Liebe Gemeinde,
Pfingsten hat heute kaum mehr Bedeutung und steht weit hinter Ostern zurück. Dies zeigen auch die jüngsten Umfragen in den Medien deutlich. Viele Politiker überlegen, ob es nicht Sinn macht, sogar den heutigen Feiertag - Pfingstmontag zu streichen, da er doch für die meisten Bürger unseres Landes nur noch als arbeitsfreier Tag, nicht aber in seiner ursprünglichen Bedeutung gewürdigt wird. Dies mag daran liegen, dass die wenigsten Menschen noch etwas mit dem Heiligen Geist anfangen können. Auch die meisten Predigten sind mehr auf Jesus Christus oder Gott selbst ausgelegt. Der Heilige Geist gerät mehr und mehr in den Hintergrund, ja, man traut sich kaum noch über ihn zu sprechen. Vielleicht macht uns Menschen die Bezeichnung „Geist“ in seinem Namen Angst. Doch gerade wenn es so ist, müssen wir mehr über den Heiligen Geist reden, damit wir uns wieder neu nach seinen Gaben, die er uns schenken will, sehnen. Denn ohne diese Gaben, sind wir als Gemeinde nicht lebensfähig und werden der Welt auf Dauer nichts Wesentliches mehr zu sagen haben. Diese Erkenntnis trieb schon Paulus dazu, die Bedeutung der Gaben des Heiligen Geistes für das Leben, Wachsen und Reifen eines jeden Gemeindegliedes, in all seinen Briefen anzusprechen. Ein Beispiel dafür finden wir in dem für den heutigen Tag vorgeschlagenen Text. Ich lese im 4. Kapitel des Briefes an die Gemeinde von Ephesus die Verse 11 - 16
11 Christus berief die einen als Apostel, andere als Propheten, andere als Evangelisten, wieder andere als Hirten und Lehrer.
12 Sie sollten die Heiligen anleiten, ihre Aufgaben zu erfüllen, und den Leib Christi aufbauen.
13 So sollen wir alle die Einheit des Glaubens erreichen, die Erkenntnis, dass ER der Gottessohn ist, den vollkommenen Menschen, der von Kopf bis Fuß von Christus erfüllt und erwachsen ist.
14 So sollen wir nicht länger wie Kleinkinder sein, hin und her geschaukelt, von jedem Lüftchen neuer Theorien umgetrieben. Die sind doch zufällig wie das Würfelspiel von Menschen und heimtückische, gezielte Täuschungsmanöver.
15 Wir dagegen können darauf bauen, dass der Herr uns wirklich liebt, und wollen ihm entgegen wachsen in allen Dingen.
16 Denn er ist das Haupt des Leibes. Von ihm her wächst der ganze Leib harmonisch und organisch dank seiner Glieder und Gelenke. Jeder einzelne Teil hat dabei seine Aufgabe. So wächst der Bau des Leibes durch Liebe.
Am Bild des Körpers macht Paulus deutlich: Es gibt in der Gemeinde Menschen, die vorrangig denken, andere, die anpacken, wieder andere, die zuhören, Gemeindeglieder, die besonders mitfühlen und trösten können, andere, die das Wort Gottes auslegen und viele andere Gaben mehr. Jede und jeder kann etwas besonders gut und anderes eben weniger gut. Doch jede Gabe ist gleichermaßen wichtig. Es muss Leute geben, die begeistert von ihrem Glauben erzählen, Menschen, die an den Rand gedrängte Menschen und die Zukunft im Blick haben. Wir brauchen Mahner, Menschen, die den Glauben durchdenken und verstehbar machen, Seelsorger die geduldig, mitfühlend und wegweisend sind. Wir können weder auf Lehrer, noch auf Menschen verzichten, die durch ihre praktische Begabung Gemeindefeste organisieren. So werden wir aufgerufen, bei aller Verschiedenheit der Gaben, uns durch den Heiligen Geist zu einem Leib zusammenfügen zu lassen, in dem alle einander dienen.
Jeder ist wichtig und wird gebraucht, aber keiner ist alleine richtig und weiß es am besten. Gemeinde ist bunt und vielfältig und jeder kann und soll entdecken, was er für Gaben hat, wofür er Talent hat, was Gott ihm mitgegeben hat. Dadurch können wir erkennen, worin unsere Aufgaben für ein gelingendes Leben stecken.
