Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Engel, in Chören,
singet dem Herren, dem Heiland der Menschen, zu Ehren!
Sehet doch da: Gott will so freundlich und nah
zu den Verlornen sich kehren.
Jauchzet, ihr Himmel, frohlocket, ihr Enden der Erden!
Gott und der Sünder, die sollen zu Freunden nun werden.
Friede und Freud wird uns verkündiget heut;
freuet euch, Hirten und Herden!
„Jauchzen, frohlocken, sich freuen“
Liebe Gemeinde,
wie geht es uns in dieser Heiligen Nacht damit? Sind wir in dieser Stimmung hierher gekommen? Ja, mehr noch: Ist in uns die Freude so stark, dass wir nicht nur die Menschen um uns herum damit anstecken, sondern sogar die Himmel und Engel dazu ermuntern können? Freuen wir uns wie kleine Kinder, denen ihr Herzenswunsch erfüllt wird? Ist mit dem Geschenk Gottes, das er uns mit seinem Sohn macht, unser größter Wunsch erfüllt? Können wir von daher wahrhaftig so jauchzen und frohlocken, dass wir andere Menschen hier – und dort sogar die Himmel und Engel anstecken?!
Ist es nicht vielmehr so, dass wir unsere Gedanken mit all den Fragen und Problemen belasten, die durch die Nachrichten mitten in unsere Wohnstube gelangen. Darüber hinaus belasten uns vielleicht familiäre Sorgen durch Krankheit oder auch Unfrieden. Ich selbst habe mir die Frage gestellt, in wie weit jauchzen, frohlocken und sich freuen angesagt ist, bei all den Problemen unserer Gemeinde.
Wodurch können wir also die Veränderung in uns bewirken, damit unser Innerstes anfängt zu jauchzen, zu frohlocken und sich zu freuen? Ändern wir doch einfach unsere Blickrichtung und schenken unsere Aufmerksamkeit der Geburt des Kindes im Stall zu Bethlehem. Was geschieht da? Warum ist Gott uns freundlich gesonnen und wendet sich uns zu? Warum verkündigt uns Gott Friede und Freude, obwohl wir Menschen uns so oft entgegengesetzt verhalten?
Auch wenn wir nicht verstehen, so lohnt es sich, unseren Blick auf das Kind in der Krippe zu lenken. Es richtet uns eine Botschaft aus.
Sehet dies Wunder, wie tief sich der Höchste hier beuget;
sehet die Liebe, die endlich als Liebe sich zeiget!
Gott wird ein Kind, träget und hebet die Sünd;
alles anbetet und schweiget.
Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?
Hier ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen.
Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein,
die ihr zum Vater wollt gehen.
Gott selbst wird ein kleines, hilfloses Kind. Ein Kind, das auf die Fürsorge seiner Eltern angewiesen ist. Es ist ein Wunder, das uns mit den Hirten und ihren Herden auf den Feldern Bethlehems verbindet. Wir müssen wie die Hirten nahe herangehen, um wie sie ins Staunen zu geraten. Gott überwältigt uns nicht, indem ER in der ganzen Pracht und Herrlichkeit eines Königs im Triumphzug einzieht. Er versetzt uns nicht in Furcht und Schrecken, wie die Herrscher der Welt es oft genug tun, um Unterwerfung und blinden Gehorsam zu fordern. Nein, Gott handelt ganz anders. Er macht es uns leicht, zu ihm zu kommen, indem er uns als kleines, hilfloses Kind begegnet. In dem wir die Größe dieses Geschehens ahnen, wandelt sich unsere innere Haltung. Wir werden still und beten an. Wir spüren die Größe Seiner Liebe! Liebe, die uns die Tür zum ewigen Leben öffnet.
Wir begreifen in dieser Stunde: Gott begegnet unserem innersten Menschsein auf das Liebevollste. Durch das Kind in der Krippe finden wir in Gott statt eines Gebieters einen Vater. Gott, der uns und alles, was auf der Erde besteht, geschaffen hat, nimmt uns mit den offenen Armen eines liebenden Vaters auf. In dem wir mit dem Kind eins werden, verlieren wir alle Furcht. Wir spüren, dass unser Versagen, unsere Schuld, ja alles Unvollkommene uns vom Kind abgenommen wird. Wir werden im wahrsten Sinn des Wortes entlastet. In dieser Atmosphäre beginnen wir Gott zu fragen:
Hast du denn, Höchster, auch meiner noch wollen gedenken?
Du willst dich selber, dein Herze der Liebe, mir schenken.
Sollt nicht mein Sinn innigst sich freuen darin
und sich in Demut versenken?
König der Ehren, aus Liebe geworden zum Kinde,
dem ich auch wieder mein Herze in Liebe verbinde:
du sollst es sein, den ich erwähle allein;
ewig entsag ich der Sünde.
