Liebe Gemeinde,

Ich habe einen Traum! Mit diesen Worten begann Martin Luther King kurz vor seiner Ermordung eine bewegende Rede, aus der ich einige Sätze zitiere: “Ich habe einen Traum, daß die rauhen Orten geglättet und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, daß wir eines Tages frei sein werden. Dann werden wir den Tag beschleunigen können, an dem alle Kinder Gottes - schwarze und weiße Menschen, Juden und Heiden, Protestanten und Katholiken - sich die Hände reichen und die Worte eines alten Negro Spiritual singen können: “Endlich frei! Endlich frei! Großer, allmächtiger Gott, wir sind endlich frei!”

Bis heute sind diese Worte Martin Luther Kings ein Traum geblieben, auch wenn an vielen Orten äußere Freiheit herrscht. Dennoch sind die Grenzen zwischen Menschen nach wie vor da. In der Zeit der ersten Christen waren die Grenzen zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen, zwischen Männern und Frauen noch viel drastischer gezogen. Ein Eingreifen Gottes war nötig, um Änderungen herbeizuführen. So erwählte sich Gott viele Männer und Frauen, die sein Wort verkündeten. Es galt das Wort auszustreuen, wie Samen auf fruchtbare Erde. Alles in der Hoffnung, daß es Frucht bringt und die Menschen in die Freiheit führt.

Paulus ließ sich von Gott in diesen Dienst nehmen und war offen für die Führung des Heiligen Geistes. Wie dies konkret ausgesehen hat, erzählt uns der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Textabschnitt in der Apostelgeschichte. Ich lese Kapitel 16, die Verse 9 -15:

9 Nachts hatte Paulus eine Vision. Er sah einen Makedonier vor sich stehen, der ihn bat: Komm herüber nach Makedonien, hilf uns!
10 Kaum hatte Paulus diese Vision geschaut, da machten wir uns auf den Weg nach Makedonien. Denn wir waren sicher, daß Gott uns berufen hatte, den Makedoniern das Evangelium zu bringen.
11 Wir segelten von Troas ab und liefen Samothrake an, am folgenden Tag dann Neapolis.
12 Von dort fuhren wir nach Philippi, das eine römische Siedlung und die wichtigste Stadt Makedoniens war. In dieser Stadt hielten wir uns einige Tage auf.
13 Am Sabbat begaben wir uns zu einer Stelle am Fluß vor dem Stadttor, von dem wir annahmen, daß es ein Betplatz der Juden war. Hier ließen wir uns nieder und knüpften ein Gespräch mit den Frauen an, die dort zusammengekommen waren.
14 Unter ihnen war eine Purpurhändlerin aus Thyatira namens Lydia, die dem Judentum nahestand. Gott öffnete ihr das Herz, so daß sie die Predigt des Paulus annehmen konnte.
15 Als auch ihre ganze Familie getauft war, bat sie Paulus und seine Gefährten: “Wenn ihr euch davon überzeugt habt, daß ich treu zum Herrn stehe, dann kommt doch in mein Haus, und nehmt dort Quartier.” Sie ließ nicht locker, bis wir die Einladung annahmen.

Paulus, der Botschafter Gottes, kommt nach Europa! Begleitet wird er von Silas und einigen Gefährten. Von sich aus wäre er wohl nie auf die Idee gekommen, nach Europa zu reisen. Aber durch die Leitung des Geistes war ihm seine Reiseplanung verwehrt worden. Er wollte von Galatien aus in der Provinz Asien predigen, doch dies verbot ihnen der Heilige Geist. An der Grenze Mysiens wären sie gern nach Bithynien weitergezogen, doch auch dies erlaubte ihnen der Geist Jesu nicht.

So vertrauen sie der Führung des Geistes und fahren nach Makedonien. Philippi ist ihre erste Station. Nach ihrer Ankunft müssen sie sich erst einmal orientieren. Die Stadt ist geprägt von römischer Kultur. Ihre Einwohner sind Legionäre mit ihren Familien. Kultisch wird dem Kaiser gehuldigt. Eine Synagoge ist nicht zu finden. So stellt sich die Frage, an welchem Ort er predigen kann! Endlich ergibt sich am Sabbat draußen vor der Stadt eine Gelegenheit. Einige Frauen haben sich am Fluss versammelt. Dies stört Paulus offenbar nicht. Im Gegenteil: er setzt sich mit seine Begleitern zu ihnen, und verkündigt ihnen die frohe Botschaft. Eine Frau hört wirklich zu, Lydia, eine Purpurhändlerin. Ihr schließt Gott das Herz auf. Sie glaubt den Worten des Paulus, der von Jesus Christus spricht. Offensichtlich hat sich vor Lydia und den anderen Frauen der ganze Heilsweg Gottes mit den Menschen entfaltet. Für uns unfaßbar - Lydia glaubt dem Gesagten und lässt sich schließlich mit ihrem ganzen Haus taufen. Das heißt: Nicht nur sie und ihre Angehörigen, nein auch ihre Bediensteten bekennen öffentlich ihren Glauben an den dreieinigen Gott. Und damit beginnt ein neues Leben. Es entsteht eine erste kleine Hausgemeinde in der fremden Stadt. Bildlich gesprochen fällt der Samen auf gutes Land und bringt hundertfältig Frucht!

