„Eine unendlich tiefe Wahrheit und Gottheit ist der Dreieine Gott. In IHM finden wir das Geheimnis von LEBEN und seiner Fülle. Wir würden der Lebensfülle verlustig gehen, wenn man diese Offenbarung vernachlässigen würde.“

Ikone der Heiligen Dreifaltigkeit des russischen Ikonenmalers Andrej Rubljow

Liebe Gemeinde,

Diese Worte des katholischen Theologen Dr. Erhard Meier führen uns in guter Weise in das Thema des heutigen Sonntags ein.

Das Trinitatisfest gibt es erst seit 1334, wobei es noch über eine längere Zeit Differenzen darüber gab, ob es überhaupt gefeiert werden solle.
Dabei hat das Trinitatisfest für unsere protestantische Kirche eine größere Bedeutung, als für die römische Kirche. Trinitatis ist das „Fest des Glaubensbekenntnisses“. Mit dem Trinitatisfest erreicht das Kirchenjahr gewissermaßen einen ersten Abschluß. Während in der 1. Hälfte des Kirchenjahres über bestimmte Offenbarungen Gottes in der Geschichte nachgedacht wird, geht es beim Trinitatisfest um das Geheimnis der göttlichen Dreieinigkeit selbst. Die liturgische Farbe des Dreieinigkeitsfestes ist Weiß, als Fest der Herrlichkeit Gottes.

Am heutigen Tag steht also das „Glaubensbekenntnis der Gemeinde“ im Mittelpunkt des Gottesdienstes. Kann uns darüber überhaupt Neues mitgeteilt werden? Schließlich bekennen wir jeden Sonntag unseren Glauben im Gottesdienst und wissen darüber Bescheid. Also könnte die Predigt schon an dieser Stelle zu Ende sein.

Doch ich denke, mit dieser Haltung würden wir es uns zu einfach machen. Es ist m. E. überlegenswert darüber nachzudenken, warum ein Bekenntnis überhaupt so wichtig ist: Für uns als Gemeinde, aber auch für jeden einzelnen Christen.

Dabei kann uns eine der ältesten Taufordnungen aus dem Jahre 215, die uns der Kirchenvater Hippolyt überlieferte, helfen. Sie beschreibt, wie damals getauft wurde. Am Tag ihrer Taufe wurden die Täuflinge noch einmal selbst gefragt: „Glaubst du an Gott den Vater, den Allmächtigen?“ Antwort: „Ich glaube!“ Daraufhin wurde ihnen die Hand aufgelegt, und sie ein zweites Mal gefragt: „Glaubst du an Jesus Christus, den Sohn Gottes, der vom Heiligen Geist aus der Jungfrau Maria geboren wurde, der gekreuzigt wurde und starb unter Pontius Pilatus und am dritten Tage lebendig auferstand von den Toten und gen Himmel fuhr und niedersaß zur rechten Hand des Vaters und kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten?“ Antworteten die Täuflinge: „Ich glaube!“, so wurden sie ins Wasser untergetaucht. Danach wurde die dritte Frage gestellt: „Glaubst du an den Heiligen Geist, die heilige Kirche und die Auferstehung des Fleisches?“ Und wiederum sollten die Täuflinge antworten: „Ich glaube!“, dann wurden sie zum dritten Mal untergetaucht.

Das Bekenntnis wurde bei der Taufe vom Täufer, nicht vom Täufling selbst gesprochen. Dieser bestätigte es allein durch sein „Ich glaube!“
100 Jahre später wurde dieses Bekenntnis in jedem Gottesdienst von einem Pfarrer gesprochen.
Unser apostolisches Glaubensbekenntnis hat also seinen Ursprung in dieser Taufordnung.

