„Gott hat Freude an dem Gebet der Redlichen. Mehr noch: er ist es, der es in ihnen erweckt und ihnen die Kraft dazu verleiht. So ist denn, was sie beten, Gottes Gebet.“

Liebe Gemeinde,

diese Worte des Radoschitzer Rabbi sollen uns einstimmen auf das Thema dieses Sonntags – Rogate – „Betet“. Und wenn wir die Worte des Radoschitzer Rabbi verinnerlichen, so können wir uns darüber freuen, dass Gott selbst in uns das Gebet entstehen lässt und uns die Kraft zum beten schenkt. Alle ausgewählten Texte der Perikope haben das Gebet zum Thema. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der „Fürbitte für das Volk“.

Das Volk Israel befindet sich in der Wüste, unterhalb des Berges Sinaï. Sie warten auf Mose, der von Gott gerufen wurde, um von ihm die 10 Gebote zu empfangen. Mose ging zu Gott auf den Berg und blieb dort 40 Tage und Nächte.

Hier setzt unsere Geschichte ein: Ich lese einen Textabschnitt aus dem 2. Buch Mose. Kapitel 32, die Verse 7 -14:

7 Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.
8 Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe. Sie haben sich ein Kalb aus Metall gegossen und werfen sich vor ihm zu Boden. Sie bringen ihm Schlachtopfer dar und sagen: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben.
9 Weiter sprach der Herr zu Mose: Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es.
10 Jetzt laß mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.
11 Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt.
12 Sollen etwa die Ägypter sagen können: In böser Absicht hat er sie herausgeführt, um sie im Gebirge umzubringen und sie vom Erdboden verschwinden zu lassen? Lass ab von deinem glühenden Zorn, und lass dich das Böse reuen, das du deinem Volk antun wolltest.
13 Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel, und: Dieses ganze Land, von dem ich gesprochen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es für immer besitzen.
14 Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Liebe Gemeinde, „Der Herr ließ sich das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.“ Diese Worte können Verwunderung auslösen. Wie konnte es geschehen, dass Gott seine Meinung änderte? Mose – ein Führer des Volkes – anfänglich wider Willen, setzt sich für die ihm anvertrauten Menschen ganz und gar ein. Dabei argumentiert er mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, um Einfluss auf Gott zu nehmen. Er argumentiert mit Gott, als wäre sein Gegenüber ein Mensch wie er selbst! „Wenn du jetzt dein Volk verläßt, dann ist alles zunichte gemacht, was die Ägypter über das mächtige Eingreifen Gottes gelernt haben! Ungeachtet der Reaktion Gottes wagt er vorauszusagen, wie die Ägypter auf den Zorn Gottes reagieren werden. Obwohl er nicht im Vorhinein wissen kann, wie Gott auf seinen Widerspruch reagieren wird, wagt er sich mit seiner Beurteilung der Sachlage, Gottes Ansicht entgegenzustellen. Dieses Argumentieren, dieses Ringen mit Gott ist wahre Fürbitte!!

Und genau hier sind wir beim Thema unseres Sonntags und unseres Lebens angelangt! Was heißt denn Gebet, was ist beten? Bedeutet es nicht, sich einzulassen auf einen Dialog mit Gott und vor ihm das Für und Wider einer Situation, eines Problems, abzuwägen? Hilft beten nicht der eigentlichen Lebenseinstellung, um die oft so schwierigen Entscheidungen treffen zu können.

Wir könnten einwenden, dass Mose natürlich eine außergewöhnliche Chance bekommt, indem er auf dem Berg Sinaï eine besondere Begegnung mit Gott erlebt. Doch ist diese Gemeinschaft mit Gott nicht Selbstzweck, sondern dient dem Wohle des Volkes.

