Liebe Gemeinde,

„Kommt und laßt uns Christus ehren, Herz und Sinnen zu ihm kehren“ - so haben wir gesungen und darauf wollen wir uns einlassen. Denn Weihnachten feiern heißt in erster Linie unsere Seele, ja unser innerstes Sein einzustimmen, auf die frohe Botschaft dieser heiligen Nächte, die immer wieder neu zu vernehmen ist. Auch wenn um uns herum nicht nur Stille herrscht, wir müssen sie suchen, um den zu finden und aufmerksam anzusehen, der sich aufgemacht hat uns zu begegnen. Vor der Krippe wollen wir still werden und den Blick auf das Jesuskind wagen. Es ist wie wir von einer Frau geboren worden und hat wie wir selbst alle Freuden und Beschwernisse eines menschlichen Lebens erlebt und gelebt, obwohl er Gottes Sohn ist. Dieses Geschehen - Gott wird Mensch - in seiner ganzen Bedeutung und Tragweite zu erfassen ist uns wohl nicht möglich. Dennoch wollen diese Worte tief in uns eindringen, damit wir sie in unserem Herzen bewegen und bewahren. Wer aber könnte uns besser den ersten Blick ermöglichen, als gerade der Stern, der die Menschwerdung Jesu mit seinem Glanz erleuchtet? Selbst fern ab vom Ort des Geschehens wird er von Sterndeutern gesehen und weist ihnen dadurch den Weg, um dieses Kind zu sehen und anzubeten. Sind wir selbst nicht auch fern vom Geschehen - örtlich und zeitlich gesehen und brauchen von daher Wegweisung durch den Stern? Wenn wir uns darauf einlassen, so werden wir etwas spüren von - wie Olivier Messiaen es ausdrückt - „dem Schock der Gnade, die den Stern unschuldig leuchten läßt, wobei er selbst schon von einem Kreuz überragt wird“. Dieser Blick des Sternes, der die Zukunft des Kindes schon vorhersieht, will uns jetzt in der Musik, die Messiaen dazu geschrieben hat ein erstes Innehalten ermöglichen, damit wir unsere eigenen Gedanken dem Kind mitteilen können, wenn wir es anblicken.

Musik: Olivier Messiaen: „Blick des Sterns“

Gal 4, 4 - 7

4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn. Er wurde von einer Frau geboren und lebte unter dem Maßstab des Gesetzes,
5 um die anderen, die auch unter dem Maßstab des Gesetzes standen, freizukaufen und um aus uns Sklaven mündige Kinder zu machen.
6 Daß ihr schon mündige Kinder seid, könnt ihr daran sehen, daß Gott nicht nur seinen Sohn gesandt hat, sondern auch den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gelegt hat. Der Geist ruft, wenn wir beten, in unseren Herzen: „Abba, Vater!“
7 Wer so ruft, ist nicht mehr Sklave, sondern mündiges Kind. Wer aber Kind ist, der ist auch Erbe. Das sind wir durch Gottes Handeln geworden.

Wahrhaftig - in den Worten des Apostel Paulus,‘ wie auch in der Musik Messiaens, ist die Gnade, die Gott uns mit dem Geschenk seines Sohnes zuteil werden läßt spürbar, schockiert im positivsten Sinn! Wurden wir nicht verwandelt durch die Klänge der Musik und der Worte, die noch in unserem Herz nachschwingen?

Ich habe das Gefühl, ich bin nicht mehr dieselbe, sondern fühle mich schwach und hilflos vor der Stärke, die von diesem Kind ausgeht.

Hören wir, was Paulus den Galatern geschrieben hat mit unserem Herzen? Dann werden wir im tiefsten berührt von der Tatsache, daß Gott will, daß wir seine Kinder sind! Kinder, die ihm vertrauen, alles von ihm erwarten! Kinder, die Geborgenheit erfahren und ihn lieben, wie man den Vater, die Mutter, den Großvater und die Großmutter liebt.

