Liebe Gemeinde,
Liebe Gemeinde,
es gibt Geschichten, die sind so alt wie die Menschheit selbst. Auf der anderen Seite sind sie so aktuell, als wären sie die Topmeldung unserer Tageszeitung. Die Geschichte, um die es heute geht, kennt Jeder, Jede von Ihnen. Es ist die Geschichte von Josef:
von seinem Vater Jakob bevorzugt, von seinen Brüdern deshalb gehasst und bei erster Gelegenheit an ägyptische Sklavenhändler verkauft. In Ägypten zuerst Diener eines Hofbeamten, durch dessen Frau ins Gefängnis gebracht und letztlich durch seine Gabe der Traumdeutung zum obersten Beamten Ägyptens aufgestiegen.
Inmitten der 7-jährigen Hungersnot erfolgt die Wiedervereinigung mit seinen Brüdern, die auch den Vater nachholen. Mit diesem lebten sie fortan ohne Mangel in Ägypten – bis zu seinem Tod.
Und hier setzt der Vorfall an, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Ich lese im 50. Kapitel des 1. Buches Mose die Verse 15 – 21.
14 Nachdem Josef seinen Vater begraben hatte, kehrte er nach Ägypten zurück, er und seine Brüder und alle, die mit zum Begräbnis seines Vaters hinaufgezogen waren, nachdem er seinen Vater begraben hatte.
15 Als nun die Brüder Josefs sahen, dass ihr Vater gestorben war, da sprachen sie: Wie? Wenn sich nun Josef gegen uns feindselig stellen wird und uns all das Böse, das wir ihm getan haben vergilt?
16 So entboten sie dem Josef dies: „Dein Vater hat vor seinem Tode Auftrag gegeben:
17 So sollt ihr zu Josef sprechen: Ach vergib doch deinen Brüdern ihre Missetat und ihre Sünde, dass sie so Böses an dir getan haben! So vergib nun doch den Knechten des Gottes deines Vaters ihre Missetat.“ Josef aber weinte, als sie so zu ihm sprachen.
18 Dann gingen auch seine Brüder hin, fielen vor ihm nieder und sprachen: „Hier! Wir wollen deine Knechte sein!“
19 Aber Josef sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht!
20 Bin ich denn an Gottes Stelle? Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden, um das zu vollführen, was jetzt am Tage ist, nämlich viele Menschen am Leben zu erhalten.
21 So fürchtet euch nun nicht, ich will euch und eure Kinder versorgen.“ Und er tröstete sie und redete ihnen freundlich zu.
Ende gut, alles gut?? Ja, denn Gott selbst wird endlich ins „Spiel“ gebracht. Die Schuld drängt sie sich mit aller Macht in das Bewusstsein der Brüder Josefs. Doch mit ihr kehrt die Angst zurück, so dass ihr ganzes Verhalten davon geprägt ist. Ja, sie fürchten sogar um ihr eigenes Leben, weshalb sie alle Mittel und Wege ausloten. Ein Unterhändler sondiert die Lage, und beruft sich für die Brüder auf ein Gespräch mit Jakob, ihrem Vater. Doch, wie so oft im Leben, ist Angst ein schlechter Ratgeber. Und ihre unvergebene Schuld hindert sie daran, Gott als ihren eigenen Gott zu erkennen. So nennen sich die Brüder Josef gegenüber „Knechte des Gottes deines Vaters“ und können sich nicht selbst als „Diener Gottes“ sehen.
An der Art ihres Handelns erkennt Josef ihre große Angst und ist davon so erschüttert, dass er anfängt zu weinen. Sein Weinen verdeutlicht, dass ihm bewusst wird, dass seine bisherige Vergebung seine Brüder nicht erreicht hat. Und dieses Weinen ebnet seinen Brüdern den Weg, so dass sie sich endlich selbst zu ihm begben. Dort angekommen fallen sie vor Josef nieder und bieten sich ihm als Sklaven an, wenn er sie nur am Leben lässt.
Doch warum warten die Brüder solange, bis ihr Vater gestorben ist, um endlich mit Josef zu reden? Warum leben sie jahrelang, mit ihm ohne ihren inneren Frieden erlangt zu haben? Dachten sie denn wirklich, dass Schuld sich verdrängen lässt?
Liebe Gemeinde,
um Schuld können wir Menschen nicht herum reden. Wir können sie auch nicht unter den Teppich kehren. Nur eines hilft: wir müssen uns damit vor Gott auseinandersetzen. Deshalb spricht die Bibel auch nicht nur von Schuld, sondern von Sünde. Denn es handelt sich nie nur um eine unmoralische Tat, sondern um Schuld vor Gott - und das hat Folgen. Im biblischen Sinne bedeutet Sünde Störung, ja Zerstörung der Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen. Dessen werden sich die Brüder Josef durch den Tod ihres Vaters bewusst. Ihre unvergebene Schuld steht plötzlich und unerwartet, ganz realistisch vor ihnen. Und was tun sie? Sie orientieren sich neu und wenden sich jetzt selbst an Josef. Auf diesem Weg besinnen sie sich wieder auf ihren Glauben an den gemeinsamen Gott und bitten um Vergebung.
