Liebe Gemeinde,

in der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst habe ich mich lange mit der Frage beschäftigt, in wie weit unser heutiges Thema „Weisheit“ in Ihrem, in unserem Leben eine Rolle spielt. Leben wir doch in einer Gesellschaft, die mehr auf die Kraft der Jugend, als auf die Weisheit des Alters setzt. Zudem machen viele Redensarten die Weisheit eher madig, als dass sie für uns erstrebenswert scheint: „Du hast wohl die Weisheit mit Löffeln gefressen!“, antwortet man boshaft einem Menschen, der meint zu wissen, wie man ein bestimmtes Problem lösen kann. ›Er meint, er hätte die Weisheit für sich gepachtet‹ – diese Redewendung zeigt, dass es auch einen Missbrauch von Weisheit geben kann. Und wer immer für sich reklamiert, dass er allein Weisheit besitze, zeigt damit schon, dass er keineswegs weise ist. »Sechzig Jahre und kein bisschen weise ...« – so sang es Curd Jürgens in einem Schlager. Auch er tat der Weisheit damit keinen Gefallen, propagiert er doch geradezu, dass „kein bisschen weise zu sein“ durchaus erstrebenswert sei. Dem gegenüber steht der Aufruf des Philosophen Horaz: »Sapere aude!« „Wage es, weise zu sein!“. Und ich meine, dass dieser Aufruf für uns Christen gerade recht ist. Denn die Bibel führt uns in unzähligen Stellen vor Augen, dass Weisheit für unser ganzes Leben entscheidend sein kann. Wenn wir uns also auf den Weg machen, weise zu werden, dann kommen wir nicht daran vorbei, uns an den zu wenden, der selbst die Weisheit ist: Gott! Eine der bewegensten Bitten um Weisheit ist uns vom König Salomo in der Bibel berichtet. Und wer unter uns wüsste nicht, dass Gott diese Bitte so beantwortete, dass sich sogar die Königin von Saba aufmachte, um an seinem Hof dessen Weisheit zu erleben.
Sehen wir folglich genauer hin, was es mit der Weisheit, der in den alttestamentlichen Apokryphen sogar ein eigenes Buch gewidmet ist, auf sich hat. Weisheit scheint weniger eine bestimmte Quantität an Wissen, als vielmehr eine besondere Qualität von Lebenserfahrung zu beinhalten. Es gibt keine Weisheit ›an sich‹, sondern immer nur Erkenntnisse und Glaubenseinsichten, die in Bezug stehen zu Erfahrung: Erfahrung mit dem Leben - Erfahrung mit Gott. Fragen wir: Wie wird man weise, so werden wir feststellen, dass dies letztendlich in die Frage mündet: Wie steht es um unsere Beziehung zu Gott? Einer, der dieser Frage in seinem Leben wie kaum ein zweiter nachging, ist der Apostel Paulus. In seinen Briefen nähert er sich dem Thema Weisheit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln. Wovon einer in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth deutlich wird. Ich lese im 2. Kapitel die Verse 1 – 10:

1 Liebe Brüder und Schwestern! Als ich bei euch war, um euch die Botschaft, das Geheimnis Gottes zu bringen, da ging es mir nicht darum, mit langen, großartigen und tiefsinnigen Reden zu glänzen.
2 Ich kannte nur Jesus, den Gekreuzigten.
3 Als ich zu euch kam, fühlte ich mich ziemlich elend, ich hatte große Angst und zitterte am ganzen Leib.
4 Meine Predigt war gewiss nicht tiefsinnig oder besonders überzeugend, und doch wurden Geist und Kraft sichtbar.
5 So muss es sein, denn Glaube beruht nicht auf menschlichem Tiefsinn, sondern ihr wurdet angesteckt durch die Kraft Gottes.
6 Denen, die im Glauben erwachsen geworden sind, kann ich Gottes Weisheit vermitteln. Ich meine aber nicht das, was die Menschen unter Weisheit verstehen, und auch nicht die Parolen der Mächtigen dieser Welt, die doch zugrunde gehen müssen.
7 Wenn ich von Gottes Weisheit rede, meine ich eine für gewöhnlich verborgene Weisheit, die Gott schon hervorgebracht hat, bevor die Welt wurde.