Das Kind in der Krippe beantwortet all unsere Fragen. Indem es uns ansieht, spüren wir, dass es sich uns selbst schenken will. Es hat nicht nur ein Herz der Liebe, es ist Liebe. Diese Liebe erwärmt uns und schenkt uns tiefste Geborgenheit. Wir werden angenommen, wie wir dies in unserem Alltag nie erleben.. Wenn wir dies spüren, dann wird unser innerstes Sein verwandelt. Wir finden ein „Ja“ zu unserer Lebenssituation und lehnen uns nicht mehr gegen sie auf. Mit diesem „Ja“ gewinnen wir in uns eine himmlische Sehnsucht. Wir ahnen: Nur von dort kommt wahres Leben und damit unser Heil. Erkennen wir dies, fühlen wir, dass wir selbst etwas tun können, damit sich unsere Sehnsucht erfüllt.
Wir können dem KIND unser Herz öffnen. Es will sich uns schenken, doch auch wieder müssen „Ja“ sagen. Erwählt zu werden allein reicht nicht. Wir müssen unserer Erwählung zustimmen und gleichermaßen erwählen. Wenn wir aber zustimmen, dann geschieht das Wunder aufs Neue: „Jesus wird in uns geboren“. Wenn wir uns das vorstellen, dann verschlägt es uns fast die Sprache. Doch mit Maria erkennen wir: „Der Herr hat Großes an mir getan.“ Nie mehr wird es so sein wie vorher. Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher. Der Boden des Stalles wird zum heiligen Boden. Die ganze Atmosphäre, um das Kind herum, ist heilig. Wir spüren, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Wir bekommen ein Gefühl dafür, was uns von Gott trennt. Wir können uns nicht vornehmen, nicht mehr zu sündigen, aber indem wir eins mit dem Kind werden, können wir unser Leben verändern. Mit seiner Hilfe können wir vollbringen, was mit Gottes Willen im Einklang ist. Und damit verbunden ist die Bitte der letzten Strophen:
Süßer Immanuel, werd auch in mir nun geboren,
komm doch, mein Heiland, denn ohne dich bin ich verloren!
Wohne in mir, mach mich ganz eines mit dir,
der du mich liebend erkoren.
Menschenfreund, Jesu, dich lieb ich, dich will ich erheben,
Lass mich doch einzig nach deinem Gefallen nun leben:
Gib mir auch bald, Jesu die Kindergestalt,
An Dir alleine zu kleben.
Liebe Gemeinde,
hier schließt sich der Kreis. Wir sind nicht mehr dieselben, wie zu Beginn dieses Liedes. Alles wird möglich, wenn wir diese Bitte in dieser heiligen Nacht mit nach Hause nehmen. Wir können darauf vertrauen, dass auf wunderbare Weise Jesus in uns geboren werden kann. Wenn wir glauben,
dass Gott in uns wohnt, werden wir die Gewissheit erlangen, dass wir nicht verloren sind. Das Kind will mit jedem von uns eins werden, der es darum bittet. ES ermöglicht auch uns Erwachsenen, wieder Kind zu werden. Und mit einer kindliche Seele sind wir befähigt, unser Leben allein auf Jesus auszurichten. Es mag uns die Formulierung „an dir zu kleben“ auf den ersten Blick befremden. Doch vor uns wird das Bild eines Kindes gezeichnet, das am Rockzipfel der Mutter hängt. Wenn wir am „Menschenfreund Jesu“ kleben, wird es keine Situation geben, in die ER nicht miteingebunden ist. In einer solch engen Verbindung werden wir durch die offen stehende Pforte gehen und Gott den Vater finden.
Mit dieser 8. Strophe, die leider nicht mehr in unserem Gesangbuch steht, haben wir die Chance, uns einer Frage zu stellen, die uns in keinem anderen Weihnachtslied begegnet: „Glauben wir Jesu Wort, dass nur die in das Himmelreich kommen, die wie die Kinder werden?“ Wenn wir diesem Wort vertrauen, dann gewinnen wir die kindliche Freude, die uns jauchzen und frohlocken lässt. Wir begegnen Gott dann in diesen Weihnachtstagen so, wie ein Kind seinem Vater begegnet. Und wir entdecken, wie viel Frohes es in unserem Leben gibt. Dann steigt in unserem Innersten der Jubel auf, der ansteckend wirkt. Wir werden den Menschen um uns herum und darüber hinaus den Himmeln und Engeln diese Freude verkünden. Denn wir werden tief in uns die Gewissheit gewinnen, dass nichts und niemand, auch wir selbst nicht, uns aus Seiner Hand reißen können.
So werden wir ohne Scheu oder Vorbehalte - wie ein Kind mit seinem Vater - alles besprechen, was unser Leben ausmacht und uns auf der Seele liegt. Dann wird der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere menschliche Vernunft, als all unser Begreifen unsere Herzen und Sinne bewahren in Christus Jesus unserem Herrn.
Amen.