Liebe Gemeinde,
es gibt Geschichten, die sind so alt wie die Menschheit selbst. Auf der anderen Seite sind sie so aktuell, als wären sie die Topmeldung unserer Tageszeitung. Die Geschichte, um die es heute geht, kennt Jeder, Jede von Ihnen. Es ist die Geschichte von Josef:
von seinem Vater Jakob bevorzugt, von seinen Brüdern deshalb gehasst und bei erster Gelegenheit an ägyptische Sklavenhändler verkauft. In Ägypten zuerst Diener eines Hofbeamten, durch dessen Frau ins Gefängnis gebracht und letztlich durch seine Gabe der Traumdeutung zum obersten Beamten Ägyptens aufgestiegen.
Inmitten der 7-jährigen Hungersnot erfolgt die Wiedervereinigung mit seinen Brüdern, die auch den Vater nachholen. Mit dem, dem sie so übel mitgespielt hatten, lebten sie fortan wieder vereint und ohne Mangel in Ägypten. Doch, das zeigt die Erzählung, sie leben mit ihm ohne ihren inneren Frieden erlangt zu haben. Und jetzt, da ihr Vater nicht mehr am Leben ist, meldet sich das Unterbewusstsein der Brüder und mit ihm kehrt die Angst zurück. Die bisher erfolgreich verdrängte Schuld drängt sich mit aller Macht ins Bewusstsein. Doch anstatt selbst zu Josef zu gehen, um diesen um Vergebung zu bitten, versuchen sie mit diplomatischem Geschick vorzugehen. Ein Unterhändler soll die Lage sondieren, und sich für die Brüder auf ein Gespräch mit ihrem Vater berufen. Das Verhalten der Brüder Josefs ist von Furcht geprägt, ja, sie fürchten sogar um ihr eigenes Leben. Deshalb loten sie alle Mittel und Wege aus. Und als die Brüder dann endlich selbst den Weg finden, nachdem sie vom Weinen ihres Bruders gehört haben, fallen sie vor Josef nieder und bieten sich ihm als Sklaven an, wenn er sie nur am Leben lässt.
Und jetzt kann Josef seine Verbundenheit mit Gott und seine innere Größe zeigen. Er sagt:
19 „Fürchtet euch nicht!
20 Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden, um das zu vollführen, was jetzt am Tage ist, nämlich viele Menschen am Leben zu erhalten.
21 So fürchtet euch nun nicht, ich will euch und eure Kinder versorgen.“ Und er tröstete sie und redete ihnen freundlich zu.
Ende gut, alles gut?? Ja, denn endlich wird Gott selbst ins „Spiel“ gebracht.
Liebe Gemeinde,
um Schuld können Menschen nicht herum reden. Sie kann auch nicht unter den Teppich gekehrt werden. Wenn im biblischen Sinne von Sünde die Rede ist, dann handelt es sich nicht nur um eine unmoralische Tat, sondern um Schuld vor Gott, welche Folgen hat. Sünde bedeutet im biblischen Sinne Störung oder sogar Zerstörung der Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Was also tun, wenn unvergebene Schuld ganz realistisch vor uns steht, auch wenn sie zeitlich noch so lange zurückliegt. Schließlich kann unvergebene Schuld oft genug so auf uns lasten, dass wir in unserem Alltag wie gelähmt sind. Und je länger wir diese Last auf uns ruhen lassen, desto größer ist die Anstrengung und Überwindung, um die Verfehlung, das schuldhafte Versagen vor Gott und den Menschen zu bekennen und die Versöhnung herbeizuführen.
Nur allzu oft sind wir daran interessiert, unsere Verfehlungen irgendwie zu vertuschen, unter Umständen mit Lügen, mit Schuldzuweisungen anderen gegenüber, oder durch Verheimlichung und Verschweigen herunter zu spielen. Aber solche Verhaltensweise führt nicht zu einer Lösung des Problems!
Deshalb ist die Bitte um Vergebung der Verfehlungen so wichtig. Denn Gott hat die Macht, diese Verfehlungen hinweg zu tragen, so dass auch die Folgen beseitigt sind, Versöhnung also ganzheitlich herbeigeführt wird. Vergebung im biblischen Sinne heißt deshalb auch Versöhnung. Schuld muss aus der Welt geschafft, ausgeräumt, weggenommen werden! Und das geschieht nur durch Versöhnung.
Von diesem Aspekt her bekommt die Frage Josefs einen besonderen Akzent: „Bin ich denn an Gottes Stelle?“ Das „Aufheben“, das „Wegtragen“ und „Sühnen“ von menschlicher Schuld ist niemals Sache von Menschen! Nur Gott steht es zu, die Sühne zu vollziehen, wenn um Vergebung gebeten wird. Und er durchbricht den verhängnisvollen Zusammenhang von einer bösen Tat und den bösen Folgen durch seinen Sohn Jesus Christus, der die Gemeinschaft wieder herstellt - mit Gott und unseren Mitmenschen. Er versenkt unsere Schuld bildlich gesprochen dort, wo das Meer am tiefsten ist, und wenn sie blutrot ist, macht er sie schneeweiß. Wer Vergebung so erfährt und danach lebt, kann wir als Gottes geliebtes Kind sich an einem friedlichen Miteinander erfreuen und seine Straße fröhlich ziehen und mit Josef sagen: „Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden!“ Dieser Gedanke, der die Grundlage dafür schenkt, damit wir Menschen nicht ewig die Folgen unserer Tat fürchten müssen.
Wir können von Josef lernen, nicht über unsere Mitmenschen zu urteilen, ohne deren Handeln zu beschönigen. Denn Gott kann nicht nur im Falle des Josef das Fehlverhalten von Menschen zum Guten wenden, sondern tut es bis auf den heutigen Tag. Nicht immer wird ein ganzes Volk gerettet und am Leben erhalten, aber in kleineren Maßstäben kann sicher jeder von uns aus seinem eigenen Leben Wunderbares berichten.
Denn wo immer Vergebung und Versöhnung durch den Glauben an Jesus Christus erfahren wird, entsteht eine ganz neue Gemeinschaft, eine ganz neue Lebensqualität. Deshalb glaube ich, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass Gott selbst diesen eine positive Richtung weist. Wenn wir dies glauben, dann haben wir aber auch niemals das Recht, Schuld die Gott vergeben hat, hervorzuholen. Denn vor Gott leben wir alle von seinem Erbarmen, von seiner Vergebung! Deshalb hat uns Jesus gelehrt zu beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“
Amen.