Liebe Gemeinde,
»Wacht auf«, singt uns der Wächter Stimme, vor Freuden auf der hohen Zinne: »Wacht auf zu dieser Freudenzeit! Der Bräut'gam kommt, nun machet euch bereit!« So haben wir gesungen. Was bewegt uns bei solchen Liedstrophen? Welche Gedanken gehen uns durch Herz und Sinn? Ärgern wir uns vielleicht an Formulierungen wie: „Der Bräutigam kommt, nun machet euch bereit!“ Wenn uns beim Singen solcher Texte unbehaglich zumute ist, geht es uns vielleicht, wie damals den Menschen der Gemeinden in Kleinasien? Sie waren in ihrem Glauben verunsichert, hin und her gerissen zwischen Glauben und Zweifeln. Sie fragten sich: „Hatte sich Gott wirklich in Jesus offenbart, bekannt gemacht?“ Die Hoffnung, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus in Kürze erscheinen und die Welt verwandeln und erneuern würde, hatte sich nicht erfüllt. So waren sie enttäuscht und fragten sich, ob sich die Wiederkunft wirklich ereignen würde.
Mitten in diese inneren Glaubenskonflikte, erreichte sie ein Brief des Apostel Petrus. Dieser war in der Absicht geschrieben worden, seine Leser im Glauben und in der Hoffnung auf die Wiederkunft Jesu Christi zu stärken. Er wollte ihnen Mut zusprechen, nicht müde zu werden, sondern an diesem Glauben festzuhalten.
Der Textabschnitt von dem ich spreche steht im 2. Petrusbrief 1. Kapitel die Verse 16 - 21 und lautet:
„Denn ich habe euch das machtvolle Auftreten Jesu Christi als Augenzeuge seiner Herrlichkeit nahebringen wollen und nicht, indem ich euch Märchen erzählt habe. Denn Jesus, der Messias, wurde von Gott dem Vater mit himmlischem Glanz verherrlicht, als er aus der strahlenden Herrlichkeit Gottes den Ruf vernahm: „Dies ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich meine Freude.“ Wir hörten diese Stimme vom Himmel her, als wir mit ihm auf dem Berg waren. Durch das, was die Stimme sagte, wurde für uns ein prophetisches Wort aus der Schrift erfüllt. Daran könnt ihr euch halten wie an ein Licht, das in der nächtlichen Dunkelheit dieser Zeit leuchtet, bis der Tag heraufdämmert
und der Morgenstern voller Klarheit in euren Herzen aufgeht. Dabei müßt ihr wissen: Keine Prophetie der Schrift erklärt sich von selbst. Denn die Propheten verdanken ihre prophetische Gabe nicht menschlichem Willen, sondern wenn Menschen Gottes Wort verkündigt haben, dann geschah das aus der Kraft des Heiligen Geistes.“
Liebe Gemeinde, in unserem Text geht es um das vertrauensvolle Erwarten der Wiederkunft Jesu. Petrus erkannte die Schwierigkeiten der Menschen, gerade den diesbezüglichen Offenbarungen gegenüber Zweifel zu hegen. Diese Zweifel räumt er aus. Nicht durch Gleichnisse, sondern durch klare Worte! „Ich war Augenzeuge, ich erzähle euch keine Märchen, ich war dabei, ich habe gesehen!“ Dieses „dabei gewesen zu sein und gesehen zu haben“ läßt ihn 100%ig überzeugt sein. Und diese Überzeugung gibt seinen Worten genügend Gewicht, damit die Gemeinde glauben kann. Welches Märchen, welche Phantasie könnte jemals solches Gewicht haben? Sind doch „Märchen und Phantasien“ von Menschen für Menschen erdacht! Sie helfen menschlichem Denken Bilder und Formen zu geben. Sie sind auf menschliches Denken und Empfinden ausgerichtet und helfen oft, eigener Verantwortung zu entfliehen.
Petrus Worte dagegen sind aus der Kraft des heiligen Geistes gesprochen. Sie zeigen: Göttliche Leitung fordert den Menschen - innerlich und äußerlich - heraus, die menschlichen Maßstäbe zu verlassen. Wer immer sich göttlicher Leitung anvertraut, wird die Dinge aus dem Blickwinkel Gottes heraus sehen lernen. Dann gelingt es Gottes Handelns zu erkennen und dessen Auswirkungen nicht mehr als Zufall oder glückliche Umstände zu umschreiben.
Auch heute können wir beobachten, daß viele Menschen den - wie sie sagen - „unglaublichen“ Jesusgeschichten skeptisch gegenüber stehen. Gleichzeitig sind sie aber von fernöstlichen Texten und Praktiken begeistert, die nicht weniger „unglaublich“ sind. Vielleicht hat das damit zu tun, daß in fernöstlichen Religionen Glaubensschritte für die Menschen deutlicher nachvollzogen werden können. Sie können in gewisser Weise ihr Heil durch Erfüllung mancher Aufgaben und Regeln erringen. Von uns wird hingegen „Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit“ erwartet, wobei unser Heil durch den Sieg Jesu am Kreuz errungen und uns von Gott geschenkt ist.
Und mehr noch: Er gibt uns das Recht, von ihm, von Jesus und seiner göttlichen Mission zu reden! Ja, Gott bevollmächtigt uns im Namen Gottes, im Namen Jesu und im Namen des Heiligen Geistes zu reden! Und indem ich dies sage, spüre ich - welches Vertrauen Gott uns Menschen entgegebringt und was ER uns damit anvertraut.
Petrus weiß sich von Gott selbst bevollmächtigt, weil er mit eigenen Augen gesehen hat. Dieses „sehen“ war ein schauen der göttlichen Wirklichkeit mit seinen inneren Augen. Und seine daraus gewonnenen Erkenntnisse schildert er mit der Kraft des Heiligen Geistes. Dies spüren wir heute, 2000 Jahre später, deutlich.