Gottes Wege sind schon einmalig. Durch eine Vision, einen Traum erfährt Paulus, wo er hin muß. Da er dieser Vision glaubt und sich entsprechend auf den Weg macht, entsteht die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden. Eine weltgeschichtliche Stunde: Der Brückenschlag des Evangeliums von Asien nach Europa! Und wieder hatte eine Frau daran den entscheidenden Anteil. Wieviel hat Gott gerade in neutestamentlicher Zeit den Frauen anvertraut. Elisabeth, die Johannes den Täufer als Wegbereiter Jesu zur Welt bringt. Maria, die den Retter der Welt gebärt. Maria Magdalena, die als erste dem Auferstandenen begegnet. Und nun Lydia, die sich als erste Europäerin auf den Namen Jesu taufen läßt.

Lukas, der diese Ereignisse aufgeschrieben hat, blickt staunend zurück auf die Wirkung der Predigt. Er sieht darin das Wirken des Geistes Gottes. Anders wäre es wohl auch kaum denkbar, daß nach nur wenigen Jahrzehnten, im ganzen römischen Reich, christliche Gemeinden entstanden. Zuerst sind es Häuser, die zur Basis von Gemeindearbeit werden. Väter und Mütter des Glaubens streuen die Saat des Evangeliums aus.

Evangelium als Botschaft an alle Völker, die vernehmen sollen, was die Juden vor ihnen vernommen haben: Gott liebt uns!

Diese Botschaft, dass Gott uns Menschen liebt, hat überraschende und erstaunliche Folgen. Unabsehbare Kraftwirkungen gehen von der Botschaft aus, die ein paar Männer ans europäische Ufer bringen. Die Vision des Paulus hat große Auswirkungen. Die Menschen, die von ihm gehört haben, dass Gott sie liebt, vertrauen dieser Nachricht. Und sie erkennen, dass sie ihrerseits nun auch Gott lieben dürfen und sollen.

Wer aber Gott liebt, kann auch seinen Nächsten lieben: ”Du sollst Gott, deinen Herren, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit allen deinen Kräften, und deinen Nächsten wie dich selbst” (Luk. 10, 27).

Deshalb entstanden christliche Gemeinschaften. Sie teilten alles miteinander und halfen Kranken und Armen. Als Missionare brachten sie das Evangelium – entsprechend dem Missionsbefehl Jesu –anderen Völkern, und das weltweit, bis heute.

Mit dem Brückenschlag des Evangeliums von Asien nach Europa ist Gottes Wort auf einem langen Weg auch zu uns ins 21. Jahrhundert gekommen. Wir sind Glieder in der langen Kette der Geschichte des Glaubens. Doch stellt sich die Frage: Warum gibt es so wenig neue Gemeindeglieder? Warum sind unsere Gottesdienste oder manche Kreise der Gemeinde so wenig besucht? Hat das Evangeliums an Kraft und Aktualität verloren? Oder fehlt uns das Charisma der Verkündigung, das Paulus hatte? Gerade heute, wo wir so vielen Medienreizen ausgesetzt sind, wird es immer wichtiger, kraftvoll, überzeugt und klar den Menschen diese Botschaft weiterzusagen. Dann kann Gott auch unser Herz zu öffnen und sein Wort in uns lebendig werden lassen. Dann wächst unsere innere Bereitschaft, der Botschaft Gottes zuzuhören und das Wort Gottes erreicht unser innerstes Sein! Denn darauf kommt es an! Gottes Wort tief in unsere Seele aufzunehmen und zu glauben. Das klingt so einfach und macht uns dennoch manches Mal Angst. Wir müssen aber keine Angst haben denn durch Gottes Wort begegnen wir dem, der uns zur Freiheit beruft - Jesus Christus. Uns wird unser Leben, das was uns bisher geprägt und ausgemacht hat nicht weggenommen, doch es wird mit dem Vater versöhnt. Wenn wir die Bedeutsamkeit dieses Geschehens erfassen, dann können wir heute, in unserer Zeit erfahren, was Lydia in ihrer Zeit erlebte. Wirklich frei zu sein, die Wegführung Gottes zu erkennen und ihr zu vertrauen.

Manchmal scheint es ein verschlungener Weg zu sein, bis uns das Wort Gottes ins Herz trifft. Aber wenn es geschieht, dann werden wir unsere ureigenen Glaubensschritte gehen und nicht ängstlich umher schauen, wie diese in unserer Umgebung ankommen.

Wir leben in einer Umwelt, die zunehmend in Distanz zur Kirche lebt. - Viele erfahren das auch in der eigenen Familie. Das macht es schwer, den eigenen Glauben offen zu bezeugen und den eigenen Weg zu gehen. Doch können wir uns von der heutigen Geschichte ermutigen lassen. Jesus schenkt uns die Freiheit, auch innerhalb unserer eigenen Familie, unserer Gemeinde oder an unserer Arbeitsstelle klare und ermutigende Worte des Glaubens zu finden. Darüber hinaus können wir uns mit Gottes Hilfe mutig für Unterdrückte oder Andersdenkende einsetzen, wenn sie bedrängt oder ausgegrenzt werden. Der Geist Gottes hilft uns für die leisen Signale und Zeichen von Menschen aufnahmebereit zu sein. Aufmerksam und sensibel auf sie zu reagieren, wenn wir den Eindruck gewinnen, daß sie uns bitten: “Komm, hilf uns!” Dann können wir mit Martin Luther King sagen: “Ich habe einen Traum!” Dann sind wir fähig, diesen Traum Wirklichkeit werden lassen, indem wir Brücken schlagen, Brücken des Evangeliums zu anderen Menschen.
Amen.

Hosted by www.Geocities.ws

Hosted by www.Geocities.ws

1