Liebe Gemeinde,
"Wer niemals das Licht geschaut hat, der hat auch keine Ahnung davon wie tief die Finsternis sein kann."
Diese Worte des englischen Zisterziensermönchs Isaak von Stella beschäftigen mich seit einiger Zeit. Wenn wir nur an die täglich auf uns einstürzenden Nachrichten denken:
- der Konflikt im Nahen Osten zwischen Israel und den Palästinensern,
- terroristische Anschläge, wie zuletzt in Bali,
- Kindesentführungen und -ermordungen u. v. a. m.
nehmen wir doch an, eine Ahnung von der Tiefe der Finsternis zu haben. Doch heißt dies: Wir haben alle das Licht geschaut? Wie etwa Mose auf dem Berg Sinaï, als das Volk ihn bat, sein Gesicht zu verhüllen, da sie das Strahlen nicht ansehen konnten? Oder wie Paulus, kurz vor Damaskus, als er kurzfristig davon erblindete? Ich selbst kann dies so absolut nicht bejahen. Bedeutet dies im Umkehrschluss dann, ich habe doch keine Ahnung von der Tiefe der Finsternis?
Zu meinem und unserem Glück sind diese Fragen nicht neu. Schon die Apostel der ersten Gemeinden haben sich dazu Gedanken gemacht. Ein Beispiel davon gibt uns der heutige Predigtext. Ich lese dazu die Verse 7 - 17 aus dem 1. Johannes-Brief im 2. Kapitel:
1 Joh 2, 7 - 17
7 Ihr Lieben! Was ich von euch verlange ist einerseits nichts Neues. Es ist das alte Gebot, das ihr von Beginn an kennt, die Botschaft, die gehört habt.
Die Welt steht in unserem Text für das Wirkungsfeld und die Einflusssphäre des Bösen, des Widersachers gegen den Willen Gottes.
Sie ist zugleich auch der Ort des Materiellen, des Egoismus. In ihr ist die Kälte spürbar, mit der Jeder gegen Jeden kämpft.
Diese Welt, so unser Text wird von drei Lastern beherrscht: "Begierde des Fleisches", "Begierde der Augen" und "Prahlsucht", wie Luther es formulierte.
Alle drei Laster beinhalten ein Grundübel: das immer mehr haben und immer mehr sein wollen.
In den letzten Monaten wurde uns "die Gier nach der Welt" in ihren verschiedenen Spielarten demonstriert:
Firmen frisieren ihre Bilanzen, um den Börsenwert ihres Unternehmens kurzfristig zu steigern,
Politiker lassen sich bestechen, oder
nehmen anonyme Spenden in Millionenhöhe für Werbung in eigener Sache an,
Vielflieger gönnen sich "Miles and More",
sportliche Leistungen werden durch Doping verzerrt,
Jugendliche nehmen Kinder als Geiseln, um einmal im Rampenlicht zu stehen und wie sie selbst es formulieren "ein großes Ding zu drehen".
Diese Liste könnte unendlich fortgesetzt werden.
Auf's Erste besehen, scheinen sich solche Dinge zu lohnen, doch nach einiger Zeit wird deutlich:
Die "Gier nach der Welt" ist letztlich für uns Menschen selbstzerstörerisch. Oder wie der Volksmund es formuliert: "Hoffahrt kommt vor dem Fall".
Schon der Kirchenvater Augustin erklärte Wollust, Habgier und Hoffahrt zu den drei Hauptsünden. Dies verstärkte der griechische Kirchenlehrer Chrysostomos noch, indem er bereits die Ansammlung des Eigentums als Habgier bezeichnete. Diese sei die schwerste aller Sünden. Damit hob er den ökonomischen Aspekt von Sünde noch stärker hervor. Leider wurde in der Folgegeschichte im Kontext der Leibfeindlichkeit unser Text schwerpunktmäßig auf die Sexualität bezogen. Und damit wurde er seiner ökonomischen Dimension beraubt.
Wenn wir uns aber dieser Dimension stellen, dann müssen wir m. E. unseren Standort mitten in der Welt beziehen. Wir können nicht verhindern, dass Menschen sich verlaufen und verlieren und ihr Leben ausrichten auf das, was in dieser Welt zählt. Dass sie die Jagd nach Liebe, die Suche nach Spaß und Lust, der Drang nach immer mehr ständig vorwärts peitscht. Weil wir Bürgerinnen und Bürger der Welt Gottes sind, müssen wir durch unser eigenes Leben zeigen, dass wir unsere Schwerpunkte anders setzen. Denn wir haben dieser, unserer Welt eine Botschaft mitzuteilen: "Gott ist in Christus zur Rettung der Welt aufgebrochen." Er zieht uns Menschen in Jesu Nachfolge hinein. Und damit in das Leben für andere und zur Liebe den Geschwistern gegenüber. Das Tun des Gotteswillens und die Nachfolge Christi führt zur geschwisterlichen Liebe gegenüber den Opfern der Globalisierung und zu einer "Ethik der Solidarität".
Als Gemeinde Gottes, als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu können wir zeigen, dass Gott uns aus den Zwängen und Gesetzen dieser Welt herausgerufen hat. Dieses heraus gerufen sein beschenkt uns mit der nötigen Zivilcourage, um als Christen, als Gemeinde heute Widerstand gegen "die Gier nach der Welt" zu leisten.
