Liebe Gemeinde,
letzte Worte haben ihr eigenes Gewicht. Sie bewegen zum Nachdenken und sind heiliges Vermächtnis. Letztlich sind sie Spiegel und Summe unserer Lebenserfahrung. Oft drücken sie auch die große Sorge um das Wohlergehen der Zurückbleibenden aus.
Bevor das Volk Israel in das verheißene Land kommt, redet Mose noch einmal mit den Menschen, wie ein sterbender Vater zu seinen Kindern. Er weiß, er wird das verheißene Land nicht betreten, sondern vorher sterben. Um so wichtiger ist es ihm, seinem Volk noch einmal die Taten Gottes vor Augen zu führen, die sie während der 40-jährigen Wüstenwanderung erlebt haben. Er verpflichtet sie zur Treue auf den einen Gott, dem sie alles verdanken.
Wie dies konkret ausgesehen hat, erzählt uns ein Textabschnitt im 5. Buch Mose. Ich lese Kapitel 6, die Verse 4 - 9:
4 Höre, Israel! Der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig.
In diesen Versen liegt das Vermächtnis des Mose. Gott will geliebt werden –mit all unseren Sinnen und unserem ganzen Herzen. Und weil Mose das so wichtig fand, setzte er Erinnerungszeichen: Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.”
“Du sollst sie binden auf deine Hand”. So wirst du jedes Mal, wenn du auf deine Hand siehst, daran erinnert werden.
“Sie sollen ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein.” So wird jeder, der dich sieht erkennen, dass du dem einen und einzigen Gott gehörst.
“Du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore deiner Stadt.” In jedem Haus und jeder Stadt soll erkennbar sein, dass hier Menschen wohnen, die den einen und einzigen Gott anbeten.
Wenn wir in einem frommen jüdischen Haus zu Gast sind, merken wir, wie ernst diese Anweisungen bis auf den heutigen Tag genommen werden.
An den Türpfosten sämtlicher Türen sehen wir kleine Kapseln. Beim Mittagsgebet trägt der Hausherr an seinem Arm und auf der Stirn an ledernen Bändern befestigte Kapseln.
In jeder dieser Kapseln befindet sich ein Pergamentstreifen mit der Aufschrift: “Höre ISRAEL, der Herr, unser Gott, ist der einzige Gott. ...”
Also genau die Verse, über die wir heute nachdenken. Auf den ersten Blick erscheinen uns diese Bräuche etwas seltsam.
Wir fragen uns vielleicht, ob man die Bedeutung dieser Worte schon vor Augen hat, wenn man sie in einer Kapsel bei sich trägt?
Und garantiert dieser Brauch denn, dass man diese Worte auch befolgt? Wir können dies nicht so leicht nachvollziehen.
Und wir fragen uns, ob diese Sätze nur den Juden gelten. Nein, ich denke sie gelten auch uns, wenn auch mehr symbolisch verstanden, was die daraus folgenden Bräuche anbelangt.
Der erste Vers ist seit jeher das Glaubensbekenntnis der frommen Juden: “Höre, Israel, der Herr unser Gott ist einzig”. Doch gilt dieser Satz auch uns. Denn Jesus selbst bezog sich immer wieder auf dieses Gebot. Letztlich haben diese Worte auch unser Glaubensbekenntnis von Beginn an geprägt. “Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.” Wir bekennen uns, wie die Israeliten damals und die Juden heute zu dieser einzigartigen Beziehung zu dem einen und einzigen Gott.
Diese Beziehung verändert unser ganzes Leben:
Sie befähigt uns Gott von ganzem Herzen zu lieben, Weil Gott einzig ist können wir “den Herrn, unseren Gott, mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft lieben.”
Ohne Forderungen nach einem besseren Verhalten! Ja, “Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren”, wie Paulus es im Römerbrief formuliert (Römer 5,8).
Ich gebe zu: Manchmal verstehen wir Gott nicht. Wir sind der Auffassung, dass er uns zuviel zumutet.
Aber wenn wir als Kinder unseren Eltern vertrauen, obwohl wir ihre Entscheidungen nicht immer verstehen, so können wir Gott, der uns seine Treue in so vielen Dingen erwiesen hat, wohl erst recht vertrauen.
Bei und vor Gott muss ich nichts überspielen, nichts verheimlichen. Ich darf immer so zu ihm kommen, wie ich bin. Seine Liebe, seine Vergebung sind immer für mich da. Gott lieben heißt nicht, so zu tun, als seien wir perfekt. Nein, viel wichtiger ist es, dass wir dazu stehen, dass wir seine Gnade brauchen. Das macht uns frei gegenüber den Erwartungen und Ansprüchen anderer. Frei aber auch den eigenen Forderungen sich selbst gegenüber. Und es versichert uns der Tatsache, dass Jede, Jeder von uns geliebtes Kind Gottes ist.
Jesus fügt dem Gebot, Gott “mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zu lieben” noch hinzu - “und deinen Nächsten, wie dich selbst!” Das hat seinen guten Grund! Was nützt es unserem täglichen Miteinander, wenn wir dauernd unsere Liebe zu Gott verdeutlichen, unseren Nächsten aber nicht in diese Liebe mit einbeziehen?
