Liebe Gemeinde,
in Afrika erzählt man sich folgende Geschichte: Über einen alten Mann, der an Gott glaubte, wollte sich jemand lustig machen. Er fragte: „Woher weißt du, dass es einen Gott gibt?“ Der alte Mann antwortete: „Woher weiß ich, ob ein Mensch, ein Hund oder ein Esel nachts um meine Hütte gegangen ist? Ich sehe es an den Spuren im Sand. Auch in meinem Leben finde ich Spuren, die sich eingedrückt haben: Es sind die Spuren Gottes!“
Als ich diese Geschichte hörte, begann ich mich zu fragen: Suchen auch wir die Spuren Gottes, dies sich in unser Leben eingedrückt haben? Und wenn wir sie suchen, finden wir sie denn auch? Heute am Beginn eines neuen Kirchenjahres möchte ich uns genau dazu ermuntern, sich in unserem Leben auf Spurensuche zu begeben, Gottes Spuren zu suchen und sehen zu lernen. Denn ich bin davon überzeugt, dass es sie: in der Welt und in unserem ganz persönlichen Leben gibt! Gott hat sie hinterlassen, damit wir sie finden, an ihnen entlanggehen und uns aufmachen, um ihm zu begegnen. Die Adventszeit ist zur Spurensuche besonders geeignet, und wenn sie gelingt, dann finden wir an ihrem Ende das Kind, das uns mit seiner Liebe beschenken will.
1 Wir schreiben euch über das Wort vom Leben. Also über das, was von allem Anfang an da war. Wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen, wir haben es betrachtet und mit unseren Hände betastet.
Die Botschaft des Apostels, damals an seine Gemeinde und heute morgen an uns, ist klar und deutlich: Gott selbst ist erschienen und mit ihm ist das Leben offenbar geworden! Ohne Umschweife kommt er in seinem Brief sofort zur Sache. Fast beschwörend teilt er uns mit: Unser Glaube ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern eine Tatsache! Unumstößlich, denn dafür, dass das Leben, dass Gott selbst erschienen ist, gab und gibt es Zeugen, die es gesehen und berichtet haben. Und nicht nur das, Johannes sagt, dass sie es nicht nur gehört und mit eigenen Augen gesehen haben. Nein, sie haben es betrachtet und mit den eigenen Händen betastet. Die alten Zeugen, die ersten Christen haben sich nicht ein Märchen erdacht, sondern sie hatten Gelegenheit, selbst zu hören und mit Gott Gemeinschaft zu haben, weil Jesus Christus ihnen dazu den Weg eröffnet hat. Solche Gewissheit, wie Johannes sie mitteilt, die wünschen wir uns auch. Und so manches Mal „beneiden“ wird wohl die Menschen, die damals „live“ dabei gewesen sind. Diejenigen, die sich mit ihm unterhalten, ihm die Hand geben, seine Stimme hören und sehen konnten, was er tat. Die Augen- und Ohrenzeugen, die dabei waren, als er Kranke, Blinde, Krüppel und Lahme heilte.
Auch Johannes bewegte wohl die Frage, wie wir Glaubensgewissheit gewinnen können, als er seinen 1. Brief an seine Gemeinde schrieb . Ich lese im 1. Kapitel die Verse 1 – 4:
2 Das Leben, das wahre und einzige Leben ist erschienen, wurde enthüllt, offenbar gemacht. Wir haben es gesehen und bezeugen und verkünden euch, dass dieses Leben sogar das ewige Leben ist. Es war erst bei Gott, beim Vater, und wurde dann uns offenbart.
3 Was wir da gesehen und gehört haben, das geben wir nun an euch weiter, damit auch zwischen euch und uns Gemeinschaft ist und wir beide Gemeinschaft haben mit Gott dem Vater, und mit Jesus Christus, seinem Sohn.
4 Wir schreiben euch dies, damit ihr euch mit uns freut und so unsere Freude vollkommen wird.
Und heute? Wie sehen die Spuren aus, die wir finden? An denen wir nachvollziehen, dass das Leben erschienen ist! Damit wir uns einreihen in die Schar derer, die sich an dieser Erkenntnis freuten und freuen „und so unsere Freude vollkommen wird.“ Johannes weiß, wenn es gelingt, die frohe Botschaft in die Herzen der Menschen zu pflanzen, dann wird Freude auflodern, weil wir „Gemeinschaft haben mit Gott dem Vater, und mit Jesus Christus, seinem Sohn“.
Liebe Gemeinde,
kann es gelingen, dass sich diese Freude über die Jahrtausende hält, ausbreitet und dadurch für diejenigen, die diese frohe Botschaft weitergeben, vollkommen wird? Ist dies wirklich möglich?