Folgen wir der Gesprächssituation des Textes, so erkennen wir, wie sehr sich menschliche Einschätzungen von Gottes Ansichten unterscheiden. Gott übt Kritik am Verhalten des Volkes. Aus seiner Sicht sind sie »Schnell« von ihm abgefallen. Sie »wichen vom Wege ab«, der ihnen von Gott vorgegeben war.. Auch wir heute stehen in der Gefahr, von unserem Lebensweg abzuweichen, den Gott zu unserem Wohl ins Auge gefasst hat. Auch wir fühlen uns in manchen Situationen so, als hätten wir Gottes Schutz verloren. Und schnell geschieht es, dass wir uns Ersatzbilder Gottes beschaffen, anstatt selbst zu beten. Natürlich lassen wir uns nicht real ein „goldenes Kalb“ gießen. Dennoch gibt es für uns genügend Alternativen. Wir lassen uns von anderen Dingen „besetzen“, die oft genug nur dazu dienen „Gott zu ersetzen“! Ob dies die Flucht in „Ersatzdrogen“ (Süßigkeiten, Alkohol, Nikotin oder härtere Drogen wie Kokain, Heroin o. ä.) ist, oder die Flucht in übermässige Arbeit (Stichwort Workaholik). Oder ob es sich darin äußert, sich einer Sekte anzuschließen und sich dabei einem Guru zu unterwerfen. In gewisser Weise kann alles sich zu einem „goldenen Kalb“ für uns entwickeln. Sicher haben viele von ihnen das Ende der gestrigen Deutschen Fußballmeisterschaft verfolgt. Dabei war vom Manager Bayer Leverkusen, Herrn Calmud zu hören: „Ich schäme mich meiner Tränen und Emotionen nicht. Der Fußballgott war wieder einmal nicht mit unserer Mannschaft! Die Fans waren uns die ganze Saison über treu, denn für sie ist Fußball - ihr Gott! Ich selbst, der ich ein Sportfan bin, bin weit davon entfernt, den Fußball, das Skispringen, Tennis, einen Künstler oder Maler zum Gott zu erheben und es erschreckt mich zutiefst, daß solche Worte fallen. Dennoch bin ich überzeugt, alles geschieht aus der Sehnsucht heraus, Gottes Gegenwart als Trost, Schutz und Ermutigung für die anstehenden Alltagsdinge zu erfahren. Da Gott selbst aber den Menschen nicht mehr vor Augen steht, schaffen sie sich eben Ersatzgötter!

Wie gut ist es dagegen in Krisensituationen statt solcher Ersatzgötter, einen Menschen zur Seite zu haben, der vor Gott für uns eintritt. Der nicht auf unsere Wünsche eingeht, sondern vor Gott das Für und Wider unserer Bedürfnisse anspricht und für uns um Verständnis wirbt.

Das »gegossenes Kalb« galt den damaligen Menschen als Symbol für den Gotteskult. Damit wurde die Sehnsucht um größtmöglichen Schutz vor der Bedrohung der angstmachenden Welt ausgedrückt. Und Aaron will mit der Formulierung »das ist dein Gott …« keinen anderen Gott darstellen, sondern nur den Gott Israels für das Volk begreifbar machen! – Doch erweist er damit dem Volk einen schlechten Dienst. Er tut genau das Gegenteil von dem, was Mose in seiner Fürbitte ausrichtet. Aaron überlässt dem Volk seinen Willen – Mose hingegen setzt sich für sein Volk und dessen Unverständigkeit ein. Dieser Dialog zwischen Mose und Gott ist für uns heute mehr denn je aktuell. Denn wie viele Menschen glauben, dass es Gott gar nicht geben kann, weil so viel Boshaftes geschieht. Weil Unheil und Schuld die ganze Menschheitsgeschichte begleitet und sich Gott deshalb von den Menschen abwenden müsse. Da wir selbst nur so schwer Verfehlungen vergeben können, stellen wir Gott auf die gleiche Stufe und halten, wie die Menschen des AT, als Reaktion Gottes nur Zorn für möglich.
Mose aber vertraut darauf, dass Gott seine Argumente hört und wirklich - »Gott lässt sich das Unheil gereuen«, das er vorhatte. Obwohl Gott nicht an dieses Volk gebunden ist - er könnte sich leicht ein anderes suchen – bleibt er ihm treu! Und dies geschieht durch die Vermittlung des Mose, der sich hier für „sein Volk“ einsetzt, als dessen Führer er von Gott ausersehen wurde.