Deshalb soll dieses Gebot “zum Schmuck auf unserer Stirn werden”. Keinen Gedanken gibt es, der nur mir gehört, den ich denken sollte, ohne Gott und meinen Mitmenschen im Blick zu haben. Wir haben schließlich dauernd mit anderen Menschen zu tun. Wer sich von Gott geliebt weiß und diese Liebe lebt, kann sie vor seinen Mitmenschen nicht verbergen.
Nächstenliebe hat Folgen. Wenn wir unseren Nächsten lieben, lassen wir uns immer etwas Neues einfallen, um dem Mitmenschen zu signalisieren: “Ich bin für dich da, ich möchte dir zur Seite stehen und Freude wie Leid mit dir teilen.” Auf diese Weise wird der Umgang untereinander von Achtung, Liebe und Verständnis geprägt sein. Und so, wie ich vor Gott treten kann - mit meinen Fehlern, Ecken und Kanten - und ihn so manches Mal um Vergebung bitte, so kann ich auch dem anderen gestehen: “Du, ich habe falsch gehandelt. Bitte verzeih mir!”
Zwar brauche ich zu solchen Schritten viel Mut, doch Gott selbst schenkt mir immer wieder die nötige Kraft dazu. Letztlich glaube ich, dass ER auch im Herzen des Anderen Verzeihung bewirkt!
Gottes Gebot wie einen Schmuck zu tragen und ihn dadurch zu ehren heißt auch, sich bewußtzumachen: “Dort, wo jeder Plan entsteht, wo die Ideen geboren werden, wo böse oder gute Gedanken gebildet, wo mein Wollen, mein Begehren, meine Meinungen und Vorstellungen geformt werden, soll ich an das Gebot “Liebe deinen Gott!” denken! Alles, was in meinem Kopf vorgeht, soll meine Beziehung zu Gott widerspiegeln. Mein ganzes Denken soll sich unter diesem Anspruch entwickeln.
Und wie wir es gehört haben, fordert Mose die Israeliten auf, sich diese Verpflichtung zur Gottesliebe immer und überall bewusst zu machen. Den Kindern sollen diese Worte “vertraut gemacht” werden. Sie sollen ihnen sozusagen “in Fleisch und Blut übergehen.” Das ist wie in allen Dingen des Lebens: “Übung macht den Meister” und deshalb ist es gut, wenn wir schon früh damit anfangen, uns mit den Geboten Gottes zu beschäftigen.
Bis zum heutigen Tag, ist es in jüdischen Familien die Aufgabe des Vaters seinen Kindern die alten Worte vorzusprechen. Oft wird dazu gesagt: “Es sind ganz alte Worte, an denen die Juden einander und ihren Glauben erkennen. Die wichtigsten Worte vielleicht, die ein Jude überhaupt weiß.” Und indem die Gebote dann so gesprochen werden, als ob man ein Gedicht aufsagt, prägen sie sich tief in eine Kinderseele ein.
Vielleicht lassen wir uns von dieser jüdischen Tradition ein wenig beleben und nehmen unsere Kinder auch in diesen Dingen ernst. Denn wo sollen sie von Gottes Geboten hören, wenn wir sie ihnen nicht vorsprechen? Wie sollen sie sonst Gott kennenlernen? Wir können viel darüber reden, doch wenn die Worte des Glaubens nicht in Fleisch und Blut übergehen, wenn sie nicht vom Kopf ins Herz gehen, wenn aus dem Hören kein Tun wird, dann ist das wie eine Lehre, die mit der theoretischen Prüfung aufhört. Wir brauchen aber Praxis, welche die Worte ins gelebte Leben nimmt und ihnen die Liebe einhaucht.
Aus der Pädagogik wissen wir: Was wir hören, behalten wir nur zu 20 %. Was wir aber hören und anwenden davon können wir uns 80 % merken. Es gilt als Menschen - Große und Kleine - miteinander ins Gespräch zu kommen. Hier erleben wir, dass keiner perfekt ist, dass Jeder, Jede von Gottes Vergebung lebt und sie auch in Anspruch nehmen muß.
Das ist der tragende und bleibende Grund: Der eine, einzige Gott ist für uns da und liebt uns. Lassen sie uns dies immer wieder bewusst machen. Gott selbst schenkt uns dazu viele Gelegenheiten!
5 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.
6 Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.
7 Du sollst sie deinen Söhnen wiederholen. Du sollst von ihnen reden, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.
8 Du sollst sie als Zeichen um das Handgelenk binden. Sie sollen zum Schmuck auf deiner Stirn werden.
9 Du sollst sie auf die Türpfosten deines Hauses und in deine Stadttore schreiben.
10 Wer seinen Bruder oder seine Schwester liebt, bleibt im Strahlkeis des
Lichts, und er bringt niemanden dazu, vom Glauben abzufallen.
Liebe in unserer Lebensgestaltung zu zeigen und
bei vielen Gelegenheiten zu erweisen.
Diese Liebe zu Gott will und kann offen gezeigt werden. So wie Menschen, die sich lieben ihre Liebe ihren Mitmenschen gegenüber signalisieren, so können und sollen wir auch unsere Liebe zu Gott sichtbar machen.
Wir sind doch mit einem Gott verbunden, der uns in einer mit nichts sonst zu vergleichenden Liebe begegnet.
Deshalb sollen wir Zeichen setzen, damit andere Menschen erkennen können: “Ich bin mit Gott in Liebe verbunden!”
Gott selbst hat in bedingungsloser Liebe alles für uns gegeben. Er schenkte uns seinen Sohn.
Amen.