Ich denke ja! Denn bis heute offenbart sich Gott auf die unterschiedlichste Weise. Und als Zeichen dafür finden wir seine Spuren in unserem Leben. Erinnern wir uns doch an Situationen, in denen wir dachten – nichts geht mehr! Gerade die älteren unter uns, die den 2. Weltkrieg erlebt haben, die in Bombennächten voller Angst, mit zitterndem Herzen um ihr Leben, und das ihrer Lieben gebangt haben, können uns sicher davon erzählen. Aber auch wir, die wir diese Zeit nur aus Erzählungen kennen, wissen um Situationen, in denen unser Leben an eine Grenze stößt und eigentlich nicht mehr weitergehen kann. Was haben wir erlebt, und wie hat sich die Situation zum Positiven gewendet? Ich denke an Eltern, die am Bett ihres todkranken Kindes wachen und durch ein Wunder erleben, dass ihr Kind wieder gesund wird. An Menschen, deren Angehörige jahrelang vermisst waren und eines Tages stehen sie wieder vor ihrer Tür. An Arbeitslose, die durch eine glückliche Fügung, als alle Hoffnung schon geschwunden schien, doch wieder Arbeit finden. An Jugendliche, die erleben, dass sich ihre Perspektivlosigkeit ändert und sie einen Ausbildungsplatz finden, der ihren Neigungen entspricht.
Doch auch in den Situationen, die sich nach unserem Ermessen nicht ändern, wird uns die Kraft geschenkt, mit ihr umzugehen und sie anzunehmen, zu tragen und auszuhalten. Dietrich Bonhoeffer hat dies wunderbar ausgedrückt, als er in seiner Zelle schrieb: „Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern, des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern, aus deiner guten und geliebten Hand.“ Er, der seinen Weg, der ihn in den Tod führte, annahm und seine Mithäftlinge ermutigte, niemals die Hoffnung aufzugeben, sondern sich an den zu wenden, der ihr Leben in seiner Hand hält und sie nie verlässt.
Wir können sie entdecken, die Spuren, die Gott in unserem Leben hinterlassen hat. Und wenn wir sie finden, dann festigen und stärken sie unseren Glauben. Und dann bedarf es keinen Appell, nein, dann werden wir unseren Mitmenschen davon erzählen. Denn: »Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über!« Dann stecken wir mit dieser Gewissheit die Menschen um uns her an! Erzählen vom „unvergänglichen Leben, das beim Vater war und sich als Mensch offenbart hat“: Von Jesus Christus.
Jesus war ein Mensch, mit allem was dazugehört. Er aß, trank, schlief, lachte und weinte. Er kennt also unser Leben, unsere Probleme, unser Leid, unsere Freude, unsere Träume und unsere Hoffnungen! Alle, die kleinen und die großen, und er weiß, was unser Leben ausmacht. Jesus vertraut uns seine Botschaft an! Sie gilt uns und redet mitten in unser Leben hinein. In unser Leben, mit dem Jesus etwas zu tun haben will.
Gottes Wort, seine Botschaft ist mit allen Sinnen erfahrbar und hat etwas mit unserem Leben zu tun. Sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde und wird bis heute von Menschen an Menschen weitergegeben. Die erste Kerze, die wir heute entzündet haben, will uns daran erinnern, dass Gott uns begleitet und seine Spuren auf unserem Lebensweg hinterlässt. Dass er uns manches Mal auf seinen Armen trägt, so dass sie sich besonders tief einprägen. Zünden wir unsere Kerze am Adventskranz in diesem Bewusstsein an. Und lassen wir uns von Gott mit der Gewissheit beschenken, dass er unsere Sorgen trägt und die Sorgensteine aufhebt und verwandelt. Denn sein Sohn Jesus Christus hat sein Leben für uns hingegeben, damit wir von unserer Schuld und von unseren Sorgen befreit sind. Er beschenkt uns mit seiner Gegenwart und sein Geist will in uns wohnen. Wenn wir dies mit unserem innersten Menschsein erfassen, dann halten wir statt eines Sorgensteines unerwartet eine kostbare Perle in unserer Hand! Sie ist ein Zeichen der Vergebung unserer Schuld, ein Zeichen der übergroßen Liebe Gottes und der Verwandlung durch seinen Geist in befreite und frohe Kinder des himmlischen Vaters! Indem wir also unsere Last und Sorgen zu Gott bringen, gelingt es uns, unser Leben mit neuer Freude anzunehmen und an seiner Hand zu führen.
Und dann bringen wir all unsere Fragen, Nöte und Probleme zu Gott, wie wir vorhin unsere Sorgensteine symbolisch nach vorne gebracht und Gott sozusagen vor dessen Füße gelegt haben. Mit dieser Geste haben wir zum Ausdruck gebracht, dass wir uns nach seiner Gemeinschaft sehnen. Dass wir uns danach sehnen, dass einer da ist, der uns unsere Last abnimmt, und uns ein befreites, frohes Leben ermöglicht.
„Gott ist erschienen“. Mit diesem Ruf wollen wir einander in der Adventszeit ermutigen und ermuntern, damit wir mit stiller Freude dem Kind in der Krippe begegnen.
Amen