Paulus erinnert uns daran, dass mit der Geburt Jesu eine ganz neue Zeit angebrochen ist. Gott hat einen großen Schritt auf uns zu gemacht, indem er selbst Mensch wurde. Er hat sich uns geschenkt, weil er sich in Jesus von Nazareth darauf einließ, ein Mensch unter Menschen zu sein. Und dieses Geschenk hat bis heute Folgen für das Verhältnis zwischen Gott und Menschen: Gott sandte seinen Sohn, damit wir diese Kindschaft empfangen können. Es geht Gott um uns, wir dürfen seine Kinder sein! Mit allen Rechten ausgestattet, gleichberechtigt ja, erbberechtigt wie das Kind in der Krippe! Fast scheue ich mich davor, dieses auszusprechen. Aber das ist Gottes Geschenk an uns, heute an Weihnachten. Er sagt uns: „Ich habe euch einen Bruder gegeben, der euch zeigt, daß das Leben gelingen kann. Und deshalb bekommt ihr auch Verantwortung füreinander.“ Verantwortung dahingehend, daß wir Wege gehen, die auf die Welt etwas von dem göttlichen Glanz bringen.

Am Heiligen Abend und in der Heiligen Nacht sind auf unserer Erde wieder unzählige Tränen geweint worden – Tränen der Einsamkeit und der Ohnmacht. Tränen der Trauer und des Schmerzes. Und noch ist die Zeit nicht gekommen, in der Gott selbst alle Tränen abwischt. Aber, Gott stellt sich als Mensch uns Menschen zur Seite. Mehr noch: Er nimmt uns als seine Kinder an. Seine Liebe ist bedingungslos. Wir dürfen immer wieder zu ihm zurückkommen, selbst wenn wir uns zwischendurch ganz von ihm abgewandt haben. Gott schenkt sich uns. Es gibt keinen Zwang, dieses Geschenk anzunehmen; doch es ist eines, das größer ist als alles, was wir denken können.

Damit wir dies erahnen können, hat er uns seinen eingeborenen Sohn an die Seite gestellt. Gott stellt sich damit uns Menschen als Mensch zur Seite.

Hier, bei uns Menschen ist Gott zu finden. Hier, bei uns Menschen sucht Gott seine göttliche Ehre. Und er sucht sie zuerst da, wo Menschen traurig oder müde sind, da, wo Menschen Angst haben oder von anderen verachtet werden, da, wo Menschen unter Druck stehen und nicht mehr weiter wissen. Gott zeigt uns Menschen den Weg der Liebe auf. Dieser Weg verheißt uns Freiheit von Zwängen und Bedrückungen, auch und gerade in dieser Weihnachtszeit. Dieser Weg der Liebe, den Gott uns in unserem Bruder Jesus gezeigt hat, stärkt unsere Sehnsucht nach dem wahren, befreiten Leben und schenkt uns die Kraft, es immer wieder neu zu wagen. Dann können wir wirklich „Frohe Weihnachten“ erleben und einander wünschen. Denn das Besondere dieses Wunsches ist ja, dass er in einzigartiger Weise auf Erfüllung hin gesprochen wird.

Dieser Wunsch lebt von dem, was bereits geschehen ist durch Gottes Handeln. „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, um aus uns Sklaven Kinder zu machen.“ So seid ihr nun Kinder Gottes! Und das ist das Erbe, das Gott uns, seinen Kindern mitgegeben hat: Wir sind nicht mehr den Ordnungen und Zwängen der Welt unterworfen, die uns unfrei machen. Wir sind nun Kinder Gottes! Wir sind frei, einander unsere Zeit und Phantasie zu schenken, unsere Hoffnungen und unsere Freude. Und indem wir unsere Zeit verschenken, schenken wir in Wirklichkeit das Größte und Wichtigste was wir zu verschenken haben, uns selbst.
Mit diesem Wissen wollen wir das Kind in der Krippe, unseren Bruder anschauen. Es ist „der Blick der Zeit“, wobei nicht Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft gemeint ist, sondern das Geheimnis der ewigen Zeit. Die Ewigkeit, die den geboren sieht, der selbst ewig ist. Und indem wir die Klänge hören, erspüren wir vielleicht etwas von dem Geheimnis, daß wir durch unser „Kind-Gottes-Sein“ selbst ewiges Leben in uns tragen. Lassen wir uns in den Blick der Zeit hineinnehmen und von ihm her einen neuen befreienden Blick auf das Jesuskind tun, der uns die frohe Botschaft von Weihnachten in unser Herz schreibt.

Musik: Olivier Messiaen: „Blick der Zeit“

Amen.

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