„Die Klarheit des Geistes verursacht auch die Klarheit der Leidenschaft. Darum liebt ein großer und klarer Geist mit Glut und sieht deutlich, was er liebt.“
Liebe Gemeinde,
1 Am fünfzigsten Tag nach dem Passahfest, dem jüdischen Pfingstfest, saßen alle Apostel und Jüngerinnen gerade mit Maria und den männlichen Verwandten Jesu zusammen.
Das Pfingsterlebnis fand wohl zur Zeit eines bedeutenden Wallfahrtsfestes statt, das damals in Jerusalem als Erntefest und als Erinnerung an den Bundesschluss am Berg Sinai gefeiert wurde.
Von Gott ergriffen und von ihm begeistert sein, kann uns heute noch zu überraschendem Tun verleiten.
diese Worte des Mathematikers und Naturwissenschaftlers Blaise Pascal sprechen in eindrucksvoller Weise vom Wirken des Geistes in uns Menschen. Heute am Pfingstsonntag lohnt es sich darüber nachzudenken, wie unser Geist mit dem Geist Gottes korrespondiert. Vor allem dann, wenn wir überzeugt davon sind, dass im Christentum, wie im gesamten Schöpfungsbereich eigentlich nichts ohne die Mitwirkung des Heiligen Geistes geschieht. Im Grunde genommen müssten sich viel mehr Predigten dem Heiligen Geist widmen, als dies allgemein üblich ist. Denn ohne Heiligen Geist gäbe es keine Kirche und keine Hoffnung in der Welt.
Er hat viele Namen: In den Psalmen wird er als „leitender Geist“ oder „aufrichtiger Geist“ bezeichnet, in den Evangelien als „Geist Gottes“, „Geist der Wahrheit, die vom Vater ausgeht“. Heiliger Geist ist seine eigentliche, ihm eigentümliche Bezeichnung, womit ganz besonders das Unkörperliche, rein Immaterielle und Unsichtbare ausgedrückt wird. In der Tat, wer das Wort Geist hört, der darf sich nichts Begrenztes vorstellen. Vielmehr müssen wir uns eine geistige Wesenheit von unendlicher Macht und unbegrenzter Größe denken, die keinem Zeitmaß unterworfen ist. Diese ist und bleibt die Kraft, der Wind, der Geist, der Hauch, der von Gott ausgeht. Damit wir uns Gott als Heiligen Geist vor Augen stellen können, hilft es, wenn wir uns Geschichten zuwenden, die davon erzählen, wie sich der Heilige Geist auswirkt, wenn Menschen mit ihm in Berührung kommen und von ihm erfüllt werden. Eine solche Geschichte ist das Pfingstereignis. Sie steht im 2. Kapitel der Apostelgeschichte. Ich lese die Verse 1 – 18.
2 als sie plötzlich vom Himmel her etwas wie einen mächtigen Sturm heranbrausen hörten, der erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
3 Und sie sahen, wie züngelnde Flammen auf einen jeden herabkamen.
4 Da wurden sie alle vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, gerade wie der Geist es ihnen eingab.
5 In Jerusalem wohnten viele fromme Juden aus aller Herren Länder.
6 Als nun das Getöse im Haus der Jünger ertönte und viele von ihnen dorthin zusammenströmten, waren sie über alle Maßen erstaunt, denn ein jeder hörte die Jünger in seiner eigenen Sprache reden.
7 Sie gerieten außer sich vor Verwunderung und konnten es nicht fassen: „Kommen nicht alle, die wir reden hören, aus Galiläa?