Mit dem Bekenntnis: „Ich glaube!“ vertraute sich ein Täufling dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist an und ließ sich sozusagen an sie binden. „Ich glaube!“, was drückt sich für uns in diesen Worten noch aus? Ist die Lehre zu einem dreieinigen Gott für uns heute vielleicht zu reiner Theorie verkümmert?
Um sich dieser Frage zu nähern und eine Antwort zu bekommen scheint es mir wichtig zu sein, dass wir keinen Bibeltext befragen. Zumal wir in der Bibel selbst keinen direkten Text der Dreieinigkeit finden. Viele Texte verbinden entweder den Vater mit dem Sohn, oder den Vater mit dem Geist, oder den Sohn mit dem Geist. Doch trinitatisch wird Gott an keiner Stelle ausdrücklich beschrieben. Neben dem bekanntesten, apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir an Festtagen mit dem Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel unseren Glauben. Als Bekenntnis wurde es schon im Jahr 381 formuliert. Es ist das Glaubensbekenntnis, das im weitesten Sinn die gesamte Christenheit verbindet. Doch für unsere Überlegungen habe ich das am wenigsten bekannte Bekenntnis ausgewählt. Das sogenannte Athanasianum, das im 5. Jahrhundert in Südgallien entstanden ist. Dieses hat schwerpunktmäßig Aussagen zur Trinitätslehre und kann uns helfen, neu über die Dreieinigkeit Gottes nachzudenken.
Da es ein langer Text ist möchte ich Sie bitten, den 1. Teil dieses Glaubensbekenntnis mit mir gemeinsam als Bekenntnis zu sprechen.

Wer da selig werden will, der muss vor allem den allgemeinen Glauben festhalten.
Jeder, der diesen nicht unversehrt und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig verloren gehen.
Dies aber ist der allgemeine Glaube:
Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermischung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.
Denn eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes; eine andere die des Heiligen Geistes.
Aber der Vater und der Sohn und der Heilige Geist haben nur eine Gottheit, die gleiche Herrlichkeit, die gleiche ewige Majestät.
Wie der Vater ist, so ist der Sohn und so der Heilige Geist: Ungeschaffen der Vater, ungeschaffen der Sohn, ungeschaffen der Heilige Geist.
Unermesslich der Vater, unermesslich der Sohn, unermesslich der Heilige Geist.
Ewig der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist.
Und doch sind es nicht drei Ewige, sondern ein Ewiger, wie es auch nicht drei Ungeschaffene oder drei Unermessliche sind, sondern ein Ungeschaffener und ein Unermesslicher.
Ebenso ist allmächtig der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige Geist. Und doch sind es nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger.
So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott. Und doch sind es nicht drei Götter, sondern ein Gott.
So ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr. Und doch sind es nicht drei Herren, sondern ein Herr.
Denn wie uns die christliche Wahrheit zwingt, jede Person einzeln für sich als Gott und als Herrn zu bekennen, so verbietet uns der allgemeine Glaube, von drei Göttern oder Herren zu sprechen.
Der Vater ist von niemandem gemacht noch geschaffen noch gezeugt.
Der Sohn ist vom Vater allein, nicht gemacht noch geschaffen, aber gezeugt.
Der Heilige Geist ist vom Vater und vom Sohn, nicht gemacht noch geschaffen noch gezeugt, sondern hervorgehend.
Es ist also ein Vater, nicht drei Väter,
ein Sohn, nicht drei Söhne,
ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister.
Und in dieser Dreifaltigkeit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner, sondern alle drei Personen sind einander gleichewig und gleichrangig, so dass in allem, wie bereits oben gesagt worden ist, die Dreifaltigkeit in der Einheit und die Einheit in der Dreifaltigkeit zu verehren ist.
Wer also selig werden will, soll diese Auffassung von der Dreifaltigkeit haben.

Liebe Gemeinde,
die Worte dieses Bekenntnisses sind uns von ihrem Inhalt her bekannt. Dennoch bergen sie eine Kraft in sich, der wir nicht alle Tage begegnen. Ich persönlich bedaure es sehr, dass wir unseren Glauben nicht öfter mit diesen Worten bekennen. Vielleicht wären wir dann weniger hilflos, wenn wir im Gespräch mit Andersgläubigen auf die Dreieinigkeit Gottes zu sprechen kommen. Denn gerade mit der Dreieinigkeit haben Muslime und Gläubige anderer Religionen ihre größte Schwierigkeit.
Doch in diesem Bekenntnis, das wir gerade gesprochen haben, finden wir viele Antworten, um sich dieser schwierigen Frage zu nähern. Und wir spüren, dass wir mit dem Bekenntnis unseres Glaubens immer auch sagen: „Ich hoffe“, „Ich höre“, „Ich gehorche“, „Ich will wissen“, und „Ich vergewissere mich“. Wessen?? Dass Gott geredet und gehandelt hat und zwar durch Seinen Sohn und durch den Heiligen Geist. Dass jedes Wort, das in der Bibel von Gott, von Gottes Sohn oder dem Heiligen Geist redet, ewigen Bestand hat. Dass dort die Wahrheit Gottes, die in Jesus Christus menschliche Gestalt angenommen hat, zu finden ist. Dass in den Worten der Schrift meine und unser aller Zukunft begründet ist.