Er erinnert die Gemeinde damals - und uns heute morgen daran, was er, als einer der ersten Zeugen mit Jesus erlebt hat. Dabei nimmt er Bezug auf ein besonderes Erlebnis, das Petrus, Jakobus und Johannes auf einem Berg mit Jesus hatten. Er berichtet uns, daß Jesus auf einem Berg vor den Augen seiner 3 Jünger verklärt wurde. Was heißt das? Jesus erschien ihnen in göttlichem Lichtglanz. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Mose und Elia traten auf und bekräftigten, daß sich in Jesus das Wort der alttestamentlichen Zeugen erfüllte. Die Jünger hörten die Stimme Gottes, die Jesus seinen lieben Sohn nannte, an dem er sein Wohlgefallen habe.
Die Jünger Jesu haben mit dem Menschen Jesus von Nazareth die Gegenwart Gottes erlebt. Die Stimme Gottes bezeugte ihnen gegenüber: Jesu Reden und Tun ist mit Gott im Einklang. Er ist der, an dem Gott sein Wohlgefallen hat!
Der christliche Glaube beruht also auf geschichtlicher Erfahrung, bezieht sich auf die konkrete Geschichte Jesu in Raum und Zeit. Den Aposteln wurde an der Person Jesu wirklich zuteil, was religiöse Menschen damals als das Höchste erhofften: nämlich Teilhabe an der Herrlichkeit Gottes.
Den Gemeinden damals wollte dieser Brief den Glauben an Jesus nahebringen. Wenn wir von ihm heute noch reden und hören, dann doch deshalb, weil sein Reden und Tun überzeugend war. Jesu Reden und Tun läßt sich dabei fast auf ein Wort reduzieren: Liebe. Diese Liebe ist gelebt worden. Sie hat sich im Leben Jesu erwiesen und dem Haß und der Feindschaft der Menschen ausgesetzt und entgegen gestellt.
An der Liebe Jesu zu den Menschen wird deutlich: „Gott gibt diese Welt nicht auf! Er will die Welt in der Kraft dieser Liebe verwandeln und erneuern, indem er die Menschen verwandelt und erneuert.“ Dies begreifen Petrus und den übrigen Jüngern auf dem Berg der Verklärung.
Sie waren mit Jesus durchs Land gezogen. Sie hatten ihn kennen gelernt als Freund der Armen, Kranken und Verachteten. Sie hatten auch erlebt, wie er nicht nur bewundert, sondern auch abgelehnt und verachtet wurde. Aber wer er wirklich war, erkannten sie auf diesem Berg in einem erhellenden Licht. Jesu Liebe war nicht die Liebe eines edlen Menschen, sondern die Liebe Gottes zur Welt und allen Menschen. Das ging den Jüngern an dem Wirken ihres Meisters auf. Gott selbst ließ die Jünger ihren Meister in verdeutlichendem Licht sehen. Er ließ sie durch die Oberfläche das Wesen Jesu schauen.
Der damaligen Kirche soll diese Erinnerung des Petrus in ihrer besonderen Lage, Hilfe und Orientierung geben. Denn was die Jünger auf dem Berg der Verklärung wahrnahmen, das befähigte sie, Jesus als das Licht der Welt zu bezeugen. Dieses Zeugnis gilt es zu hören. Es ist das prophetische Wort, das in unserer dunklen Welt als ein helles Licht leuchtet, wie es im heutigen Predigttext heißt:
„Durch das, was die Stimme sagte, wurde für uns ein prophetisches Wort aus der Schrift erfüllt. Daran könnt ihr euch halten wie an ein Licht, das in der nächtlichen Dunkelheit dieser Zeit leuchtet, bis der Tag heraufdämmert und der Morgenstern voller Klarheit in euren Herzen aufgeht. (2. Petr. 1,19)
Auch uns Fulerumer möchten diese Worte tief ins Herz gelangen. Wenn wir dieses Wort hören und uns ihm nicht verschließen, können auch wir Jesus in verklärendem Licht sehen. Dann wird Jesus für uns zum Grund unseres Glaubens und unserer Hoffnung. Dann lassen Dunkelheiten in unserem Leben und in unserer Welt uns an Gottes Liebe nicht irre werden. Denn finster ist sie nur, solange Gottes Herrlichkeit in ihr noch verborgen ist. Dann nehmen Haß und Gewalt uns nicht die Hoffnung auf Gottes neue Welt. Dann wagen wir auch Fremde und Andersdenkende im Licht der Liebe Gottes zu sehen, die Jesus verkörpert. Dann ist das prophetische Wort wie ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint. In diesem Licht sehen wir in Jesus den Morgenstern, der den neuen Tag Gottes für diese Welt ankündigt, den Tag seines Reiches. Mit dieser Sicht können wir heute wieder ganz neu dieses Wort von Jesus in der Erwartung hören, daß es unser Herz trifft und wir unser Leben, unsere Nächsten und unsere Welt im Licht Gottes sehen können.
Dann spüren wir, unser Glaube ist Geschenk Gottes und jedes Mal aufs Neue ein Wunder, wenn er sich ereignet. Unsere eigene, innere Haltung hilft, dieses Wunder des Glaubens zu ermöglichen, sich diesem Glauben zu öffnen und sich von ihm beschenken zu lassen. Es gilt, wie die Dichterin Hilde Domin es ausdrückt: „Nicht müde zu werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel die Hand hinzuhalten.“ Das Wunder „glauben“ vollzieht sich demzufolge still und leise, als würde man die Hand einem Vogel hinhalten und darauf vertrauen, daß er sich darauf setzt.
Amen.