Liebe Gemeinde,
“Im übrigen meine ich, dass Gott der Herr unser Streben nach Miteinander und nach Füreinander wohlwollend begleiten möge.” Diese Worte schrieb Hanns Dieter Hüsch in “Das kleine Buch zum Segen”. Und weiter schreibt er: “Wir wissen selbst, dass unser Bemühen immer wieder ganz neu sein muss. Dass uns alte Urteile immer wieder rückfällig werden lassen. Dass abgestandene Meinungen und eingemachte Ansichten uns immer wieder aufhalten. Dass sie uns daran hindern nach vorne zu gucken und auf einander zuzugehen! Wir wissen sehr gut, dass wir alles hinter uns lassen müssen.” Hanns Dieter Hüsch spricht in diesen Worten das aus, was vor fast 2000 Jahren den Apostel Paulus im Gespräch und Umgang mit den ersten Gemeinden bewegt hat.
Ein Beispiel davon gibt uns der heutige Predigttext. Er steht im 1. Brief an die Thessalonicher im 5. Kapitel. Ich lese die Verse 14 – 24.
14 Lasst euch dies als Mahnung mitgeben: Liebe Brüder und Schwestern,
kümmert euch um die, die keine Ordnung kennen, muntert die Ängstlichen
auf, helft den Schwachen, habt Geduld mit allen!
Es ist spät geworden in Korinth. Paulus, denkt über sein Treffen mit Timotheus nach, der aus Thessalonich zurückgekehrt ist. Ihn hatte er dorthin geschickt, um in Erfahrung zu bringen, wie es der noch jungen Gemeinde geht.
Wieder und wieder gehen ihm die Worte seines Mitarbeiters Timotheus durch den Sinn. Der hatte Widersprüchliches berichtet. Die kleine christliche Gemeinde beginnt sich zu stabilisieren.
Aber auch Probleme tauchen auf. Um Ehre, Ansehen und Einfluss ringen die einzelnen Gemeindeglieder. Von ihrem Glauben Überzeugte spielen die noch Suchenden an die Wand. Paulus kennt die Menschen dort und erinnert sich. Vor seinem inneren Auge tauchen ihre Gesichter auf und Erinnerungen an viele Gespräche und Situationen.
Gern würde er die Leute wiedersehen, sie besuchen, ihre Nöte anhören, mit ihnen zusammen über die aufgetauchten Probleme nachdenken. Doch Timotheus befürchtet, dass sein Besuch die Spannungen verstärken und die Polarisierungen verschärfen würde.
So entschließt sich Paulus einen Brief zu schreiben.
Doch Stopp! Ziehen wir keine voreiligen Schlüsse. Denn zwei Sätze werden leicht überlesen, in denen eine gehörige Portion Brisanz steckt. Diese geben den Gedanken eines Wertekataloges eine neue Richtung. “Lasst den Heiligen Geist nicht erlöschen”, und “Achtet prophetische Gaben nicht gering”!
Der erste Satz: “Lasst den Heiligen Geist nicht erlöschen” zeigt uns auf: Alles steht und fällt mit den Möglichkeiten, die wir dem Geist Gottes geben. Es gilt ihm Raum in unserer Gemeinde zu geben! Der Geist, weht, wo er will - und nicht da, wo wir ihn haben wollen. Der Geist macht uns Menschen zu eigenen Individuen und beseelt uns. Er gibt uns ureigene Fähigkeiten und beschenkt Jeden, Jede von uns mit ganz persönlichen Glaubenserfahrungen. Er versetzt unsere Starrheit in Bewegung. Er eröffnet uns aus eingefahrenen Wegen neue Perspektiven. Und er gibt uns Mut und Kraft, neue Erfahrungen, neue Wege und Perspektiven auch auszuprobieren.
Der zweite Satz - “Achtet prophetische Gaben nicht gering” – mahnt uns diejenigen nicht zu verachten, welche die Wirklichkeit aufdecken. Denn eine wesentliche Aufgabe der Prophetie liegt darin, aufzuzeigen, was hinter den Fassaden der Gesellschaft steckt. Aufzuzeigen, was wirklich ist, um sich nicht vom Schein der Einheitlichkeit und Gemeinsamkeit blenden zu lassen, mit dem wir uns gern umgeben. Vorhandene Unterschiede und Andersartigkeiten sollen von Menschen mit prophetischer Gabe aufzeigt werden, damit wir uns positiv mit ihnen auseinandersetzen.
