„Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass tüchtige Menschen undankbar gewesen wären“

Liebe Gemeinde,

dieser Satz Johann Wolfgang von Goethes bringt uns mitten hinein in das Thema unseres Gottesdienstes.  Und die Frage taucht auf, ob dann eine ganze Gesellschaft untüchtig geworden ist, da wir uns nur umzusehen brauchen, um festzustellen, dass das kleine Wörtchen „danke“ fast aus der Mode gekommen ist. Die Begehrlichkeiten wachsen und vielfach wird die Meinung vertreten, dass uns doch das, was wir besitzen zustehe. Auch lernt kaum einer noch auf seine Wünsche hin zu sparen, wie es noch in den 80-er Jahren gang und gäbe war. Der Volksmund betont schon lange: „Undank ist der Welten Lohn“ und macht damit deutlich, dass Dankbarkeit schon in früheren Zeiten ein gefährdetes Gut war.

Doch heutzutage gewinnt die fehlende Dankbarkeit eine noch größere Dimension. Wenn wir – oft genug unfreiwillig – Zeuge von Gesprächen werden, stellt sich unwillkürlich die Frage, ob unsere Ohren noch richtig funktionieren. Da hören wir z. B.: „Mama, ich will ein Paar Timberland, schließlich haben das ja alle in meiner Klasse!“ Oder 13-jährige meinen, ihnen stehe ein Handy zu, da es ihnen nicht zumutbar wäre, vor den Klassenkameraden zurück stehen zu müssen. Doch wenn sie dann an Geburtstagen oder an Weihnachten ein Handy geschenkt bekommen, ernten viele Eltern, sofern die Marke nicht stimmt, lange Gesichter statt Dank.

Markenartikel sind „in“ - No-Name-Produkte „out“ – so einfach ist das. Mithalten heißt die Devise und das Sprichwort „kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ scheint so nicht mehr haltbar.

In dieser Haltung trifft es unsere Ohren hart, wenn wir hören, was der Apostel Paulus, vor fast 2000 Jahren, an die Gemeinde in Ephesus geschrieben hat.

19 Tragt einander Loblieder, Hymnen und vom Geist eingegebene Lieder vor. Lobt und jubelt dem Herrn von Herzen.

20 So dankt allezeit Gott dem Vater für alle Dinge. Nennt dabei den Namen unseres Herrn Jesus Christus.

Der Blick, den Paulus auf die Lebensumstände wirft, will uns auf den Boden der Realität zurückholen! Er will uns sagen:

„Alles was ihr seid und habt, all das habt ihr Gott zu verdanken!“ Er ist der Geber aller Gaben und er schenkt euch so vieles, das alles, was euer Leben ausmacht wert ist, dafür zu danken. Nichts steht uns zu, doch Gott schenkt mit vollen Händen, öffnet euch den Himmel und überschüttet euch mit seinem Segen. Er will, dass ihr in allem, was euch widerfährt, seine Liebe zu euch entdeckt. Das aber schließt aus, dass wir uns mit denen vergleichen, die mehr haben. Jeder unter uns hat so vieles, dass wir darüber dankbar sein und so viel mehr, dass wir locker davon abgeben können.“

Es lohnt, darüber nachzudenken, wo – sprachlich gesehen – die Wurzel des Wortes „danken“ herkommt. Danken hängt mit Denken zusammen!
 In unserer deutschen Sprache sind die zwei Wörter „Danken“ und „denken“ sehr eng verwandt. Sie klingen nicht nur ähnlich, sondern entstammen der gleichen Wortfamilie. Danken und denken, Dankbarkeit und Nachdenklichkeit, Gedanken, Gedenken und Gedächtnis – alles Worte, die zusammengehören. Dankbarkeit ist also, so könnte man sagen, eine Folge des Denkens. So verstehe ich auch das Wort aus Psalm 9: „Ich danke dem Herrn von ganzem Herzen und erzähle alle deine Wunder!“

Das Danken hat seinen Ausgangspunkt im Nachdenken über unser Leben, unsere Lebenssituation und über unsere Welt. Wir treten – bewusst oder unbewusst – einen Schritt zurück und betrachten unser Leben, unsere Welt. Wenn da Dinge sind, die uns freuen, die uns zufrieden oder gar glücklich machen, dann empfinden wir ein Gefühl der Dankbarkeit und das können wir Gott gegenüber dann aussprechen: In Worten, in Liedern, im Gesang, im Gebet! Wo immer sich Freude äußert, beginnen wir Menschen zu singen. Wo Dank in Lob umschlägt, äußern sich diese Gefühle in Liedern. Doch immer entsteht Dank aus dem Nachdenken über unser Leben.