Doch was tun wir? Oft genug erfahren wir, dass unvergebene Schuld so auf uns lastet, dass wir in unserem Alltag wie gelähmt sind. Und je länger wir diese Last auf uns ruhen lassen, ohne uns mit ihr auseinanderzusetzen, desto größer ist die Anstrengung und Überwindung, um unsere Verfehlung, unser schuldhaftes Versagen vor Gott und den Menschen zu bekennen und die Versöhnung herbeizuführen. Leider sind wir allzu oft nur daran interessiert, unsere Verfehlungen irgendwie zu vertuschen, unter Umständen mit Lügen, mit Schuldzuweisungen anderen Menschen gegenüber. Oder wir versuchen sie durch Verheimlichung und Verschweigen herunter zu spielen. Aber dieses Verhalten führt nie zur Lösung des Problems, wie es Psalm 32 verdeutlicht:
„Erst wollte ich meine Schuld verschweigen; doch davon wurde ich so krank, dass ich von früh bis spät nur stöhnen konnte. Ich spürte deine Hand bei Tag und Nacht; sie drückte mich zu Boden, ließ meine Lebenskraft entschwinden wie in der schlimmsten Sommerdürre.“
Mit anderen Worten: Unter dem Druck der unbereinigten Vergangenheit werden wir körperlich und seelisch krank. Dadurch spüren wir umso deutlicher: Schuld wird nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass wir sie ignorieren! Im Gegenteil: Jede unbereinigte Schuld kann urplötzlich wieder ganz lebendig auftauchen.
Deshalb ist die Bitte um Vergebung der Verfehlungen so wichtig. Denn Gott hat die Macht, Verfehlungen auf eine Weise hinweg zu tragen, dass auch ihre Folgen beseitigt sind, Versöhnung also ganzheitlich herbeigeführt wird. Vergebung im biblischen Sinne heißt deshalb auch Versöhnung. Denn nur durch Versöhnung wird Schuld aus der Welt geschafft, ausgeräumt und weggenommen!
Vor diesem Hintergrund her bekommt die Frage Josefs einen besonderen Akzent: „Bin ich denn an Gottes Stelle?“ Denn das „Aufheben“, das „Wegtragen“ und „Sühnen“ von menschlicher Schuld ist niemals Sache von uns Menschen! Nur Gott steht es zu, die Sühne zu vollziehen, wenn ER um Vergebung gebeten wird. Und er durchbricht den verhängnisvollen Zusammenhang von einer bösen Tat und den bösen Folgen durch das Versöhnungsopfer seines Sohnes. Jesus Christus, stellt die Gemeinschaft wieder her - mit Gott und unseren Mitmenschen. Er versenkt unsere Schuld bildlich gesprochen dort, wo das Meer am tiefsten ist, und wenn sie blutrot ist, macht er sie schneeweiß. Wer Vergebung so erfährt und danach lebt, erfreuet sich als Gottes geliebtes Kind an einem friedlichen Miteinander und zieht seine Straße fröhlich und kann mit Josef sagen: „Ihr gedachtet mir Böses zu tun, aber Gott gedachte es zum Guten zu wenden!“ Dieser Gedanke bildet die Grundlage dafür, dass wir Menschen nicht ewig die Folgen unserer Tat fürchten müssen.
Wir können von Josef lernen davon abzusehen, über unsere Mitmenschen zu urteilen. Dabei wird uns nicht abverlangt, deren Handeln zu beschönigen. Wir müssen auch nicht wie in der Rechtssprechung sagen – in dubio pro res – im Zweifel für den Angeklagten, sondern können Gott getrost das Urteil überlassen. Denn Gott kann nicht nur im Falle Josefs das Fehlverhalten von Menschen zum Guten wenden, sondern tut es bis auf den heutigen Tag. Nicht immer wird ein ganzes Volk gerettet und am Leben erhalten, aber in kleineren Maßstäben kann sicher Jeder, Jede unter uns aus dem eigenen Leben Wunderbares berichten.
Denn wo immer Vergebung und Versöhnung durch den Glauben an Jesus Christus erfahren wird, entsteht eine ganz neue Gemeinschaft, mit einer ganz neuen Lebensqualität. Und dann gilt der Satz Dietrich Bonhoeffers, den wir vorhin als Glaubensbekenntnis gesprochen haben: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen…“
Deshalb glaube ich mit ihm, dass unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass Gott selbst diesen eine positive Richtung weist. Wenn wir dies glauben, dann haben wir niemals das Recht, Schuld die Gott vergeben hat, hervorzuholen. Denn vor Gott leben wir alle von seinem Erbarmen, von seiner Vergebung! Weshalb uns Jesus lehrte zu beten: „Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern.“
Amen.