Liebe Gemeinde,
was bringt Menschen dazu, mitten im Leid, in der Unberechenbarkeit der Umstände zu singen und anderen Menschen damit Hoffnung zu geben? Dem jungen Regisseur Audrius Juzenas gelingt es mit verstörend realistischer Kraft dies in seinem Film „Ghetto“ aufzuzeigen. Der Film adaptiert das weltweit erfolgreiche Drama „Ghetto“ des Schriftstellers Joshua Sobol, und basiert auf wahren Begebenheiten, die sich in den Jahren 1942/1943 im Jüdischen Ghetto von Vilnius, Litauen während der Okkupation der Nationalsozialisten zugetragen haben. Selten kann man so hautnah mitempfinden, was es bedeutet, der Willkür einer Macht, der Unberechenbarkeit eines einzelnen Menschen ausgeliefert zu sein. Hier lernt man, die Kraft zu schätzen, die eigener Glaube und seine Lieder im Zentrum des Todes bedeuten.
23 Nachdem sie eine große Anzahl Peitschenhiebe erhalten hatten, wurden sie ins Gefängnis geworfen. Der Gefängniswärter erhielt die Anweisung, sie fest einzuschließen.
Diese Erzählung berührt uns auch ohne Bilder stark, weil es bis heute so viele Gefängnisse gibt. Denken wir nur an Guantanamo, in denen Menschen nicht nur ihrer Freiheit beraubt, sondern körperlich gequält und erniedrigt werden.
Doch scheinen die Nachrichten von dort uns zu weit entfernt, vor allem da wir selbst nichts mit solchen Gefängnissen zu tun haben. Doch sind wir wirklich frei, oder kennen wir noch andere Gefängnisse!?!
Auch die Bibel berichtet dies an vielen Stellen in eindrucksvoller Weise. Eine dieser Erzählungen ist uns zum heutigen Sonntag Kantate als Predigttext vorgeschlagen. Paulus und Silas werden ins Gefängnis geworfen, weil Paulus einer Sklavin deren Wahrsagegeist ausgetrieben hatte. Mit dieser Frau und ihrer Gabe hatten ihre Herren eine einträgliche Einnahmequelle, derer sie sich nach der Tat des Apostels beraubt sahen. Deshalb bezichtigten sie die Apostel des Aufruhrs und der Einführung unerlaubter Verhaltensweisen. Die »Strategen«, Politiker auf kommunaler Ebene, wurden hellwach, und griffen durch ihre Richter hart durch. Sie ließen die »Aufrührer« auspeitschen und ins Gefängnis werfen. Hier beginnt unsere Erzählung. Ich lese im 16. Kapitel der Apostelgeschichte die Verse 23 – 34
24 Daraufhin ließ er sie in die hinterste Zelle sperren und schloss den Holzblock um ihre Füße.
25 Um Mitternacht fingen Paulus und Silas an zu beten und Gott Lobeshymnen zu singen, und die Mitgefangenen hörten zu.
26 Plötzlich bebte die Erde so heftig, dass die Grundmauern des Gefängnisses erschüttert wurden. Alle Türen sprangen auf, und die Ketten aller Gefangenen fielen ab.
27 Als der Gefängniswärter wach wurde und sah, dass alle Türen des Gefängnisses offen standen, zückte er schon seinen Dolch, um sich umzubringen, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen.
28 Da rief Paulus ihm zu: Tu dir nichts an! Wir sind doch alle noch hier.
29 Der Gefängniswärter ließ Fackeln kommen, um den Raum zu beleuchten, stürzte ins Gefängnis und fiel zitternd vor Paulus und Silas nieder.
30 Dann führte er sie nach draußen und fragte sie: Was muss ich tun, um gerettet zu werden?
31 Paulus und Silas antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, dann wirst du gerettet und mit dir dein ganzes Haus.
32 Dann verkündeten sie ihm und allen in seinem Haus das Wort Gottes.
33 Noch in derselben Nacht nahm der Gefängniswärter sie bei sich auf, wusch ihnen das Blut von den Striemen der Peitschenhiebe. Unmittelbar darauf ließ er sich und seine Familie taufen.
34 Er führte sie hinauf in sein Haus, wo bereits der Tisch gedeckt war, und er und seine ganze Familie freuten sich über die Maßen darüber, dass sie Christen geworden waren.
Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit unserer Jugend, Krankheit, oder aber das Alter, das oft genug mit Einsamkeit verbunden ist! Kann nicht auch der Konsumzwang unsrer Gesellschaft uns gefangen nehmen? Wie viele Menschen um uns herum sind depressiv und alle Freude scheint aus ihrem Leben gewichen. Sie werden gequält von den Erinnerungen, die oft genug Verletzungen ihrer Seele und Gefühle wie Misstrauen, Neid offenbaren. Hören wir unseren Text unter diesem Gesichtspunkt, dann fällt uns viel mehr ein, als wenn wir nur an die Verhöre, Verfolgungen und Gefängniszeiten derer denken, die sich weit weg von unserem eigenen Leben abspielen. Wenn wir an manch inneres Gefangensein denken, dann können wir von Paulus und Silas, aber auch von vielen Verfolgten lernen! Denken wir nur an Bonhoeffer und andere Glaubenszeugen. Sie beteten und sangen Gott dennoch Loblieder. Je größer ihr Leid war, desto größer wurde ihre Widerstandskraft durch das Lob Gottes.
„Wer singt, betet doppelt“ so lautete das Motto eines Adventsgottesdienstes, und genau das erleben in unserer Geschichte Paulus und Silas.
Und ihr Gebet hat Folgen!! Die Erde bebt, ihre Fesseln fallen. Der Weg zur äußeren Freiheit ist offen. Doch statt zu fliehen, lassen sie Gott selbst sein Werk vollenden. Sie bleiben mit allen anderen Gefangenen, im Gefängnis. Bewahren dadurch den Gefängnisaufseher noch vor einem Selbstmord. Dieses Verhalten, das sicher der Geist Gottes gewirkt hat, dieses Verhalten öffnet ihnen nicht nur die Gefängnistore, sondern auch die Herzenstüren der Menschen, für die sie vordergründig nur Gefangene waren. Plötzlich werden sie wieder als Menschen wahrgenommen, und zwar als Menschen, die freier sind, als die vermeintlich Freien außerhalb des Gefängnisses.
Von Paulus und Silas können wir lernen, in keiner Situation des Lebens zu verzweifeln oder gar aufzugeben. Sie bewahrten in ihrer Situation die eigene Menschlichkeit und Würde. Und sie hatten die Fähigkeit zu verzeihen. Damit zeigen sie uns bis heute, dass es so etwas gibt, dass äußerlich Unfreie innerlich frei sind! Das zu erleben war offensichtlich so „ansteckend“, dass ihre Mitgefangenen die gleiche Gesinnung annehmen konnten.
Liebe Gemeinde! Was wäre das bei uns für ein Fest, wenn wir gegen die Widrigkeiten des Lebens Loblieder anstimmten und unsere Seele von Gott so erschüttert würde, dass nicht allein wir frei kämen, sondern wir auch die Menschen um uns herum in Freiheit setzen würden.
Möglicherweise hätte sich auch die Situation der Häftlinge Guantanamos verändert, wenn sie mitten in ihrem Leid Loblieder gesungen und dem Grauen dadurch eine Glaubenskraft entgegensetzt hätten. Womöglich hätten sich ihre Aufseher dem widersetzen können, unter Umständen aber hätte Menschlichkeit wieder die Oberhand bekommen.
Wie auch immer: Vielleicht ist es gut, wieder neu zu lernen, wie ein Kind dem himmlischen Vater zu trauen und sich auf das Wagnis des Glaubens neu einzulassen. Und dann erleben wir, davon bin ich überzeugt, selbst das große Wunder, dass inmitten unserer Lebensumstände in uns Loblieder aufsteigen, die unser Gemüt erhellen und unsere Freude am Leben neu aufsteigen lassen. Die uns helfen, unsere Lebenssituation so anzunehmen wie sie ist und nicht aus ihr zu fliehen. Stattdessen erhalten wir uns mit den Lobgesängen die Hoffnung, die Liebe, die Würde und natürlich unseren Glauben.
Den Glauben an den Gott, der stärker ist als alle Verdächtigungen und Anfeindungen unserer Welt und unserer Umwelt, ja stärker ist als der größte Feind des Lebens.
Amen.