Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor Freud alle Engel singen. Hört, hört, wie mit vollen Chören alle Luft laute ruft: Christus ist geboren!

Liebe Gemeinde,

springt unser Herz in dieser heiligen Nacht, zu dieser späten Stunde fröhlich? Ich denke kaum! Sicher sind wir müde hierher gekommen. Wir kommen von den unterschiedlichsten Erlebnissen dieses Tages - innerlich bewegt - zusammen. Gerade der Heilige Abend löst wieder eine Fülle an Eindrücken und Gefühlen in uns aus. Jedes Jahr auf‘s Neue sind es die schönsten, wie auch problematischsten Empfindungen. Und in den Nachrichten hören wir alles andere, nur nicht “Friede auf Erden!” Denken wir nur an die jüngsten Meldungen aus Bethlehem: Von den palästinensischen Christen wird dieses Jahr vor der Geburtskirche einen Weihnachtsbaum ohne Lichter aufgestellt. Damit machen sie auf die immer noch währende Besatzung der Stadt aufmerksam. Soldaten patrouillieren trotz Weihnachten in der Stadt und spiegeln mit ihren Panzern mehr Kriegs- als Friedenseindrücke wider. Wie soll unser Herz da vor Freude springen!

Wie war es damals, als den Hirten zum ersten Mal die frohe Botschaft verkündet wurde? Warum glaubten sie der Nachricht zu und jubelten vor Freude, während Herodes die selbe Nachricht auf Mordgedanken brachte? Bis zum heutigen Tag spaltet die Botschaft die Menschen in zwei Lager. Die Einen glauben der Nachricht und wenn es gutgeht, singen sie mit den Engeln vor Freude, weil diese Botschaft sie nicht mehr losläßt? Die Anderen wenden sich ab, belächeln die Botschaft und diejenigen, die allen Ernstes an ihr festhalten milde, oder spotten darüber.

Keine andere Nachricht bringt Menschen zu so unterschiedlichen Regungen, nur diese!

Doch auch in der heutigen Zeit gibt es Menschen, deren Herz bei dieser Nachricht vor Freude springt. Ich denke an meine Camerouner Freunde, die das ganze Jahr auf dieses Fest warten. Riesenbottiche mit heißem, stark gesüßtem Tee werden gekocht, und vor jeder Kirche aufgestellt. Denn mit Beginn des Heiligen Abends bis zum Neujahresmorgen ziehen die Christen singend und tanzend von Dorf zu Dorf, um die Nachricht von der Geburt Jesu zu verbreiten. Und wenn die Stimme versagen will, machen sie einen Abstecher zur Krankenstation, um sich Medizin für den Hals zu holen, nur um weiter singen zu können. Dies vergesse ich mein Leben lang nicht! Schon in meiner Cameroun-Zeit dachte ich, dass diese Art sich zu freuen der Situation vor 2000 Jahren vermutlich ziemlich nahe kommt.

Was aber machen wir, die wir diese Freue nun einmal so nicht ausdrücken können und sie wohl auch so nicht empfinden?

Vielleicht müssen wir uns darauf einlassen, uns Weihnachten wieder neu auf das Wesentliche der himmlischen Botschaft zu beschränken. Wenn uns dies gelingt, wenn wir den ganzen Ballast des Prunkes, des Glitzern und Funkelns der Warenwelt hinter uns lassen und dem eigentlichen Wesen von Weihnachten wieder auf die Spur kommen, dann können wir vielleicht wirklich Weihnachten feiern. Die Sehnsucht danach ist wohl heute der Grund, dass wir uns zu mitternächtlicher Stunde auf den Weg zu diesem späten Gottesdienst gemacht haben. Es lohnt sich vor der Krippe still zu werden und zu hören, was das Jesuskind uns zu sagen hat. Denn es ist für uns geboren worden - diese Himmelsnachricht sollen wir vor der Krippe empfangen. Und sie allein läßt – indem wir sie neu begreifen - unser Herz freudig springen. Gelingt es, verstehen wir durch diese Freude die eigentliche Bedeutung dieser Nacht! So wollen wir das Kind mit neuer Erwartung anschauen und ihm zuhören. Gott beschenkt uns mit seinem Sohn, wenn wir uns beschenken lassen, wenn wir zu diesem Geschenk “JA” sagen. Die Texte des wunderbaren Weihnachtsliedes von Paul Gerhardt, das Johann Crüger vertont hat, können uns helfen, dieses JA im tiefsten Inneren unseres Seins zu finden.

Lassen Sie uns dieses Geschenk heute Nacht gemeinsam neu empfangen! Wir wollen miteinander innehalten und innerlich still werden, um dem innersten Geheimnis von Weihnachten auf die Spur zu kommen.

Wir wollen über die Worte dieses Liedes nachdenken, um die Ansprache Gottes zu verstehen. Vielleicht entstehen dadurch in uns selbst neue Gedanken, im Hinblick auf das Kind in der Krippe, die uns ihm näher bringen. Vielleicht kommen wir endlich zur inneren Ruhe, die wir nach diesem Tag und all den Eindrücken des Heiligen Abends ersehnen.

Dieses Kind ist Gottes Held, der die ganze Welt aus allem Jammer reißt, wenn wir es ihm gestatten. In ihm wird Gott Mensch, ja der Sohn Gottes verbindet sich mit unserm Blut. ER nimmt unser menschliches Schicksal auf sich, erlebt alles, was Menschen in einem Leben so erleben. In dieser Hingabe liegt das Geheimnis der Liebe Gottes! Gott selbst macht sich auf den Weg, um sich unserm Leid entgegenzustellen, ja um uns aus dem Leid herauszureißen und uns wieder zu frohen, ja fröhlichen Menschen zu machen! Dieses Kind nimmt vom Beginn seines Lebens an, unsere Schuld auf sich. Entscheidet sich dafür, sein Leben preiszugeben, um uns ewiges Leben, Gnade und Frieden zugleich zu erwirken.