8 Keiner der Mächtigen dieser Welt kannte dieses Geheimnis. Sonst hätten sie Jesus, den Herrn der Herrlichkeit, nicht gekreuzigt.
9 Doch dieses sonst unzugängliche, herrliche Geheimnis ist, so heißt es in der Schrift, für uns bestimmt: „Welche Herrlichkeit Gott für die bereit hält, die ihn lieben, hat kein Auge je gesehen, kein Ohr je vernommen, kein Herz je erfasst.“
10 Denn Gott hat uns dieses Geheimnis eröffnet, indem er uns seinen Heiligen Geist schenkte. Der Heilige Geist kann alles ergründen, auch die unfassbaren Dimensionen Gottes.

Was ist denn mit Paulus los, möchten wir fragen. Benutzt er das rhetorische Stilmittel der Untertreibung, wenn er sein Auftreten und seine Verkündigung mit Attributen wie schwächlich, furchtsam und zitternd beschreibt? Offenbar wurde in Korinth eine bestimmte Form von Weisheitsrede gebraucht, die zu Konkurrenzen verschiedener Gruppierungen innerhalb der Gemeinde führte. Es war eine Auseinandersetzung der ›gebildeten Oberschicht‹ gegen die sozial Schwächeren. Dies erfuhr Paulus durch die ›Leute der Chloe‹, einer führenden Frau der korinthischen Gemeinde, wie es uns das 1. Kapitel unseres Briefes beschreibt. Und es erinnert uns an manchen Streit inner- und außerhalb auch unserer Kirchen. Paulus erlebt diese Auseinandersetzung in der Gemeinde Korinth als bedrohlich. Doch auch wenn er sich selbst als schwächlich, ängstlich und unbeholfen empfindet, ist er von seiner Aufgabe beseelt, Jesus der Gemeinde als den Christus, den Gekreuzigten, als Geheimnis Gottes nahe zu bringen! Denn er ist sich der Kraft seiner Botschaft bewusst. Er glaubt daran, dass diese sich als mächtig erweisen wird, gerade dann, wenn er sie nicht mit den überredenden Worten menschlicher Weisheit vorbringt.
Er bietet keine tiefsinnige Lebens-Weisheiten und Erkenntnisse - nach dem werbewirksamen Motto: Für jeden Geschmack etwas! – an. Nein, mit seinem »Wort vom Kreuz«, mit der Verkündigung des »Gekreuzigten« provoziert er damals den Widerspruch der Gemeindeglieder Korinths, wie heute unseren eigenen. Damit gibt er jedem die Gelegenheit, zu einer eigenen Erkenntnis zu kommen. Er ermutigt uns die Frage zu stellen, was das Kreuz für unser ganz persönliches Heil bedeutet. Paulus will, dass jeder und jede mit Gottes Geist und seiner Kraft eigene Erfahrungen macht. Damit wir Lust bekommen, Christus nachzufolgen, und Christus in unserem Leben nacheifern. Mit anderen Worten: Er ermöglicht einen Glauben, welcher auf der persönlichen Erfahrung beruht, dass Gott seinen eigenen Sohn am Kreuz sterben ließ, um uns zu versöhnen. Um uns seine Liebe zu schenken und ausgestattet mit seiner Vollmacht, den Menschen um uns herum diese Botschaft weiter zu sagen.
Mit der von Paulus verkündigten »Weisheit Gottes« kommen wir einem »Geheimnis« auf die Spur. Denn das »Wunder des Glaubens«, dass ein Mensch zum »Glauben findet«, lässt sich niemals mit rhetorischen Kniffen oder psychologischen Techniken herbeiführen. Nein Gott erweist seine Macht, indem er durch die Kraft seines Heiligen Geistes, durch das Wort der Predigt, Glauben wirkt. »Vor allem ermöglicht erst der Heilige Geist das Wunder, dass sich ein Mensch im Blick auf das Kreuz unmittelbar angesprochen fühlt. Dass er das ›Für mich‹ begreift, wozu weder eigene Bemühungen, noch Anstrengungen ihn je in die Lage versetzen«.
Weisheit der Welt hingegen hat mit Entmachtung zu tun, weshalb die Herrscher dieser Welt, den Herrn der Herrlichkeit gekreuzigt haben. Diese entmachtende Weisheit spielt bis in unsere Tage hinein eine spürbare Rolle in Politik und Wirtschaft, im Familienkleinkrieg und Freundschaftskampf.