Paulus jedoch geht noch einen Schritt weiter: Nicht nur danken sollen wir, sondern allezeit für alles danken. Für wirklich alles? Heißt das, dass wir uns als Christen darum bemühen sollen, für alles dankbar zu werden, alle Dinge so anzunehmen, dass wir sie als Geschenk betrachten? Eine schwierige Frage!

Was ist wenn scheinbar alles schief läuft, sich alles gegen mich wendet? Empfinde ich dann nicht eher Trauer oder Wut statt Dankbarkeit? Und gilt dies nicht auch Gott gegenüber?

Der Satz des Apostels Paulus ist missverständlich. „Seid dankbar für alle Dinge“ heißt auf alle Fälle nicht, niemals zu klagen. Dass der Satz nicht so verstanden werden kann, liegt auf der Hand.

Keineswegs haben die Menschen der Bibel Gott für alles gedankt. Im Gegenteil. Seitenweise gibt es dort Klagen, ja sogar Anklagen. Doch niemals bleiben die Menschen bei ihrer Klage stehen. Lädt Gott doch zu allen Zeiten uns Menschen ein, darüber nachzudenken, was unser Leben ausmacht und es als Geschenk aus seiner Hand anzunehmen. Und so gibt es in allen Klageliedern, die uns die Bibel berichtet immer einen Wendepunkt, der meistens mit dem Wörtchen „Aber“ anfängt. Ich klage, aber ich will mich an etwas anderes erinnern: „Jeden Morgen ist Deine Güte, Gott, wieder neu vorhanden, wendet sich mir wieder neu zu.

 

Für alle Dinge dankbar zu sein, das heißt für mich demzufolge, darüber nachzudenken, dass wir niemals aus den Händen Gottes fallen, ganz gleich was geschieht. Niemand unter uns! Seid dankbar für alle Dinge ist eine Einladung, auch dann an Gott festzuhalten, wenn es schwierig wird.

Doch dazu braucht es den richtigen Blick und das rechte Hören, um Gottes Stimme unter all den Stimmen unserer Welt herauszuhören. Beides kann uns nur der Heilige Geist schenken! Und wenn wir uns von IHM beschenken lassen, dann wird die „Schwerhörigkeit Gott gegenüber, an der wir gerade in dieser Zeit leiden“ ein Ende haben. Dann werden wir im Kleinen anfangen, wieder für die Dinge zu danken, die wir oft genug für selbstverständlich halten: die funktionierende Dusche, das warme Wasser, das Frühstück, die Lehrer, die Wohnung, die Arbeitsstelle. Dann danken wir für das Miteinander in unseren Familien, an unserer Arbeitsstelle, in unserer Gemeinde, selbst wenn unterschiedliche Meinungen weder vermeidbar, noch mancher Streit darüber unabwendbar ist.

Und im Rückblick können wir selbst manche Widrigkeiten des Lebens dankbar annehmen: Wenn wir nämlich entdecken, dass diese uns in unserer Persönlichkeitsentwicklung voran gebracht haben.

Ich bin sicher, im Nachdenken über unser Leben werden wir, im Gegensatz zu dem, was uns die Gesellschaft vorgaukeln möchte, erkennen, dass wir reich beschenkt sind und viel mehr haben, als wir wirklich benötigen. Und in diesem Blick werden wir erkennen, dass Solidarität mit denen, die weniger haben, uns höchstens ein Lächeln kostet, ganz sicher aber nicht die Existenz.

Wie wäre es, wenn wir unsere Dankbarkeit einmal auf ungewöhnliche Weise zeigen würden? Wenn wir in Zukunft einmal bewusst auf ein Marken-Artikel verzichten würden, um mit dem Ersparten Menschen, denen es schlechter geht, einen Wunsch zu erfüllen und ihnen, das, was fehlt zu schenken? Sicher gibt es vielfältige Möglichkeiten, die uns einfallen, wenn wir anfangen, darüber nachzudenken. Möge Gott uns, durch seinen Geist mit der nötigen Phantasie beflügeln.


Amen.

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