Mose und Aaron begreifen offensichtlich ihre Rolle völlig anders. Mose behält die hohe Ziele im Auge, auch wenn das Volk sie nicht versteht. Aaron hingegen lässt sich unstatthaft vom Volk beeinflussen. Vielleicht auch aus Angst vor einem Aufstand, wir wissen es nicht. Doch es sollte uns heute noch zu denken geben, wohin solche Ängste führen können. Selbst wenn es nur die Angst davor wäre, weniger beliebt zu sein. Fatal sind die Auswirkungen immer dann, wenn wir aus Ängsten heraus - wem auch immer - nachgeben. Mose unterlag dieser Gefahr nicht! Er war ein Mann, der zum Wohle seines Volkes nichts unversucht ließ, um auf Gott Einfluss zu nehmen. Wenn wir heute die Nachrichten einschalten, erleben wir vielfältig, dass solche Menschen, solche Politiker rar geworden sind. Wahrscheinlich sähe es auf der Welt anders aus, wenn es mehr Politiker gäbe, die sich vor Gott im Gebet für die ihnen anvertrauten Menschen einsetzen würden. Denn auch im 21. Jahrhundert benötigen wir Menschen, die das Gleichgewicht zwischen unseren Bedürfnissen und dem was Gott sagt herstellen. Die erkennen, was ihre Kinder, ihre Bürger, ihre Gemeindeglieder wirklich brauchen und was von Gott her für sie nötig ist. Wir brauchen Menschen, die für schuldig Gewordene beten. Dazu ermutigt uns unser Text. Daran werden wir erinnert. Unsere Fürbitte sollte dabei besonders die Menschen vor Augen haben, die sich ganz offenkundig und vielleicht sogar ganz bewusst gegen Gott und seine Gebote stellen! Menschen, die sich von Gott absichtlich oder unbeabsichtigt abgewandt haben. Denn Fürbitte meint nicht in erster Linie für die Familie, für Freunde, für unsere Gemeinde und unseren Pfarrer vor Gott einzutreten. Nein, wir brauchen Beter, die sich vor Gott ganz einsetzen:

- für die Ausgegrenzten

- für die schwierigen Zeitgenossen.

Kritik an Mitmenschen, schimpfen über sie ändert nicht und nützt keinem. Aber mit allen zur Verfügung stehenden Argumenten für sie vor Gott einzutreten, kann die ganze Sachlage verändern. Mose erkannte dies und sprang für sein Volk in die Bresche. Das größte Vorbild in solcher Fürbitte gibt uns jedoch Jesus, der selbst am Kreuz noch für die eintrat, „die nicht wussten, was sie tun“!

Lassen wir uns heute morgen durch die Haltung des Mose ermuntern und vor Gott eintreten für jeden Menschen! Für die Fernen und die Nahen und natürlich auch für uns selbst! Ringen wir in unseren Gebeten um die, die vor den „Goldenen Kälbern“ unserer Zeit anbeten! Die sich immer noch blenden lassen von den Möglichkeiten unserer scheinbar so fortschrittlichen Welt! Fällen wir keine schnellen Urteile, sonder besinnen wir uns darauf, alle Dinge des Lebens vor Gott zu bringen und zu beten.

Schreiben wir niemanden als hoffnungslosen Fall ab! Trauen wir Gott zu, dass er gerade diese Menschen liebt und verändern kann! Sie gehören wie wir doch zu denen, für die Jesus sein Leben hingegeben hat! Und Gott, das zeigt uns Mose am heutigen Morgen, lässt sich auf unsere Argumente ein! Er lässt sich beim Wort nehmen. Er hört und erhört Gebete. Ja, er ist es, der sie in uns erweckt und uns die Kraft dazu verleiht. Und letztlich ist dann das, was wir beten, Gottes eigenes Gebet. Auf alle Fälle ist es ein Gebet, das in seinem Sinn ist. Wir haben durch Jesus Christus, der uns mit dem Vater versöhnt hat, die Möglichkeit mit Gott zu reden wie ein Sohn, wie eine Tochter mit ihrem Vater redet. Wir dürfen und sollen für andere eintreten wie Mose, weil wir durch Jesus mit Gott wie mit einem Vater reden dürfen. Unser Platz ist mitten im Volk, aber uns ist dennoch der priesterliche Dienst der Fürbitte aufgetragen. Fürbitte bewahrt uns vor Gleichgültigkeit und Vorurteilen. Sie bewahrt uns aber auch davor, unsere Augen vor dem Unheil und der Gottlosigkeit der Welt zu verschließen.

In der Fürbitte bringen wir Menschen dorthin, wo sie hingehören:

- Vor Gott, nicht in die Zeitung;

- Vor Gott, nicht ins Gerede;

- Vor Gott, nicht unter unser Urteil.

Und in dieser Fürsprache spüren wir, wie der Radoschitzer Rabbi es ausdrückte:

„Gott hat Freude an solchem Gebet. Mehr noch: er ist es, der es in uns erweckt und uns die Kraft dazu verleiht. So ist denn, was wir beten, Gottes Gebet.“ Und in diesem Vertrauen wollen wir in Zukunft unser Beten vor ihm gestalten.
Amen.

Hosted by www.Geocities.ws

Hosted by www.Geocities.ws

1