Wie viele Menschen unserer Zeit sagen: „Ich glaube“ - drücken damit aber aus. „Ich vertraue ... der Zukunft“, „dem Fortschritt“, „der Einsicht“ ...?“

Wenn wir Christen aber sagen: „Ich glaube“ und unseren Glauben bekennen, so wirkt dieses Bekenntnis in drei Richtungen:
- wir geben Gott die Ehre,
- wir verkünden ihn, als den Schöpfer der Welt und Jesus Christus als den Retter der Menschen und den Heiligen Geist, als Tröster, Beistand und uns Richtung gebender Helfer, und
- wir erinnern uns selbst jedes Mal aufs Neue an unsere Taufe und bekennen uns als zu Gott gehörigen Menschen.
Wir erinnern uns also daran, dass wir nicht einfach nur zusammen gekommen sind, um Gemeinschaft zu erleben und uns mit anderen Menschen auszutauschen, sondern wir bekennen uns mit unserem ganzen Sein als Menschen, der mit Gott in Verbindung steht. Der sich mit seinem Sein an Jesus Christus bindet, weil er dort allein seine Schuld vergeben weiß.
Das Glaubensbekenntnis, das wir sprechen, dient also in erster Linie uns selbst und vergewissert uns unseres Christseins. Anders ausgedrückt, wenn wir das Glaubensbekenntnis in vollem Bewusstsein sprechen, dann sagen wir unserer Seele immer wieder aufs Neue, dass wir mit dem aufs engste verbunden sind, der uns unser Leben gab und der es uns heute und jeden Tag aufs Neue ermöglicht mit IHM das Leben in seiner ganzen Fülle zu schmecken, zu fühlen, zu erfassen.

In diesem Bewusstsein können wir ohne Angst jeden unserer Tag aus Gottes Hand empfangen und uns sicher sein, dass wir immer wieder neu die Chance erhalten, neu anzufangen. Da ist niemand, der mit dem Finger auf uns zeigt und unser Leben soz. benotet. Nein, im Gegenteil!!
Da ist einerseits der liebende Gott, der uns als Vater begegnet, weil er uns als sein Kind in die Arme schließen will, um uns Geborgenheit und Sicherheit zu schenken.
Da ist andererseits der liebende Gott, der uns als Sohn begegnet und für jeden von uns Mensch geworden ist. Der ein für allemal, wie es im Hebräerbrief formuliert ist, unsere Schuld beglichen hat, indem er sein Leben für jeden einzelnen von uns hingegeben hat. Dadurch ermöglicht er uns, in wirklicher Freiheit Gott zu begegnen.
Und da ist der liebende Gott, der uns als Tröster in unserem innersten Menschsein begegnet. Der uns steuert, weil er in uns lebt und uns in alle Wahrheit leiten und führen will. Der Heilige Geist, der sich unserem Geist mitteilt und mitteilen kann, wie kein Mensch es je könnte.
Um ihm allerdings begegnen zu können, benötigen wir Stille und immer wieder Momente des Gebetes und des Bekennens, damit wir fähig sind, die feinen Impulse seiner Steuerung wahrzunehmen, und uns den dreieinigen Gott zu vergegenwärtigen.
Möge uns Gott am heutigen Sonntag neu die Möglichkeit schenken, dies von unserem innersten Sein her zu begreifen, um daran froh zu werden und mit Mut und Zuversicht den dreieinigen Gott zu verkünden und anzubeten.
Dann können wir getrost allen Menschen in Liebe und Verantwortung begegnen und sie ermutigen, sich mit uns gemeinsam auf den Weg zu machen.

Diesem dreieinigen Gott entgegen und von ihm geführt in ein Leben in die Freiheit der Kinder Gottes!
Und dereinst in das ewiges Leben in Gottes Reich, das unseren irdischen Augen noch verborgen ist, empfangend. So erfahren wir die „unendlich tiefe Wahrheit und Gottheit des Dreieinen Gottes“ und „finden in IHM das Geheimnis von LEBEN und seiner Fülle.
Wir erfahren Gott, weil ER allein Herr des Lebens und unseres Lebens ist, als Vater, als Sohn und Heiligen Geist und als unseren Herrn und Bruder gleichermaßen.
Amen.

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