Gegen diese alltäglichen Erfahrungen brauchen wir die Erinnerung an andere, haltbarere, tiefere Quellen der Weisheit und Erkenntnis. In Jesu Worten und Taten wird diese Weisheit deutlich als eine Kraft, die zum Leben ermächtigt. In dieses Kraftfeld können sich Kranke hineinbegeben und gesunden.
Wir werden durch Paulus aufgefordert kritisch zu fragen, wo ›Weisheit‹ heute in Anspruch genommen wird, oder wo sie als absolut gesetzt wird, ohne die Erfahrungen – und vielleicht auch erkenntnisleitenden Interessen – offen zu legen. Paulus’ ›Kriterium‹ für das Verständnis von Weisheit ist der Gekreuzigte Christus. Welche Kriterien haben wir heute, für das, was als Weisheit gilt? Und wer bestimmt das?
Sind es die fünf ›Wirtschaftsweisen‹, die immer wieder mit ihren Prognosen für das Wirtschaftwachstum zitiert, und deren jeweils mitgelieferte Rezepte ehrfürchtig angehört werden, obwohl niemand thematisiert, auf welchen Erfahrungshintergründen ihre ›Weisheit‹ entsteht? Oder nehmen wir die Entwicklungen der Gentechnologie. Können diese etwa als ›weise‹ gelten? Welche Kriterien gelten, um zu entscheiden, in welche Richtung geforscht werden soll? Werden die Erfahrungen der Bauern mit genmanipuliertem Saatgut gehört? Auch die sich im Moment rasant entwickelnde Pränataldiagnostik sollten wir unter diesem Gesichtspunkt einmal hinterfragen: Wird tatsächlich berücksichtigt, was es für Frauen und Paare bedeutet, eine Schwangerschaft durch die ständige Suche nach ›Defekten‹ immer wieder in Frage zu stellen?
Zur Selbstdarstellung in Leistungsbilanzen und Erfolgsdaten befragt, bemerkt ein ehemaliger Manager: »Zeit zum Erfolg. Wir wünschen uns gegenseitig immer das, was uns stark macht, unabhängig, überlegen und siegreich«. Was würde wohl geschehen, wenn wir den Managern am Beginn eines Neuen Jahres sagen würden: ›Ich wünsche Ihnen im kommenden Jahr Situationen der Schwachheit und ein paar Misserfolge, damit Sie nachdenklich werden!‹ ...
Denn ist es nicht so: Die Stunden der Wahrheit finden nicht auf den sonnigen Gipfeln des Glücks, des Erfolges statt, sondern weiter unten, im Schatten«?
Ja, ich gehe so weit zu sagen, dass wenn wir Christen in bedrängenden Situationen sagen: »Ich bin - Wir sind mit unserer Weisheit am Ende!« dann erleben wir oft genug die dynamis, die Kraft Gottes und erfahren das Wirken des Heiligen Geistes. Dann »sprechen uns Worte der Bibel plötzlich an« oder »beginnen zu reden«. Dann erfahren wir in Situationen von Krankheit und Leiden die Kraft des Gebets und erleben eine Lebenskrise als Herausforderung zum Glauben. Auch heute gilt, dass unser Christ sein dort am deutlichsten leuchtet, wo unser Glaube sich nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruft.
So sind wir aufgefordert unser ganzes Leben lang immer wieder neu zu fragen: Was dient dem ›guten Leben aller‹? Denn Weisheit, wie wir Menschen unser gemeinschaftliches Leben gestalten, entsteht im Diskurs. Gleichzeitig kommen wir nie am Gekreuzigten vorbei: Denn in Christus ist die Weisheit Gottes erschienen. Mit diesem Wissen nehmen wir die Erfahrungen der ›Schwachen‹ in unserer Gesellschaft wahr. An ihrem Wohlergehen erweist sich, ob wir gemäß der Weisheit Gottes sprechen, handeln. Ob wir als Gemeinde die Gemeinschaft Christi leben. Deshalb: Bitten wir Gott selbst um das Geschenk der Weisheit und „Wagen wir es, weise zu sein!“.
Amen.

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