Wir sind keine Supermenschen und brauchen auch nicht so zu tun, als wären wir es. Aber wir kennen den Vater, den, der von Anfang an ist. Weil seine Liebe das Böse überwunden hat, haben wir für die Welt eine Botschaft. Wir leben von Gottes Vergebung und davon, dass er uns liebt. Diese Vergebung schenkt uns wahres Leben in seiner ganzen Fülle. Und dies können wir nicht laut genug in die Welt hinein rufen. Und wir wollen Gottes Liebe in die Welt geben. Durch einen Satz, der Mut macht. Eine Hand, die sich zur Versöhnung ausgestreckt. Einen Segenswunsch, der Geborgenheit schenkt. Einen Besuch, der die Einsamkeit unterbricht. Ein Gebet, das für den anderen gesprochen wird. Ein Stück Weg, auf dem wir einander begleiten. So wird Gottes Reich in dieser alten Welt sichtbar.
Gott selbst hat sich in diese Welt hineingegeben. Weil das gilt, darum sind wir als Gemeinde Jesu Christi fähig nicht mehr nach dem Lustprinzip der Welt zu leben. Wir gehören zu Gott und sind zur Liebe befreit. Wir haben einen neuen Herrn, der uns eine neue Richtung weist.
Liebe Gemeinde, die Welt, die wir nicht lieben sollen, ist die Welt in ihrer maßlosen Gier. Aber die andere Seite der Welt, die nach wir vor Gottes Handschrift trägt, der sollen wir uns verpflichtet fühlen. Dafür sollen wir uns mit allem was wir sind und haben einsetzten, Licht und Salz sein. Die Welt, die Gott so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn gab, um sie zu retten. Jesus hat uns nicht aufgetragen: "Geht hinaus aus aller Welt", sondern: "Gehet hin in alle Welt! Deshalb dürfen wir uns nicht einigeln und abkapseln. Wir dürfen die Welt nicht sich selbst überlassen. Denn unsere Welt braucht Gott und sein Wort der Gnade.
Was auch immer mit der Welt geschehen ist, sie ist und bleibt Gottes Welt. Und wir leben in ihr und dürfen und sollen uns - in aller Vorläufigkeit - in ihr zu Hause fühlen. Die Erde ist voll der göttlichen Herrlichkeit. Unser Glaube nimmt dies wahr und freut sich daran. Diese Freude können wir anderen Menschen weitergeben: Das Blau des Himmels oder seine Wolken, nachts das Funkeln der Sterne. Das Rauschen des Waldes oder der Flüsse. Das Lachen der Kinder und ihre Phantasie. Musik, bildende Kunst, Poesie. Wer dankbar ist, nimmt das alles und viel mehr wahr und lobt den, von dem es kommt. Denn dazu hat Gott uns berufen, sein Geist stärkt und begleitet uns auf diesem Weg und öffnet unsere inneren und äußeren Sinne dafür. Dann schauen wir das Licht Gottes, und gewinnen eine Ahnung davon, wie tief die Finsternis sein kann. Dann bestimmt wie Johannes es ausdrückt, die Auswirkung der hellen, klaren Gegenwart Gottes, der Wahrheit bei ihm unser Christ sein in unserer Welt. Denn wenn Gott bei uns angekommen ist, vergeht die Finsternis sichtlich, und das wahre Licht, das Licht Gottes scheint schon.
8 Andererseits ist das Gebot, das ich euch schreibe, doch wieder neu,
denn es ist die Auswirkung der hellen, klaren Gegenwart Gottes, der
Wahrheit bei ihm und bei euch. Denn die Finsternis vergeht sichtlich, und
das wahre Licht scheint schon, weil Gott bei euch angekommen ist.
9 Doch wer behauptet, er stehe im Strahlkeis des Lichtes, und doch seinen
Bruder oder seine Schwester nicht liebt, der steht immer noch im Bannkreis
der Finsternis.
10 Wer seinen Bruder oder seine Schwester liebt, bleibt im Strahlkeis des
Lichts, und er bringt niemanden dazu, vom Glauben abzufallen.
11 Wer aber seinen Bruder oder seine Schwester hasst, der steht in der
Finsternis, tappt im Dunkeln und weiß nicht, wo er hingeht, weil die Finsternis
ihn ganz blind gemacht hat.
12 Ich schreibe dies für euch, liebe Kinder, um euch darauf aufmerksam zu
machen, dass eure Sündenschuld im Namen Jesu, der für sie
geradegestanden hat, vergeben ist.
13 Und ich schreibe es auch für euch, ihr Väter, die ihr ihn, Jesus, der von
Anfang der Welt an da ist, doch damals ganz zuerst kennen gelernt habt.
Ich schreibe es auch für euch, ihr jungen Männer. Denn ihr habt doch den
Teufel besiegt.
14 Ich habe an euch geschrieben, liebe Kinder, denn ihr wisst doch, wer der
Vater ist. Und ich habe an euch geschrieben, ihr Väter, denn ihr habt Jesus,
der von Anfang der Welt da ist, damals ganz zuerst kennen gelernt. Und
ich habe an euch geschrieben, ihr jungen Männer, denn ihr seid doch
kräftig, und Gottes Botschaft ist fest in euch verankert, und ihr habt den
Teufel besiegt.
15 Hängt euer Herz nicht an die Welt und an das, was in ihr ist! Wer sein Herz
daran hängt, den hat die Liebe Gottes des Vaters noch nicht erfasst.
16 Denn alles, was uns wie unsichtbare Fäden an die Welt fesselt, das kommt
gewiss nicht von Gott: sinnliche und triebhafte Gier, Blicke, die andere
ausziehen oder arm machen.
17 Die Welt vergeht und mit ihr die Gier nach der Welt, und nur wer Gottes
Willen tut, darf für immer am Leben bleiben.
Amen