Den Thessalonichern damals und uns heute werden neben Beständigkeit und Sicherheit des Bekannten, des Gewohnten, auch Ungewißheit und Beunruhigung durch Neues empfohlen. Andere Glaubenserfahrungen, andere Frömmigkeiten als die bisher bekannten sollen in der Gemeinde ihren Platz finden. Menschen unterschiedlichster Lebensweisen, Menschen mit unterschiedlichsten Glaubenserfahrungen sollen innerhalb der Gemeinde Raum zur Entfaltung finden. Der eingefahrene Weg wird aufgeweitet in verschiedenste Pfade und Wege, die sich verbinden, kreuzen, nebeneinander her laufen oder auch einmal entgegengesetzt verlaufen - die aber alle ein Ziel verfolgen: Jesus Christus, der uns vom Ende des Weges her ruft und zuverlässig begleitet.
Gegen eine bedenkenlose und leichtfertige Übernahme all dessen, was auf die Gemeinde einströmt verweist Paulus auf ein bewährtes Mittel: “Prüft alles kritisch, nur das Gute behaltet! Paulus empfiehlt uns, einen kritischen und wachen Blick zu haben. Einerseits gilt es nicht alles gleich zu verwerfen, nur weil es ungewohnt ist. Andererseits sollen wir auch nichts überstürzt in die Gemeinde integrieren! Das Gute behalten. Das, was die Gemeinde aufbaut. Was Menschen mit den unterschiedlichsten Lebens- und Glaubenserfahrungen einen Platz schenkt und gemeinsam gangbare Wege finden lässt. Wege, auf denen Menschen miteinander gehen, ohne sich gegenseitig einzuschränken, oder den Platz streitig zu machen - geleitet von Jesus Christus, zu dem sie ihr jeweiliger Weg führt.
So werden wir zu einer Gemeinde wie sie sich Paulus vorstellt! Eine Gemeinde die in der Gesellschaft auffällt durch ihre ungezwungene und gelassene Fröhlichkeit. Die auffällt durch unterschiedlichste Menschen die in ihr eine geistige Heimat finden. Hier leben Menschen miteinander, die ihr Leben auf die unterschiedlichste Art und Weise gestalten. Die ihre Stimme erheben und Wunden der Gesellschaft aufzeigen und sich für deren Heilung einsetzen. Eine Gemeinde, die ein Ort des Vertrauens und des Friedens ist, an dem Starke und Schwache zu Hause sind, an dem Menschen ihre unterschiedlichsten Gaben und Fähigkeiten leben können. Ein Ort der nach innen - trotz aller Unterschiede - gefestigt und auf ein Ziel ausgerichtet ist. Und nach außen Raum für die verschiedensten Gaben, Fähigkeiten, Lebens- und Glaubensweisen bietet, aber auch Ängste, Schwächen und Unsicherheiten kennt.
Ich bitte Gott, dass er uns durch seinen Geist befähigt, eine Gemeinde mit diesem Profil zu sein. Denn so werden wir Anlaufstelle für die vielen Friedlosen inmitten unserer Stadt sein und nach außen die Liebe Gottes strahlen lassen. Und das mit der Gewissheit, dass, wie Hanns Dieter Hüsch es zum Ausdruck brachte: “Gott der Herr unser Streben nach Miteinander und nach Füreinander wohlwollend begleitet!”
Oder wie Paulus es in unserem Text formulierte: “Gott, der allein Heil und Frieden schenkt, lasse euch immer mehr und ganz und gar sein heiliges Volk und Eigentum werden, er behüte euch ganz an eurem Innersten, am Herzen und am Leib, damit ihr ohne Tadel seid, wenn unser Herr Jesus Christus wiederkommt.”
15 Keiner soll Böses mit Bösem heimzahlen, sondern setzt alles daran,
einander und überhaupt allen immer Gutes zu tun.
16 Seid allezeit fröhlich!
17 Lasst nicht nach im Beten!
18 Dankt Gott! So will es Gott, und er hat es durch Jesus Christus möglich
gemacht und euch gezeigt.
19 Lasst den Heiligen Geist nicht erlöschen!
20 Achtet prophetische Gaben nicht gering!
21 Prüft alles kritisch, nur das Gute behaltet!
22 Von allen Verkleidungen des Satans haltet euch fern!
23 Gott, der allein Heil und Frieden schenkt, lasse euch immer mehr und ganz
und gar sein heiliges Volk und Eigentum werden, er behüte euch ganz an
eurem Innersten, am Herzen und am Leib, damit ihr ohne Tadel seid, wenn
unser Herr Jesus Christus wiederkommt.
24 Der euch ruft, ist der treue Gott; er wird tun, was er versprochen hat
Dieser Brief ist ein seelsorgliches Schreiben, das mit Anweisungen für das Gemeindeleben zu Ende geführt wird.
Aufs Erste besehen könnten wir diesen Abschnitt als “Wertekatalog” sehen. Doch glaube ich, dass wir schnell zu der Auffassung kommen, er sei in dieser Form kaum zu erfüllen.
Amen.