8 Wie kann es sein, dass ein jeder von uns sie in seiner eigenen Sprache versteht, mit der er aufgewachsen ist?
9 Wir sind doch Parther oder Meder, Elamiter oder Mesopotamier, wir kommen aus Judäa oder aus Kappadokien, aus Pontus oder aus der Provinz Kleinasien,
10 aus Phrygien oder Pamphylien, aus Ägypten oder aus in Libyen bei Kyrene, wir sind zugewanderte Römer,
11 Juden oder Proselyten, Kreter oder Araber, und wir hören, wie sie in unserer eigenen Sprache von Gottes großen Taten reden.“
12 Erstaunt und verlegen fragten sie einander: „Was hat das nur zu bedeuten?“
13 Manche spotteten: „Sie haben wohl zuviel Süßwein gesoffen und sind betrunken.“
14 Doch da trat Petrus mit den übrigen elf Aposteln hervor und erhob seine Stimme: „Hört zu, ihr Juden und alle Einwohner Jerusalems! Ich habe euch etwas mitzuteilen.
15 Die Jünger sind nicht betrunken, wie ihr denkt. Es ist es doch erst 9 Uhr morgens.
16 Vielmehr erfüllt sich, was der Prophet Joel geweissagt hat:
17 »So spricht der Herr: In der Zeit vor dem Ende der Welt werde ich meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden prophetisch reden, und eure jungen Menschen werden Visionen schauen. Eure Alten werden Träume haben.
18 Über alle Männer und Frauen, die mir gehorsam sind, werde ich dann meinen Geist ausgießen, und sie werden prophetisch reden.«
Nur einem ist es gegeben, dieses ganz ungewöhnliche Erleben der Jünger in verständliche Worte zu fassen! Für den Apostel Petrus steht fest: Im Pfingstgeschehen erfüllt sich eine alte Verheißung die bestätigt, dass Gott „vor dem Ende der Welt seinen Geist über alle Menschen ausgießen wird“. Dieser Geist bezeugt, dass Jesus vom Tode erweckt und zum Herrn und Christus gemacht wurde und bewirkt, dass die Anhänger Jesu dies allen Menschen weitererzählen! Denn die Auferstehung Jesu von den Toten übertrifft bei weitem die Erinnerung an den ersten Bundesschluss am Berg Sinai.
Das Pfingstereignis verwandelt verängstige Jünger und Jüngerinnen in erwachsene, selbstständige Christen. In sich spüren sie deutlich: Obwohl sie auf sich gestellt sind, ist Jesus ihnen im Geist nahe.
Dieses „vom Geist erfüllt sein“ scheint das Wichtigste zu sein, was von der neuen Existenz der Christen zu berichten ist. Die Nähe zu Jesus, zu Gott wird spürbar erlebt. Die ersten Christen erfüllt ein neues Selbstgefühl. Sie fühlen neuen Mut. Sie vertrauen Gott, dass er sie wie Jesus vom Tode auferwecken und in eine neue Zukunft führen wird. Das Brausen zeigt den Jüngern damals und uns heute die Macht des Geistes. Sein Wirken reißt Menschen aus ihren alten Gewohnheiten und gibt ihnen neuen Lebensmut und Sinn. Gleichzeitig stiftet er die Gemeinschaft der Jünger untereinander und baut somit die Gemeinde Jesu Christi.
Diese Erfahrung göttlicher Gegenwart »im Geist«, bisweilen göttlicher Erschütterung erlebten viele Frauen und Männer nicht nur an jenem Pfingsttag, sondern immer wieder im Laufe der Kirchengeschichte, wie auch das sogenannte Memorial von Blaise Pascal zeigt. Darin beschreibt er den 23. November 1654, an dem er vorm Geist Gottes erfüllt wird und sozusagen von „jetzt auf gleich“ Gewissheit, Freude und Frieden erlangt. „Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich!“, schreibt er u. a. auf. Und um dieses Erlebnis nie wieder zu vergessen, lässt er ein Memorial in seinen Rock einnähen.
Sehnen wir uns nicht alle nach solch einem Erleben, nach solch einer Gewissheit? So ergibt sich für uns die Frage: Können wir uns vorbereiten, um den Heiligen Geist geschenkt zu bekommen? Ist das Geschenk des Geistes auch heute noch möglich, oder hängt es allein von Gottes Erwählung ab, wer den Geist bekommt. Erleben wir also noch heute, dass Gott uns mit seinem Geist erfüllt und wir dieses als ein Ereignis erfahren, das uns völlig bewusst ist?
