1 All euer Sinnen und Trachten soll auf die Liebe gerichtet sein. Kämpft darum,  dass ihr die besten Geistesgaben bekommt, besonders darum, dass ihr prophetisch predigen könnt.

2    Wenn man nämlich in den Sprachen der Engel reden kann, erreicht man nicht die Menschen, sondern nur Gott, und so kann keiner mit Gewinn dem zuhören, der, vom Geist inspiriert, rätselhafte Dinge sagt.

 3 Mit der prophetischen Predigt dagegen kann man Menschen stärken, aufmuntern oder trösten.

4 In einer Engelssprache erreicht man nur sich selbst, mit prophetischer Predigt dagegen die Gemeinde.

20    Liebe Brüder und Schwestern! Ahnungslos wie Kinder solltet ihr sein, wenn es um die Heimtücke geht, nicht aber was den Gebrauch eures Verstandes betrifft. 

21 Gott sagt in der Schrift: »Durch Fremdlinge und in fremden Sprachen will ich zu meinem harthörigen Volk reden, aber dennoch werden sie nicht auf mich hören«. 

22 Daraus wird klar, dass die Rede in fremden Sprachen an diejenigen gerichtet ist, die nicht glauben, und nicht an die Christen. Prophetische Predigt dagegen richtet sich an die Gläubigen. 

23 Wenn nun in einer Gemeindeversammelung alle in fremden Sprachen reden, werden Unbeteiligte oder Nichtchristen, die dazukommen, bestimmt  sagen: »Ihr seid alle verrückt«!

24 Wenn aber alle prophetisch predigen und ein Unbeteiligter oder Nichtchrist dazukommt, dann kann es geschehen, dass ihm alle auf den Kopf zusagen, wie es um ihn steht, weil sie aus sprechen können, was er bisher niemandem gesagt hat:

 25 die Geheimnisse seines Herzens. Darüber wird er so erstaunt und erschrocken sein, dass er vor Gott auf die Knie fällt und ruft: »Gott ist wirklich in eurer Mitte«!

 

Liebe Gemeinde,

Woran ist eine lebendige Gemeine zu erkennen? Diese Frage ist nicht mal eben zwischen Tür und Angel zu beantworten. Besteht Gemeinde doch aus einer Gemeinschaft vieler, unterschiedlicher Menschen mit den unterschiedlichsten Begabungen. Doch ist lebendige Gemeinde an ihren Begabungen, an ihren Geistesgaben zu erkennen? Diese Frage stellt sich nicht erst in unseren Tagen, sondern sie wurde bereits in den ersten Christengemeinden gestellt. Ein gutes Beispiel für die Unruhe, die solche Überlegungen nach sich ziehen, bietet uns die Gemeinde in Korinth. Eine Gemeinde, die nachweislich alle Geistesgaben hatte und mit diesen Gaben auch umging. Doch unter den Gemeindegliedern entbrannte ein Streit über die Frage, welche der Geistesgaben wohl die wertvollste sei. Paulus stellte in seinem 1. Brief an diese Gemeinde einiges klar, indem er zwei der auffälligsten Geistesgaben einander gegenüber stellte: Rede in fremder oder Engelssprache und prophetische Predigt oder Rede.

In beiden Fällen dreht es sich um Sprache. Doch beim Reden in fremder Sprache versteht nicht nur der Zuhörer den Inhalt nicht, sondern dieser ist auch dem in fremder Sprache Sprechenden verborgen. Ganz anders verhält es sich mit demjenigen, der prophetisch redet. Denn dieser spricht in seiner Muttersprache aus, was Gottes Geist ihm zu reden eingibt.

Paulus befasst sich ernsthaft und tief mit der Rede in fremder Sprache. Sie bedeutet ihm viel und er kennt sie aus eigener Erfahrung. Wir können und müssen das wieder neu bei ihm lernen: Zungenrede bzw. Sprachenrede ist nicht ausgeflippte Spinnerei – sondern Gabe des Heiligen Geistes! Wenn Sie so wollen, ist es eine Sprache, die Sprache hinter sich gelassen hat, die also nicht vom Willen des Sprechenden abhängt, sondern direkt vom Geist Gottes gesteuert ist. Dabei ist sie nicht nur verzückter, himmlischer Lobgesang, sondern eine Äußerung, die aus der Tiefe der Seele, ja aus der Erfahrung der Anfechtung kommt. Sie ist also Lobgebet über das „erlöst sein“ und gleichzeitig der „Schrei nach Erlösung.“ Doch damit ist sie keinesfalls »mehr« als der Gottesdienst in seinen Ordnungen, oder mehr als die Predigt! Im Gegenteil: An falscher Stelle in Gebrauch genommen, führt sie eher zu Irritationen, bis hin zu der Auffassung, dass hier jemand verrückt geworden sei.

Die Gabe der Prophetie hingegen ist gemäß einer Beschreibung des Theologen Paul Tillichs „verständliche Rede über den Glauben, die gestützt ist durch das eigene Leben. Darüber hinaus löst sie durch Wirkung des Heiligen Geistes im Zuhörer Glauben aus!“

Und darauf kommt es doch ganz wesentlich im Gottesdienst an! Gegenwärtig ertönt von allen Richtungen der Ruf nach mehr Spiritualität. Spirituelle Kompetenz, welche die religiösen Gefühle der Menschen anspricht ist gefragt. So werden Formen, in denen Ergriffensein und spontane Begeisterung zum Ausdruck gebracht werden, gesucht. Der »nüchterne« Gottesdienst in dem das Wort und traditionelle, geordnete Liturgie dominiert, wird hingegen vielfach kritisiert. Solange aber - in Geschichte und Gegenwart der Kirche - bei dieser Frage im Sinne eines »Entweder - Oder« polarisiert wird, wird auseinander gerissen, was auf keinen Fall auseinander gerissen werden darf. Gottesdienst braucht beides: Nüchternheit und religiöses Fühlen und Ergriffensein! Und alles bedarf des Verstehens und der Verständigung.