In der Krippe liegt der König der Welt. Er ruft uns zu sich. Dich und mich, gewährt uns in dieser Stunde eine ganz innige Audienz. Indem wir uns der Krippe nähern und dieses Kind ansehen, hören wir es zu uns sprechen. Mit süßen Lippen, wie Paul Gerhardt es in seiner Sprache formuliert. Und was sagt das Kind uns? »Laßt los, liebe Brüder und Schwestern. Laßt los was euch quält, laßt los was euch fehlt; ich bringe alles wieder in Ordnung. Ich, der ich zu eurer Rettung in eure Welt gekommen bin.« Den Gedanken, die bei diesen Worten in uns aufsteigen wollen wir Raum geben, um alles Heil, das von diesem Kind ausgeht in uns aufzunehmen.,

Wir nähern uns dem Kind in der Bereitschaft ihm zuzuhören. Dann kann “Unser gläubiges Herz, frohlocken, singen und scherzen”, wie Bach es im Weihnachtsoratorium ausdrückt.
Joh. Seb. Bach: “Mein gläubiges Herze, frohlocke, sing, scherze, mein Jesus ist da” (instrumental)

Welche Freude wird uns durch diese Klänge ins Herz gespielt. Es kommt mir so vor, als wäre während der Musik das Wunder geschehen: Wir lieben das Kind, das selbst vor Liebe brennt! Wir sahen den Stern, der uns sein Licht gibt, um mit damit unsere Seele zu erfreuen. Jetzt singen wir dem Kind in der Krippe Lieder, die unser eigenes Herz erfreuen und stärken. Selbst dann, wenn wir uns “beschwert im Herzen” fühlen. Auch dann, wenn uns unser Gewissen schmerzt, weil wir spüren, dass manches im Leben sein Ziel verfehlt hat. Ja sogar dann, wenn wir manches Mal das Gefühl haben, dass die Krippe uns im Weg steht, weil sie uns daran erinnert, was alles in unserem Leben nicht gelungen ist. Denn wir werden getröstet!! In dem Kind in der Krippe finden wir denjenigen, der die seelischen Vergiftungen und Wunden heilt. So wie Maria, die Mutter Jesu es ahnt, wenn sie ihn anblickt, so können auch wir es erfassen: Dieses Kind schenkt uns alle guten Gaben die unser Herz erfreuen. Und das ist dann nicht in Gold aufzuwiegen. Das Kind Jesus wird sich als Retter für das Heil aller Menschen erweisen. Dies war offenbar für alle spürbar, die damals das Kind betrachteten. Jesus strahlte bereits als Kind etwas von dem göttlichen Geheimnis aus, was die Menschen seiner Zeit verwandelte. Die einen in Anbeter - Hirten, Sterndeuter - andere in erbitterte Gegner - allen voran Herodes.

Doch noch herrscht Frieden -
im Stall zu Bethlehem schläft das Kind und Maria schließt ihre Ahnungen tief in ihr Herz ein. -Können wir mit Maria empfinden? Fällt die frohe Botschaft der Engel so tief in unser Herz, dass wir sie mit allen unseren Sinnen aufnehmen? Wenn ja, dann wird aus dem Jubel stille Anbetung, denn vor dem Kind wird uns klar: “Es ist uns nicht möglich, von uns aus rein zu sein.” Ja, wir spüren, Nein wir empfinden, wie es Paul Gerhardt ausdrückt: “Ich bin rein um deinetwillen!” Wenn es gelingt, dann nehmen wir das Kind jetzt ganz in uns auf: “schließen es in unser Herz, und genießen es so, wie eine Mutter ihr Kind genießt.”

In dieser Nacht fühlen wir, der Himmel hat sich mit dem Geschenk des Gottessohnes unserer Erde geöffnet. Es ist ein unbeschreibliches, großartiges Ereignis und bleibt dennoch Geheimnis. Und während wir das Kind in der Krippe betrachten kommt unsere Seele “zu Hause” an. Es schenkt uns das Gefühl von Geborgenheit schon allein, indem wir es still ansehen. Nur unendliche Liebe kann dies Wundersame überhaupt geschehen lassen! Liebe, die sich verströmt, ohne Gegenliebe zu erwarten.

Wir ahnen was dies für den Gottessohn heißt, was Jesus mit seiner Menschwerdung akzeptierte. Deshalb wollen wir in dieser uns sichtbaren Welt, uns die Nähe Jesu mit unserem ganzen Sein bewußt machen! Wir wollen unser Leben nicht nur nach unseren Vorstellungen gestalten, sondern nach seinem Willen fragen. In diesem Bewußtsein kann es geschehen und wahr werden: Dieses Kind wird in uns neu geboren und wir gehen, in uns erfüllt von seinem Leben, auf die Menschen zu, die mit uns auf dem Wege sind. Genauso unvollkommen wie wir, aber wohl auch voller Sehnsucht nach dem wahren Leben und der Freude des Himmels, wenn die himmlischen Heerscharen ihr “Ehre sei Gott in der Höhe” anstimmen.

Wenn wir uns darauf einlassen, dann können wir mit diesen Klängen vielleicht in unserer Seele den himmlischen Gesang der Engel entstehen lassen.
Amen.

W. A. Mozart: Andante aus dem Klavierkonzert A-Dur, KV 414

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