Denn wer unter uns möchte das nicht, dass Gott durch seinen Geist unserer Innerstes belebt, befreit, tröstet, hilft?
Die Apostel und Jünger bereiteten sich auf das Ereignis vor, indem sie zusammen in Jerusalem warteten. Genau wie es ihnen der Auferstandene geboten hatte. Sie stärkten sich gegenseitig in ihrer Erwartung, beteten gemeinsam und vertrauten darauf, dass Gott ihnen seinen Geist senden wird. Und ich bin überzeugt, dass dies bis an der Welt Ende, also auch heute noch möglich ist und sich allerorten vollzieht. In den meisten Fällen allerdings weniger spektakulär. Auf jeden Menschen, der sich danach sehnt gießt Gott seinen Geist aus! Denn wo Gottes Geist wirkt, hängt nicht an Menschen und ihren Begabungen! Von Beginn an macht Gott klar, dass sein Wirken nicht an unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten gebunden ist. Viel mehr kommt es darauf an, dass Gott selbst wirkt. Deshalb lohnt es sich, unsere Augen und Ohren, besser noch unser Herz offen zu halten und aufzunehmen, was uns von Gott entgegenkommt.
Und ich bin überzeugt: Wann immer wir uns dem Willen Gottes unterstellen, werden auch wir kostbare Erfahrungen machen, Begegnungen haben und Einsichten gewinnen, die uns Gott durch den heiligen Geist schenkt und gewährt.
Wir werden eine innere Beziehung zu Jesus und zu Gott bekommen, aus der heraus geschieht, was man als Wirkung des Heiligen Geistes beschreiben kann. Er schenkt uns die Gewissheit, dass wir geliebt sind – und die Fähigkeit haben, selbst zu lieben. Gottes Geist lässt uns die Natur nicht bloß als schön wahrnehmen, sondern als eine Liebeserklärung Gottes an uns erleben! Durch Gottes Geist können wir Menschen inmitten Verzweiflung belastende Erlebnisse aus einem anderen Blickwinkel heraus sehen und deuten. Dadurch wird uns ein Raum geschenkt, der uns freier atmen lässt.
Der Glaube rechnet mit dem Geist Gottes in jeder Situation.
Dabei schenkt der Geist Gottes uns unter Umständen Weissagungen, Visionen und Träume.
Eine Vision des Neuen Himmels, der Neuen Erde wie sie uns der Seher Johannes berichtet.
Ein Traum von einer erneuerten Kirche wie ihn Dietrich Bonhoeffer träumte. Oder der bekannte Traum von Martin Luther King, der bis heute die Herzen vieler bewegt.
Viele träumen weiterhin, aller Widerständigkeit zum Trotz, von einer solidarischen Welt.
Der Geist schenkt uns Glaubenden genau das, was wir in diesem Moment brauchen. Stärkung, ganz persönliche Träume, Zuversicht und mancherlei Gaben, wie die Gabe in der Sprache unseres Gegenübers sprechen zu können und die Sprachbarriere damit zu überwinden. Dann reden wir nicht mehr von den Taten irgendwelcher Menschen, sondern von den Taten Gottes, die jeder über alle Sprachgrenzen hinweg verstehen kann.
Ja, jeder Glaube – ob stark oder zaghaft - ist eine Wirkung des Heiligen Geistes, genauso wie unser Beten.
Und nicht zuletzt werden wir durch „die Klarheit des Geistes mit der Klarheit der Leidenschaft“ beschenkt. Und wenn das geschieht: Dann, liebe Gemeinde werden wir uns wundern, dass wir auf einmal, von jetzt auf gleich mit „einer großen Glut lieben und deutlich sehen, wen oder was wir lieben.“ Nämlich den Auferstandenen Kyrios der Welt: Jesus Christus, den Sohn Gottes. Wenn Sie zustimmen, dann wollen wir für dieses Wunder am heutigen Pfingstsonntag beten.
Amen.