Wenn wir im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes zusammenkommen, werden wir in die Liebesgeschichte Gottes mit uns und der Welt hineingeführt! In diese Geschichte, die uns über unsere alltäglichen Sichtweisen, Denkweisen und Sprachweisen hinausführt. Diese Geschichte macht uns manches Mal sprachlos, erschließt uns aber zugleich auch eine neue Sicht, schenkt und ein neues Verstehen unserer Lebens- und Alltagswirklichkeit! Dadurch gewinnen wir oft genug wieder eine neue Sprache.

Und wir brauchen sie so nötig, diese neue Sprache, denn wenn wir uns umhören - in unserer Familie, unserer Gemeinde und auch in unserer Gesellschaft - gelangen wir schnell zu der Überzeugung, die der Dichter Johannes Bobrowski so beschreibt:

„Sprache!

abgehetzt

mit dem müden Mund

auf dem endlosen Weg

zum Hause des Nachbarn“

Ja, wir sprechen so oft abgehetzt und unser Mund ist müde geworden vom vielen Reden, das oft genug auf taube Ohren stößt. Und der Weg zu unserem Nachbarn, unserem Nächsten scheint endlos weit. Vor Gott aber, im Gottesdienst sollen wir zur Ruhe kommen damit unsere müde, verschlissene Sprache Erholung erfährt. Dabei kann die Rede in fremder, vom Geist geschenkter Sprache, unserer Sprache ihre Freiheit zurückgeben, damit sie sich erholt und neu wird.

Gottesdienst unter der Leitung des Heiligen Geistes ist ein Geschehen, das uns etwas von dem erfahren lässt, was unser religiöses Fühlen ebenso wie unsere Vernunft und unsere gesamte Wirklichkeitserfahrung übersteigt. Deshalb geht es in der Gemeinde niemals um die eigenen Bedürfnisse und persönlichen Wünsche. Nein, Gottes Geist ermöglicht der Gemeinschaft stets eine neue Sicht ihrer Wirklichkeit und schenkt ihr eine neue Sprache für sie.

Maßstab für den Gottesdienst sind nie die eigenen Gefühle und die eigenen Wünsche! Wahrlich nicht, denn der Maßstab, der über allem steht ist die Liebe. „All euer Sinnen und Trachten soll auf die Liebe gerichtet sein!“

Von daher geht es im Gottesdienst vor allem um die in Christus offenbar gewordenen Liebesgeschichte Gottes mit uns Menschen, die wir immer wieder anders, immer wieder neu erzählen. Und diesen Auftrag nimmt der Geist Gottes vor allen anderen ernst. Er vermittelt uns in unseren Gedanken und durch geistgefüllte, prophetische Rede diese Liebe, von der Paulus an anderer Stelle sagt, dass sie durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist.

Auf diese Weise weist uns der Heilige Geist im Gottesdienst durch Erbauung, Tröstung und Ermahnung den Weg in unserem Leben.

Und dann, liebe Gemeinde, davon bin ich überzeugt: Dann werden wir vom Geist Gottes eine neue Begeisterung erfahren, die andere Menschen mitreißt und ansteckt. In etwa so, wie in diesen Tagen eine Welle der Begeisterung die Menschen in unserem Land erfasst, so dass die ansonsten als so nüchtern und oft genug spröde geltenden Landsleute, hupend und Fahnen schwenkend durch die Städte ziehen, so dass sich kaum einer diesem entziehen kann. Wer hätte noch vor Jahren gedacht, dass dies in unserem Land möglich wäre? Wohl keiner! Denken Sie nur an die letzte Europameisterschaft, die in Portugal stattfand. Manch einer hat da wohl gedacht, na das wird heiter werden, wenn die Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet. In diesem Land, wo die Nüchternheit alle Gefühle gleich im Keim erstickt. Doch „Pfeifendeckel“! Es ist alles anders gekommen. Auf den Straßen tanzen unsere Landsleute mit südländischem Temperament, singen und fahren hupend und Fahnen schwenkend durch die Städte.

Und wenn wir in unsere Gemeinden schauen, in die ernsten Gesichter und das wohlgeordnete Verhalten in unseren Reihen, können wir uns je vorstellen, dass es anders werden könnte? Wohl kaum, doch aus der Sicht Gottes könnte es heißen: „Pfeifendeckel!“ Der Heilige Geist kann euch mit einer Begeisterung erfüllen, dass Ihr euch wundern werdet!

Bitten wir doch den Heiligen Geist, dass er uns derart für Gott begeistert, dass wir gar nicht mehr anders können, als von IHM und seiner Liebe zu erzählen. Dass wir dies so tun, dass die Menschen um uns herum diese Begeisterung wahrnehmen und sich vielleicht selbst davon anstecken lassen. Begeisterung mobilisiert die Menschen, das ist unbestritten. Und Begeisterung, die der Heilige Geist wirkt, bringt Menschen in Bewegung, so dass sich auch die Kirchen wieder mit Menschen füllen! Trauen wir es dem Heiligen Geist doch zu und bitten ihn darum, dass er dieses Wunder bewirkt. Und deshalb möchte ich beten: Ja, Heiliger Geist, fange Du mit diesem Wunder bei uns an und erfülle uns mit einer Freude und Begeisterung, die von der Liebe Gottes erzählt und die Menschen um uns herum ansteckt.


Amen.

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