignete. Und es zeigte sich in der Sterbestunde Jesu, als der Vorhang zerriss und der Weg zum Allerheiligsten frei wurde.

Eine Freiheit, die wir nutzen und an deren Beginn wir uns stets erinnern sollen. Diese Freiheit verändert unser Leben! Wir sind frei, aber nicht ungebunden! Johann Wolfgang von Goethe brachte es schon auf den Punkt „Man kann in wahrer Freiheit leben und doch nicht ungebunden sein.“ Mit der Freiheit, uns Gott zu nahen, übernehmen wir eine Verantwortung: Wir sind aufgerufen, den Zugang zu Gott zu nutzen, IHN in unser Leben mit einzubeziehen und andere Menschen daran teilhaben zu lassen: „Lasst uns festhalten an dem unwandelbaren Bekenntnis zu dem, was wir erhoffen. Denn Gott hält treu an den Verheißungen fest. Lasst uns aufeinander Acht geben und uns zur Liebe und zu guten Werken anspornen. Und lasst uns nicht den Versammlungen fernbleiben, wie es bei Einigen Gewohnheit ist, sondern uns ermuntern, daran teilzunehmen.“

Dieses Bekenntnis unserer Liebe zu Gott, erweist sich im Umgang miteinander. Indem wir aufeinander achten, uns umeinander kümmern, uns einmischen anstatt wegzusehen, wenn wir merken, dass ein anderer unsere Hilfe braucht. Dann hätten Kinder wie Kevin, Leon oder Lea Sophie eine Chance, würden nicht missbraucht oder verhungern. Kein Schüler müsste sich eine Waffe beschaffen, um aus lauter Hilflosigkeit heraus, Amok zu laufen. Es müsste kein Ausländer rassistische Ausschreitungen ertragen, weil wir dagegen nicht nur unsere Stimme erheben, sondern mit Taten gegen Täter vorgehen würden. Wird unser Handeln von Gottes Liebe diktiert, weicht die eigene Angst zurück. Dann reden wir miteinander, um gemeinsam begehbare Wege zu finden, statt einen Menschen allein für sich stolpern zu lassen. Ob in der Familie, in der Schule, auf der Arbeit oder in der Gemeinde: Es gilt, sich zur Liebe und zu guten Werken anzuspornen. Wenn wir dies beherzigen, dann feiern wir Gottes Gegenwart in rechter Weise und bereiten uns gut auf die Ankunft des Kindes vor.

Unser Ziel ist die Begegnung mit Gott! Dadurch gewinnt unser eigenes Leben an Tiefe und erhält Sinn! Gott, den Jesus und wir mit ihm „Vater“ nennen, kommt uns in IHM ganz nah. ER liebt uns und weil er uns liebt, will ER keinen Abstand. Nichts kann uns von der Liebe Gottes scheiden, kein Vorhang trennt uns mehr von ihm.

In dieser Freiheit sind wir gebunden an die Verantwortung, dass in unserer Gemeinde die Liebe gelebt wird, die Jesus uns erwiesen hat und täglich neu erweist. Jeder, der zu uns kommt soll diese Liebe spüren. Liebe, die wir nicht krampfhaft uns selbst abverlangen müssen, die uns aber der Heilige Geist schenkt, wenn wir IHN darum bitten. Beschenkt mit dieser Liebe wächst die Sehnsucht, untereinander Gemeinschaft zu pflegen, uns regelmäßig zu den Gottesdiensten, zum Gebet und natürlich zu Feiern zu treffen.

In dieser Freiheit die im Reich Gottes herrscht und im Wissen um die Wiederkunft Jesu Christi wollen wir am Bekenntnis festhalten, aufeinander acht haben, und miteinander Advent feiern: Heute, und das ganze Jahr über. Denn: „Der Ewige ist Geistkraft, und wo die Geistkraft des Ewigen ist, da ist Freiheit!“!

Amen.


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