Stellen wir uns einmal vor, dass wir wie ein Detektiv der Spur unseres Lebens folgen und dabei den kleineren oder größeren Verschwörungen, den Versuchungen, den Erfolgen und Misserfolgen auf die Schliche kommen könnten. Wir würden erkennen, wer unser Leben manipulieren wollte oder will. Das alles könnte unser Leben verändern und Frucht bringen. Und wenn wir genau überlegen, dann werden wir erkennen, dass all dies Gaben des Heiligen Geistes sind, die ER uns persönlich und unserer Gemeinde schenken will und schenkt, wenn wir dazu bereit sind, diese Gaben anzunehmen. Allem voran aber beschenkt der Geist Gottes uns mit der Liebe zueinander, welche die Einheit untereinander ermöglicht.
Richard von Weizsäcker formulierte es einmal so: „Erst wenn wir uns einander ganz und ernsthaft öffnen und annehmen, nähern wir uns dem tieferen Sinn von Einheit.“ Es geht im Leben der Gemeinde also immer darum, dass alle Glieder einander ihre Herzen öffnen, miteinander arbeiten und dass sie vor allem gemeinsam zum Glauben finden, den Jesus uns gebracht hat. Doch wie sollen wir das, bei aller Unterschiedlichkeit bewerkstelligen? Blicken wir uns um, dann erkennen wir doch, wie unterschiedlich wir sind, und spüren, dass wir uns selbst vermutlich nicht genau in der Zusammensetzung ausgesucht hätten, die wir in unserer Gemeinde vorfinden. Dass wir aber trotzdem, oder gerade deshalb beieinander bleiben, das ist das Wirken des Geistes, und wenn Sie so wollen, ein Wunder!!
Bei dieser Erkenntnis aber bleibt Paulus nicht stehen. Wir sollen wachsen, uns weiterentwickeln zum „vollkommenen Menschen,“ schreibt er ganz unbescheiden. Ein großes Ziel malt er vor unserem inneren Auge und zeigt auf, dass wir, solange wir leben, unterwegs sind und das Ziel noch nicht erreicht haben. Damit wir nicht uns selbst zur Norm und zum Horizont dessen machen, was man sagen, denken und glauben kann, brauchen wir auf unserem Weg allem voran den Heiligen Geist. Dann erkennen wir, was Jesus für unser Leben in der Welt will. Das beginnt damit, dass wir auf Dinge aufmerksam werden, die wir sonst übersehen. Dabei spielen die Stimmungen und Bewegungen in unserem Herzen die entscheidende Rolle. Denn Gott spricht zumeist nicht im Sturm, sondern in den stillen Bewegungen unseres Herzens, wie es im 1. Buch der Könige zu lesen ist. Und diese Zwiesprache in uns, hält der HEILIGE GEIST und ER zeigt uns auch, dass wir einander brauchen, um unsere Fähigkeiten zu entwickeln, um unsere Verantwortung zu erkennen, um einander zum verantwortlichen Glauben an Christus zu helfen. Von daher ist es so wichtig, dass Reimar nicht nur seine Eltern und Paten an seiner Seite hat, sondern die Gemeinde in ihrer Gesamtheit. Es geht darum, dass wir uns vom Heiligen Geist befähigen lassen, einander zu lieben und eins zu werden. Einheit ist gerade auch in unserer Zeit ein so wichtiges Ziel. Die Einheit des Glaubens und die Einheit der Menschen, die uns immer dann gelingt wenn wir von der Liebe Gottes erfüllt sind.
Das gilt in der Familie ebenso wie in der Gemeinde, in der Ökumene, ja in der ganzen Welt. Nur im Miteinander werden wir uns zu lebensbejahenden Menschen entwickeln. Und gegenseitig können wir uns ermuntern, uns nach den Geistesgaben auszustrecken. Durch Gottes Geist werden wir fähig, den Mitmenschen nicht nur freundlich zu begegnen, sondern sie zu lieben!
Unser ganzes Leben ist ein Weiterwachsen im Erkennen und im Lieben. Dies gilt für jedes Lebensalter! Wenn wir bereit sind, die Aufgabe des Wachsens immer wieder neu anzunehmen und die Freuden und Leiden der Liebe immer wieder an uns geschehen zu lassen, werden wir zu Menschen heranreifen, die in der weiten Gemeinschaft und Einheit mit Christus und ihrer Welt spürbar leben.
Christus schenke uns dazu seinen Geist, der uns lebendig macht und uns erkennen lässt, dass unsere Gemeinde die Gemeinde Jesu Christi ist und ER selbst uns durch seinen Geist die Gemeinschaft schenkt! Das gibt uns Zukunft und lässt uns leben.
Amen.